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Das Kollektiv „Deutsche Nation“

Die Frage der Identität ist für jedes Subjekt die zentrale. Wer nicht weiß, wer er ist oder was er will, dem ist, was die bewusste Gestaltung seines eigenen Lebens anbetrifft, kaum noch zu helfen. Oder, um es bis zu letzten Konsequenz zu denken, dessen Leben wird von anderen bestimmt. Identitätslosigkeit ist eine ideale Voraussetzung für Fremdbestimmung. Was beim Individuum so stimmt, kann beim Kollektiv nicht anders sein. Die Frage wäre also, ob Kollektive, die weder wissen, wer sie sind noch eine Vorstellung darüber haben, was sie wollen, ein anderes Schicksal haben als das orientierungslose Subjekt, das dadurch zum Objekt wird. Die These meinerseits ist die der Analogie. Kollektive, die über keine  bewusst erarbeitete Identität verfügen, bieten sich als Objekt für das Instrumentalisieren durch andere an oder werden von erfolgreich agierenden Fraktionen des Kollektivs an der Nase herumgeführt. Und: Auch Nationen sind Kollektive.

Die wechselhafte und geteilte Geschichte Deutschlands hat für einen besonderen Schwierigkeitsgrad bei der Bestimmung der nationalen Identität gesorgt. Was die Beschreibung der eigenen Stärken und Schwächen angeht, so könnte noch, sofern man es zuließe, ein gewisser Konsensus erzielt werden, denn vieles ist evident und nicht von der Hand zu weisen. Was jedoch als die Ausrichtung Deutschlands und sein Wirken in der internationalen Gemeinschaft anbetrifft, so könnte eine größere Kakophonie als die existierende kaum erreicht werden. Zu sehr sind die Folgen von Diktatur und Krieg verankert, zu sehr ist der imperiale Gestus, am deutschen Wesen solle die Welt genesen noch und wieder präsent, und sei es Fragen der Ökologie, und zu sehr ist die Verweigerung, sich überhaupt mit dieser Frage zu beschäftigen, gegenwärtig. Das Kollektiv „Deutsche Nation“ wird dennoch gesteuert, von wechselnden Fraktionen. Und gerade das macht es so erratisch und gefährlich.

Da ist zum einen die deutsche Industrie, die mit ihren Sparten des Automobilbaus, des Maschinenbaus und der Rüstungsbranche markige Akzente setzt. Vor allem der Maschinenbau hat bereits eine strategische Dimension und die Waffenindustrie sorgt vehement für riskante Positionen in der internationalen Politik. Letztere hat maßgeblichen Anteil für die halsbrecherischen Positionen der Bundesregierung im Syrien- wie im Ukrainekonflikt. Oft werden die Interessen, die dazu führen, eskortiert von einer objektiv anderen Fraktion. Es ist die der Menschenrechte, der Ökologie und der alternativen Lebensformen. Interessant dabei ist, dass dennoch bei allen politischen Positionen, die Deutschland näher an heiße militärische Konflikte gebracht haben, eine Koinzidenz von Waffenexporten und der Artikulation moralischer Überlegenheit besteht.

Ein gesellschaftlicher Diskurs, der sich um die Frage nach nationaler Identität dreht, könnte in den Zeiten turbulenter Veränderungen der existenziellen Rahmenbedingungen von Nationen einen entscheidenden, klärenden und qualitativ weiterführenden Beitrag leisten. Dabei könnte nicht nur erörtert werden, ob der Exportturbo auf alle Fälle weitergetrieben wird, oder ob eine strukturelle Neuordnung der Ökonomie nicht ein Ziel sein sollte und, gleichermaßen, welches Verhältnis die ermittelte Identität haben kann in Bezug auf Migration und bewusst gesteuerte Einwanderung. Das wäre erhellend und wahrscheinlich auch in hohem Maße den Frieden sichernd.

Die Kreise, die einen solchen Prozess gerne torpedieren und die ihn ermüdend oft mit Schlagbegriffen zu diskreditieren suchen, finden sich zumeist in den beschriebenen Lagern. Sie machen nicht die Identität dieser Nation aus. Aber sie profitieren von der Unklarheit.

