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Die feindliche Übernahme durch den Think-Tank-Journalismus

Die Revolutionäre in Mittel- und Südamerika, die es zumeist mit Regierungen oder Diktaturen zu tun hatten, die die Interessen der USA und ihrer Konzerne wahrnahmen, hatten ein einfaches, aber wirksames Konzept entwickelt. Sie gingen davon aus, dass die Marionettenregimes in Wanken gerieten, wenn es gelänge, die Streitkräfte, die Schulen und die Presse für sich zu gewinnen. Zugegeben, im Gegensatz zu einem Land wie Deutschland hatten diese Gesellschaften eine geringe Komplexität. Aber unter dem Strich sind die wesentlichen, materiellen, spirituellen und mentalen Faktoren der Macht sehr gut benannt.

Um Tacheles zu reden: in einem Land wie Deutschland, das über Streitkräfte verfügt, die in keiner Weise mit der ökonomischen Potenz und dem daraus abgeleiteten Anspruch in der Welt korrespondieren und in der das Schulsystem im Sinne staatlich-nationaler Identitätsstiftung immer mehr erodiert, kommt es darauf an, die Presse, d.h. die Medien zu dominieren, um einen Staatsstreich einzuleiten.

Man muss den amerikanischen Think Tanks zugestehen, dass sie die Situation brillant analysiert die richtigen Schlussfolgerungen daraus gezogen haben. Seit Jahren haben sie daran gearbeitet, das gesamte Who is Who des öffentlich-rechtlichen Journalismus in ein Netzwerk zu weben, das gespeist wird von der Doktrin des US-Weltdominanz-Papstes Zbigniew Brzeziński. Nach seiner Philosophie sind die USA das Imperium schlechthin. Und nach seiner Meinung gehört zu einer nachhaltigen Sicherung dieses Anspruches die Beherrschung Russlands mit seiner kontinentalen Dimension und seinen Ressourcen.

Mit den wachsenden Problemen, die das US-Imperium seit der Weltfinanzkrise von 2008 zu Gesicht bekommt, ist das Weltgefüge in Bewegung geraten. Die Instabilität der USA korrespondiert mit dem Erstarken Chinas. Die Konsequenz der Think Tanks, denen alle namhaften Polit-Redakteure z.B. der deutschen Fernsehanstalten angehören, ist die aggressive Mobilmachung gegen Russland. Dass die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft mittlerweile einen Präsidenten hervorgebracht hat, der den Codex und die geostrategische Philosophie seiner Vorgänger negiert, hat die Aktivitäten der Think Tanks eher beflügelt als gehemmt.

Anhand des Treffens zwischen Trump und Putin in Helsinki wird deutlich, wie verheerend sich die Gleichschaltung des deutschen Journalismus auswirkt. War es zu früheren Zeiten, in denen der Bipolarität, immer ein gutes Zeichen, wenn sich die Vertreter der Supermächte trafen, um miteinander zu reden, so wurde hier nur Gift und Galle gespuckt und ein weiterer Konfrontationskurs als ein Muss für den amerikanischen Präsidenten gefordert. Die so genannte Berichterstattung hatte alle Attribute eines ausgewachsenen Kriegsjournalismus. Von der Spekulation über die Verwendung nicht erwiesener „Tatsachen“ bis zur ununterbrochenen Befeuerung von Feindbildern wurde alles mobilisiert, was die Branche zu bieten hatte.

Egon Bahr, der Ghostwriter einer aus heutiger Sicht glücklichen Phase der Entspannung, sprach einmal davon, man solle den Raum verlassen, wenn Politiker damit begännen, von Werten zu faseln. Das bestimmende Motiv von Politik seien die Interessen. Anhand der Agenda des vereinigten Think-Tank-Journalismus stellt sich die Frage, wem es eigentlich nützt, wenn Deutschland sich in Europa isoliert und als Lehrmeister aufspielt, wenn es die Konfrontation gegen Russland weiter treibt und auch noch den Chinesen erklärt, wie die Welt zu funktionieren hat? Deutschland ist bereits isoliert wie nie und trägt das groteske Attribut des Scharfmachers vor sich her. Mit der viel gepriesenen Verantwortung hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Die feindliche Übernahme des medialen Staatsmonopols durch die Falken vom Potomac ist praktisch vollzogen.

