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Dortmunder Gewalt und so genannte Flachzangen

Manchmal ist es sehr einfach, sich eine Meinung zu bilden. Da liegen die Verhältnisse offen und es muss nicht lange recherchiert werden, um zu dem Urteil zu kommen, dass da etwas gehörig falsch gelaufen ist. So geschehen anlässlich des letzten Bundesliga-Heimspiels von Borussia Dortmund gegen Red Bull Leipzig. Da hatten Anhänger der Dortmunder solche von Leipzig gewaltsam angegriffen und einige davon verletzt. Das ist nicht in Ordnung, wie es nie in Ordnung ist. Es steht so im Gesetz und das Gesetz hat seinen Sinn. Punkt.

Festzustellen, dass ordnungswidrig und damit inakzeptabel gehandelt wurde, ist das eine. Darüber hinaus die Delinquenten gesellschaftlich jenseits der zu erwartenden gesetzlichen Strafen kollektiv zu marginalisieren und sogar den gesamten Verein in Haftung zu nehmen, das entspricht nicht dem Willen des Gesetzes. Es deutet darauf hin, dass diejenigen, die sich jetzt im Recht wähnen, nicht identisch mit jenen sind, die für das Recht stehen.

Borussia gegen Red Bull. Der alte Name Preußens, der aus der Zeit stammt, als sich Preußen die westfälischen Kohlegruben einverleibte, gegen eine Kopie der in Südostasien verbreiteten Stimulationsbrause Krating Deng. Wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, der kann bereits durch die Gegenüberstellung dieser beiden Namen vermuten, dass es bei der Aggression, die vor dem Spiel zum Vorschein kam, nicht um Fußball ging. Es ging um Geschichte, genauer gesagt um den Tod des Ruhrgebiets, die Globalisierung und die subventionierte Wiedergeburt Leipzigs als wirtschaftsliberale Ost-Metropole. Ob das die Schläger so im Kopf hatten? Ich glaube es nicht, aber sie hatten es im Bauch.

Dortmund gehört zu jenen Städten, durch die vor vierzig Jahren der Leibhaftige geschritten ist und alles zerstört hat, was den Menschen dort Arbeit und Würde gab. Quasi über Nacht verlor die Stadt achtzigtausend Arbeitsplätze. Es war dahin mit der Identität, es war dahin mit einem auskömmlichen Leben. Der Fußball war das einzige Feld, auf dem die Selbstachtung weiter leben konnte. Heute hat sich Dortmund durch ungeheure Anstrengungen einigermaßen erholt. Doch die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel wird bleiben. 

Fragt man die Leute dort, so hat die erste Phase der Globalisierung für das Ende von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet gesorgt. Die Globalisierung wiederum ermöglichte es Menschen wie dem „Erfinder“ von Red Bull, ungeheure Vermögen anzuhäufen und alles machen zu können, wonach ihnen der Sinn steht. Es bezieht sich auf die Frage, wo man Steuern zahlt, wem man die Revenuen zukommen lässt, die das Unzählbare erreicht haben und wo man gedenkt, etwas aus dem Boden zu stampfen. Dessen eingedenk ist es keine Überraschung mehr, dass auch der Fußballverein Red Bull Leipzig zu einem Symbol des unanständigen Reichtums und der willkürlichen Entscheidung geworden ist. Vor allem aus der Perspektive jener, die da ausgeflippt und gewalttätig geworden sind.

Jogi Löw, der Bundestrainer, der als Schwarzwälder weit weg ist vom brutalen Takt der weltumspannenden Beschleunigung, sprach davon, dass solche Leute nichts im Fußball zu suchen hätten. Und Mehmet Scholl, der in München residiert, nannte die Gewalttäter Flachzangen. Ich tue mich schwer mit solchen Aussagen, weil sie davon ablenken, dass es eine Form der Geschichte gibt, die Menschen zu dem machen, was sie sind. Ja, sie müssen dennoch das verantworten, was sie tun. Keine Frage. Aber so zu tun, als gäbe es keine Ursachen für die Gewalt, als läge es exklusiv an der Degenerierung der Delinquenten, das ist ganz ausgewachsenes Flachzangentum. Historisch gesehen, versteht sich.

