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Etablierte Brandstifter

Sezieren wir das Drama von Halle genau. Da plant ein vom Leben überforderter junger Mann ein Massaker an Menschen jüdischen Glaubens. Im Kopf hat er dabei ein Weltbild, das nicht neu ist. Es ist ein irres Sammelsurium aus Klischees, die immer auf eines hinauslaufen: Hinter allem, was sein Leben schwer und schlecht macht, stecken andere Menschen, die dafür verantwortlich sind. In diesem Fall sind es die strippen ziehenden Juden. Wenn er nun, so seine Motivation, eine Gruppe dieses Übeltäterkollektivs umbringt, dann hat er dazu beigetragen, das Problem des schlechten Lebens etwas kleiner gemacht zu haben. 

Mit dieser pathologischen Misere im Kopf plant er den Anschlag, der, ganz zeitgemäß, auf Livestream für größt mögliche Aufmerksamkeit sorgen soll. Das Elend dieses Täters wird deutlich, als er mit seinem Vorhaben scheitert und stattdessen zwei ihm zufällig begegnende Passanten erschießt. Dann wird er überwältigt und der erfolgreiche Mörder am falschen Ziel und der gescheiterte Terrorist wird festgenommen.

Die medial transportierte Reaktion ist folgende: Bestürzung bei allen, die dabei waren, Bestürzung bei vielen Menschen, die sich symbolisch mit den jüdischen Mitbürgern solidarisch zeigen und Bestürzung bei Politikern. Diskutiert wird sehr schnell über die polizeitechnischen Schutzmaßnahmen. Es soll untersucht werden, warum anlässlich des hohen Feiertages im jüdischen Kalender und der vollen Synagoge dort kein Polizeischutz zugegen war. Der Innenminister kündigt an, dass der Schutz aller jüdischen Institutionen erhöht werden soll. Manche verweisen auf das Problem des bereits stärker als vermutet wirkendenden Rechtsradikalismus, viele machen die AfD als geistige Vorbereiter des Rechtsterrorismus verantwortlich. 

In wenigen geistreichen Kommentaren war zu lesen, dass der Fokus viel zu selten auf dem liege, was als gescheitertes Leben zu bezeichnen ist. Eine Analyse des Täters, der schlicht und einfach mit dem Leben überfordert war, fiele einer Dämonisierung der politischen Kräfte zum Opfer, die sich das zunehmend häufige Scheitern für die Befeuerung ihrer Feindbilder zunutze machten. Das ist ein wichtiger Fingerzeig, der dem Problem näher kommt als vieles, was den bereits bekannten befürchteten Weg zu einer symbolischen Handlung ohne große Folgen beschreitet. Das endet mit einer Beruhigung des Gewissens und alles bleibt beim Alten.

Was bei der berechtigten Aufregung zum wiederholten Mal unterging, sind die in den etablierten Medien auftauchenden Artikel und Kommentare, die es tatsächlich schaffen, dem aus dem individuellen Scheitern eines Menschen folgenden Paranoiden eine politische Begründung zu geben. Da bringen es die Brandstifter des Faschismus im Auftrag etablierter Blätter fertig, die Flüchtlingspolitik, die Straftaten von Immigranten, und die kulturellen Folgen der Globalisierung als Ursache für den Mord darzustellen. Sie befeuern damit genau das ursächliche Weltbild für den todbringenden Amok.

Was das Ereignis von Halle vor allem zeigt, ist das Verharren in einem Muster, das bekannt ist und zu nichts führt. Die schärfere Bewachung von Synagogen ist notwendig, aber sie beseitigt das Problem nicht. Der Rechtsradikalismus, zumal der kriminell militante, wird seit Jahrzehnten kleingeredet und muss auf die Agenda der Exekutive. 

Die gesellschaftliche und politische Aufgabe besteht jedoch in etwas anderem: Es muss gelingen, den Brandstiftern ohne AfD-Signet, die in den Ideologiestuben der diffusen Krisenerklärung sitzen,  den Garaus zu machen. Solange wir uns auf gescheiterte Existenzen konzentrieren, die bereits am Ende ihres irdischen Weges stehen und nur noch der fixen Idee nachhängen, welche Sündenböcke sie mitreißen wollen, sollten wir uns die gut Bezwirnten vornehmen, die davon ablenken, was das zum Scheitern verurteilte Leben verursacht und wer davon profitiert. Die Brandstifter des Rechtsradikalismus sind gesellschaftlich etabliert.   

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