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US-Interventionen: ein desaströses Kontinuum

Manche werden sich fragen, ob es sich um einen einmaligen Ausrutscher gehandelt hatte, andere wiederum stellen sich die bange Frage, ob es Methode haben mag und der letzte Rest hält alles, was verlautbart wird, für bare Münze. Wovon die Rede ist? Von den als gesichert geltenden Erkenntnissen amerikanischer Geheimdienste, dass Russland gegenwärtig dabei sei, einen Grenzzwischenfall mit der Ukraine zu provozieren, um einen Vorwand für eine Invasion zu haben. Es geht nicht um die Aussage selbst, sondern um das Platzieren derselben durch die us-amerikanische Administration, um ihrerseits eine Legitimation für militärische Aktionen gegen Russland zu haben.

Wir erinnern uns: die wie ein Mantra wiederholte Behauptung, der damalige irakische Präsident Saddam Hussein, dessen Reputation im irakisch-amerikanischen Verhältnis von einem Bollwerk der Demokratie bis zum Hitler des Nahen Ostens mutiert war, besäße Massenvernichtungswaffen. Diese Aussage bildete die Grundlage für einen krieg gegen den Irak, der nicht nur besagtem Saddam Hussein ein vorzeitiges irdische Ende bereitete, sondern auch den Irak als Staat derartig in seiner Handlungsfähigkeit erschütterte, dass er bis heute darunter leidet und die Bevölkerung von einer Hölle in die nächste schreitet. 

Die deutsche Entscheidung, sich nicht an diesem Krieg zu beteiligen, erwies sich in doppelter Hinsicht als klug. Zum einen stellte sich heraus, dass die Behauptung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, als bewusst von amerikanischer Seite lancierte Lüge enttarnt wurde. Zum anderen machte man sich nicht gemein mit völkerrechtswidrigen Handlungen und der systematischen Anwendung von Folter und gezieltem Mord. Der Preis für diese Enthaltung war allerdings das Mitmachen bei der später folgenden Intervention in Afghanistan, deren brüchiges Ende im letzten Jahr noch gut im Gedächtnis ist.

Es ist also keine kassandrische Übertreibung, angesichts dieser und zahlreicher ähnlicher Erfahrungen von Chile über Indonesien bis nach Venezuela, sich den Informationen der Quelle amerikanischer Geheimdienste mit einer gewissen Skepsis zu nähern. Und, ganz nebenbei, dabei auch die Resultate der jeweiligen militärischen Interventionen oder direkter Unterstützung von Marionetten, die im Auftrag der USA handelten, anzuschauen. Wer dabei Beispiele findet, die dokumentieren, dass dadurch die jeweiligen Länder in zivilisatorischer und demokratischer Hinsicht einen Vorteil für die dort lebenden Menschen gebracht hätten, möge dieses mitteilen mit der Garantie, dass es hier veröffentlich werden wird. Bis dato ist festzustellen, dass alle Interventionen dieser Art in der kollektiven nicht-westlichen Welt als desaströses Kontinuum gewertet werden. 

Angesichts derartig offensichtlicher Schäden ist es umso erstaunlicher, dass die mediale Resonanz hierzulande bis auf die kritische Reflexion einzelnen Nicht-Regierungsgruppen, Initiativen, Individuen und unabhängiger kleiner Publikationsorgane die gesamte Front der so genannten Leitmedien wieder einmal deutlich macht, was zu geschehen hat, wenn man die gesamte Branche in Verruf bringen will. Man muss weder Russland noch dessen Präsidenten lieben, um angesichts der Schäden, die durch amerikanische Geheimdienste und deren Informationen angerichtet wurden, zumindest einige Fragen aufzuwerfen. 

Wenn dieses nicht geschieht und die Fragen nach der Verwertbarkeit derartiger Informationen nicht gestellt werden, obwohl Kenntnisse über den wiederholten Missbrauch vorliegen, haben wir es mit Delikten zu tun, die vor Gericht gehören. Wenn es sich um gezielte Desinformation handelt, dann ist das Volksverhetzung. Und wenn es einhergeht mit einem medialen Feldzug, der in unzähligen Filmen und Reportagen ein Bild des russischen Menschen zeigt, der alle nur erdenklichen kriminellen Züge zeigt, dann ist das Anstachelung zum Rassenhass. Aber, wie wir sehen: kein Staatsanwalt besäße die Courage, da etwas zu unternehmen, die mediale Innung schweigt und die politisch korrekte Leitkultur verkriecht sich in die Höhle der Amnesie.  

