Archiv der Kategorie: food for thought

Michael Kohlhaas

Heinrich von Kleist war einer jener Rebellen in der deutschen Literatur, für die es selbst nicht gut ausging. Als preußischer Offizier und Freund der Wahrheit, gebeutelt von einer tiefen Depression, setzte er seinem in literarischer Hinsicht viel versprechenden Leben viel zu früh ein gewaltsames Ende. Was von ihm übrig blieb, sind seine an Zahl überschaubaren, an Aussagekraft und Form überwältigenden Werke. Das gewaltigste unter ihnen ist aus meiner bescheidenen Sicht Michael Kohlhaas. Mit dieser Figur schuf er einen Typen, der das Grundverständnis von Staat, Recht und Vernunft im bürgerlichen Zeitalter in seiner dialektischen Ambivalenz illustriert.

Michael Kohlhaas ist die Figur geworden, in deren Leidens- und Triumphweg das System der bürgerlichen Rechtssprechung fokussiert und immer wieder gebrochen wird. Michael Kohlhaas ist das Stück, das jeden Tag in unserem republikanischen Leben aktuell ist. Daher ist eines gewiss: Die Figur hat nicht nur den Autor um mehr als zweihundert Jahre überlebt, sondern sie wird auch noch zur Klärung eines Grundsatzes dienen, wenn wir alle nicht mehr sind.

Kohlhaas, der auf dem Weg zum Pferdemarkt an einen vagabundierenden Adeligen zwei Rappen als Zollpfand zurücklassen muss, erhält diese in erbärmlichen Zustand zurück. Als er dagegen protestiert und Kompensation fordert, stößt er auf taube Ohren und auch das Rechtssystem weist ihn aufgrund des fürstlichen Einflusses ab. Als seine Frau versucht, zur einflussreichen Fürstin mit einer Petition vorzudringen, wird sie misshandelt und erliegt ihren Verletzungen. Da sieht Michael Kohlhaas Rot und beantwortet sein Schicksal mit der Offensive einer mordenden Freischärlerarmee. Nach zahlreichen Zerstörungen und indem er eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung des Landes wird, erhält er das Ohr der Fürstin, die ihm Gerechtigkeit verspricht. Nach noch einigen Wirrungen, zuletzt erhält er sein Recht, der Adelige muss die Rappen im alten Zustand zurückliefen, er muss für die Misshandlung von Kohlhaas´ Pferdeknecht zahlen und selbst für zwei Jahre ins Gefängnis. Dafür zahlt Kohlhaas, seine eigenen Vergehen gegen den Staat anerkennend, aus seiner Sicht selbstverständlich mit dem Leben. Er wird geköpft.

Das ausgehende Mittelalter hatte, lange bevor die bürgerliche Gesellschaft durch entsprechende Revolutionen das Licht der Welt erblickte, vor allem die Aufgabe, aus einer Philosophie, die die Rechtszustände zwischen Individuum und Allgemeinheit thematisierte, die Frage einer zukünftigen Gerechtigkeit zu klären. Mit Michael Kohlhaas schuf Kleist die Figur, die tragischerweise den Begriff der Räson über das Einzelschicksal des Individuums stellte. Damit war eine der zentralen Fragen des zukünftigen Rechtsverhältnisses geklärt. Michael Kohlhaas war nicht der von vielen verklärte Rebell, sondern er, der persönlich scheitern wird, ist die Figur in dem gesamten Ensemble, die der später aufgeklärten Staatsräson am nächsten kommt.

In der irischen Literatur findet sich mit John Lynch, dem Bürgermeister und obersten Richter der Stadt Galway übrigens eine ähnliche Figur. Lynch sieht sich gezwungen, das Recht auch gegen seinen Sohn walten zu lassen, der einen jungen Spanier aus Valencia getötet hatte. Um die Beziehungen zu Valencia nicht zu belasten, spricht Lynch das vorgeschriebene Recht, verurteilt seinen eigenen Sohn zum Tode, um das Urteil dann selbst zu vollstrecken, weil die Scharfrichter sich weigern.

