Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Stormy Monday

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Was sofort in Angriff genommen werden muss!

Die Zustände, die allgemein beklagt werden, haben sich nicht so einfach aus unglücklichen Umständen heraus entwickelt. Sie sind das Ergebnis bestimmter Handlungen und bestimmter Unterlassungen. Das festzustellen und konkret auszuführen ist erforderlich, es permanent zu wiederholen, ohne Schlüsse daraus zu ziehen, ist genauso negativ wie der eine oder andere Fehler, der gemacht wurde. Bei der Gestaltung der menschlichen Gesellschaft geht es immer darum, den Blick nach vorne zu richten. So manches Problem unserer Tage ist hausgemacht. Eines davon liegt im Bereich der Bildung, gekoppelt mit gesellschaftlicher Praxis. Drei Beispiele seien genannt, die den Bedarf neuen Handelns sehr deutlich machen.

Da ist zum einen die nahezu massen- und mangelhafte Fähigkeit, mit kritischem Blick Texte zu lesen. In den staatlichen Bildungseinrichtungen wird nicht oder nicht mehr oder zu rudimentär vermittelt, Texte auf ihren Charakter hin zu untersuchen. Was ist der Zweck eines Textes? Welcher Mittel bedient sich der Autor, um was zu erreichen? Welche Attribute werden verwendet, um Zustände zu beschreiben? Oder werden sie bereits bewertet? Es ist in hohem Maße interessant, die Printmedien, die als seriös gelten und diejenigen, die aus den Sturmabteilungen radikaler Propaganda kommen, daraufhin zu untersuchen. Jeder Artikel ist eine Fundgrube für Erkenntnisse über die Möglichkeiten guten Journalismus wie heimlicher oder offener Meinungsmache. So wie es scheint, sind leider nicht viele Menschen in der Lage, sich in dieser Weise mit Texten auseinanderzusetzen. Insofern müssen diese Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt werden.

Das zweite Defizit, welches aus der ritualisierten Konsensfindung resultiert, ist die mangelnde Fähigkeit, in den Dissens zu gehen. Um es deutlich und ohne Umschweife zu sagen: ohne Streit ist die Einigung auf eine Lösung im Interesse aller Beteiligten, die das Resultat dann auch bereit sind zu tragen, eine Illusion. An dieser Illusion zerbricht momentan vieles, da der vermeintliche Konsens allzu oft die Version der Lösung ist, die von vornherein von bestimmten Interessengruppen gesetzt wird. Streit wird generell als eine negative Angelegenheit gesehen und diskreditiert. Nein, die Gesellschaft muss lernen, heftig zu streiten, ohne die beteiligten Personen zu zerstören. Auch das kann gelehrt, vermittelt und eingeübt werden. Dieser Vermittlungsprozess beschränkt sich nicht auf Bildungsinstitutionen, er kann überall stattfinden. Der vermeintlichen Einigkeit, die keine ist, muss die Maske der Herrschaft entrissen werden und dem Streit nach Regeln eine positive Wertigkeit zugesprochen werden.

Als 1990 des Ende der Geschichte ausgerufen wurde, schien es nicht mehr nötig zu sein, Verfassung wie Verfassungsorgane weiterhin zu vermitteln. Was vorher in einer flächendeckend angebotenen politischen Bildung stattfand, war in dem Augenblick anscheinend überflüssig, in dem keine systemische Konkurrenz mehr vorhanden war. Eine komplette Generation scheint heute überfragt zu sein, wenn demokratische und Koalitionsrechte, Gewerkschaften, die Presse, die Gewaltenteilung oder was auch immer zur Sprache kommen. Das hat es den Regierenden leicht gemacht, ist aber in einer demokratischen Krise eine tödliche Schwäche. Folglich muss die politische Bildung wieder Pflicht werden.

Textanalyse, Diskursfähigkeit und das Wissen um den Staat und seine Organe sind Themenfelder, die sogleich bespielt werden können. Wenn das gelingt, wird vieles andere nicht mehr so einfach gelingen. Von den Fake News über die Konsensbetäubung bis hin zum amtlichen Verfassungsbruch. Legen wir uns ins Zeug!