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Das Auge des Tigers und der globalisierte Warenmarkt

Es gab Zeiten, da wurde die Bezeichnung Kosmopolitismus sehr ehrfürchtig ausgesprochen. Sie galt dem Phänomen, dass es bestimmten Menschen gelungen war, in verschiedenen Regionen der Welt mit unterschiedlichen Kulturen Fuß gefasst zu haben und sich dort jeweils sicher bewegen zu können. Ein Kosmopolit kannte die Welt, er oder sie sprach verschiedene Sprachen, wusste um die kulturellen Gegebenheiten. Kosmopoliten hatten aufgrund dieser Kenntnisse und Fähigkeiten auch einen Horizont erworben, der sehr weit gefasst war.

Ich erinnere mich im Kontext dieses Themas an zwei Begebenheiten, die illustrieren, wie die Mutation von einer tiefen, auf Fähigkeiten und Erfahrungen erworbenen Exklusivität zu einer Massenware vonstatten ging, die nichts mehr mit der ursprünglichen Qualität zu tun hat. 

Da war einerseits ein heftiger Disput meinerseits vor mehreren Jahrzehnten mit einem Bekannten, als wir im am südlichen Rand Europas weilten. Ich hatte ihn kritisiert, weil er sich nicht auf landesübliches Essen einließ, sondern immer nach Gerichten suchte, die für den teutonischen Tourismus angeboten wurden. Ich misstraute dieser damals schon zu beobachtende, anschwellenden Tendenz, er verteidigte sie als Erleichterung des Reisens und der Orientierung in der Welt. 

Eine andere Begebenheit war der ca. 15 Jahre später stattgefundene Dialog mit einem anderen Bekannten, der als Consultant gut im Geschäft und international unterwegs war. Eines Tages teilte er mir mit, dass er damit aufhöre und sich einen weitaus schlechter bezahlten Job in der Provinz gesucht hatte. Er begründete mir die Entscheidung mit zweierlei: einerseits führe sein isoliertes Nomadenleben, das übrigens zwischen Tokio, Mailand und Sydney stattfand, zu einer dramatischen sozialen Entwurzelung. Er habe alle Freunde verloren und eine Partnerin kennenzulernen und mit ihr zu leben, dazu habe er keine Zeit. Und zweitens beklagte er sich über die Uniformität und Ödnis seiner Behausungen in den verschiedenen Ländern. 5-Sterne-Hotels, die alle gleich aussähen und in denen es das gleiche Essen gebe. Am besten, so seine Worte, du schreibst in deiner Hotel-Suite mit einem Textmarker an den Spiegel, wo du dich gerade befindest, dann verlierst du die Orientierung nicht.

Die beiden kleinen Episoden beschreiben eine Seite der zeitgenössischen Globalisierung, die zumindest in den kulturell uniformen Strukturen des Westens kaum noch als problematisch empfunden werden. Die Hegemonie des für den Weltmarkt bestimmten Warenkorbes blickt mittlerweile auf ein kulturelles Massaker zurück, das historisch einzigartig ist. Die Globalisierung, die unter der Regie früherer Imperien stattfand, hatte, wie beim Römischen Reich, lediglich die Integration der Streitkräfte und die Erhebung von Steuern zur Folge, sie ließ die kulturellen Eigenheiten ausdrücklich unberührt. Der kapitalistische Weltmarkt hat dagegen ganze Arbeit geleistet. Die Uniformität hat die Herrschaft übernommen. Der Kosmopolitismus ist nahezu tot.

War der Kosmopolitismus historisch eher ein Privileg für wenige Menschen, so ist die globale Mobilität heute eine Massenerscheinung. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Rund-um-die Welt-Reisen kaum noch zu den Erkenntnissen und Erfahrungen früherer Zeiten führen. Das Exotischste vieler Orte ist zumeist der Name, Unbekanntes lässt sich in standardisierten Hotels vermeiden und notfalls helfen Apps, um auf keinen Fall auf Irrwege zu kommen. Das reisende Individuum wird sicher geführt durch das Delirium eines weltumspannenden Konsumtempels, der jede Exotik auf ihren profanen Warenwert komprimiert. Mata macam bisa melihat hanya di film. Das Auge des Tigers sieht man nur noch im Film. 

Schöne neue Welt! 