Der Laden muss laufen und der Anspruch gelebt werden

Fast möchte man allen raten, die verzweifelt sind und noch unter Kriterien aufwuchsen, die dem christlichen Abendland entsprachen, sich auf die Knie zu werfen und die Hände bittend gen Himmel zu richten. Vielleicht nicht gleich, um Gott um Erlösung zu bitten, sondern den großen Weltgeist anzurufen und zu bitten um Einsicht. Allzu unübersichtlich sind die Verhältnisse, in denen sich die auf sich gestellten Individuen bewegen müssen. Allzu undurchsichtig ist ihr jeweiliges Treiben. Allzu sinnlos scheint die Welt geworden zu sein. Wer vermag noch Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten? Wem ist es noch gegeben, Gegebenheiten, die im Detail vernünftig erscheinen, in einen größeren Zusammenhang zu stellen und neu zu bewerten? Und, nicht zuletzt unter vielem mehr, wer hat noch die Courage, nach bestem Wissen und Gewissen überhaupt ein Urteil zu fällen?

Es scheint so, als wäre das Gesellschaftskonzept, welches mit dem Bürgertum der westlichen Welt in Form kam und das das Individuum, seine Entfaltung und sein Glück als Zentrum der Betrachtung sah, den Schlägen, die die Welt seit der Globalisierung durch Finanz-, Kapital-, Waren- und Geldbewegungen erfuhr, nicht mehr gewachsen ist. Zumindest die Fähigkeit, Krisen zu meistern, erweckt den Eindruck eines kollektiven Ertrinkens in einem Meer der Unübersichtlichkeit. 

Und so absurd es erscheint: etwas eifersüchtig schielt der Westen auf die Gesellschaften, die mal als asiatische Despotien, mal als auf dem Kollektivismus basierende Autokratien beschrieben werden, zum Teil schneller und besser den Schlägen auszuweichen vermögen. Die Anarchie, die der flächendeckend verbreitete Kapitalismus dem Weltgeschehen präsentiert, erfordert zweierlei: der Laden muss laufen und der Anspruch muss dabei gelebt werden. Und was machen die gewitzten Regierungen des Westens? Sie kopieren, selbstverständlich unter anderem Vorzeichen, die dirigistischen, mit Sanktionen durchsetzten Vorgehensweisen eben jener Staaten, um das rettende Ufer, den Machterhalt, zu erreichen.

Das konkrete Handeln ebenjener Regierungen ist an Absurdität nicht zu steigern. Gemäß der von ihnen wie dem gesamten Staatsgebilde und ihm zugrunde liegenden Dokumenten wäre der logische Schluss, die Individuen wie das Kollektiv zu ermächtigen, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Mit diesem Mantra geht man schließlich rund um den Globus, um die Vorzüge des eigenen Staatswesens zu reklamieren. Die Frage, wie es aus der Perspektive kollektivistischer Gesellschaften oder anderer, in der der Freiheitsbegriff ein gänzlich anderer ist, ankommt, wenn bei ernsthaften Erschütterungen die Essenz des eigenen Staatswesens über Bord geworfen und mit Ausnahmegesetzen, Sonderbestimmungen, restriktiven Verhaltensregeln operiert wird und die vitalen Rechte des Systems außer Kraft gesetzt werden, erschließt sich dem externen Beobachter aus der Distanz nicht.

Insofern ist es zu verstehen, dass der politische Ruf der westlichen Gesellschaften in der letzten Zeit im Weltmaßstab sehr gelitten hat. Das kann man den Menschen in den anderen, nicht zu unterschätzenden Winkeln dieser Welt nicht vorwerfen, ganz im Gegenteil, es ist folgerichtig. Denn wie soll ein seiner Sinne mächtiger Beobachter darauf reagieren, wenn ein System, das für sich wirbt, bei der ersten Krise alles, was das System ausmacht, schleunigst im Gully verschwinden lässt? 

