Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Countdown läuft

Es geht um Verschiedenes. Aber auf allen Seiten geht es um sehr viel. Wenige Tage vor der Wahl drehen die kandidierenden Parteien und ihre Kandidatinnen und Kandidaten noch einmal richtig auf. Das ist logisch, denn für den Einzelnen wie für die Partei geht es um Mandate, Macht und Einfluss und natürlich auch um die Existenz. Das erklärt unter anderem die Heftigkeit, mit der in diesem Wettbewerb Argumente ausgetauscht werden. Unter normalen, nicht die Existenz gefährdenden Umständen, würden sich viele für den einen oder anderen Aspekt nicht so in die Eisen legen. Vielleicht ist dort ein Punkt zu finden, um das Wahlsystem sinnvoll zu reformieren. Man könnte die Lohnfortzahlung im Mandatsfall beschließen und finanzieren. Dann wäre die Ungleichheit der Gesellschaft auch in den Parlamenten und der gemeinsame, oft zynische Chorgeist bekäme einen sozialen Gegenspieler. Oder man könnte die Mandate auslosen, dann müssten alle ins Parlament wie ins Schöffengericht. Das Votum für eine bestimmte Position oder ein Programm wäre dann keine Profession mehr. Stattdessen sind sich die Parlamentarier einig, die Legislatur um ein Jahr auf insgesamt fünf zu erhöhen. Alles soll so bleiben, wie es ist.

Und im so genannten Volk? Das eigentlich so heterogen ist, dass der Begriff immer irritierender wird in seiner Anwendung? Für das Volk oder die Gesellschaft geht es auch um viel, um sehr viel. Jenseits der Diskussionen, die geführt werden und bei denen die Protagonisten wie in uralten Zeiten davon ausgehen, dass alles gut ist, wenn sie den Wählern etwas versprechen. Hier drei Euro zwanzig, dort sogar ein Hunderter. Was für eine furchtbares Bieten, um das Mandat zu erlangen. Versprechungen über Versprechungen, um etwas zu bekommen, das dann auch noch Vertrauen genannt wird.

Wer von Vertrauen spricht, der müsste das ansprechen, worum es in den nächsten Jahren in erster Linie gehen wird. Das ist zum einen der Frieden, der durch das bisherige Regierungshandeln langsam, aber stetig mehr gefährdet wurde und der bereits in vielen Weltregionen, in denen unsere Verteidigungsstreitkräfte sind, als offener Krieg geführt wird. Hier kommt der Krieg nur ab und zu an, in Form von Terrorismus, aber er wird sich verstärken, wenn der Einsatz für die Allianz des aggressiven Regime Change weiter betrieben wird. Und der kann noch näher kommen und wesentlich gewaltiger werden, wenn die eigene, seit einem Vierteljahrhundert betriebene Osterweiterung der NATO mit der Rückholung der Krim durch Russland begründet wird. Über diese verschiedenen Formen der Friedensbedrohung wird in diesem Wahlkampf nicht verhandelt, und dass sollte skeptisch stimmen. Der vermeintliche Konsens ist Nonsens.

Und die andere große Frage, die dem Versprechen aller für Vollbeschäftigung entgegensteht, verbirgt sich hinter Chiffren wie Digitalisierung oder Industrie 4.0. Nicht, dass es sich dabei um Entwicklungen handelte, die auszuhalten wären. Aber sie stellen Fragen, die nicht ökonomisch, sondern politisch beantwortet werden müssen. Das Sterben von Kohle und Stahl mit der folgenden Arbeitslosigkeit war eine lustige Anekdote im Vergleich zu dem, was auf diesem Sektor geschehen wird. Da muss geklärt werden, was die Gesellschaft tun wird, um den vernichteten Existenzen eine neue, vielleicht gesellschaftlich relevante politisch zurückzugeben. Und es muss geklärt werden, wie verhindert werden kann, dass sich Monopole systematisch resistent gegen Innovation zeigen und dazu beitragen, diesen Wettbewerb auch noch zu verlieren und nicht die Erträge zu erwirtschaften, die politisches Handeln und Gestalten erst möglich machen. Der Countdown läuft. In vielerlei Hinsicht.