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Game over!

Game over! Großes Tennis war geboten, und eine Fußballweltmeisterschaft fand ihr Ende. Vor allem über letztere wurde viel gesprochen und geschrieben. Und als Indikator für das Weltgeschehen kann einiges gesagt werden. Das Weltgeschehen selbst bleibt jedoch davon unbeeindruckt. Und die Auswirkungen desselben auf ein Land wie Deutschland werden groß sein. Das erklärt sich schon aus der Verwobenheit unseres Landes mit der Weltwirtschaft. Und in Politik wie Wirtschaft wird einiges auf unser kleines, in vielem überbewertetes Land zukommen. Im Gegensatz zu Zeiten, in denen der Fußball groß und erfolgreich war, steht für die Politik jedoch eine härtere Gangart an. Denn das Sandmännchen ist verschwunden, wenn die Kicker keinen Erfolg haben.

Herbert Knebel, eine der signifikanten Stimmen des Ruhrgebiets, brachte es in einem Sketch auf den Punkt. Da klingelt es an einem ganz gewöhnlichen Wochentag an der Tür, so Knebel, der öffnet und sieht sich dem Sensenmann gegenüber. Der stellt sich kurz vor und sagt knapp, Herbert, es ist soweit, ich hole dich jetzt ab auf die letzte Reise. Als Herbert noch einmal in die Wohnung zurückgeht, um sich zu sammeln, lässt er sein Leben kurz Revue passieren und kommt dabei zu einem gar nicht so guten Urteil. Fast ist er schon durch mit seiner Betrachtung, da fällt ihm allerdings noch ein, dass da doch die eine oder andere WM dabei gewesen sei, die Spaß gemacht habe…

Ein Volk, in dem eine Sportart so verwurzelt ist, kann nicht davon lassen, Parallelen aus dem Sport ins richtige Leben und vom richtigen Leben in den Sport zu ziehen. Und schon melden sich die ersten Kanaillen und ziehen Parallelen zwischen dem miserablen Abschneiden der deutschen Kicker und der Befindlichkeit der Bundesregierung. Und wieder andere Fragen sich, ob ein Manager eines großen Unternehmens ein Projekt voll an die Wand fahren kann und es sich dann leisten kann, erst einmal in Urlaub zu fahren und keinen Ton von sich zu geben. Und das Unternehmen unternimmt nichts und verharrt voller Spannung, wie der Mann wohl aus dem Urlaub kommen wird?

Und für die Theoretiker ist sogar so manches Sahnehäubchen zu entdecken. In Russland wurde deutlich, dass die bestehenden Systeme überlebt haben, aber bestimmte Standards immer noch zu überzeugen wissen. Und es war deutlich, dass die exzentrischste individuelle Leistung nicht den Erfolg ermöglicht, den funktionierende Teams und Kollektive zu Tage fördern. Und die Welt hat gesehen, dass die von vielen Enden des Planeten gesendete, teilweise konträre Propaganda es nicht zu verhindern vermocht hat, dass viele, die sich für den Fußball begeistern, am Rande des Turniers zueinander gefunden und sich wunderbar verständigt haben.

Game over. Und jetzt gilt es. Bereits heute treffen Trump und Putin aufeinander, die NATO hat Breitseiten der USA bekommen und ist von ihren Mitgliedern her disparater denn je. In vielen Ländern toben Kriege, überall fliehen Menschen, um ihre Haut zu retten. Ganze Branchen sind vom Tod bedroht, wenn sie nicht die Weichen auf Zukunft stellen und alle werden scheitern, wenn sie glauben, mit ihrer einzigartigen Individualität im Weltgeschehen bestehen zu können. Es geht um Vernunft, es geht um neue Allianzen und es geht darum, antiquierte Feindbilder nicht mehr zu bedienen.

