Do it again, Sam?

Wenn sich die Zeiten und die Verhältnisse ändern, ruft die menschliche Psyche oft nach Trost aus der Vergangenheit. Das ist verständlich, helfen tut es nicht. Der Wunsch nach dem Vergangenen wird umso stärker, je mehr die Gegenwart überfordert. Das trifft nicht nur auf das private, individuelle Schicksal zu, sondern auch auf die Prozesse, in denen sich große Kollektive befinden. Die Geschichte ist voll von solchen Episoden, die nichts anderes produziert haben als handfeste Tragödien. Immer, wenn sich das Chaos von existenziellen Krisen ausbreitete, griffen betroffene Kollektive auf die Erlebnisse zurück, die illustrierten, wie erfolgreich sie auch sein konnten. Karl Marx beschrieb diesen Umstand in seinem 18. Brumaire des Louis Bonaparte mit den Worten: In der Geschichte passiert alles zweimal: einmal als Tragödie, und einmal als Farce. Die Worte sollten in der Bewertung historischer Ereignisse Geschichte machen.

Das, was sich gegenwärtig in Afghanistan abspielt und die Gemüter in Aufruhr bringt, bringt vieles mit sich, um es unter dem Aspekt der Trauma-Bewältigung mit dem Rückgriff auf bessere Zeiten zu betrachten. Es is handelt sich dabei, aus Sicht der USA, um einen doppelten Trugschluss. Denn die erfolgreichen Geschichten militärischer Intervention greifen weit, sehr weit in der Geschichte zurück. Und sie wurden nicht durch das getragen, was das Debakel in Vietnam und nun das in Afghanistan in einem besseren Licht erscheinen lassen könnten. Die glorreichen Zeiten der USA, in denen sie die Position erreichen konnten, die sie für lange Zeit zu einer die Welt beherrschenden Supermacht gemacht hatten, waren die Interventionen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Dort hatten sie einerseits die Zeit auf ihrer Seite und andererseits Alliierte, die schnell danach zu ihren Rivalen wurden. 

Das, was danach zu großen Debakeln führte, waren einseitige Interventionen, die von der Hybris getragen wurden, durch kriegerisch inszenierten Regime-Change die Welt zu einer besseren machen zu wollen. Dabei setzten sie Mittel ein, die nichts mit ihrer eigenen Staatsdoktrin zu tun hatten, die ein Gegenentwurf zu Kolonialismus und Imperialismus war, obwohl diese selbst von der Entstehungsgeschichte selbst bereits durch doppelte Standards kontaminiert wurde. Sie proklamierten Freiheit und Menschenrechte und pflegten gleichzeitig noch die Sklaverei. Somit trugen sie immer den Keim einer Begrenzung der eigenen Überzeugungskraft in sich. 

Die endgültige Etablierung als Welt-Hegemon war die Stunde, in der sich die Überzeugungskraft einer befreienden Macht wandelte in ihr Gegenteil. Eine nicht enden wollende Blutspur durchzieht ihr Wirken im 20. und im 21. Jahrhundert. Allein die unter dem Slogan des Regime-Change geführten Kriege in den letzten Jahrzehnten hat nach vorsichtigen Schätzungen nicht nur zu unzähligen Toten geführt, sondern 38 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Die Bilanz ist jedermann zugänglich und sollte dazu führen, sowohl innerhalb der USA als auch außerhalb über die Ursachen nachzudenken. Dieser Weg, so sehr er auch von dem Vokabular der amerikanischen Konstitution geprägt ist, führt zu nichts Gutem. Es ist Zeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Joe Bidens Reaktion auf den Anschlag am Kabuler Flughafen war geprägt von der Vergeltungsterminologie, die auch George W. Bush benutzt hatte. Das waren, im Vergleich zu den sonstigen Freiheitshymnen, ehrliche wie verhängnisvolle Worte. Und sie zeigten, dass Lernprozesse von dieser Administration nicht zu erwarten sind. Onkel Sam ist senil geworden, gefährlich ist er geblieben.    

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