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Die Angst geht um

Die Angst geht um. Die Angst vor dem eigenen Versagen. Die Angst, von der sich immer schneller drehenden Welt überrollt zu werden. Die Angst vor dem Ruin. Die Angst, alleine dazustehen. Und das Eigenartige ist, dass in dem Land, in dem das alles sehr ausgeprägt ist, niemand darüber spricht. Oder zu sprechen gelernt hat. Denn wer sich zu seinen Ängsten bekennt, der bricht ein eisernes Tabu. Wer Angst hat, der hat auch versagt. Das ist paradox, aber dort, wo die Geburt dessen ist, was in der internationalen Literatur „the German Angst“ genannt wird, gehört es zu den kollektiven Leugnungsritualen, sich von jeglicher Form von Angst freizusprechen. Das ist nicht nur paradox, es ist auch irrational. Doch zu erwarten, dass ein emotionales Phänomen wie die Angst mit Rationalität antwortet, wäre auch etwas viel verlangt.

Es ist zu berücksichtigen, dass die Generationen etwas trennt. Diejenigen, die durch den Krieg direkt oder durch diejenigen, die ihn erlebt haben, sozialisiert wurden, stehen noch in der Tradition der muskulär maskulinen Tabuisierung von Angst. Angst im Krieg darfst du nicht haben, sonst stehst du womöglich vor der eigenen Wand. Wer Angst zugab, war ein schwaches Glied im Kriegsrausch, der musste weg. Doch die nachfolgende Generation tut sich nicht schwer mit dem Bekenntnis, von dem Phänomen Angst geprägt zu werden. Sie muss nur gefragt werden. 

Wer von denen, die mit dem Tabu behaftet sind, soll die Jüngeren nach ihren Ängsten fragen? Es scheint wie ein Ding der Unmöglichkeit, dieses Rätsel zu lösen. Denn nur wer mit Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit an die Frage geht, erwirbt die Legitimation, mit anderen darüber zu sprechen. Wagen wir also den Sprung, haben wir Mut zur Angst. Der Prozess kann vieles lösen, denn er dechiffriert die Verhältnisse, die sich hinter den bedrohlichen Szenarien verbergen. Wer das Licht nicht anzündet, bleibt im Reich der rätselhaften Konturen.

Man spricht nicht mehr von einer Betrachtung zweiter Ordnung, sondern von der Helikopterperspektive. Macht nichts. Wichtig ist, dass wir lernen, das uns bewegende Phänomen und von oben zu betrachten. Dann sind wir nur noch Akteure in einem Brettspiel. Und wir lernen, wie die Welt funktioniert. Dann wissen wir, wie Wirtschaft mit dem zusammenhängt, was uns bedrückt. Mit globalisierten Produktionsketten, mit Preisen für Arbeitskräfte, mit der Konkurrenz von Qualität, mit den Kosten für das Gemeinwesen. Und wir lernen, dass wir in einem Staat leben, der sich vor langer Zeit für einen Weg entscheiden musste, der dieser Betrachtung nicht unbedingt entsprach. Und wir lernen, dass jetzt die Zeit gekommen ist, wo die Sicherheiten der Vergangenheit revidiert werden. Und wir wissen nicht, was wird, es sei denn, wir machen etwas, dass diese Politik aufhält.

Oder wir sehen, dass viele Menschen auf der Welt in Bewegung gekommen sind. Durch Kriege, die sie nicht wollten, durch die Vernichtung ihrer Ökosysteme, durch den Raub ihrer Ressourcen. Millionen und Abermillionen Menschen wollen sich retten. Es treibt sie auch an unsere Grenzen und viele fürchten, sie kämen alle vor die eigene Tür und raubten mit ihren Ansprüchen die letzten eigenen Gewissheiten. Auch diese Ängste können überwunden werden, wenn wir uns entscheiden, diese Art der desaströsen Politik zu ändern.