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Vom Absolutismus der Transparenz

James Ponsoldt. The Circle

Wie zu erwarten, hat es nach der Veröffentlichung von Dave Eggers Roman The Circle im Jahr 2013 nicht allzu lange gedauert, bis ein daraus entstandener Film in die Kinos kommt. Schon die Rezeption des Buches war sehr aufgeregt und selten konnte man beobachten, wie polarisierend das Thema war. Es ging und geht in dem Film um ein fiktives Unternehmen, The Circle, das im Grunde genommen die Geschäftsideen von Google, Facebook, Amazon etc. vereint. Der Regisseur James Ponsoldt hat daraus einen sehr spannenden Streifen gemacht, der nicht ohne Wirkung auf das Publikum bleibt. Das hat aber damit zu tun, dass die vom Autor Dave Eggers herausgearbeitete Logik der digitalen Industrie im Mittelpunkt bleibt und abgearbeitet wird an einer jungen Mitarbeiterin und ihrer ganz normalen Familie.

Ohne die Geschichte des Filmes erzählen zu wollen, die junge Mitarbeiterin kommt durch die Empfehlung einer Freundin und eine gute Vorstellungsperformance in das Unternehmen. Sie lernt mit Erstaunen dessen Komplexität und universalistischen Anspruch kennen. Weil sie so natürlich wirkt und in in idealer Weise das Mädchen von Nebenan darstellt, wird sie von den Konzernbossen als Marketingprinzessin bei den Versuchen eingesetzt, den Absolutheitsanspruch des Unternehmens zu protegieren. Es geht, so The Circle, um die Verknüpfung aller Daten, um die Fehlbarkeit der Welt zu bekämpfen und die wahre Demokratie zu erreichen. Das geht von allen gesundheitsrelevanten Daten bis hin zur absoluten Wahlpflicht und endet in einem Versuch der Protagonistin, bei dem sie für die ganze Welt sichtbar bleibt, weil sie 24 Stunden mit einer Live-Kamera ausgestattet ist.

Die Atmosphäre, in der das alles stattfindet vermittelt genau das Gefühl, das bei der Lektüre von Huxleys Schöne Neue Welt entsteht. Schon die Rezensionen des Romanes sprachen oft von einer Dystopie, einer negativen Utopie oder einem Schreckensbild für die Zukunft. Und tatsächlich gelingt es dem Film, die wunderbar moderne, von Luxus und Technologie geprägte Fassade aufzubrechen und sehr deutlich zu erzählen, worum es geht. Es geht um das große Geld, das zu gewinnen ist mit einer immer weiteren Monopolisierung der technischen Möglichkeiten, wie sie heute bei den bereits genannten aktiennotierten Giganten vorhanden sind. Es geht um immer größeren Einfluss auf Gesellschaft und Politik, bis hin zur Ersetzung der Politik durch die Compliance-Ordnung der alles beherrschenden Firma. Und es geht um die totale Transparenz des Individuums, dessen Einstellungen, dessen Verhalten, dessen Kaufverhalten, dessen Bewegungsablauf, aber auch dessen Denken, dessen Fühlen und dessen Zweifel.

The Circle argumentiert in einer gar nicht so neuartigen Weise, sondern so, wie wir das alle aus der digitalen Branche kennen: mit der technischen Möglichkeit, alles zu verbessern und mit der Utopie, bei totaler Kontrolle alles Negative verhindern zu können. Keine Unfälle mehr, weil man über den Zustand aller Verkehrsteilnehmer bestens informiert ist und natürlich auch keine Opposition und keinen Widerstand mehr, weil alle Dialoge erfasst sind. Der Plot des Films setzt sich mit dem Gültigkeitsbereich der totalen Transparenz auseinander.

Die Substanz, um die es in dem Film geht und die er tatsächlich erfassbar macht, ist die Ethik des Individuums. Sie wird das Opfer der Vision von der totalen Kontrolle. Der innere Dialog, der Zweifel, die Skepsis, ihrerseits Grundformen der Autonomie des Individuums, werden durch die Idee von der totalen Transparenz vernichtet. Das hält kein Mensch aus! Absolut sehenswert!