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Kevin Großkreuz und der Metaphernwechsel

Das Zeitalter der Heroismus ist längst vergangen. Selbst dort, wo die Metapher von Brot und Spiele noch eine Geltung hatte, im Sport, ist das Barbarische und Martialische passé. Reden wir nicht vom Boxen. Da gab es Zeiten, wo Champions mit einem Tiger im Nachtclub auftauchten oder sich mit einer Pump Gun den Weg durch eine Polizeikontrolle freischossen. Dort wurde auch das berühmte Wort geprägt, dass man einen Boxer zwar aus dem Ghetto holen könne, aber das Ghetto selbst nie den Boxer verlasse.

Die letzte Domäne hierzulande, wo so etwas noch wirksam war, der Fußball, ist längst gestürmt. Vorbei die Zeiten, als Nationalspieler in der Nacht vor einem Spiel besoffen aus dem Taxi fielen und auf der Straße liegen blieben, vorbei die Zeiten, als Spieler mit Rocksängern in einer Spelunke unter den Tischen Schutz suchten, weil eine Schießerei im Gange war. Und vorbei die Zeiten, als ein Spieler alles auf die Sieben setzte und das Geld, das er in seiner Profikarriere verdient hatte, in einer Nacht verlor. Alles, was heute noch zu vernehmen ist, ist Fahren ohne Fahrerlaubnis oder die Verweigerung des Grußes bei der Auswechslung.

Der einzige, der in Deutschland an diese Zeiten erinnern konnte, ist Kevin Großkreuz. Der pinkelte schon einmal ins Foyer eines Berliner Nobelhotels oder er schmiss einem Stänkerer einen Döner ins Genick. Wie die Journale verlauten lassen, hat Großkreuz nichts gelernt. Jetzt, nach einer Tour durch Bordells und Clubs, die mit einer heftigen Schlägerei endete, hat ihn der Zweitligist VFB Stuttgart an die Luft gesetzt. Aufgrund seines schlechten Vorbildes sei eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Noch vor einem halben Jahr, als sich der unvermeidliche Abstieg für diesen Club abzeichnete, hatten die Fans noch skandiert, „außer Kevin könnt ihr alle gehen!“ Hic transit gloria mundi. Ja, Kevin, so schnell kann es gehen.

Kevin Großkreuz, der Junge aus Dortmund Eving, dort, wo die Ruinen des ehemals glorreichen Bergbaus stehen, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Der Spieler aus dem Proletariermilieu, der wegen seiner Schmächtigkeit in die Amateurliga geschickt worden war und doch zurück fand zu seiner geliebten Borussia, mit der er zweimal Meister wurde, ist am Ende seiner Fußballerkarriere angelangt. Und die Fans, die Leute wie ihn so lieben, weil er einer von ihnen ist, sind, wenn es nach den heutigen Monopolisten der Branche geht, genauso obsolet wie die früheren Helden. Aber so ist das Leben. Alles ist vergänglich. Der Fußball und seine Mythen verlassen die Bühne genauso geschlagen wie das einstige Proletariat.

Brot und Spiele hingegen wird es immer geben, Und so ist die Regie nicht untätig gewesen. Je steriler die Arenen des Fußballs und das Geschehen in ihnen wird, weil die Testosteronbomber aus den Unterschichten domestiziert werden, desto mehr verlagert sich der gnadenlose Konkurrenzkampf auf neue Formate. Analog zur restlichen Entwicklung der Gesellschaft sind es nun junge Frauen, die das Spiel zu spielen haben. In Settings wie „Germany´s Next Top Model“ keifen sich unterernährte Megären an und führen einen Zickenkrieg, der nicht zivilisierter ist als die Eskapaden, wie sie von Fußballern bekannt sind. Wer das glaubt, der sollte seinen Zivilisationsbegriff noch einmal kritisch überprüfen. Ja, der Metaphernwechsel ist in vollem Gange, und Kevin Großkreuz ist ein prominentes Opfer.

