Archiv der Kategorie: football

Ein neuer Airbus für Paris Saint Germain

Ein Airbus A 330 – 200 wird momentan mit 229 Millionen Euro gelistet. In diese Kategorie fällt der bekannt gewordene Transfer des brasilianischen Stürmers Neymar vom CF Barcelona zu Paris Saint Germain. Netto! Der Aufschrei in der Branche ist groß, handelt es sich doch um die Mehr-als-Verdopplung des legendären Ronaldo- oder Baile-Transfers zu Real Madrid vor einigen Jahren. In Anbetracht dessen, dass ich selbst als Schüler noch einen dialektischen Besinnungsaufsatz zu schreiben hatte, in dem die Frage gestellt wurde, ob Bandenwerbung in Fußballstadien den Sport ruiniere, kann ich nur sagen: Wie die Zeit vergeht! Alle, die selbst aus der Branche sind, d.h. ihre Geschäfte führen, dürfen sich nicht beklagen, denn sie haben das Geschäft erst so richtig zum Florieren gebracht. Ein Uli Hoeneß, der jetzt die Anklage gegen diesen „Wahnsinn“ führt, hat das System kreiert, in dem es immer darum ging, sich Produzenten für guten Fußball zu sichern und die Konkurrenz einfach tot zu bieten. In seiner Provinz konnte er die Konkurrenz mit dem Geldsack erschlagen. Und solange das so war, hatte er nichts zu bemängeln.

Meine These war immer, dass der Fußball, und zwar auf dem Platz wie im Geschäft, deshalb die Massen so begeistert, weil er das „richtige“ Leben widerspiegelt wie keine andere Branche. Das bezieht sich auf die Produktionsweise, d.h. wie auf dem Platz agiert wird genauso wie in den Besitzverhältnissen, d.h. wem der Verein gehört und wie er zu seiner Kapitalisierung kommt. Beides hat längst ein neues Stadium erreicht: Die Spielweise ist längst nicht mehr die strikt arbeitsteilige der Industrieproduktion, sondern eine multi-funktional-temporäre, wie zunehmend im projektbezogenen Arbeitsleben selbst. Und die Besitzverhältnisse entsprechen zunehmend der Welt des globalisierten Finanzkapitalismus: Irgendwelche narzisstischen Couponschneider von wo auch immer kaufen sich in Branchen ein, von denen sie keinen Schimmer haben, wo sie aber hohe Renditen erwarten und wo sie den Glanz der Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Die alten Zeiten im Fußball sind vorbei. Längst. Wer heute noch die Attribute der Gründungsromantik bemüht, bewegt sich in einer nostalgischen Traumwelt. Zunehmend werden die Akteure zu Leihobjekten von Spekulanten, weil der Erwerbspreis nur noch von den wenigsten auf dem Markt zu entrichten ist. Die Clubs der Gegenwart leasen sich die Aussicht auf Erfolg. So wie im richtigen Leben. So wie sich sowohl die USA als auch Großbritannien von der eigenen Wertschöpfung radikal entfernt haben. So wie dort die nicht zur Spekulation fähigen Klassen den Bach heruntergehen. So wie klar ist, dass nur noch eine große Vernichtungswelle die Chance auf einen Neuanfang bietet.

Es wird abzuwarten sein, ob das Spiel so weitergeht, weil das Agieren auf dem Platz immer noch die Massen fasziniert, oder ob das Widerwärtige der Spekulation so stark empfunden wird, dass noch so artistische, schnelle wie technisch brillante Aktionen auf dem Platz den Ekel nicht mehr kompensieren können. Ausgang offen. Wie im richtigen Leben. Diese Funktion behält der Fußball, auch wenn die Deutung keinen Spaß mehr macht. Auch wie im richtigen Leben. Aber ob Paris Saint Germain jetzt einen neuen Airbus bekommt oder nicht, wen interessiert das noch?

Ach ja, die Spekulanten.

