Archiv der Kategorie: music

Eine Hommage an Ella F.

100 Jahre Jazz werden 2017 gefeiert. Und das passt gut zu Ella Fitzgerald die am 25. April 100 Jahre alt geworden wäre. Ein Naturtalent und eine Jahrhundertstimme die nachfolgende Generationen beeinflusst hatte. Sieben Jahrzehnte dauerte ihre überaus erfolgreiche Karriere an. Eigentlich wollte sie Tänzerin werden. Doch durch einen Zufall kam sie zum Gesang. Eine Gesangsausbildung […]

über Ella — Freiraum

Den Jazz ins Leben zurück gebracht

JD Allen. Americana. Musings On Jazz And Blues

Viele Musiker des zeitgenössischen Jazz haben, wie sollte es auch anders sein, ein andere Biographie als noch die Generation vor ihnen. Diese spielte sich durch die Kaschemmen der Provinz bis nach New York hoch und auf diesem Weg lernten sie noch einmal aus dem FF alle Schattierungen von Rassismus und Diskriminierung kennen. Diese Biographien hatten Einfluss auf ihr musikalisches Schaffen. Heutige Jazzer, vor allem die erfolgreichen, sind zumeist Repräsentanten des Mittelstandes, die nicht selten ihr Handwerk auf Konservatorien gelernt haben. Ihr Können ist famos, ihre Ideen brillant, ihre Technik atemberaubend. Und dennoch werden die harten, bluesigen, klagenden Töne, die den Jazz als den Ausdruck der Ungerechtigkeit, der Boshaftigkeit, aber auch der Schönheit dieser Welt groß gemacht haben, von vielen bitter vermisst.

JD Allen, seinerseits Tenorsaxophonist und mit 44 Jahren noch relativ jung, kann mit diesen Tönen aufwarten. Mit seinem Album Americana. Musings On Jazz And Blues gibt er dem Jazz die Stimme zurück, die ihn groß gemacht hat. Allen, der erst 1999 mit seinem Debüt Album aufwartete, hat mit anderen Werken wie The Matador und Graffiti sehr überzeugend bewiesen, wie sehr er die Traditionen des avantgardistischen Jazz kennt und beherrscht. Mit Americana holt er jedoch den Ton zurück, der für das Narrativ über die Reise von den Baumwollfeldern des Südens in die Industriemetropolen des Nordens steht.

Tell The Truth, Shame The Devil, mit diesem Intro beginnt Allen seine Hommage an die Geschichte Amerikas. Der Ton seines Saxophons erinnert bezeichnender Weise an den alten Dewey Redman, Joshua Redmens Vater, oder den von Teddy Edwards. Er ist elegisch und frivol zugleich und er schert sich nicht um technische Brillanz. Another Man Done Gone, Cotton, Sugar Free, Americana, Lightning, die Titel bezeichnen das, was die Musik suggeriert. JD Allens Trio mit Gregg August am Bass und Rudy Royston am Schlagzeug unternehmen eine rasante Tour durch die jüngste Geschichte der USA wie der des sie begleitenden Jazz. Sind die ersten beiden Stücke sehr bluesig und bitter, so ist bereits bei Sugar Free der Bebop der Metropolen in vollem Gange, mit einer Verve und Authentizität, wie sie nur von dessen Pionieren erreicht wurde. Mit dem Titelsong Americana greift Allen eine Phrase, die bereits in den vorigen Stücken vorkam, wieder auf und macht sie zu einer eigenen Erzählung. Das ist die vertonte Version der historischen Dialektik.