Nur zwei Beispiele, die zeigen, woher die durch Ängste beeinflusste Erosion des politischen Systems kommt. Sprechen wir über die Ängste, und sprechen wir über ihre Quellen. Das ist mutig. Das ist die Courage, die notwendig ist, um sich in Politik einzumischen.

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Feinde ringsum

Die Situation ist so neu nicht. Da ist jemand, dem gefällt das Zusammenleben mit einem Partner nicht. Egal wo, in einer Beziehung, im Geschäftsleben, in einer Organisation. Seit langem stören ihn gewisse Positionen, die die andere Seite vertritt oder auch Handlungsweisen, die das Gegenüber schon seit langem pflegt. Der kritische Partner hat es moniert. Nicht einmal, nein gefühlte tausendmal. Und es bleibt alles so, wie es ist. Und irgendwann geht es dann nicht mehr. Das Fatale ist, dass in dieser Phase das Abwägen nicht mehr stattfindet. Die Frage, ob die kritisierten Positionen oder Handlungen ärgerliche Details sind, oder ob sie so gravierend sind, dass sie alle anderen Vorteile der Verbundenheit überwiegen. Nein, irgendwann überstrahlt der Dissens alles. Und dann sagt die unzufriedene Partei, dass es Zeit für den Bruch ist. Und dann ist es so, wie es ist.

Wir alle kennen das. Nicht immer folgt der Ankündigung die notwendige Konsequenz. Wenn der Bruch, der viel beschworene, nicht vollzogen wird, dann wird aus dem unzufriedenen Partner, je länger das alles dauert, irgendwann ein Nörgler, und dauert es noch länger, ein hysterischer Nörgler. Und dann verschwindet alles, was an der Kritik auch einmal richtig und treffend gewesen sein mag. Dann erschienen dort nur noch die inkonsequenten Akteure, deren Motive zweifelhaft erscheinen, weil sie nicht zu dem stehen, was sie angekündigt haben. Und alle, die den Prozess des Kleinmutes beobachten, fangen wieder da an zu suchen, wo alles begonnen hat. Sie betrachten noch einmal den Anlass der Kritik und wägen ab, ob das ganze Theater, als das sie die angekündigte und nicht vollzogene Trennung nun betrachten, ob dieses ganze Theater noch in irgend einem Beziehungszusammenhang mit dem Kritisierten steht. Und meistens wenden sie sich, durchaus vernünftig, kopfschüttelnd ab.

Und das macht diejenigen, die für die Trennung plädierten, nur noch verzweifelter und wilder. Sie machen, was in unserer schönen Sprache so treffend bezeichnet wird, aus jeder Mücke einen Elefanten. Und dann beginnt ihre Talfahrt. Sie werden immer irrer, sie werden immer unverhältnismäßiger, sie feinden sich mit Gruppierungen an, die neutral sind oder ihnen sogar einmal zugeneigt waren. Tobend und brüllend rennen sie durch die Flure und ihre Devise scheint zu sein: Feinde ringsum!

Was bleibt dem Partner, um den es ursprünglich ging? Was kann er oder sie machen, wenn aus einer ehemaligen Allianz eine geifernde Hysterie geworden ist? Dieser Partner ist gut beraten, wenn er so schnell wie möglich das Bündnis für beendigt erklärt und seiner Wege geht. Denn egal, was er noch machen wird im Dialog mit dem Verwirrten, es wird ihm von diesem ausgelegt werden als ein hinterhältiges Manöver, als Betrug, als typisches, ekelhaftes Verhalten. Das ist traurig, aber es ist wahr.

In Zeiten, in denen sich vieles ständig ändert, sind solche Zerwürfnisse häufiger als in Zeiten relativer Ruhe. In Zeiten, in denen es darauf ankommt, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen und viele Herausforderungen bereits zu antizipieren, ist historische Kenntnis von großem Vorteil. Allerdings ist rückwärts gewandtes Gezeter, in dem es um Rahmenbedingungen geht, die längst nicht mehr gelten, allzu oft tödlich. Darauf sollte sich niemand einlassen, der selbst überleben will. Und diejenigen, die sich verrannt haben, sollten die Freiheit genießen, ihre eignen Wege zu gehen. Konsequent!