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Ruhrpott, Gerhard Mersmann

In kaum einer Region Europas wurde so im Dreck gewühlt. Der große Bedarf an Energie bei dem gewaltigen und gewalttätigen Projekt des industriellen Kapitalismus hatte im Kohlenpott eine Heimstätte gefunden. Was an Energievorkommen unter der Erde lag, musste geborgen werden. Hunderttausende Migranten wurden aus Zügen ausgeladen und unter die Erde gejagt. Die Kohle, die gefördert wurde, befeuerte sofort die Stahlwerke, die gleich nebenan aus der Erde schossen. Eine wilde Menschenmischung aus Westfalen, Polen, Ostpreußen, Spaniern, Italienern und später vom Balkan und aus der Türkei fuhr ein, wie es heißt, um teils tiefer als tausend Meter unter der Erde, bei kochender Hitze und tödlichem Steinstaub den Grundstein zu legen für die Zivilisation, die auf Wertproduktion und Export basierte. Nicht umsonst entlehnten die Bewohner dieses gewaltigen Molochs einen französischen Terminus, den die napoleonische Armee im Gedächtnis hinterlassen hatte, um das alles zu bezeichnen. Der Pütt, abgeleitet von Putaine, der Hure, was zeigt, dass die Poesie dort, wo alles immer gleich mit Menschenleben bezahlt werden musste, notwendigerweise zum Derben neigt.

So wie die Liebe im Pott eher als ein Geschäft gesehen wird, so ist der höchste Wert in der zwischenmenschlichen Beziehung bis heute der der Verlässlichkeit. Das resultiert aus dem Ur-Erlebnis unter Tage, wo es nicht auf Zuneigung, sondern Verlass ankommt. Das ist es, woran bis heute alles gemessen wird. Du kannst machen, was du willst, du kannst sein, wie du willst, keiner muss dich lieben, aber wenn man sich auf dich verlassen kann, dann ist das in Ordnung so und du gehörst dazu. Bist du ein unsicherer Kantonist hingegen, dann bist du draußen, da hilft dir kein Charme und keine Begabung. Wer das nicht weiß, der wird die Seele des Ruhrpotts nie begreifen.

Denn der Ruhrpott, dieser großartige Moloch, den nur die lieben können, die seinen Dreck gefressen und seinen Schweiß gerochen haben, den gibt es in dieser Form gar nicht mehr. Er ist Geschichte, die nur noch auflebt in der Erinnerung und bei den Fußballspielen, die bis heute die Welt erleuchten wie früher nachts die Kokereien. So reich und mächtig diese Region einst war, so brutal wurde sie in die Knie gezwungen. Der so genannte Strukturwandel hat mehr menschliche Existenzen auf dem Gewissen als die brutalen Klassenkämpfe der zwanziger Jahre und die Verheerungen des großen Krieges. Die früheren Zechen sind heute Museen und manches Stahlwerk ist heute ein High-Tech- oder Kulturtempel. Dafür steht in Dortmund das wohl geilste Fußballstadion der Welt, was am Publikum liegt, dafür hat Schalke eine eigene Kapelle und einen eigenen Friedhof und einen Stan-Libuda-Ring. Und in Essen lag schon Siegfried, der deutsche Mythos schlechthin, in den Armen einer Schönen.

Und dennoch, auch wenn die harten Formen des Seins längst verblichen sind, bleibt das kollektive Gedächtnis und eine Mentalität, die stärker ist als die materielle Konkretisierung des Seins. Die Mentalität des Ruhrpotts existiert noch und sie scheint ein Modell zu sein, dass der Unterwerfung auch zukünftig trotzt. Da ist das Lakonische, das Laisser-faire, da ist die Toleranz und die Zuverlässigkeit und da ist der Humor, der jeder Macht spielerisch die Stirn bietet. Den Ruhrpott, den hast du im Blut, wenn dich dort deine Mutter zur Brust nahm, egal, woher sie auch kam, denn das spielt dort keine Rolle.

