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Kriegswirtschaft oder eine neue Form der Zivilisation?

Jetzt werden sie wieder bemüht, die Bilder aus den 1960iger Jahren, als so vieles noch ganz anders war. Als samstags die Geschäfte mittags schlossen und in der Woche um 18.00 Uhr, als es  nur zwei Fernsehprogramme gab und in vielen Haushalten nur einmal Fleisch in der Woche. Die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortsetzen. Wer es sich nicht vorstellen kann, sollte diejenigen fragen, die das noch erlebt haben. Oder Romane aus der Zeit lesen oder sich Filme anschauen. Als Quintessenz wird stehen bleiben, dass es auch in diesen Zeiten ging: ein Leben leben, mit allen Höhen und Tiefen.

Dass diese Bilder bemüht werden, hat etwas zu tun mit der politischen Krise, der internationalen Dependenz der Märkte, mit einem neuen Bewusstsein hinsichtlich des Energieverbrauchs und der Einsicht, dass permanentes Wachstum der goldene Hahn eines Wirtschaftssystems ist, das ungeheure Produktivkräfte freisetzt und ebensolche Zerstörungspotenziale mobilisiert. Insofern ist die Diskussion darüber, was sein muss, um vernünftig leben zu können, durchaus zu begrüßen. Was allerdings nicht verwechselt werden sollte, ist die Gleichsetzung von zivilisatorischen Errungenschaften und konsumistischem Trash. Das wird systematisch versucht, um bestimmte positive Urteile auf den sich täglich manifestierenden Wahnsinn zu ziehen.

Denn, auch wenn es nur zwei Fernsehprogramme und einmal in der Woche Fleisch gab, so existierte dennoch ein ganz anderer sozialer Zusammenhalt, es gab Themen, über die alle mitreden konnten, die Menschen erzählten sich mehr und sie waren besser in der Lage, zuzuhören. Gleichzeitig herrschten patriarchalische Strukturen, in der Schule und in der Ehe gab es Schläge und Entmündigung und Entrechtung waren verbreitet. Das ist kein Hintergrund von Sozialromantik, und nur wer das selbst erlebt hat, kennt die gruseligen Geschichten, die sich hinter den Fassaden dieser Welt verbargen. 

Der eingeschränkte und begrenzte Konsum hatte mit den wenigen Möglichkeiten praktizierter Freiheit nichts zu tun. Genau das wird versucht von interessierter Seite zu vermitteln. Es soll der Eindruck erweckt werden, dass mit einer kritischen Betrachtung des unbegrenzten Konsumismus und des permanenten Wachstums eine geplante Einschränkung der Freiheiten einhergehen wird. Wer sich auf dieses Narrativ einlässt, hat allerdings schon verloren. Denn viele der Rechte, die heute als so selbstverständlich gelten, wurden von Menschen erkämpft, denen der heutige Überfluss fremd war. Ihre Motivation entsprang weder der Gier noch dem Müßiggang, sondern einer nüchternen Betrachtung ihrer Interessen und den daraus abgeleiteten Maßnahmen, um diese zu vertreten.

Gerade diese Tugend, die, wie gesagt, nichts mit der Fülle von Warenregalen zu tun hat, nämlich bewusst zu formulieren, was man zum Leben braucht und was nicht, ist in den Zeiten des konsumistischen Laisser Faire verloren gegangen. Und es ging verloren, weil die Menschen im Laufe der Zeit totgeschlagen wurden von immer neuen Angeboten, die sie vom Wesentlichen abhielten und in die individualistisch geprägte Passivität lockten. 

In Zeiten wie diesen ist es klug und notwendig, sich darüber Gedanken zu machen, was man tatsächlich zum Leben braucht und was nicht. Nur, aber das gilt ja immer, man muss aufpassen, ob aus dieser Notwendigkeit eine Art von Oben organisierte Kriegswirtschaft entspringt oder ein Konzept für eine ganz andere Form der Zivilisation, in der die soziale Frage im Zentrum steht. Noch ein Scheideweg, vor dem wir stehen. 

