Archiv der Kategorie: food for thought

Bürokratie und Innovation

Ein eigenartiger Widerspruch prägt unser gesellschaftliches Dasein. Da wird alles, was nur die Aura von Bürokratie versprüht, als einfältig, borniert und rückwärtsgewandt verpönt und gleichzeitig jedes sich neu regende Phänomen versucht mittels einer Bürokratisierung einzuordnen. Es soll selbst gar nicht einmal so seltene Versuche geben, Innovation via Bürokratie zu managen. Handelte es sich um einen psychiatrischen Befund, so könnte man von einer ausgeprägten Ambivalenz, wenn nicht gar einer sich verbreitenden Schizophrenie sprechen. Da ist es angebracht, sich ein wenig Klarheit zu verschaffen.

Wer Ordnung in das gesellschaftliche Leben bringen will, der muss eine effiziente, von Korruption freie Bürokratie an die Arbeit bekommen. Der Vorzug von Bürokratie sind Regeln, die für alle und alles gelten, es ist eine Funktionsweise, die sich nicht von individuellen Befindlichkeiten leiten lässt und eine Zielsetzung, die korrespondiert mit Gesetz und Ordnung. Wer so etwas sein Eigen nennen kann, hat eine valide Eintrittskarte für das politische Ziel der Gleichheit. Dass das manche mit Gerechtigkeit verwechseln, erklärt sich vielleicht durch ihre privilegierte Stellung, ist aber dennoch ein Trugschluss. Dennoch: Gesetz, Ordnung und Gleichheit sind ein sehr hohes Gut, das allerdings mehr dort geschätzt wird, wo man es vermisst als dort, wo es herrscht. Aber so sind nun einmal Menschen, die sehr Ich-bezogen durch das Dasein schreiten und wenig vergleichen.

Aufgrund der beschriebenen Attribute ist es kein Mirakel, dass besonders die Deutschen die Bürokratie lieben. Kaum ein anderes Volk ist so fokussiert auf Ordnung und Organisation. Man beobachte so etwas in Krisensituationen: Während andere als erstes alle möglichen Rettungsmöglichkeiten aufzählen, reden die Deutschen darüber, wie am schnellsten die Ordnung wiederhergestellt werden kann und wie das organisiert werden muss. Und auch hier sei angemerkt, es handelt sich um eine Fähigkeit, um die das Land sehr beneidet wird.

Nur, auch das sei angefügt, was wie eine Binsenweisheit unter den Medizinern gilt, das gilt auch für Ansätze gesellschaftliche Organisation. Es kommt immer auf die Dosis an! Und so, wie es aussieht, sind die Vorzüge der Bürokratie besonders in Zeiten, in denen sich vieles sehr schnell verändert, zu einem stillschweigenden Allheilmittel avanciert. Alles, was als neues Phänomen ins Leben rückt, wird nicht versucht politisch zu durchdenken, sondern an die Bürokratie verwiesen. Aber gerade dort ist es völlig deplatziert. Bürokratien regeln das Bekannte, aber sie erfassen nicht das Neue, Unbekannte. Das schlimmste Symptom für den Fehlschluss, Bürokratien könnten die Fragen der Zeit, wie das technologische Highspeed oder die strukturelle Überlastung des Ökosystems in den Griff bekommen, ist der Versuch, eine Art von Innovationsmanagement bürokratisch zu organisieren. Da bleibt nur eine Prognose, und die lautet: Mission impossible!

So sehr nachempfunden werden kann, dass sich Menschen in Zeiten radikalen Wandels nach Sicherheiten sehnen, so abseitig ist es, das Instrument für Ordnung, Gesetz und Gleichheit für eine Erscheinungsform zuständig erklären zu wollen, die in hohem Maße revolutionär ist oder revolutionäre Ansätze erfordert. Gerade letzteres ist allen Vorhaben, in diesem Land ein anderes, vielleicht weniger destruktives Gesellschaftsmodell zu denken, zum Verhängnis geworden. Auch der starre, eher an Beton denn an Erneuerung erinnernde Parteiapparat hat in diesem Land durchaus ein Zuhause. 