Dortmunder Gewalt und so genannte Flachzangen

Manchmal ist es sehr einfach, sich eine Meinung zu bilden. Da liegen die Verhältnisse offen und es muss nicht lange recherchiert werden, um zu dem Urteil zu kommen, dass da etwas gehörig falsch gelaufen ist. So geschehen anlässlich des letzten Bundesliga-Heimspiels von Borussia Dortmund gegen Red Bull Leipzig. Da hatten Anhänger der Dortmunder solche von Leipzig gewaltsam angegriffen und einige davon verletzt. Das ist nicht in Ordnung, wie es nie in Ordnung ist. Es steht so im Gesetz und das Gesetz hat seinen Sinn. Punkt.

Festzustellen, dass ordnungswidrig und damit inakzeptabel gehandelt wurde, ist das eine. Darüber hinaus die Delinquenten gesellschaftlich jenseits der zu erwartenden gesetzlichen Strafen kollektiv zu marginalisieren und sogar den gesamten Verein in Haftung zu nehmen, das entspricht nicht dem Willen des Gesetzes. Es deutet darauf hin, dass diejenigen, die sich jetzt im Recht wähnen, nicht identisch mit jenen sind, die für das Recht stehen.

Borussia gegen Red Bull. Der alte Name Preußens, der aus der Zeit stammt, als sich Preußen die westfälischen Kohlegruben einverleibte, gegen eine Kopie der in Südostasien verbreiteten Stimulationsbrause Krating Deng. Wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, der kann bereits durch die Gegenüberstellung dieser beiden Namen vermuten, dass es bei der Aggression, die vor dem Spiel zum Vorschein kam, nicht um Fußball ging. Es ging um Geschichte, genauer gesagt um den Tod des Ruhrgebiets, die Globalisierung und die subventionierte Wiedergeburt Leipzigs als wirtschaftsliberale Ost-Metropole. Ob das die Schläger so im Kopf hatten? Ich glaube es nicht, aber sie hatten es im Bauch.

Dortmund gehört zu jenen Städten, durch die vor vierzig Jahren der Leibhaftige geschritten ist und alles zerstört hat, was den Menschen dort Arbeit und Würde gab. Quasi über Nacht verlor die Stadt achtzigtausend Arbeitsplätze. Es war dahin mit der Identität, es war dahin mit einem auskömmlichen Leben. Der Fußball war das einzige Feld, auf dem die Selbstachtung weiter leben konnte. Heute hat sich Dortmund durch ungeheure Anstrengungen einigermaßen erholt. Doch die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel wird bleiben. 

Fragt man die Leute dort, so hat die erste Phase der Globalisierung für das Ende von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet gesorgt. Die Globalisierung wiederum ermöglichte es Menschen wie dem „Erfinder“ von Red Bull, ungeheure Vermögen anzuhäufen und alles machen zu können, wonach ihnen der Sinn steht. Es bezieht sich auf die Frage, wo man Steuern zahlt, wem man die Revenuen zukommen lässt, die das Unzählbare erreicht haben und wo man gedenkt, etwas aus dem Boden zu stampfen. Dessen eingedenk ist es keine Überraschung mehr, dass auch der Fußballverein Red Bull Leipzig zu einem Symbol des unanständigen Reichtums und der willkürlichen Entscheidung geworden ist. Vor allem aus der Perspektive jener, die da ausgeflippt und gewalttätig geworden sind.

Jogi Löw, der Bundestrainer, der als Schwarzwälder weit weg ist vom brutalen Takt der weltumspannenden Beschleunigung, sprach davon, dass solche Leute nichts im Fußball zu suchen hätten. Und Mehmet Scholl, der in München residiert, nannte die Gewalttäter Flachzangen. Ich tue mich schwer mit solchen Aussagen, weil sie davon ablenken, dass es eine Form der Geschichte gibt, die Menschen zu dem machen, was sie sind. Ja, sie müssen dennoch das verantworten, was sie tun. Keine Frage. Aber so zu tun, als gäbe es keine Ursachen für die Gewalt, als läge es exklusiv an der Degenerierung der Delinquenten, das ist ganz ausgewachsenes Flachzangentum. Historisch gesehen, versteht sich.