 

Deutscher Imperialismus 4.0

Es ist schon ein Phänomen: Zeitgleich mit den Feierlichkeiten zu dem, was überschwänglich Wiedervereinigung genannt wurde, holt die Bundesregierung den Knüppel aus dem Sack und demonstriert mit öffentlichen Vereidigungen von Rekruten und den begleitenden Reden, dass sie nun das wahrmachen möchte, was die ehemaligen Kriegsgegner bei der deutschen Wiedervereinigung so sehr fürchteten, nämlich Deutschland als wirtschaftliche wie militärische Führungsnation. 

Vor allem zwei Frauen gehen mit diesem Anspruch zur Zeit auf Tournee. Einerseits die ehemalige Verteidigungsministerin von der Leyen, die jetzt als EU.Kommissionspräsidentin davon redet, Europa müsse auch Muskeln zeigen, um seine Interessen durchzusetzen. Dabei ist für sie, aufgrund der Logik der Amtsstationen, Deutschland und Europa kongruent. Andererseits formulierte die neue Verteidigungsministerin, Frau Kramp-Karrenbauer, den Anspruch auch militärisch wieder zu dominieren, auf der Vereidigungszeremonie vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, übrigens unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was die Behauptung, die Bundeswehr stehe in der Mitte der Gesellschaft, ausdrücklich unterstrich. Das von einer Berufsarmee zu behaupten, ist schon kühn, das in einem militärisch abgesicherten Areal zu tun, ist frivol. 

Dass bei der Berliner Veranstaltung der hiesige Messias des Wirtschaftsliberalismus, Wolfgang Schäuble, nicht fehlen durfte, erklärt sich von selbst. Er hielt bereits seine schützende Hand über die dilettierende von der Leyen und er lässt Kramp-Karrenbauer nicht eine Sekunde aus den Augen, will er doch den Lobbyisten Merz zu weiterem Einfluss verhelfen. Dass in Reden, die zu stärkerem militärischen Engagement Deutschlands in der Welt aufrufen, immer die demokratischen Werte bemüht werden, um die es gehe, wenn man um ein Mandat „robuster Einätze“ werbe, ist eine Kriegserklärung an die eigene Bevölkerung. Da soll der ideologische Krieg mit dem heißen, militärischen, verknüpft werden und da wird es um alles gehen. Die christdemokratische Soldateska scheint dazu bereit zu sein und die sozialdemokratischen Koalitionäre stehen murrend, aber mitmachend, auf den Vehikeln des Truppentransportes.

Nicht anders müssen Indizien interpretiert werden, die eindeutig dokumentieren, dass wirtschaftliche Interessen das Völkerrecht dominieren – einer jener Werte, der bemüht, jedoch in zahlreichen Fällen selbst ignoriert wird.  Nachdem man sich, auch und gerade im Auswärtigen Amt für die Unterstützung des Putschisten Guaído in Venezuela ausgesprochen hatte und alle Aktionen, die auf den Sturz gegen die rechtmäßige Regierung hinausliefen, diplomatisch unterstützt hatte, wird dieses Szenario momentan im Falle Boliviens wiederholt. Argumentiert wird mit den demokratischen Werten, die im Falle Venezuelas und Boliviens tatsächlich eine Rolle spielen, die jedoch, nimmt man das Völkerrecht ernst, nur durch interne Prozesse beschrieben werden können. Dass Venezuela über immense Ölressourcen erfüllt und in Bolivien sowohl Lithium als auch Erdgas rangieren, sind nicht nur Indizien, sondern handfeste Motive.

Das interessante, aber folgerichtige Gegenstück bilden die jüngsten Ereignisse in Chile, das gegenwärtig an den Strukturen, die durch den Pinochet-Putsch geschaffen wurden, zu zerbrechen droht. Dort, wo fünf Familien das Land besitzen und regieren, kommt die Bundesregierung allerdings nicht auf die Idee, die demokratischen Werte zu bemühen. Da gilt das Völkerrecht und es handelt sich um eine innere Angelegenheit. Das Völkerrecht als propagandistisches Tool – das wär dann auch geklärt. 

Bleibt eine zeitliche Kluft, um Klärungsprozesse zu initiieren. Zwischen dem Traum von robusten Militäreinsätzen und ihrer Möglichkeit, diese auch erfolgreich durchzuführen, liegt der Zustand der Streitkräfte, die, ob selbiger mit den Katastrophenmeldungen nun richtig beschrieben ist oder nicht, weit unter der Schlagkraft rangieren, die nötig sind, um wieder Jubelstürme im eigenen Land auszulösen. Und, machen wir uns nichts vor, sollte das gelingen, dann sind die Vorbehalte gegen einen Deutschen Imperialismus 4.0 nicht mehr so groß. 