Bevor etwas geordnet und kategorisiert wird, muss es begriffen werden. Ansonsten ereignen sich absonderliche Dinge!

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Struktur oder Programm?

Zunehmend treffe ich auf Menschen, denen die Rolle der Beobachtung gesellschaftlicher Prozesse zu wenig geworden ist. Sie wollen aktiv werden, weil sie glauben, dass wir alle an einem Punkt angekommen sind, wo es darauf ankommt. Alles, was jetzt geschieht, kann sehr stark auf die zukünftige Entwicklung wirken. Das, was viele nervös macht, ist die hohe Anzahl der so genannten Imponderablien, der Unabwägbarkeiten. Sicher scheint zu sein, dass, sollten wir nicht sehr gut aufpassen, sich sehr vieles zum schlechteren entwickeln kann. Dennoch wäre es falsch, nur vom möglichen Untergang zu sprechen. Aufgrund der letzten Jahrzehnte ist nur vielen das Selbstbewusstsein abhanden gekommen, das in historisch relevanten Augenblicken so wichtig ist. Gut wiederum ist, dass sich die Erkenntnis breit macht, jetzt etwas tun zu müssen.

Da die gegenwärtige Parteienlandschaft vieles abdeckt, was an Weltsicht und Interpretation derselben möglich ist, könnte davon ausgegangen werden, dass diejenigen, die sich jetzt engagieren würden, dort auch ein Zuhause fänden. Das ist jedoch, nach Aussage vieler, die neu ins Spiel kommen wollen, nicht der Fall. Die nahezu kollektive Kritik derer, die ins politische Spiel kommen wollen, richtet sich gegen die Strukturen der existierenden Parteien und die Form des Rituals, das aus dem regelmäßigen Wettstreit um die Gunst der Wählerinnen und Wähler geworden ist. Und zudem, so lautet der Vorwurf, sind die Parteien im Innern zumeist die Reproduktion einer Hierarchie, die gerade im Großen aufgebrochen werden soll. Beispiele aus selbstzerstörerischen Machtkämpfen innerhalb der gegeneinander antretenden Parteien kennt jeder, und die stammen nicht aus idyllischen Familienalben.

Von einem Entwurf, wie er im benachbarten Frankreich entstanden ist, sind wir jedoch weit entfernt. Der Versuch, dort hinzukommen, ist kläglich gescheitert und wenn ich die Schadenfreude darüber lese, dann habe ich Zweifel, ob die Notwendigkeit einer Mobilisierung vieler bis jetzt passiver Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht tatsächlich als Störung des laufenden Parteiengeschäfts empfunden und dementsprechend von dieser Seite bekämpft wird. Und wenn das so ist, dann drängt sich der Schluss auf, dass Parteien in dieser klassischen Form nicht das sein werden, was die Zukunft an politischer Partizipation braucht.

Was die Disposition derer betrifft, die etwas verändern wollen, so sind dort zwei Modellierungen wesentlich. Während die eine a priori darüber räsoniert, in welchen Strukturen sie dieses tun will,  macht die andere sich in erster Linie darüber Gedanken, um welche Themen es geht, wie ein Standpunkt entwickelt werden kann und welche Diskurse dazu notwendig sind. Insofern handelt es sich auch hier, wie immer und überall um den Klassiker, wo der Schwerpunkt liegt. In der Struktur oder im Programm?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Klarheit im Kopf die Voraussetzung für eine wirksame politische Partizipation ist. Da ist es zunächst unerheblich, in welcher Form das geschieht. letzteres wird dann zur Frage, wenn es darum geht, gute politische Ideen zu materialisieren. Gerade bei dieser Frage jetzt in Hektik zu geraten ist ein Verhalten, das jedem Apparatschik auf den Leib geschnitten ist und jedem von ihnen freisteht, jedoch die Relevanz liegt derzeit woanders. Es sind Aufgaben, die relativ einfach formuliert, aber dennoch schwer zu erfüllen sind. Worum geht es? Was sind die wichtigsten Herausforderungen? Wie sehen Lösungsmöglichkeiten aus? Und dann, ja dann, kommt da Was tun? 