Tastes Salty…

Da wurde nochmal alles aufgefahren, was das British Empire in militärischer Hinsicht zu bieten hatte. Die Truppen, die rund um den Erdball die Interessen der alles dominierenden Handelsgesellschaften mit Pulver und Klinge vertreten hatten. Von Indien bis in den Senegal, von China bis nach Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Anlässlich der Beisetzungszeremonien von Elisabeth II. wurde der Weltöffentlichkeit noch einmal vor Augen geführt, wie das einstige Weltreich zu Ruhm und Ansehen gekommen war. Durch Waffengewalt, und sonst nichts. Und es war bestürzend zu sehen, wie eine Öffentlichkeit und Berichterstattung in unseren Breitengraden es schaffte, dieses Faktum komplett auszublenden und sich exklusiv in Spekulationen über die familiären Beziehungen innerhalb des Königshauses zu ergehen. Eine historische Betrachtung des British Empire und seines Niedergangs mit den Folgen für das Land wie die Welt blieben aus. Warum auch? Geschichte ist lästig geworden, vor allem, wenn sie die eigene Unwissenheit und/oder Vertuschung offensichtlich werden lässt. 

Den ganzen Tag über bekam man, ohne lange suchen zu müssen, Kostproben des großen historischen Nirvanas, das in den Köpfen der Qualitätsmedien vorherrscht. Da fabulierte in den frühen Morgenstunden bereits eine in vielen Formaten angesagte Moderatorin, für Deutsche sei das alles natürlich sehr fremd, da wir hier seit Hunderten von Jahren keine Monarchie mehr hätten. Da sich die Dame eher im U-Bereich tummelt, ohne dem Publikum allerdings ihre tiefe politische Einsicht zu ersparen, steigerte sich das Entsetzen allerdings, wenn man sich akkreditierte Polit-Journalisten anhörte, die erklärten, der chinesische Staatspräsident Xi Jinping sei nicht gekommen, weil die dortige prekäre Menschenrechtslage immer wieder seitens Großbritanniens angesprochen worden wäre. Und auch aus Indien, trotz Mitgliedschaft im Commonwealth, der Nachfolgeorganisation des Empire, war nur eine Vertretung des Staatsoberhauptes präsent. Den beiden bevölkerungsreichsten Ländern des Planeten, die durch das British Empire mit Krieg und Raub überzogen wurden, die demokratische Gesinnung abzusprechen, weil sie sich den Anblick der noch einmal aufpolierten imperialen Militärmacht ersparen wollten, beschreibt sehr gut die katastrophale Blickverengung, dem die hiesige Betrachtungsweise unterliegt.

Ob das einem flächendeckenden Bildungsdefizit geschuldet ist oder als das Werk bewusster Propaganda angesehen werden muss, ist in Bezug auf das Ergebnis sekundär. Der exklusiv koloniale oder imperiale Standpunkt hindert daran, die tatsächlichen Kräfteverhältnisse auf dem Globus richtig einschätzen zu können und die Motive politischen Handelns zu begreifen. Was folgt, ist ein Schluss, der die Irrationalität exklusiv beim getäuschten Betrachter ansiedelt. Aus Sicht der Kommentatoren, die mit einbetoniertem Kompass die Welt umsegeln, wimmelt es, egal wo sie anlegen, von Wirr- und Dummköpfen, von schlechten Charakteren und Frevlern, die nichts begriffen haben von der Großherzigkeit und Freiheit, mit der der Westen bereit ist, die Welt zu überziehen. Selbstverständlich darf man die Welt so sehen. Bei einer Annäherung an die rettenden Insel der Realität hilft es natürlich nichts. An irgend einem Riff wird man schon hängenbleiben. Aber wenigstens das ist gewiss.

Die wohl erste alte koloniale Macht, die Opfer dieser kolonialen Sichtweise ist, wird Großbritannien selbst sein. Gestern noch strahlte er ein letztes Mal, der Glanz der Weltherrschaft, die sich in dem immer wieder von britischen Seeleuten kolportierten Satz offenbarte, den sie aussprachen, wenn sie in fremde Gewässern waren. Dann streckten sie die Hand ins Wasser und probierten das Nass. Die Antwort war immer: Tatstes salty, must be British. 

Aus heutiger Sicht der größte Trugschluss, den man sich leisten kann. Und das betrifft bei weitem nicht nur die Briten.

