Hört denn das nie auf?

Angesichts einer nicht enden wollenden Abfolge von Krisen, die in unseren Breitengraden das neue Jahrtausend bereits schmücken, ist die von Unmut und Erschöpfung geprägte Frage, ob dieses Theater denn nie aufhört, verständlich wie berechtigt. Und so berechtigt sie ist, so töricht ist sie auch. Denn wenn Verhältnisse und Zustände, die man beklagt, sich nicht von selbst zum Besseren wenden, dann ist die Klage an sich eine folgenlose Äußerung. Verhältnisse ändern sich erst dann, wenn sich Menschen, die in ihnen leben und von ihnen betroffen sind entschließen, diese Verhältnisse aktiv zu ändern. Davon, so sieht es aus, sind wir jedoch weit entfernt.

Der Weg, der zu Passivität und Paralyse geführt hat, war lang und von einigen derer, die ihn federführend beschritten haben, gar nicht so böse gemeint. Sie hatten vielleicht ein Ideal von Wohlfahrt im Kopf und wollten die ewig Drangsalierten entlasten. Es begann zur Neige des 20. Jahrhunderts, als man vor allem in den Organisationen, die sich zum Zusammenschluss der Unzufriedenen und von dem herrschenden Wirtschaftssystem Benachteiligten vor langer Zeit gegründet hatten, begannen, ihren Mitgliedern zu erzählen, es reiche aus, wenn sich die Spitzenfunktionäre um die Belange kümmerten, wenn sie ihnen nur vertrauten. Es war, wie gesagt, vielleicht gut gemeint, daraus entstand jedoch das Fiasko von Entmündigung und Lethargie.

Während sich die Funktionäre in immer weiter von der Erlebbarkeit der Mitglieder stattfindenden Verhandlungen ergossen, lagen die Betätigungsfelder der Basis nun zunehmend in Bereichen wie Unterhaltung und Konsum. Die Ent-Politisierung einer in hohem Maße organisierten Arbeitnehmerschaft war die Folge und sie hat sich fortgesetzt. Und aus den Organisationen selbst wurden Karrierevereine für ein bestimmtes Segment der Gesellschaft. Der originäre Zweck der Zusammenschlüsse geriet zunehmend in Vergessenheit, eine die Entwicklung kontrollierende Basis wurde immer spärlicher und die Eigendynamik der Organisationen nahm, ganz im Sinne ihrer Funktionärseliten, mächtig an Fahrt auf. Das Ergebnis ist ernüchternd. Fragt man heute Menschen, was denn zu tun sei, um an den Zuständen, die viele beklagen, etwas zu ändern, dann erntet man zumeist leere, traurige Blicke. Das Fazit des Wohlfahrtsgedankens ist die politische Entmachtung, die Entmündigung und die sukzessive Zerschlagung der Allianzen, die gesellschaftlichen Wandel von Unten immer hatten auch bewirken können.

Hört denn das nie auf? Nein. Solange nichts bleibt als die Position des Betrachtenden von außen, der sich selbst keine Möglichkeit mehr einräumt, selbst an Veränderungsprozessen mitwirken zu können. Wenn das so bleibt, dann lautet die Antwort nicht nur Nein, sondern kurz und knapp: Es wird noch schlimmer! Wie immer man die Krisen bewertet, wie immer man über die Strategien denkt, mit denen versucht wird, von der alles entscheidenden Frage abzulenken, nämlich der, welche Logik das wirtschaftliche Handeln bestimmt, alles führt zu nichts, wenn nicht die Schwelle zum eigenen Handeln überschritten wird.

Eine vor allem in den letzten Krisen immer mehr zu Zentralismus und Ermächtigung neigende politische Klasse kann als Garant für eine Stabilität im Krisenmodus angesehen werden. Da hilft nur die eigene Aktivierung. So bitter die Pille auch kommt: Wer sich über die Zustände und Verhältnisse beklagt, und sich in einer unabhängigen, neutralen Beobachterrolle wähnt, wird keine Veränderung bewirken. 

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