Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Das späte Exil der Adele Bloch-Bauer I

Simon Curtis. Die Frau in Gold

Heute kann man in der auf Initiative von Mäzenen entstandenen New Gallery in Manhattan unter anderem das Bild „Women in Gold“ von Gustav Klimt auf sich wirken lassen. Der Maler war Österreicher und die extravagant porträtierte Frau war Österreicherin. Wie das Bild zum kolportierten Preis von 135 Millionen Dollar, bezahlt von dem Privatmann Ronald S. Lauder, nach Manhattan kam, schildert der Film von Simon Curtis. Die Frau in Gold ist ein gut britisch gedrehtes Justizdrama, das sich dem widmet, was allgemein unter der Chiffre des Nazi-Kunstraubes steht. Dem Film gelingt es, die komplexen politischen Widersprüche, die sich in internationalen juristischen Auseinandersetzungen ausdrücken, zum Leben zu bringen und die politischen wie moralischen Fragen, die dahinter stehen, ins Bewusstsein zu rufen.

Stark vereinfacht geht es darum, dass das Porträt mit dem ursprünglichen Titel Adele Bloch-Bauer I, welches die jüdische Kaufmannsfrau gleichen Namens darstellt, nach der Besetzung Österreichs durch die Nazis mit einem an Ausmaß und Dreistigkeit nicht zu überbietenden, exakt organisierten Raub aus dem Hause der von nun an verfolgten Juden verschwand und in den Besitz einer Nazigröße gelangte. Aus Adele Bloch-Bauer wurde die Frau in Gold, um das Judentum der porträtierten Schönheit zu kaschieren. Nach dem Krieg tauchte das Bild wieder auf und wurde in Wien ausgestellt und mutierte dort, wie es im Film an einer stelle so schön akzentuiert wurde, zur Mona Lisa Österreichs.

Aus österreichischer Sicht war dann das Unterfangen der mittlerweile Amerikanerin Maria Altman, einer Nichte der Porträtierten, sehr subtil von Helen Mirren dargestellt, der die Flucht nach Kalifornien gelungen war, das Bild neben anderen als ihren Besitz zu reklamieren. Dieses geschah aufgrund einer eigens von Österreich ins Leben gerufenen Restitutionskampagne. Letztere erweckte, zumindest in der filmischen Darstellung, den Eindruck, als handele es sich um eine PR-Aktion des Staates Österreich, die im Falle der Frau in Gold nicht ernst gemeint war. Österreich lehnte zunächst rigoros ab, sich mit den Beweisen, die die Partei Altmans vorlegte, auseinanderzusetzen. Dann ging es über ein amerikanisches Gericht wieder zurück zu einer in Österreich tagenden neutralen Schiedskommission, die Altman die Rechte auf insgesamt fünf Klimt-Bilder zusprach, auch Adele Bloch-Bauer I. Der österreichische Staat verzichtete auf den Versuch, auf 300 Millionen Dollar geschätzten Werke zu erwerben. So landete die „österreichische Ikone“ dort, wo sie nicht hingehörte, in Manhattan.

Die Stärke des Films besteht in der Verknüpfung eines einzelnen jüdischen Familienschicksals mit der Geschichte eines von einem höllisch motivierten und zynisch operierenden Beamtenapparates, der im Auftrag der Nazis alle Kunstwerke von Wert im Rahmen der Judendiskriminierung, der Judenverfolgung und des Judenmordes enteignete und unter der Nomenklatura des Naziapparates verteilte. Aus diesem kalten Akt der Gier, der unter anderem zeigte, wie bewusst man sich in diesen Kreisen auch der Rezeption offiziell als entarteter Kunst bezeichneter Werke hingab, wurde eine nach der Niederlage des Faschismus nicht selten eine Attitüde, sich heimlich zu sichern, was aus den Häusern der Mörder und Räuber gerettet werden konnte. Nicht nur, aber auch und signifikant zeugen die geraubten Kunstwerke aus jüdischem Besitz mit aller Strahlkraft von dem kulturellen Verlust, den die Herrschaft der Barbaren hinterlassen hat. Und der Film erzählt eigentlich die Reise eines solchen Kunstwerks ins späte, endgültige Exil.

