Lob der Routine

Mason Currey. Daily Rituals

Man muss es ja nicht gleich so treiben wie der britische Lyriker W.H. Auden, der den Tag mit Amphetaminen begann und ihn mit Sedativa beendete. Sein berühmter Funeral Blues dokumentiert die ungeheure Kreativität des Menschen, der in der Lage ist, alle Grenzen zu sprengen und dem Gefühl eine Expressivität zu verleihen, die bei der bloßen Lektüre schon beschleunigt wie eine Droge. Aber sich einmal genau anzuschauen, wie die Künstlerinnen und Künstler mit der Diskrepanz eines profanen, irdischen Daseins und der explosiven Kreativität umgingen, bringt nützliche Erkenntnisse. Mason Currey hat sich in seinem Buch „Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get to Work“ hat er die täglichen Routinen bekannter, kreativer Menschen näher betrachtet. Die Lektüre ist nicht nur unterhaltsam, sie bringt auch Erkenntnisse.

Was sich in dem einen oder anderen Fall schrill anhört, hat dennoch System. Benjamin Franklin begann den Tag nackt mit einem Luftbad, Toulouse-Lautrec malte in Freudenhäusern, Edith Sitwell arbeitete ausschließlich im Bett, George Gershwin komponierte grundsätzlich nur am Klavier im Pyjama, Freud tat es nicht unter einem Arbeitspensum von 16 Stunden am Tag, Gertrude Stein hingegen beschränkte sich auf 30 Minuten täglich, und F. Scott Fitzgerald schrieb nur nach ausreichendem Gin-Konsum. Diese Angaben entsprechen dem Bild, das viele Menschen von den Exoten haben, die auf dem Feld der Kreativität tätig sind. Und, um des Verkaufs Willen, sind es auch diese Beispiele, die den Klappentext schmücken.

Aber, hinter der genial-exotischen Attitüde verbirgt sich zumeist auch harte Arbeit und eine klare Struktur. Bei der Lektüre wird deutlich, wie viele der Aufgeführten einem sehr detailliert konzipierten Tagesablauf folgten. Aufstehen, wach werden, sich präparieren die Gedanken kreisen lassen, aber pünktlich am Ort der Arbeit präsent sein, in einem bestimmten Kontingent an Stunden konzentriert zu Werke gehen, Mittagspause, Spaziergang, Korrespondenz, Lektüre, Sozialkontakte beim Abendessen und dann nochmal für einige Stunden ins Studio, um wieder zu arbeiten. Meistens sind es Arbeitstage, die 16 und mehr Stunden umfassen und die alles andere sind als das eruptive Absondern irgendwelcher genialer Ideen. Ein Großteil ist Handwerk, das bis ins Detail beherrscht wird, es ist Disziplin, die sonst nur im Militär denkbar ist und es ist Konsequenz bis zur Selbstaufgabe. 

Insofern ist Mason Curreys Buch ein wichtiger Beitrag, um auch denen, die nicht in dem Metier des künstlerischen Schaffens leben, einen Eindruck davon zu vermitteln, was es heißt, wenn Künstlerinnen und Künstler von harter Arbeit sprechen. Kolportiert werden in der Regel die schillernden Figuren, die allzu oft existenziell in jungen Jahren scheitern. Die harte Arbeit, die die künstlerische Produktion bedeutet, findet im Verborgenen, jenseits der Öffentlichkeit statt. Aber dort wird sie unerbittlich absolviert.

Und, um die Lektüre nicht nur auf diese Erkenntnis zu beschränken, gibt es den einen oder anderen Hinweis, wie man sich selbst eine Struktur geben kann, wenn man auf sich allein gestellt ist und nicht den Takt durch eine Organisation vorgegeben bekommt. In den Zeiten der Individualisierung, in der wir leben, ein aufschlussreicher Aspekt.

Das Einzige, was auch bei den härtesten Arbeitern, von denen in dem Buch die Rede ist, nie zu dem Sortiment der Askese gehört und dem nahezu alle frönten, sind Unmengen Kaffee. Das stößt auf großes Verständnis, oder?

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