Von der Umkehrung aller Werte

Fortschritt, so der kluge Bertold Brecht, bedeutet Fortschreiten, und nicht fortgeschritten sein. Besser kann das Spannungsverhältnis von der Notwendigkeit ständiger Veränderung und der Sehnsucht nach Konservierung des Erfolgs nicht beschrieben werden. Das Problem ist vielschichtig. Es handelt sich einerseits um den energetischen Aufwand, der mit dem Fortschreiten verbunden ist und der Sehnsucht nach Rast, sobald ein großes Ziel erreicht ist. Dann, wenn das Bedürfnis nach Ruhe im Vordergrund steht, wirken genau die Kräfte, die auf erneute Veränderung aus sind, als Störenfriede.

Ein weiteres Hindernis für die erneute Anstrengung ist die Überzeugung, etwas gefunden zu haben, das den Erfolg garantiert. Es ist die Fata Morgana einer Patent-Lösung. Letzteres ist bekanntlich eine Illusion und dennoch spricht vieles für die Erfahrung, die aus dem Satz „never change a winning team“ spricht. Dass gerade die Umkehrung aller Werte, wie Nietzsche es nannte, die Grundlage für ein neues Projekt sind, überzeugt jene nicht, die erfolgreich waren und sich im Verzehr dieses Erfolges genügen.

Auch in dieser Betrachtung stellt sich wiederum die Frage nach Zeit und Raum, und zwar auf sehr pragmatische Art und Weise. Ist die Zeit vorhanden, um eine neue Geschichte zu schreiben und besteht der Raum, um sie nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten? Wenn dem so ist, dann steht der erneuten Veränderung nichts im Weg. Ist dem allerdings nicht so, dann kann das Beharren auf dem Status Quo sogar ein Akt der Vernunft sein.

Die Überlegung ist existenziell. Sie bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens, sie ist valide beim Umgang mit jeglichem sozialen System und jeglicher Form der Organisation. Die Bewegung, schrieb Friedrich Engels einst, ist die Grundform allen Daseins. Das war kein politischer Slogan, sondern eine Vorüberlegung in seiner Schrift „Dialektik der Natur“. Ob sich aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis etwas an diesem von ihm bemerkten Axiom etwas geändert hat, vermag ich nicht zu sagen. Wichtig scheint mir, dass es sich um ein hervorragendes Kriterium für die Betrachtung von Organisationen handelt.

So wie später die System-Theorie aufdeckte, dass soziale Systeme dazu neigen, Komplexität zu reduzieren und sich durch Sub-Systeme fortzupflanzen, so wie sie zu einer Eigendynamik neigen, die den Zweck bedroht, so kommen sie zum Erliegen, wenn sie sich nicht mehr fortentwickeln. Wenn der Ursprung allen Daseins die Bewegung ist, dann ist folgerichtig das Ende allen Daseins der Stillstand.

Und damit sind wir an dem Punkt, den alle sozialen Systeme durchmachen müssen, um über ihre Zukunftsprognose positiv entscheiden zu können. Existiert bei ihnen ein Programm der Erneuerung, der Umkehrung aller Werte, der Aufkündigung der erfolgreichen Struktur? Ist das Kalkül so geraten, dass das Risiko mit einkalkuliert ist, selbst den erfolgreichen Weg, der unter anderen Umständen beschritten wurde, nun zu verlassen?

Die Anstrengung, etwas Neues zu schaffen und erfolgreich zu sein, darf nicht unterschätzt werden. Diese Anstrengung zu unterlassen, verursacht jedoch einen Schaden, der den Nutzen des Rastens weit übersteigt. Um doch einen Sänger zu Wort kommen zu lassen, sei Wolf Biermann zitiert, der da kundtat, „nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.

Wie wahr. Wie anstrengend. Wie absolut.