Das kalte Herz des Kapitalismus

Es existieren verschiedene Ebenen, wenn man sich damit auseinandersetzen will, herauszufinden, wer eigentlich gemeint ist, wenn von denen gesprochen wird, die keine Stimme mehr haben. Sieht man sie als die an, die mal eben in den Reichstag marschieren, um ihren Protest zu manifestieren oder diejenigen, die jüngst das Capitol in Washington gestürmt haben? In beiden Fällen handelte es sich zum Teil bereits von Demagogen Fehlgeleiteten, zum anderen Teil um Kräfte, die auf keinen Fall die repräsentieren, die tatsächlich keine Stimme mehr haben. Die sitzen im Lockdown zuhause, sie gehen zur Arbeit und sie schauen sich allabendlich das an, was die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten als Erklärung für ihre Misere anbieten. 

Sie sehen sich nicht um 23.00. Uhr den Phönix-Talk oder Journale an, auf denen mehr geboten wird als um 20.00, 21.45 oder 22.15 Uhr. Sie sehen vielleicht noch die so genannten Politik-Talkshows an, in denen immer dieselben Figuren sitzen und immer dasselbe erzählen. Sie müssen früh raus, sie sind kaputt vom täglichen Überlebenskampf und getrieben von Sorgen, wie und ob sie ihren Arbeitsplatz behalten, wie sie ihre Miete bezahlen sollen und die sich auf 60 Quadratmetern noch mit Kindern tummeln, die mit den kryptischen Formen des Home-Schooling kämpfen. Ihnen zu antworten, es gebe mannigfaltige Möglichkeiten, sich auch anderweitig zu informieren, mag nicht falsch sein, erreichen wird sie die Aufforderung nicht.  Ihre Lebenswelt ist eine andere, und es wäre verblendet zu glauben, es handelte sich um eine Randgruppe.

Es ist die Rede von den Relikten dessen, was einmal den Namen Arbeiterklasse trug oder von dem Teil,  der heute so abfällig als Prekariat bezeichnet wird. Sie mit den Termini und Angeboten anzusprechen, die vielleicht eine Attraktion für das Bildungsbürgertum haben, zeugt nicht von einem ernsthaften Bemühen, sondern von einem Subjektivismus, der nicht exklusiv, aber auch dafür verantwortlich ist, dass dieser Teil der Bevölkerung sich im Empfinden tiefer Schmach und Nichtverstanden-Seins von der Gesellschaft abwendet. Mit der Suche nach Erklärungen für ihre soziale, kulturelle und psychische Degression bleiben sie allein. Sie ihrerseits verstehen die Welt nicht mehr, weil sie doch alles getan haben, um zu überleben. Sie haben gearbeitet, hat einen, zwei oder gar drei Jobs, sie haben Steuern gezahlt,  sie sind mit den Gesetzen nicht in Konflikt geraten und dennoch sind sie existenziell bedroht. Ist das nicht ungerecht?

Und der Rest der Gesellschaft sitzt, gefühlt bräsig, in seiner noch intakten Blase und erklärt ihnen hochmütig, ihr Horizont sei zu beschränkt, als dass sie die Komplexität der Welt begreifen könnten. Was diese „Bedauernswerten“ allerdings sehr gut begreifen, ist die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte. Dass da Reiche immer reicher und Arme immer ärmer wurden, dass staatliche Leistungen zu ihrer Unterstützung abnehmen, dass diese privatisiert wurden und für sie nicht mehr erreichbar waren, dass die Chancen, zumindest für die Kinder, etwas mehr nach oben zu kommen, rapide abgenommen haben und dass sie eigentlich keine Rolle mehr spielen.

Ja, es ist das kalte Herz des Kapitalismus, das sie fühlen und sie wissen, es fühlt sich nicht richtig an. Und sie haben nicht das Gefühl, dass die bestehenden oder zu erwartenden Regierungen, dass die sich anbietenden Parteien oder auch dass die Gewerkschaften ihnen werden Antworten geben wollen oder können, wie es weiter gehen soll. Was in ihren Ohren nachklingt, ist der Spott und die Verachtung. Und was ihnen bleibt, ist die Wut und der Groll. Und wenn es bei Spott und Verachtung bleibt, dessen bin ich mir sicher, dann kommt es zum großen Knall.

6 Gedanken zu „Das kalte Herz des Kapitalismus

  1. nomadenseele

    Ein sehr guter Text, den ich auf Twitter geteilt habe.

    Die Phoenix Runde habe ich immer gerne gesehen, aber gerade jetzt zuhause ist Disziplin, also auch regelmäßiges Zubettgehen und Aufstehen wichtiger als je zuvor. Sonst würde ich total versumpfen.

  2. Achim Spengler

    Die Frage, die ich mir immer stellte: Wo bleiben die Massenkundgebungen der ökonomisch und sozial Abgehängten, die Akte ökonomischen Ungehorsams? Wir hatten die Aufläufe der Friedenbewegten, die Mobilisierung der Atomkraftgegner, linke Wutbürger in Stuttgart, heutzutage sind es die Klimaaktivisten. Eine Erschütterung der Ausbeutesystematik ist jedoch nicht in Sicht. Meine womöglich zu kurz greifende Antwort erschöpft sich darin, dass es zu den genuinen Giftwerkzeugen des Kapitalismus gehört, jedem dieser abgehängten Menschen die ausschließliche Verantwortung für die je eigene gescheiterte Existenz in die Schuhe zu schieben. So weit, so neoliberal. Dieser Umstand separiert jeden von jedem, Solidarität wird aufgeweicht und es bleibt das Verharren in Lethargie. Bilder und Barikadenstürmer, eine „Renaissance des Aufbegehrens“ sehe ich hierzulande nicht. Es mag brodeln, ja. Aber noch hält der Zuckerguss des konsumptiven Wahns und die verinnerlichte, raunende Stimme: „Lehne dich nicht gegen die Naturgesetzlichkeit und Naturgewalt des Kapitalismus auf, es könnte dich noch teurer zu stehen kommen“.

    Lieber Herr Mersmann, danke für Ihre Replik und bleiben Sie gesund. Wir brauchen Sie.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Herr Spengler, ich teile Ihre Analyse in vollem Umfang. Da es keine politische Artikulation derer gibt, von denen die Rede ist, befürchte ich, dass es anarchisch und destruktiv enden wird. Ihnen ein geruhsames Wochenende! Gerd Mersmann

  3. Pingback: Das kalte Herz des Kapitalismus | per5pektivenwechsel

  4. Eike

    Vom deutschen Boden wird niemals eine Revolution ausgehen, da das Betreten des Rasens verboten ist. Was sich durchsetzt, ist (wie immer schon) der Geldadel. Deutsche kennen nur eine eine Antwort von noch weiter rechts darauf. Schade eigentlich.

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