Die intelligenteste Form ist jedoch die, etwas zu tun, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, und zwar über Programm wie Struktur.

Erst Reichtum, dann Krieg!

Es ist ein altes Phänomen, das in einer wunderbaren sprachlichen Umschreibung zum Ausdruck gebracht wird: da sind die Augen größer als der Magen. Schöner als mit dieser Metapher kann die Gier nicht beschrieben werden. Da existiert der Wunsch, etwas zu besitzen, zu haben, oder sich einzuverleiben, und die eigenen Ressourcen reichen gar nicht aus, um den neuen Besitz angemessen zu verwerten. Wenn die Augen gierig sind, der Magen jedoch die Dosis der Beute gar nicht verarbeiten kann, dann erwartet den Organismus des Besitzergreifenden ein gehöriges Desaster. Ihm wird schlecht, er muss speien, oder was auch sonst. So einfach diese Wirkungskette auch beschrieben ist, so bekannt das Ausmaß der Verheerung, dennoch schützt diese Kenntnis anscheinend nicht davor, in die Falle zu tappen und sich mehr zu wünschen, als man verkraften kann.

Nun lässt sich sehr darüber spekulieren, welche Mechanismen wirken, sodass das Gehirn samt Ratio ausgeschaltet wird, bevor sich der Schlund öffnet und die Beute versucht wird zu verinnerlichen. Vielleicht ist es natürlich, dass ganz normaler Hunger überbewertet wird. Wenn jedoch der Hunger bei dem eigentlichen Prozess keine Rolle spielt, weil die wichtigsten Bedürfnisse bereits befriedigt sind, dann stellt sich wirklich die Frage, was es ist, das nach immer mehr, immer größer und immer schneller schreit?

Vielleicht liegt die Antwort in einem Konsens, der der Art und Weise des Wirtschaftens entspringt und davon ausgeht, dass Rentabilität, Auskommen und Bedürfnisbefriedigung nur durch das Prinzip des stetigen Wachstums zu gewährleisten sind. Wachstum schafft Waren, Waren bringen Geld, Geld wird investiert zur Herstellung neuer Waren. Gleichzeitig werden Bedürfnisse befriedigt, neue geweckt. Letztendlich, wenn das ganze System an seine Grenzen stößt, d.h. wenn die Produktion immens ist, aber niemand mehr etwas kauft, dann setzt das Ganze zu seiner Selbsterhaltung zu einem Vernichtungsfeldzug an, der alles dem Erdboden gleich macht. Warum? Damit die Spirale des Wachstums erneut ins Leben treten kann und das Spiel von neuem beginnt. Fait votre Jeux! Erst Reichtum, dann Krieg.

Wäre der Gattung des Homo sapiens nicht in der mehrhundertjährigen Geschichte der Warenproduktion das Muster des stetigen Wachstums beigebracht worden, dann hätte sich ein anderes Wirtschaftssystem etablieren müssen. Das Unschöne an der menschlichen Existenz in diesem Zusammenhang ist seine Fähigkeit, mehr Werte schaffen zu können, als derer es bedarf, um seine eigene Erhaltung der Produktivität zu gewährleisten. Und wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, neben der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse auch noch Gewinne zu machen, der muss nicht mehr lange warten, bis die Augen größer sind, als der Magen es verträgt.

Der Grad einer Zivilisation lässt sich auf verschiedene Weise beschreiben. Ein breiter Konsens derer, die sich mit einer solchen Aufgabe befassen, setzt die Reife einer Gesellschaft gleich mit zwei Gewährleistungen: erstens sollte es einem Großteil, wenn nicht allen Gliedern der Gesellschaft gelingen, die wichtigsten materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Und zweitens sollte es einem Großteil oder allen darum gehen, dass Dasein und die Zukunft in schönen Formen zu reflektieren.

Anhand dieser Beschreibungsversuche zivilisatorischer Reife lässt sich bemessen, was das Phänomen der übergroßen Augen zum Ausdruck bringt. Eine Gesellschaft, die sich zunehmend und exklusiv auf die Gier reduzieren lässt, ist der weitest mögliche Punkt, den sich eine gediegene Zivilisation vorstellen kann.