The German Angst

Gesichter sagen alles. Macht einen Spaziergang durch die Welt. Und dann kommt wieder zurück. Ihr werdet feststellen, dass es große Unterschiede gibt. Nicht, dass in den unterschiedlichen Regionen dieser Welt das Glück eine weit verbreitete Erscheinung wäre. Überall existieren Probleme, sind Nöte zu verzeichnen und lauern Gefahren. Und dennoch, unabhängig von den Befindlichkeiten einzelner Regionen, hier und dort sind Unterschiede zu verzeichnen, die belegen, dass die Menschen mit ihrer Situation unterschiedlich umgehen. Aus den Augen der einen strahlt Zuversicht, aus denen anderer Unzufriedenheit, teilweise auch Defätismus. 

In Deutschland ist die Bilanz derweil nicht sonderlich ermutigend. Generell, und das sagen Beobachter aus anderen Kulturkreisen, überwiegt eine Physiognomie, aus der tiefer Grimm spricht. Sehen Sie sich die Menschen an, wenn sie unterwegs sind und glauben, unbeobachtet zu sein. Auf dem Weg zur Arbeit, bei der Verrichtung alltäglicher Routinen und selbst bei der Freizeitgestaltung. Selten sind Menschen zu sehen, die in sich hinein lächeln. Was daraus spricht? Die Antwort wäre für viele wiederum sehr einfach. Sie würden wahrscheinlich sagen, dass es die Verhältnisse seien, die keinen Anlass zur Zuversicht geben. Was sicherlich stimmen mag, es ist jedoch nicht die Ursache.

Die Frage, wie ein Mensch durchs Leben geht, hängt in sehr starkem Maße davon ab, welche Perspektive für die Zukunft dominiert. Wer sich nur mit dem Status quo beschäftigt, ist an ein Band gebunden, das auf Erhalt geeicht ist. Alles, was kommt und kommen mag, wird als eine Gefahr betrachtet für diesen Status. Es entsteht eine Übermacht der Ängste. So ist es kein Wunder, dass sich international ein Begriff etabliert hat und die hiesige Befindlichkeit beschreibt: The German Angst. 

Angst, so wissen wir, ist ein schlechter Ratgeber. Sie kann zwar Leben retten, wenn es darum geht, in akuten Gefahrensituationen das Weite zu suchen. Sie kann aber zu einer existenziellen Bedrohung werden, wenn sie sich zum alles überragenden Motto etabliert. Angst ist, was die Planung der Zukunft betrifft, tatsächlich ein schlechter Ratgeber. Sie hält davon ab, an das  Wünschenswerte zu glauben und sich das Unmögliche vorzustellen. Stattdessen ebnet sie den Weg zur Panik und verleitet zu Kurzschlusshandlungen. Diese führen in der Regel, und die Ereignisse der jüngsten Zeit belegen dieses auf eindrückliche Weise, zur Akzeptanz von Maßnahmen, die zwar vorgeben, die Gefahr zu bannen, die von ihrem Wesen allerdings dazu führen, den Zustand der eigenen Entmündigung zu verschlimmern und damit neuen Stoff für die tödliche Droge der Angst zu liefern.

Der Blick in die Gesichter belegt das Dilemma. Angst, Unzufriedenheit und eine tiefe Blockade für befreites Denken überwiegen das Bild. Das tägliche Spiel der Empörung, des Entsetzens und der wütenden Reaktion auf jede Erscheinung, die die Verhältnisse mit sich bringen, hält davon ab, eine Zukunft, die das Lächeln zurückzubringen vermag, frei von Bedenken zu entwerfen. 

Eine ganze Industrie hat sich herausgebildet, die ununterbrochen damit beschäftigt ist, das Spiel der Angst am Laufen zu halten und die Emotionen, die daraus resultieren, zu kanalisieren. Das größere Unterfangen wird sein, diese Industrie stillzulegen und zu beseitigen. Beginnen muss es mit ihrer Ignorierung und Isolierung. Hinsichtlich der Bedeutung von Zuversicht ist das wichtiger als alles andere. Nur wenn der Blick auf die Zukunft frei wird, ungetrübt von Angst, kann etwas entstehen, das die tödliche Starre beendet.