 

Wikileaks, Panama Papers, Football Leaks

Wie hieß es noch in der Theorie der Avantgarde? Ein neuer, revolutionärer Impuls erscheint, er sorgt für mächtig Unruhe, ja sogar Schockzustände und das Publikum ist entrüstet. Es werden Fragen aufgeworfen, die unter normalen Umständen nicht gestellt werden und alle Beteiligten haben das Gefühl sich in einem Zustand zu befinden, aus dem heraus sich vieles ändern wird.

Doch allmählich, von Impuls zu Impuls ist festzustellen, dass sich das Verwertungssystem das ganze Setting zueigen gemacht hat und wir es mit einem ganz gewöhnlichen Produkt zu tun haben, das auf dem Markte zum Erwerb angeboten wird, ohne dass irgend jemand noch befürchten muss, durch den Konsum die Revolution auszulösen. Dada hat es in die Museen geschafft, Punk ist heute in Boutiquen zu erwerben, heiße Stühle sind zu billigem TV-Voyeurismus verkommen und Volksabstimmungen nicht selten das Ventil niederer Triebe. Der Schock und die Enthüllung, so muss folgerichtig formuliert werden, beide sind im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zu kleinen Karnevalsknallern im großen Warenregal der medialen Angebote verkommen.

Wikileaks und Edward Snowden haben für einen kurzen Augenblick einen großen Teil der Öffentlichkeit daran glauben lassen, dass geheim gehaltene Erkenntnisse über diskrete wie dubiose Aktionen von Staaten und deren Diensten zu einer Aufklärung führen, die politische Konsequenzen hat. Betrachtet man es genauer, so handelte es sich um eine Fehlannahme. Die bittere Erkenntnis, die sich dahinter verbirgt, ist zwar auch nicht neu, aber sie zerstört gerade frisch erzeugte Illusionen: die Macht kommt aus den Läufen der Gewehre und wer sie hat, den schert die Wahrheit nicht, und wer sie nicht hat, der kann auch keinen stürzen, der sie hat.

Diese Erkenntnis soll nicht diejenigen entmutigen, die sich unter schwierigen, zum Teil lebensbedrohlichen Bedingungen in dieser von seichten Informationen vollgesauten Welt daran machen, die Wahrheit ans Licht zu zerren. Nur, mit ihr allein wird es nicht getan sein und wir sollten sehr darauf achten, ob bei dem Verkauf der Wahrheit, die unter so schwierigen Bedingungen geborgen wurde, nicht wieder ideologisch-propagandistische Botschaften gesendet werden, die die Wahrheit selbst in hohem Maße schänden. Denn darin ist die Branche sehr geübt.

Wikileaks ging noch relativ ruhig und unkontaminiert über die Bühne. Bei den Panama Papers, die angekündigt wurden als seien alle wirtschaftskriminellen Handlungen dieser Welt enthüllt, ist es sehr schnell sehr schweigsam geworden. Das Einzige, was sofort klar zu sein schien, war, dass Russlands Präsident Putin ein schlimmer Finger sei, der sich persönlich bereichere. Das blieb hängen, im Nachhinein wirkt es, als sei in Germanistan alles clean. Wie sollte es auch anders sein?

Nun wird mit großem Donner ein Football Leaks angekündigt, auf deutscher Seite ausgerechnet vom Spiegel, der es in Windeseile ins Inquisitorenlager geschafft hat. Und bereits die ersten Überschriften zeigen, in welche Richtung die Enthüllungsreise geht. Natürlich ist Christiano Ronaldo dabei, den die Deutschen angeblich sowieso nicht mögen und der Türke aus dem Ruhrgebiet, Mesut Özil, der unter den in der Nationalmannschaft fein Integrierten immer der war, der nicht so recht dazu passte. Man muss kein Prophet sein, um zu der Einsicht zu kommen, dass bestimmte deutsche Vereine, deren Führungspersonal gewaltig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, nicht auf den Prangerlisten auftauchen werden. Dafür aber alle, gegen die sich Ressentiments mobilisieren lassen. Die Inquisition geht auf den Markt, und verkauft wird nicht die Wahrheit, sondern die Diffamierung.