 

Die große Leere

Es mehren sich die Stimmen, die die Notwendigkeit der Regierung in Frage stellen. Die Vorstellung, die die gegenwärtige Regierung in ihren ersten einhundert Tagen gegeben hat, löst großes Bedenken aus. Sie hat keine Richtung gewiesen, sie hat keine Probleme gelöst, sie hat sich an Machtkämpfen erschöpft. Wir reden nicht von Jahren, wir reden von dem Zeitraum, der Regierungen zugestanden wird, um sich vor einer Legislaturperiode zu rütteln. Da ist ein Innenminister, der sich das schmückende Wort Heimat mit in die Amtsbezeichnung geholt hat, der sich in Bezug auf die Gunst im Wählervolk total verzockt hat. Sein Kalkül, auf eine rein nationalstaatliche Abschottungspolitik zu setzen, um damit dem wachsenden Einfluss der AFD einen Damm zu setzen, hat das Gegenteil bewirkt. Die adaptierten Ängste vor der Überfremdung hat der AFD neue Gunstbezeugungen beschert. Dass dieser Minister, um seinem Kalkül Rechnung zu tragen, massiv an einem Staatsstreich gearbeitet hat, blieb seitens der Kanzlerin ohne Sanktion. Sie ist dadurch ebenso geschwächt.

Das Ensemble, für das der Innenminister glaubt unterwegs zu sein, ist eine Ansammlung von rückwärts gewandten Phantasten, deren Perzeptionen der Wirklichkeit ein einziges Ergebnis von Überforderung ist. Der Versuch der SPD, ihrerseits Koalitionspartner, aus dem Debakel noch etwas zu retten, nämlich die Initiative zu einem Einwanderungsgesetz, ist vernünftig, hat jedoch mit diesen Partnern keine Perspektive auf Erfolg. Deutschland ist von der Komposition eines modernen Staates, der sich den Herausforderungen einer beschleunigten globalen Bewegung stellen kann, weit entfernt. 

Der größte Industriezweig, die Automobilindustrie, hat sowohl ein intrinsisches als auch ein systemisches Problem. Ersteres resultiert aus den Erfolgen der Vergangenheit, die dazu beigetragen haben, sich nicht um weltweite Trends in Fragen der Mobilität zu kümmern und sich gezielter Innovation zu versagen. Wer satt ist, entwickelt keinen Hunger auf Neues. Gesponsert wurde diese lebensgefährliche Attitüde durch den Status der staatlicherseits garantierten Systemrelevanz. Der Müßiggang der Branche wurde flankiert von immensen Subventionen, die besser dazu genutzt worden wären, um in moderne Infrastruktur und neue Verkehrskonzepte zu investieren.

Die Frage der Migration wird bleiben. Und sie wird dringlicher werden. Es hängt zusammen mit dem Anreiz, den die Konsumwelt der entwickelten Gesellschaften liefert und in die entlegensten Winkel der Welt sendet. Solange dort der Status von Hinterhöfen weiterbesteht, macht sich die Jugend auf den Weg. Das zweite Motiv ist das der existenziellen Vernichtung durch Kriege. Ein maßgeblicher Teil dieser Kriege und Bürgerkriege wurde ausgelöst durch das Paradigma des Regime Change, befeuert durch die USA. Das Ergebnis ist ein Desaster, das in den besagten Weltregionen die Bilder des Dreißigjährigen Krieges aktiviert.

Es ist erforderlich, diese hier nur exemplarisch angerissenen Zusammenhänge herzustellen und in eine eigene Strategie einfließen zu lassen. Dass etwas in dieser Richtung seitens der Regierung geschieht, ist leider nicht auszumachen. Da taumeln unterschiedliche Fraktionen den verschiedensten Bündnisoptionen entgegen, ohne dezidiert eigene, Diskurs fähige Standpunkte entwickelt zu haben. Das ist oft nichts anderes als dumpfes Bauchgefühl und tradierte Loyalität. Für die Herausforderungen unserer Zeit ist das entschieden zu wenig. 

Aber daran wird die Regierung gemessen werden. Wenn die strategische Ausrichtung nicht dezidiert ist und wenn sie nicht transparent wird, dann bleibt alles so, wie es ist. Demoskopen liefern die Zustimmung zu diesem oder die Ablehnung zu jenem Detail. Das ist, für eine Regierung als Navigation zu wenig. Was bleibt, ist die große Leere. Die, das wissen allerdings auch alle, bleibt nicht ewig.