 

Wikileaks, Panama Papers, Football Leaks

Wie hieß es noch in der Theorie der Avantgarde? Ein neuer, revolutionärer Impuls erscheint, er sorgt für mächtig Unruhe, ja sogar Schockzustände und das Publikum ist entrüstet. Es werden Fragen aufgeworfen, die unter normalen Umständen nicht gestellt werden und alle Beteiligten haben das Gefühl sich in einem Zustand zu befinden, aus dem heraus sich vieles ändern wird.

Doch allmählich, von Impuls zu Impuls ist festzustellen, dass sich das Verwertungssystem das ganze Setting zueigen gemacht hat und wir es mit einem ganz gewöhnlichen Produkt zu tun haben, das auf dem Markte zum Erwerb angeboten wird, ohne dass irgend jemand noch befürchten muss, durch den Konsum die Revolution auszulösen. Dada hat es in die Museen geschafft, Punk ist heute in Boutiquen zu erwerben, heiße Stühle sind zu billigem TV-Voyeurismus verkommen und Volksabstimmungen nicht selten das Ventil niederer Triebe. Der Schock und die Enthüllung, so muss folgerichtig formuliert werden, beide sind im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zu kleinen Karnevalsknallern im großen Warenregal der medialen Angebote verkommen.

Wikileaks und Edward Snowden haben für einen kurzen Augenblick einen großen Teil der Öffentlichkeit daran glauben lassen, dass geheim gehaltene Erkenntnisse über diskrete wie dubiose Aktionen von Staaten und deren Diensten zu einer Aufklärung führen, die politische Konsequenzen hat. Betrachtet man es genauer, so handelte es sich um eine Fehlannahme. Die bittere Erkenntnis, die sich dahinter verbirgt, ist zwar auch nicht neu, aber sie zerstört gerade frisch erzeugte Illusionen: die Macht kommt aus den Läufen der Gewehre und wer sie hat, den schert die Wahrheit nicht, und wer sie nicht hat, der kann auch keinen stürzen, der sie hat.

Diese Erkenntnis soll nicht diejenigen entmutigen, die sich unter schwierigen, zum Teil lebensbedrohlichen Bedingungen in dieser von seichten Informationen vollgesauten Welt daran machen, die Wahrheit ans Licht zu zerren. Nur, mit ihr allein wird es nicht getan sein und wir sollten sehr darauf achten, ob bei dem Verkauf der Wahrheit, die unter so schwierigen Bedingungen geborgen wurde, nicht wieder ideologisch-propagandistische Botschaften gesendet werden, die die Wahrheit selbst in hohem Maße schänden. Denn darin ist die Branche sehr geübt.

Wikileaks ging noch relativ ruhig und unkontaminiert über die Bühne. Bei den Panama Papers, die angekündigt wurden als seien alle wirtschaftskriminellen Handlungen dieser Welt enthüllt, ist es sehr schnell sehr schweigsam geworden. Das Einzige, was sofort klar zu sein schien, war, dass Russlands Präsident Putin ein schlimmer Finger sei, der sich persönlich bereichere. Das blieb hängen, im Nachhinein wirkt es, als sei in Germanistan alles clean. Wie sollte es auch anders sein?

Nun wird mit großem Donner ein Football Leaks angekündigt, auf deutscher Seite ausgerechnet vom Spiegel, der es in Windeseile ins Inquisitorenlager geschafft hat. Und bereits die ersten Überschriften zeigen, in welche Richtung die Enthüllungsreise geht. Natürlich ist Christiano Ronaldo dabei, den die Deutschen angeblich sowieso nicht mögen und der Türke aus dem Ruhrgebiet, Mesut Özil, der unter den in der Nationalmannschaft fein Integrierten immer der war, der nicht so recht dazu passte. Man muss kein Prophet sein, um zu der Einsicht zu kommen, dass bestimmte deutsche Vereine, deren Führungspersonal gewaltig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, nicht auf den Prangerlisten auftauchen werden. Dafür aber alle, gegen die sich Ressentiments mobilisieren lassen. Die Inquisition geht auf den Markt, und verkauft wird nicht die Wahrheit, sondern die Diffamierung.

