Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Kosmopolitismus ist nahezu tot. Die Uniformität hat die Herrschaft übernommen. Das Individuum wird geführt durch das Delirium eines Konsumtempels. Der Beitrag Kosmopolitismus: Das Auge des Tigers und der globalisierte Warenmarkt erschien zuerst auf Neue Debatte.

über Kosmopolitismus: Das Auge des Tigers und der globalisierte Warenmarkt — Neue Debatte

Das Auge des Tigers und der globalisierte Warenmarkt

Es gab Zeiten, da wurde die Bezeichnung Kosmopolitismus sehr ehrfürchtig ausgesprochen. Sie galt dem Phänomen, dass es bestimmten Menschen gelungen war, in verschiedenen Regionen der Welt mit unterschiedlichen Kulturen Fuß gefasst zu haben und sich dort jeweils sicher bewegen zu können. Ein Kosmopolit kannte die Welt, er oder sie sprach verschiedene Sprachen, wusste um die kulturellen Gegebenheiten. Kosmopoliten hatten aufgrund dieser Kenntnisse und Fähigkeiten auch einen Horizont erworben, der sehr weit gefasst war.

Ich erinnere mich im Kontext dieses Themas an zwei Begebenheiten, die illustrieren, wie die Mutation von einer tiefen, auf Fähigkeiten und Erfahrungen erworbenen Exklusivität zu einer Massenware vonstatten ging, die nichts mehr mit der ursprünglichen Qualität zu tun hat. 

Da war einerseits ein heftiger Disput meinerseits vor mehreren Jahrzehnten mit einem Bekannten, als wir im am südlichen Rand Europas weilten. Ich hatte ihn kritisiert, weil er sich nicht auf landesübliches Essen einließ, sondern immer nach Gerichten suchte, die für den teutonischen Tourismus angeboten wurden. Ich misstraute dieser damals schon zu beobachtende, anschwellenden Tendenz, er verteidigte sie als Erleichterung des Reisens und der Orientierung in der Welt. 

Eine andere Begebenheit war der ca. 15 Jahre später stattgefundene Dialog mit einem anderen Bekannten, der als Consultant gut im Geschäft und international unterwegs war. Eines Tages teilte er mir mit, dass er damit aufhöre und sich einen weitaus schlechter bezahlten Job in der Provinz gesucht hatte. Er begründete mir die Entscheidung mit zweierlei: einerseits führe sein isoliertes Nomadenleben, das übrigens zwischen Tokio, Mailand und Sydney stattfand, zu einer dramatischen sozialen Entwurzelung. Er habe alle Freunde verloren und eine Partnerin kennenzulernen und mit ihr zu leben, dazu habe er keine Zeit. Und zweitens beklagte er sich über die Uniformität und Ödnis seiner Behausungen in den verschiedenen Ländern. 5-Sterne-Hotels, die alle gleich aussähen und in denen es das gleiche Essen gebe. Am besten, so seine Worte, du schreibst in deiner Hotel-Suite mit einem Textmarker an den Spiegel, wo du dich gerade befindest, dann verlierst du die Orientierung nicht.

Die beiden kleinen Episoden beschreiben eine Seite der zeitgenössischen Globalisierung, die zumindest in den kulturell uniformen Strukturen des Westens kaum noch als problematisch empfunden werden. Die Hegemonie des für den Weltmarkt bestimmten Warenkorbes blickt mittlerweile auf ein kulturelles Massaker zurück, das historisch einzigartig ist. Die Globalisierung, die unter der Regie früherer Imperien stattfand, hatte, wie beim Römischen Reich, lediglich die Integration der Streitkräfte und die Erhebung von Steuern zur Folge, sie ließ die kulturellen Eigenheiten ausdrücklich unberührt. Der kapitalistische Weltmarkt hat dagegen ganze Arbeit geleistet. Die Uniformität hat die Herrschaft übernommen. Der Kosmopolitismus ist nahezu tot.

War der Kosmopolitismus historisch eher ein Privileg für wenige Menschen, so ist die globale Mobilität heute eine Massenerscheinung. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Rund-um-die Welt-Reisen kaum noch zu den Erkenntnissen und Erfahrungen früherer Zeiten führen. Das Exotischste vieler Orte ist zumeist der Name, Unbekanntes lässt sich in standardisierten Hotels vermeiden und notfalls helfen Apps, um auf keinen Fall auf Irrwege zu kommen. Das reisende Individuum wird sicher geführt durch das Delirium eines weltumspannenden Konsumtempels, der jede Exotik auf ihren profanen Warenwert komprimiert. Mata macam bisa melihat hanya di film. Das Auge des Tigers sieht man nur noch im Film. 

Schöne neue Welt!