Väterchen, erzähl mir etwas Trauriges

Pramoedya Ananta Toer, der große indonesische Erzähler, der vor einigen Jahren verstorben ist, schuf sein berühmtestes Werk als politischer Gefangener. Als Gegner des Dikators Soeharto hatte er seine Stimme erhoben. Als man ihm drohte, ließ er sich nicht einschüchtern, was zur Folge hatte, dass er sich für sieben Jahre auf einer kleinen, entlegenen Insel wiederfand, wo er als Gefangener Zwangsarbeit verrichten musste. Dort begann er einen Roman zu schreiben, und zwar im Kopf. Ihm wurden weder Stift noch Papier zugebilligt, elektronisches Equipment gab es noch nicht. Was machte Pramoedya? Er begann, die sich in seinem Kopf entfaltende Geschichte den Mitgefangenen zu erzählen. Und zwar so, wie das in der Geschichte alle großen Erzähler gemacht haben, als Fortsetzungsroman. So entstand die nach der Insel benannte Buru-Tetralogie. In ihr wird das Erwachen der indonesischen Nation aus dem Flickenteppich der Kolonisation beschrieben. Es ist brillant erzählte, bewegende, hoch politische Literatur. Und es ist nicht gewagt zu behaupten, dass Indonesien in der heutigen Form ohne dieses großartige Werk nicht vorstellbar ist.

Abgesehen von der Absicht, diesen großen Literaten unbedingt zur Lektüre zu empfehlen, stellt sich mir angesichts der „Produktionsmethode“ dieses Stücks großartiger Literatur, nämlich der mündlichen Erzählung, die auch in der europäischen Literatur der Vergangenheit unvergessene Dokumente hinterlassen hat, die Frage, was aus dieser Art der Literatur wird, wenn man sich nichts mehr erzählt. Die mündliche Erzähltradition scheint in den komplexen, modernen Gesellschaften am Ende zu sein. Man hinterlässt sich Nachrichten, aber die Erzählung langer Geschichten gehört nicht mehr zum Repertoire. Walter Benjamin wies auf dieses Genre einmal hin, als er sich mit einem russischen Erzähler befasste, da schrieb er von den fahrenden Gesellen, die die mündliche Überlieferung zu einem Genre der Literatur vorbereitet hatten. Da, wo es fahrendes Volk gab, da entstanden später große Werke. Ich selbst begriff das, weil ich das Phänomen aus dem eigenen Haus noch kannte. Mein Vater war fahrender Schmied gewesen, und wenn er abends zu erzählen begann, dann wurde die Nacht zum kollektiven Abenteuer. Noch heute, Jahrzehnte später, habe ich die Geschichten und Episoden mit ihren schillernden Figuren deutlich vor Augen, als seien sie eingebrannt.

Natürlich existieren andere Genres von Literatur, und die Moderne, in der die fahrenden Gesellen so langsam, kaum bemerkt, am Horizont verschwanden wie die Stimmen der vergangenen Zeit, die Moderne hat ebenfalls großartige Konstrukte von Literatur hervorgebracht, die von dem wilden Verlauf des Wissens und der Technik zeugen. Und die Referenz für die mündliche Erzähltradition soll kein Affront sein gegen einen Joyce, gegen einen Dos Passos oder gegen einen Brecht oder Döblin. Sie sind quasi die Mutterbänder der komplexen Moderne. Und dennoch: wenn das Kollektiv verlernt, zu erzählen, dann bringt es auch diese Literatur, in der sich das orale, kollektive Gedächtnis mit seinen ganzen Eskapaden widerspiegelt, wenn das Kollektiv verlernt zu erzählen, dann stirbt nicht nur die große Erzählung, dann verschwindet auch der kollektiv reflektierte Sinn.

Was kommen wird, und ob etwas kommt, das diesen Verlust kompensieren wird, liegt im Bereich der Spekulation. Der amerikanische Kongress hat vor einigen Jahren beschlossen, den kompletten Twitterverkehr in der National Library zu dokumentieren. Das ist klug in Bezug auf die anzustellende Spekulation. Denn die Frage ist, wie die Geschichte Pramoedya Ananta Toers zeigt: Völker können entstehen, wenn sie in der Lage sind, sich ihre Geschichte zu erzählen. Und sie verschwinden von der Bildfläche, wenn sie das nicht mehr können.