Ruhrpott. Von Hartwig Maly

Eine Woche lang habe es auf mich einwirken lassen. Wie Sauerkraut in den grauen Steinbottichen meiner Mutter, im kühlen Keller, fing die Erinnerung an zu gären. Geburtsort Bodelschwingh nahe Castrop-Rauxel. Eine kleine, behütete Welt nahe Schloss Bodelschwingh im Renaissancestil mit englischem Landschaftspark, im Besitz derer von Knyphausen, alter friesischer Uradel. Große weich geschwungene, wie in die Landschaft gepinselte Felder und Wälder, typisch westfälisch, Fuchsschwanzjagd, Gulaschkanone im Herbst. Zeche Westhausen, Kokerei, Bergarbeitersiedlung, weiße Wäsche, die draußen auf der Leine schon nach kurzer Zeit grau wurde. Grau-schwarze Fassaden, Schrebergärten, der erste Tomatensalat Ende der Fünfziger. Im Innenhof gepölt. Angefeuert von Kraschewskis, Wojschinkis und Szaszaks und dem einen oder anderen aus Ostpreußen vertriebenen Hugenotten.

Großvater Bergmann, aus dem heute polnischen Wartheland, südlich von Danzig, Vater Bergmann. Mein Lebensweg schien vorbestimmt. Ein Blick auf die Lebenslinie meines Vaters und auf meine, um zu verstehen wie Willi Brand meinen Blick und den vieler Arbeiterkinder auch auf den Ruhrpott zu verändern half. Mein Vater, Jahrgang 1914. Mit 14 Bergmann geworden. Das ´Ius primae noctis´ auch im Bergbau noch nicht lange Vergangenheit. Kohle wurde noch mit Spitzhacken abgebaut. Pferde transportierten die Kohle unter Tage zu den Körben, um zu Tage gebracht zu werden. Knochenarbeit. Kriegsbeginn 1939, Ostfront. Dazwischen Kriegsverletzung, Lazarett, verliebt in eine Pflegerin. Alter Stadtadel seit dem 13. Jahrhundert aus der südbadischen Stadt Waldshut, derer von Hildenbrandt. BDM. Stalingrad. Überlebt. Kriegsgefangenschaft in Tiflis. Zu Fuß über 1.000 Kilometer. Im Winter. Überlebt. Tuberkulose, Leberzirrhose und vieles mehr beim Ausbau der georgischen Hauptstadt. Überlebt. 11 Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft. Unglaublich aber überlebt. Dann wieder Kohle abbauen mit Presslufthammer. Sein Blick auf den Ruhrpott. Meist unterirdisch. Dazwischen der eigene Schrebergarten und Sonntag vormittags Bier und Korn bis zum Mittagessen mit der Familie. Rente mit 52. Steinstaublunge und Tod mit 67.
Ich 1952. Mein Ruhrgebiet bestand aus einer kleinen Bergarbeitersiedlung, einem nahen Bach, Wäldern in denen wir spielten, Heuschober, in denen wir aus vielen Metern Höhe ins Stroh sprangen. Natürlich nicht erlaubt. Realschule wenige Kilometer entfernt. Zugangstest. Arbeiterkinder waren nicht unbedingt erwünscht. Mein Deutschlehrer ließ mich das immer wieder spüren. Auch heute noch ohne erkennbaren Schaden in meinem Selbstbewusstsein. Welche Parallaxenverschiebung, als ich ihn zum 25jährigen Jubiläum unserer Abschlussklasse wiedersah. Aus dem gefürchteten Lehrer von einst wurde ein nicht unsympathischer intellektuell eher unauffälliger älterer Herr. Phantastische Deutsch- und Geschichtslehrer in der Realschule und auf dem darauf folgenden Gymnasium folgten. Mein Ruhrgebiet wurde schon etwas größer. Um die Innenstadt Dortmunds wegen meines Gymnasiums, um das Stadion Rote Erde wegen meines Leichtathletikvereins. Aus unerklärlichen Gründen die Mao Bibel ständig in der Schultasche. Erste Blicke über den Ruhrpott hinaus. Besichtigung der Ruhr-Uni in Bochum mit Freunden aus der Oberprima in 1972. Alle