Die Zukunft liegt im Mikrokosmos

Menschen, die zeit ihres Lebens politisch interessiert waren und deshalb in einem bestimmten Milieu sozialisiert wurden, verstehen bereits seit einiger Zeit die Welt nicht mehr. Zum einen, weil die bekannten Ordnungen eine nach der anderen zerfallen, zum anderen, weil die zu diesen Ordnungen gehörenden Institutionen das gleiche Schicksal erleiden. Wie sollte es auch anders sein? Fällt die Ordnung, dann sind ihre Institutionen genauso überflüssig wie ihr Moralkodex. Und dieses Szenario beschreibt die Situation, in der wir uns befinden.

Wie so oft in der Geschichte, fließt nun sehr viel Energie in die Ursachenforschung. Das ist verständlich und sollte auf jeden Fall geschehen, aber es sollte auch darauf geachtet werden, wie das Leben in der Phase des Übergangs zu neuen Ordnungsprinzipien und politischen Arrangements überstanden werden kann. Das hat höchste Priorität. Denn wer jetzt in der Analyse verweilt, den erwarten irgendwann neue Verhältnisse, an deren Gestaltung er nicht teilgenommen hat, weil er mit der Retrospektive beschäftigt war. Und wer jetzt, wie in Deutschland besonders üblich, nach den Schuldigen für eine historisch notwendige neue Phase der Geschichte sucht, wird sich im Gestrüpp der Verzweiflung und Ranküne verheddern, um sich dann, wenn das Neue Strukturen zeigt, darüber zu beklagen, nicht an seiner Entstehung beteiligt gewesen zu sein. Fast möchte man die Sequenz aus einem Gedicht Christian Morgensterns zitieren: „Lass die Moleküle rasen, was sie auch zusammenknobeln! Laß das Tüfteln, laß das Hobeln, heilig halte die Ekstasen!“

Doch wo anfangen? Die Parteien zerfallen oder ändern sich radikal, die Akzeptanz gegenüber dem Regierungssystem ist in vielen Fällen dahin, der Glaube an Organisationen, die mit Vision wie Vernunft in die Zukunft weisen und die von Menschen repräsentiert werden, denen vertraut wird, wird sich erst ausbreiten, wenn es solche gibt. Die Frage, die sich stellt, ist die, wo ein Kompass zu finden ist, der in die richtige Richtung weist, ohne sich überkommener, untauglicher Orientierungspunkte zu bedienen. 

Die Lösung ist einfach: sie liegt im Mikrokosmos begründet. Prämisse ist, sich die Fragen zu stellen, die vor langer Zeit ein Max Stirner formuliert hatte und die darauf hinausliefen, sich nicht anderer Leute oder Institutionen Sachen als die eigenen verkaufen zu lassen. Das heißt, es geht darum, den eigenen Interessen zu folgen und sich nicht für die anderer einspannen zu lassen. Und die Verfolgung der eigenen Interessen in einer Art und Weise zu vollziehen, die den eigenen Ansprüchen an Sozialverhalten und Moral entsprechen. Mehr ist eigentlich nicht erforderlich, auch wenn es hundertfache Versuche geben wird, diese Maxime lächerlich zu machen und als naiv zu diskreditieren.

Auch bei der Beobachtung dessen, was sich gerade im öffentlichen Raum, ob kommunal, staatlich, in der EU oder weltweit vollzieht, sind diese beiden Maximen hilfreich. Sehr schnell wird deutlich, wer sich wo für die eigenen, selbstverständlich geklärten Interessen stark macht und in welcher Weise das geschieht. Wer das Gute zu wollen vorgibt und sich permanent des Bösen bedient, hat seine Legitimation verloren. Und wer sich redlich, glaubhaft und nachvollziehbar für die eigenen Interessen einsetzt, kann sich ziemlich sicher sein, dass sich immer mehr Menschen mit diesen Zielen identifizieren werden.

Nicht nur die alten Ordnungen und ihre Institutionen verwelken rapide, auch deren Protagonisten tanzen bereits den Makabré mit dem Sensenmann. Letzteres wird momentan sehr deutlich. Und je lauter das Geschrei, desto näher das Ende. Es gilt, sich auf die eigenen Kompetenzen zu besinnen und den grauen Alltag mit den eigenen Möglichkeiten des Neuen hell zu erleuchten! 

2 Gedanken zu „Die Zukunft liegt im Mikrokosmos

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  2. Wilhelm

    „Die Lösung ist einfach: sie liegt im Mikrokosmos begründet. Prämisse ist, sich die Fragen zu stellen, die vor langer Zeit ein Max Stirner formuliert hatte und die darauf hinausliefen, sich nicht anderer Leute oder Institutionen Sachen als die eigenen verkaufen zu lassen.“ Und ja, du wirst es wissen. Wieder wird dir entgegenhallen: „Pfui dem Egoisten! Wir sind die Guten. Wir kümmern uns um die anderen. Wir kümmern uns sogar um die anderen und um ihr Wohlergehen, selbst wenn diese törichten Menschen das ablehnen. Notfalls müssen wir dann auch zum Besten der Uneinsichtigen Maßnahmen treffen, die sie daran hindern, sich selbst zu schädigen.“

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