1989: „Ich aß gerade eine Frikadelle…“

Seit der Antike haben sich diejenigen, die sich der Erziehung und Bildung von Menschen verschrieben hatten und die man zwischenzeitlich einmal Pädagogen nannte, Gedanken darüber gemacht, wann, wie und mit welchem Mitteln sie helfen konnten, dass sich das Individuum, die Gesellschaft und die Gattung weiterentwickeln konnten. Den großen Pädagogen kam es immer auf Menschenbildung und Freiheit an, nicht auf Zucht und Organisation. Folglich waren sie nicht missgestimmt über Fehler, die die ihnen Anvertrauten machten, denn das gehört zum Lernprozess dazu. Was sie alle grämte war jeweils der Umstand, wenn Menschen nicht das aus sich machten, was ihre Möglichkeiten ihnen boten. Wer unter seinen Möglichkeiten blieb, der erzürnte sie und ließ sie an ihren eigentlichen Fähigkeiten zweifeln.

Angesichts der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag dessen, was als Mauerfall in die jüngere deutsche Geschichte einging, kam mir obiger Gedanke. Das, was in diesen Tagen als Zeugnisse der Geschichte präsentiert wird, ist oberflächlich und grotesk banal. Da werden immer wieder die Geschichten aufgetischt, wer gerade wo war, als er oder sie erfuhr, was da in Berlin passierte und was das alles für ein Wahnsinn war. „Ich aß gerade eine Frikadelle, als mein Freund mich anrief und mir sagte, ich solle den Fernseher anschalten!“ Substanziell findet sich wenig. Es existierten unzählige Gründe, warum die DDR scheiterte oder vielleicht scheitern musste und es existierten unzählige Gründe, warum sie dann so abgewickelt wurde, wie das geschah. Folien, die einseitig das Gute oder das Böse beschreiben, helfen bei einer seriösen Analyse wenig. Das, was als Quintessenz präsentiert wird, ist allerdings beschämend. So flach waren die Deutschen nie, als dass ein aufgeladener Triumphalismus die Geschehnisse umfassend beschreiben könnte. Sie schrieben Heldenepen und Tragödien, erstere zumeist in der Literatur und letztere zumeist im richtigen Leben.

Ich habe mir die Mühe gemacht und in den Journalen der Monate, in denen die DDR einstürzte und die Chancen einer Vereinigung der gespaltenen Nation stiegen, noch einmal zu lesen. Was aus heutiger Sicht bestürzt, sind die Hoffnungen, die sich in beiden Teilen des gespaltenen Landes damit verbanden. Es war eine Stimmung des Aufbruchs und es ging um eine neue Sozial- wie eine neue Friedensordnung. Das war, betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte, sehr naiv. Allerdings nur unter dem Aspekt, dass viele glaubten, die Regierungen würden es schon richten. Im Osten dachten wohl viele, die Arbeit sei verrichtet und im Westen verfiel man dem gleichen Irrglauben. Statt den politischen Widerstand gemeinsam weiter zu leisten, wurde er im Konsumismus domestiziert und alles in die Hände überforderter Mandatsträger gelegt.

Die Erkenntnis, dass nur die eigene Aktion in der Lage ist, die Verhältnisse, in denen man lebt, zu einem besseren Zustand zu machen, war zu lange verdeckt. Das Ergebnis ist eine ökonomische, soziale, politische und kulturelle Verwüstung der Gesellschaft, wie sie nur ein nahezu ungezügelter Wirtschaftsliberalismus mit einer preußischen Bürokratie als Vollstrecker fertig bringen kann. Die Ursachen liegen nicht nur an der Boshaftigkeit seiner Vertreter, sondern auch an der Passivität der Opfer. 

Die eingangs erwähnten großen Pädagogen würden sich grämen, verglichen sie die Möglichkeiten, die sich den Deutschen im Jahre 1989 ff. boten und dem, was sie daraus machten. Und sie würden regelrecht wütend, von welchem Tand und mit welcher Leichtigkeit sie davon abgelenkt werden konnten von dem, was zu tun war, um aus der Geschichte zu lernen. So bitter auch die Erkenntnis ist, mit jeder Einsicht beginnt ein neuer Lernprozess.