Was sind das für Zustände, und diese Frage ist angesichts unserer Erfahrungen mit dem gelebten Rechtssystem durchaus legitim, in denen das Individuum selbst anerkennt, selbst im Angesicht existenziell wirkender Strafen, dass das Recht, aus dem Gerechtigkeit resultiert, über dem Individuum und seinen Wünschen steht?

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Talking ´bout my Generation

Jede Generation hat ihre Geschichte. Jede Generation hat ihre Soziologie. Jede Genration hat ihren Mythos. Es hat etwas damit zu tun, was von außen beobachtet werden kann und es hat etwas mit dem Gefühl zu tun, das die Generation repräsentiert. Jede Generation existiert objektiv wie subjektiv. Obiges Bild sandte mir ein Schulfreund zu. Wir hatten Jahrzehnte keinen Kontakt. Als wir uns im Netz fanden, war das erste, was er mir schickte, All Along the Watchtower von Jimi Hendrix, ein Stück, das wir damals oft gehört hatten und dann dieses Bild. Obwohl weder er noch ich auf dem Bild zu sehen sind, wusste ich, was er damit ausdrücken wollte. Ich war berührt, weil es zutreffend genau das zum Ausdruck brachte, was unsere Generation in der Stunde ihres Aufbruchs ausmachte: Die Chuzpe, das Tempo, die Naivität und die Verletzlichkeit. Talking ´bout my Generation, das ist keine Veranstaltung für Nostalgiker, sondern eine sehr seriöse Sache. Hätten wir nicht rebelliert, wären wir kollektiv untergegangen. Das ist unser Gründungsmythos und die bittere Wahrheit, die wir mit ins Grab nehmen werden. Alles andere ist Folklore.

Es ist immer wieder belustigend, sich anzusehen, wie die älteren Generationen in Gesellschaften über die Jugend klagen. Es hat zumeist damit zu tun, dass die Zeiten andere werden, sich die Themen ändern, die Erkenntnisse andere sind und sich die Jüngeren die Aufgaben, die anstehen, besser zutrauen. Das wird auch immer so bleiben. Wer sich damit aufhält, verschwendet seine kostbare Zeit. Was auch immer so war, das ist die Tatsache, dass jede Generation eine vor sich und eine nach sich direkt erlebt. Und es ist ratsam, sich ein Gesamtbild zu machen.

Meine Elterngeneration war die, die die schlimmsten Taten des XX. Jahrhunderts direkt erlebt hatte oder sogar an ihnen beteiligt war. Faschismus und Krieg, die große Barbarei, verträgt bis heute keinen Vergleich. Es ist verständlich, dass diese Generation alles vergessen wollte, was sie gesehen hatte. Sie schämte sich regelrecht dafür, in diesen Zeiten gelebt zu haben. Meine Generation hat sich selbstgerecht dagegen erhoben und das Schweigen zu brechen versucht. Das endete oft in schlimmen Verwerfungen, weil die Scham oder die Wirklichkeit der Angeklagten das Erträgliche überschritten. Vieles haben wir nicht oder sehr spät begriffen. Und wenn wir es begriffen haben, so haben wir es nicht verarbeitet. Zum Beispiel, dass bis heute jede Generation zwei Geschichten hat, die erzählt werden müssen, nämlich die der Frauen und die der Männer. Ich würde mich freuen, wenn Frauen meiner Generation mir ein Bild zusenden würden, das sie als repräsentativ für ihre Generation erachteten.

Die spannende Frage ist die, wie sich die neue, nachfolgende Generation selbst definieren würde. Was macht sie aus, wie sieht sie meine Generation und was wirft sie ihr vor. Auffällig ist, dass jede Generation eine eigene Perspektive hat, die parteiübergreifend und politisch diskutabel ist. Das ist eine interessante Erkenntnis und deshalb werfe ich die Frage auf. Meine Vor-Generation hat den Krieg erlebt und versucht, ihn zu verdrängen, wir selbst haben geschworen, dass so eine Barbarei nie wieder vorkommt. Und die Nach-Generation? Hat sie ein Bild von ihrer historischen Rolle?

Talking ´bout my Generation, wir sollten noch einmal deutlich machen, dass unbegründete Hierarchien und kriegerische Aktionen mit dem Mittel konsequenter Rebellion beantwortet werden. Schließlich muss was bleiben für die Geschichtsbücher.