EM: Der Fußballkapitalismus und die alten Werte

Das Finale bestätigte die Eindrücke, die sich während des Turniersaufgedrängt hatten. Fußballerisch waren keine Innovationen zu verzeichnen. Vor allem bei den Auftritten Italiens und Portugals fiel die Rückbesinnung auf den Gemeinschaftsgeist auf. Von deutscher Seite her sich darüber zu mokieren, ist insofern absurd, als dass das Branding Die Mannschaft nun schon über Jahre läuft. Wie insgesamt die Polemik gegen Portugal unangebracht ist, weil sich das Team a) als eine Turniermannschaft und b) als ein sehr stabiles Team erwiesen hat. Der einzige Makel, den man ihm zuweisen muss ist die Tatsache, dass sie sich den Pokal geholt haben, obwohl im UEFA-Establishment entweder Frankreich oder Deutschland gesetzt waren. Gut, dass es nicht so gekommen ist, denn die Leistungen dieser beiden Teams waren bereits in einer lauen Vorrunde sehr durchwachsen.

Die Propaganda in der Gruppenphase hat einen Vorgeschmack dafür geliefert, was das Fußballvolk bei der nächsten WM in Russland erwartet. Während die Fokussierung auf russische Hooligans entlarvten, wie milde man mit den britischen Vandalen umging, wurde klar, der Kalte Krieg gegen Russland steht nach wie vor auf dem Programm und wird auch von der UEFA verfolgt und vor dem Brexit, als noch Hoffnung auf das Plebiszit bestand, durfte man gegen England nicht vorgehen. Da stellt sich die Frage, wodurch unterscheiden sich eigentlich die Initiatoren und Organisatoren dieser EM von den Hooligans? Eines ist sicher: an pechschwarzen Stunden hat es in diesem Turnier wahrlich nicht gefehlt.

Dem amtierenden Weltmeister ist es nicht gelungen, sein Erbe auch nur zu verwalten, geschweige denn mit Innovationen aufzuwarten. In zwei Jahren ist es nicht gelungen, Leistungsträger wie Philip Lahm oder Miroslav Klose zu ersetzen. Thomas Müller lag bei dieser EM auf dem Platz wie der Schatz im Silbersee, weil ein Lahm ihn nicht bediente und der Angriff war eine zahnlose Tiki-Taka-Gala. Über diese naheliegenden Fragen wurde nicht einmal diskutiert, weil alles, was auch nur den Anschein an Kritik erweckt, als Majestätsbeleidigung diffamiert wird. So wird aus Absolutismus schnell freier Fall. Nach dem Turnier ist die Frage berechtigt, wo sich der Bundestrainer in den letzten beiden Jahren mental aufgehalten hat. Gerade wegen des durch die Talentförderung existierenden Potenzials ist der Ruf nach neuen Impulsen nicht nur berechtigt, sondern logisch.

Die Teams, die positiv in Erinnerung bleiben werden, sind vor allem Island, Wales und Nordirland. Sie sind es nicht unbedingt wegen ihrer Spielweise, die zum Teil archaisch wirkte, aber dennoch erfolgreich war, weil die Favoriten überspielt und zum Teil unmotiviert wirkten. Aber sie überzeugten durch ihre Anhänger, die dem Spiel viel Freude abgewinnen konnten und das auch zeigten. So wird es auch dort nicht bleiben, aber es hat deutlich gemacht, woran es dem immer dramatischer werdenden Fußballkapitalismus zunehmend fehlt, nämlich an Herzblut. Dass damit die Marktgrundlage, die auf der Begeisterung der Massen beruht, zerstört wird, interessiert die Funktionäre der Verbände wenig, genauso wie das bei denen der EU in vielen Fällen zu beobachten ist.

Und damit wären wir wieder bei der Politik. Was hat die EM uns gezeigt? Frankreich und England wurden überschätzt. England massiv und Frankreich fatal. Deutschland hat das Geschehen dominiert, aber keinen Zugriff entwickeln können. Ein neuer Spirit, der auf alten Werten beruht, wurde in Italien und Portugal entwickelt. Noch Fragen?