Der Echoraum

Metaphern und der Kontext ihres Gebrauches sind Juwelen der Erkenntnis. So richtig ins Bewusstsein kam diese Einsicht hierzulande mit dem damals bahnbrechenden Werk Theweleits, den Männerphantasien. Der hatte die deutsche Literatur von zweihundert Jahren durchwühlt und das patriarchalisch-maskuline Dominanzdenken anhand der verwendeten Metaphern dechiffriert. Seitdem gab es immer wieder Ansätze, den Gebrauch von Metaphern, die es durchaus bis hin zu Kollektivsymbolen schaffen können, wissenschaftlich zu untersuchen und auf ihren sozialen, politischen und psychologischen Gehalt zu untersuchen. Leider ist es bei Versuchen geblieben, denn der Erkenntniswert solcher Betrachtungen ist sehr groß.

Kollektivsymbole, um es noch einmal zu verdeutlichen, sind solche Metaphern, die nicht in einzelnen Werken der Literatur, sondern in der gesamten Gesellschaft benutzt werden. Das ist nur möglich, wenn sie von den unterschiedlichen Teilen einer Gesellschaft akzeptiert und tatsächlich als Bild benutzt werden. Sehr lange waren es noch Bilder aus dem Krieg (Granaten, Bomben, Haubitzen), dann folgten technisch-industrielle (Volldampf, unter Strom, Module, Schnittstellen). Die hier gewählten Begriffe sind willkürlich, aber sie illustrieren die Intention der Aussage.

In Bezug auf das Internet und die damit verbundene jüngste Entwicklung der Meinungsbildung haben sich die Fronten zwischen professionellem Journalismus und den Hobby-Bloggern dramatisch verhärtet (auch ein Kollektivsymbol aus vergangenen Zeiten), weil das Monopol der Medien durchbrochen wurde und die Ökonomie der Informationsindustrie zu dramatischen Veränderungen geführt hat. Einerseits befindet sich der professionelle Journalismus auf dem absteigenden Ast, andererseits können intelligente und schreibkundige Privatpersonen ohne nennenswerte Kosten ein großes Publikum erreichen. Das ist für die, die vom Verkauf von Informationen leben müssen, das pure Drama.

Insofern ist es kein Wunder, dass aus den Reihen des professionellen Journalismus sehr schnell eine Metapher benutzt wurde, die gut gewählt war und die es sogar schon bis zum Kollektivsymbol geschafft hat. Es ist die des Echoraumes. Was damit beschrieben werden sol,l ist die in vielen Internetforen herrschende Atmosphäre der Einigkeit. Wie bei der Schwarmintelligenz finden sich diejenigen, die eine spezielle politische, religiöse oder abenteuerliche Sicht der Dinge haben und bestätigen sich in ihrer Sicht gegenseitig. Und tatsächlich ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten und tatsächlich ist die Metapher von einem Echoraum, also das wiederholte Hören der eigenen Sätze und Meinungen, ein treffendes Bild.

Die Kritik, die sich mit der Metapher des Echoraumes verbindet, ist die, dass kein kritischer Diskurs mehr stattfindet und eine eindimensionale Meinungsproduktion den kritischen Journalismus ablöst. Eigenartiger Weise deckt sich dieser Vorwurf nur bedingt mit meinen eigenen Erfahrungen. Es ist wohl eine Teilwahrheit. Was allerdings auffällt, ist das Abgleiten des professionellen Journalismus in eben diesen kritisierten Zustand. Ursache dafür scheint die Ökonomie zu sein. Da war es die Monopolisierung beim Medienbesitz und die Revolutionierung der Produktion, die den Echoraum in die reale Lebenswelt dieses Metiers verwandelt haben. Monopole sind recht eindimensional was die Artikulation ihrer Interessen anbetrifft. Hinzu kommt der Zwang, sich auch auf die Billigproduktion des binären Zeitalters zu beziehen. So sind viele Mäuse in den elektronischen Archiven unterwegs, die unter prekären Arbeitsverhältnissen das liefern, was ihnen gesagt wird und fetten Katzen der Meinungsmache, die den Echoraum des Meinungsmonopols so richtig zum Schwingen bringen.

Echoraum hat es zum Kollektivsymbol geschafft und die, die den Begriff als solches kreiert haben, sitzen mitten drin.