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit

Es existiert ein böses Wort von Adorno über den Jazz, in dem er das transportierte Gefühl dieser Musikform als das Sich-Delektieren der Schwarzen mit der eigenen Unzulänglichkeit bezeichnet. Das Zitat zeigt zweierlei. Zum einen, dass es sich bei Adorno um ein Exemplar des elitären Bürgertums gehandelt hat und er exklusiv in den Kategorien desselben gedacht hat und zum anderen, dass es in der Betrachtung solcher Zitate eine Historizität geben muss. Wenn diese Erkenntnis nicht mehr zählt, dann sind die Zeiten düster. Denn wenn nicht mehr historisiert werden kann, d.h. wenn es nicht mehr zulässig ist, etwas innerhalb der Maßstäbe der zu betrachtenden Zeit eine Weile gelten zu lassen, dann herrscht das Dogma und das Amöbenhafte. Menschen ohne Geschichte sind gattungsgeschichtlich hirnlose Wesen, vor denen man sich in Acht nehmen muss.

Doch zurück zu der Formulierung Adornos. Mit ihr dokumentierte er auch seine epistemologischen Grenzen, denn wenn ein Genre aufzeigt, dass die Kunstgeschichte nicht mit dem Bürgertum an ihr Ende gelangt ist, dann ist es der Jazz. Er war und ist die urbane Befreiung vom ruralen Kolonialismus und die Formgebung industrieller Kakophonie. Das hat Adorno nicht begriffen, weil ihm etwas unterlaufen ist, was ihm ansonsten in seiner Musiksoziologie nicht passiert ist: er hat sich mit den Texten begnügt, ohne die tonalen Folgen zu studieren. Aber damit lassen wir es auch bewenden.

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit jedoch ist als Formulierung an sich genial, weil sie etwas beschreibt, das durchaus als ein im kantischen Sinne Unaufgeklärtes gelten kann. Denn, bei Betrachtung heutiger stereotyper Verhaltensmuster ist das in der adornoschen Formulierung Getroffene keine Seltenheit. Immer wieder ist dieser Sachverhalt anzutreffen. Individuen oder Menschengruppen finden zusammen, beschreiben sich und ihre Rolle in einem Prozess und stellen fest, dass sie in diesem Prozess zu Recht keine souveränen Subjekte, sondern manövrierte Objekte sind. Und, das ist das Fatale, sie ergötzen sich sogar daran. Der Status des Unaufgeklärten Selbst erscheint als etwas Lust Spendendes, als ein Zustand des Genusses. Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit entpuppt sich als das Ergebnis umfassender Entmündigung.

Eine Eskalation zum Schlechteren ist schlichtweg nie ausgeschlossen. Und so verwundert es kaum, dass das Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit von denen, die politische Prozesse gestalten sollen, auch noch aufgenommen wird wie eine willkommene Einladung, um Trost zu spenden. Das ist frivol und unaufrichtig, weil es das bewusste Handeln von Menschen als gesellschaftlichem Akt nicht mehr vorauszusetzen gewillt ist. Da wird es schwierig, noch weitere Abstufungen zu finden. Es mutet an, wie eine prä-humane Phase der Existenz.

Die Koketterie mit der eigenen Unzulänglichkeit mit Empathie eliminieren zu wollen, ist der Versuch, Verweigerung durch Zuwendung zu therapieren. Zumindest spricht sehr viel dafür, dass es sinnvoller ist, die negativen Folgen von Unmündigkeit aufzuzeigen, als die mit ihr korrelierenden Belohnungssysteme hervorzuheben. Es ist sinnvoller, Forderungen an die Unzulänglichen zu stellen, als sie von einem Leben in Selbstbestimmung abzuschirmen und ihnen den Müßiggang der Bevormundung als erstrebenswertes Ziel zu suggerieren. Es heißt, dass das von Kant formulierte Heraustreten aus der selbst verantworteten Unmündigkeit nur durch eine Forderung an das Subjekt gewährleistet werden kann. Und nicht durch Sympathie für das Opfer. Das klingt banal, ist jedoch die Essenz von Befreiung!