Vielleicht ist es kein Zufall. Vielleicht macht es großen Sinn, dass ein Musiker, der in dem längst untergegangenen Detroit aufgewachsen ist, die Reise nach New York unternommen hat, um der Jazzwelt noch einmal in Erinnerung zu rufen, woher der Jazz eigentlich kommt. In einer Zeit, in der auch in den USA nichts mehr so ist, wie es einmal war. Americana ist ein grandioses Album, das erahnen lässt, wie der Jazz aus den Konzertsälen wieder ins richtige Leben kommt. „If You ´re Lonesome, Then You ´re Not Alone.“

Die Reichweite der Inspiration des großen Miles

Robert Glasper. Everything Is Beautiful

Eine Referenz an einen großen Musiker, zumal einen Innovator und Giganten, wie Miles Davis einer war, kann zu einer sehr heiklen Sache werden. Wie soll es möglich sein, einen Superlativ an Kreativität, technischer Brillanz und Inspiration auf einem Musikalbum adäquat so darzustellen, dass mehr dabei herauskommt als eine im guten Fall exzellente Kopie? Und selbst das kann eigentlich nicht gelingen. Die großen Mythen der Musikgeschichte zu kopieren endet nicht selten in einer peinlichen Referenz. Eric Clapton zum Beispiel scheiterte kläglich, als er sich hinsetzte und Stücke von dem legendären Robert Johnson einspielte, technisch gekonnt, aber ohne Inspiration. Und es gibt noch schlimmere Beispiele. Was bleibt, als Möglichkeit, ist die totale Verfremdung, um der Idee zu huldigen, die hinter einem Song stand, wie dies Willy de Ville mit Hey Joe gelungen ist.

Oder aber, und jetzt sind wir bei Robert Glasper, der das Werk von Miles Davis nahm, um zu dokumentieren, inwieweit die Stücke der Jazz-Ikone namhafte und außergewöhnliche Künstler der Jetzt-Zeit inspiriert hat. Das Album hat das Zitat Miles Davis „Everything Is Beautiful“ nicht nur als Titel, sondern als Motto genommen, um an den Kern der Inspiration bei dem Schaffen der Künstlerinnen und Künstler, die bei dieser Miles-Davis-Collage mitgewirkt haben, heranzukommen. R&B, Rap, Hip Hop, Jazz und Pop sind auf Everything Is Beautiful vereint, mit Namen wie Bilal, Illa J, Erykah Badu, Phonte, Hiatus Kayote, Laura Mvulla, King, Georgia Anne Muldrow, John Scofield, Ledisi und Stevie Wonder.

Die Vorgabe, die Robert Glasper den Genannten exklusiv gemacht hat, war sich auf ein Miles Davis-Stück zu beziehen und sich, davon inspiriert, an die Arbeit und daraus eine zeitgenössische Version nach Ihrem Gusto zu machen. Zum Teil wurden originale Spuren aus dem Davis-Material genommen und mit verwendet. Bei dem Opener Everything Is Beautiful ist Davis Stimme zu hören, die die Beats kommentiert, bei anderen Stücken ist es seine Trompete.

Dabei herausgekommen ist so etwas wie eine Miles-Davis-Extrapolition in das Hier und Heute mit den existierenden Musikformen. Das ist sehr gelungen, wenn man dazu bereit ist, dem Gedanken zu folgen. Leitgedanke ist die Inspiration, die eine Realisierung zeitigt, die es in sich hat. Eine solche Herangehensweise ist eine Seltenheit, eine weitere rühmliche Ausnahme ist das Album von Dr. John, Ske-Dat-de-Dat, der das Gleiche mit dem Werk Louis Armstrongs gemacht hat und das gleichsam in hohem Maße neue Dimensionen der Verarbeitung großer Ideen in die zeitgenössische Musik gewiesen hat.

Wer also hören will, wie sich Miles Davis, der für neue Einflüsse und Ideen offen wie sonst kaum jemand war, der oder die sollte sich dieses Album unbedingt anhören und auf sich wirken lassen. Und vielleicht das eine oder andere mit dem Original vergleichen und dabei hören und sehen, was sich getan hat. Wer Miles im Original hören will, soll es tun, auch das ist immer noch ein unvergleichliches Erlebnis. Aber die Inspiration an der Idee messen und dann zu urteilen, ist sicherlich nicht im Sinne des großen Erfinders, dazu war er zu innovativ.