Es ist zu raten, sich umzuschauen und zu erfahren, wie die Welt auf den systemischen Sinneswandel reagiert. Wenn das fruchtet, böte sich vielleicht die Chance, auch jene, mitten unter uns, zu verstehen, die diese Mutation des eigenen Systems aus gutem Grunde nicht einsehen wollen. Indem auch sie ignoriert werden, gleich der Perspektive aus anderen Ländern, macht man sie auch zu Außenstehenden. Und auch sie werden den Kopf schütteln und sich enttäuscht abwenden.  

Rebellion aus Überdruss?

Psychologisch gesehen existieren unterschiedliche Ursachen für eine Rebellion. Klassisch ist da die Not, die zumeist verbunden ist mit Demütigung und Erniedrigung. Oder es liegen Ängste vor, die sich auftürmen und durch einen Ausbruch, der einer Rebellion gleicht, Linderung verschaffen sollen. Oder es ist eine gewisse Ausweglosigkeit, deren Alternativen entweder in der Selbstaufgabe oder im Aufstand gegen die Welt um einen herum liegen. Was selten in Betracht kommt, ist ein anderer Grund, der vorliegen mag, um die Faust in den Himmel zu recken. Dabei handelt es sich um den Überdruss. Er stellt sich dann ein, wenn die Signale, die das Hirn erreichen, das Gefühl einer gezielten Provokation oder einer Überdosis von Belanglosigkeit vermitteln.

Nicht, dass wir, in diesem Land,  das sich so gerne feiert, es nicht zu tun hätten mit Not und Elend. Nur haben diejenigen, die darunter leiden, keine Stimme. Und es gibt diejenigen, denen es sozial gar nicht so schlecht geht, die sich jedoch gesellschaftlich gemobbt fühlen. Alle sie existieren und sie werden, wenn die Ignoranz weiter ihren Lauf nimmt, den Brennstoff liefern am Tage des Ausbruchs. Wer da zweifelt, dem sei empfohlen, aus seiner eigenen Blase herauszutreten und die Sinne zu öffnen. Meine eigene Erfahrung außerhalb der institutionellen Routinen haben zu Erkenntnissen geführt, die es in sich haben. Denn es existiert eine gewaltige Front von Menschen, die sich von dem, was als öffentliche Diskussion genannt wird, nicht nur entfernt, sondern bewusst abgewandt haben. Da sind Ärzte, die andere Erfahrungen gesammelt haben, als die offiziellen Bulletins verbreiten, da sind die Frauen aus dem sozialen Keller, die sich in Reinigung, Handel, Betreuung und Pflege abrackern, da sind Menschen, die schmerzhaft erfahren mussten, dass der Bereich, in dem sie wirkten, für das System irrelevant sind.  

Was diese Menschen eint, ist die Erfahrung, dass die offizielle Sprache sie weder kennt noch ihre Existenz akzeptiert. Semantisch sind sie schon lange ausgebürgert. Und sie werden vertrieben von einer totalitären Logik, die aus den Geschichtsbüchern allzu bekannt ist und die immer zu Gewalt, Unterdrückung und einer gesellschaftlichen Verlogenheit geführt haben. Die Situation, wie sie sich bei genauem Hinsehen darstellt, fühlt sich weitaus revolutionärer an, als die offizielle pazifizierte Friedhofsruhe vermuten lässt. 

Der entscheidende Faktor bei der Herbeiführung einer kollektiven Aversion gegen das vorliegende politische System besteht in der permanent vollzogenen Gleichsetzung aller, die sich ihrerseits Gedanken über die Notwendigkeiten von Politik jenseits der offiziell kommunizierten Positionen machen, mit Rechtsradikalismus und Neofaschismus. Das mag für den Augenblick funktionieren, auf Dauer geht dieser populistische Schuss nach hinten los. Denn, quasi als konsequente Reaktion, macht sich die andere, nicht offizielle Perspektive die Auffassung zu eigen, dass alle, die das offizielle Votum in Schutz nehmen, einem zunehmend feindlichen Lager zuzuordnen sind. 

Die permanente Denunziation großer Teile der Bevölkerung führt zu einem Grad von Spaltung, der in der Lage ist, die anfangs erwähnten Ursachen von Rebellion quasi als konzertierte Aktion gleichzeitig zu mobilisieren. Die Nöte werden nicht beseitigt, die Erniedrigung und Demütigung hält an, die Ängste schlagen um in Wut und der Überdruss über die gleichbleibenden, als falsch bleibenden Narrative und das Bombardement der Belanglosigkeiten bringt das Fass zum Überlaufen.