Die Psychologie des Selbstwerts

Als ich Ende der neunziger Jahre nach Indonesien kam, befand sich das Land in einer tiefen Finanzkrise. Die so genannten Tigerstaaten waren mit dem Börsencrash zu dieser Zeit in die Knie gegangen. Umso erstaunlicher erschien es mir, dass die Emissäre des Internationalen Währungsfonds wie der Weltbank, die mit Koffern voller Geld auf dem Archipel landeten, zähen Verhandlungen ausgesetzt waren und nicht selten frustriert und samt Geld zurück in die Flugzeuge schlichen, mit denen sie gekommen waren. Dabei hätte alles so schön sein können. Das Land lag am Boden und der Staat benötigte unbedingt frisches Geld, um überhaupt die laufenden Kosten begleichen zu können. Schnell waren die Geldgeber vom Dienst zur Stelle, nur hatten sie kaum Erfolg. Die Ursache dafür war das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl einer jungen, im Kampf gegen den Kolonialismus entstandenen Nation. Nicht, dass die Eliten dazu gezählt hätten, die waren in fortgeschrittenem Maße korrupt. Aber das Volk besaß in seiner großen Mehrheit einen Konsens und der bestand in der nationalen Selbstbestimmung. Denn eines hatten die damals 220 Millionen Menschen, die 200 verschiedene Sprachen sprechen und zu den verschiedensten Göttern beten gemein: Es waren dreihundert Jahre gemeinsame Kolonialgeschichte.

Immer wieder konnte ich in den folgenden Jahren beobachten, welchen Stellenwert die Begriffe von Selbstachtung und Selbstwertgefühl hatten. Und nachdem der Diktator Soeharto gestürzt war, wurden mit diesen Begriffen sogar Wahlkämpfe geführt und gewonnen. Der Zusammenhalt der Nation, die heterogener nicht sein konnte, wurde geprägt durch die Maßnahmen, die dazu beitrugen, den Respekt vor sich selber zu fördern. Und wenn es ein Band gab, das diese junge, von zahlreichen Problemen massiv herausgeforderte Nation zusammenhielt, dann war es die nationale Identität. Das Geheimnis, das sich dahinter verbarg, lag vermutlich in der Tatsache, dass die Unabhängigkeit und der damit verbundene Gewinn einer Identität zu einem hohen Preis erkauft worden war. Jahrelanger bewaffneter Kampf und zahlreiche Opfer waren erforderlich gewesen, um die junge Nation vom Joch des Kolonialismus zu befreien.

In unsere Tage und nach Europa transferiert, bieten sich Vergleiche an, die so abstrus wie sie klingen mögen nicht sind. Wenn ein Land, das den Faschismus mit allem, was diesen ausmacht, Rassismus, Demokratiezerstörung und Terror nach innen wie nach außen, diesen Zustand überwunden hat, dann sollte es in der eigenen Befindlichkeit einen Abwehrmechanismus gegen alles haben, was nur von der Kontur her mit diesem zu vergleichen ist. Und hätte Deutschland den Faschismus aus eigenen Kräften bezwungen, so bestünde vielleicht auch so etwas wie Selbstwert und Selbstachtung. Da es allerdings nicht durch eigene Kräfte, sondern durch Besatzer befreit wurde, ist dieser nationale Minimalkonsens nicht gegeben. Insofern ist es kein Wunder, dass zumindest ein Großteil der agierenden Funktionäre nicht vehement gegen die Autonomieverstöße und Beleidigungen durch eben jene türkischen Politiker vorgehen, die sich bei voller Beleuchtung auf dem Pfad der Faschisierung ihrer Gesellschaft befinden. Wer sich so verhält, der hat das harte Brot des Widerstandes selbst nie gegessen und für den bleiben Attribute wie Selbstwert und Selbstachtung leere Worte.

Die Nonchalance, mit der die Nutznießer der Befreiung aus zweiter Hand mit einer echten Bedrohung vorgehen, dokumentiert ihre Ahnungslosigkeit vor den Bedürfnissen derer, die ihnen ein Mandat erteilt haben. Der Wunsch nach einer Identität und das Verlangen nach Selbstwert sind größer, als sie glauben. Und das Phänomen zieht sich durch viele soziale Schichten.