wollten Germanistik und Geschichte studieren. Auch ich. Ohne, aus der heutigen Erinnerung, nachvollziehbaren Grund fand ich mich im Studium der Chemie in Dortmund wieder. Geschafft trotz unterirdischer Abiturnote. Ich vermute, weil ich schon seit meiner Kindheit gerne, meist erfolglos, Raketen gebaut habe und ich mir mit 12 Jahren im holländischen Ferienlager des CVJM mit Faszination im Mentor- Repetitorium ´Organische Chemie´ die Struktur von Methan angesehen hatte. Während der Diplom- und Doktorarbeit in Chemie parallel Physikstudium. Eher ein Wissenschaftskloster. 12 Stunden am Tag Labor und Vorlesung. Verheiratet eher mit den Naturwissenschaften. Die Ehe nach sieben Jahren geschieden. 10 Jahre Liebe zur Naturwissenschaft. Mit 32 Jahren bereit für den Arbeitsmarkt als theoretischer Chemiker, der sich fast fünf Jahre damit beschäftigt hatte wie Ramanstrahlung mit organischen Molekülen flüsterte, um ihnen strukturelle Geheimnisse zu entlocken. Fünf Jahre Quantenmechanik. Papier, Bleistifte, Lochkarten, mal längere, meist kürzere, oft fehlerhafte Listings im Rechenzentrum. IBM Jobcontrol. Mein Bild des Ruhrpotts noch nicht größer geworden. Heute ist es mir fast peinlich. Ich war damals auch noch Herta BSC Anhänger. Nach dem Studium sechs Monate Jobsuche zwischen Köln und Dortmund. Mein Bild des Ruhrpotts wurde größer. Hohe Arbeitslosenquoten. Kein Bedarf an Theoretikern. Angebote aus einer Stadt im Süden, deren Name mir wohl, aber deren Standort überhaupt nicht bekannt war. Mannheim. In der Nähe Münchens? Ich begann in einem familiengeführten Pharmaunternehmen stattlicher Größe – 10.000 Mitarbeiter, 5 Milliarden Umsatz als bis dahin ´Missing Link´ zwischen der zentralen Informatik und der Pharmaforschung. Ich beherrschte beider Sprachen und sollte beide Bereiche einander näher bringen. Mein Blick auf den Pott weitete sich mit zunehmendem Abstand. Wie auf einer Weltkarte verschmolzen Städte wie Dortmund, Hamm, Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg zum Ruhrpott. Je mehr ich international unterwegs war, desto eher entdeckte ich meine Heimat Ruhrpott. Diese Ansammlung vieler kleiner Dörfer, die großzügig wie zufällig gestreut angeordnet schienen, um meist alte Stadtkerne. Eine Heimat von der Größe Istanbuls, die nach dem Niedergang von Kohle und Stahl in den 60er und 70er Jahren sich träge anschickte wie ein Phoenix aus der Asche hoher Arbeitslosenzahlen aufzusteigen, um eine neue Identität zu finden. Industrieruinen entlang der Ruhr verzaubert durch Kulturprojekte. Industriekultur. Von Christos „The Wall“ 1999, 13.000 aufeinander gestapelten Ölfässern in sieben Farben über Kulturhauptstadt Europas in 2010 zu Christos „Big Air Package“ im Oberhausener Gasometer im März 2014. Eine fast untypische, spielerische Liaison zwischen Kohle, Stahl, Kultur entlang den ab der Stahl- und Kohlekrise wenigen Konstanten im Pott, hoher Arbeitslosigkeit, notorisch überfüllter B1, der zentralen Verkehrsachse, der inzwischen idyllischen Ruhr und einer unglaublichen Dichte hochklassiger Fussballclubs mit hoher emotionaler Volatilität. Natürlich bin ich nach einer Phase fußballerischen jugendlichen Irreseins bei meiner echten Fußballliebe BVB 09 gelandet und es fällt mir inzwischen leicht zu sagen. Jawoll, auch in Schalke können die Fußball spielen. Das ist mein Ruhrpott.