Archiv der Kategorie: music

Die letzten Riffs aus dem Jenseits?

Jimi Hendrix. Both Sides Of The Sky

Nach Valleys of Neptune (2010) und People, Hell and Angels (2013) erscheint mit Both Sides of the Sky das dritte und vermeintlich letzte Album aus dem Nachlass des legendären Gitarristen Jimi Hendrix. Wie sollte es anders sein, als dass sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen auf diese Aufnahmen stürzen und sich gemäß ihrer Vorstellungen dazu äußern? Es sollte bedacht werden, was auf keinen Fall zu erwarten ist oder war. Weder kann 48 Jahre nach dem allzu frühen Ableben des Pioniers in Sachen eines modernen Electric Blues eine völlig neue Seite auftauchen. Das wäre vermessen, vor allem unter dem Aspekt, dass selbst die Aufnahmen, die seit einem halben Jahrhundert vorliegen, immer noch beim Hören zuweilen Herzrasen auslösen. Was zu erwarten ist, dass sich die Nachlassverwalter dahingehend Mühe geben, Material zu veröffentlichen, das von der Tonqualität passabel ist und das vielleicht auch noch einen Einblick darüber gewährt, mit welchen Gedanken Hendrix selbst gespielt hat.

Die Tonqualität von Both Sides of the Sky ist ok, und auch die Zusammenstellung der Songs hat Charme. Es handelt sich bei den insgesamt 13 Aufnahmen um bislang 10 unveröffentlichte Versionen zum Teil bekannter Titel. Interessant ist die Art und Weise, wie Hendrix sie eingespielt hat. Sie weichen zum Teil von den bekannten Versionen ab und zeigen, dass das Experimentelle eine durchaus ernst zu nehmende Größe bis zum Schluss war. Der Mann, der sich nächtelang im Studio einschloss um am richtigen Klang zu feilen, der seine Kompositionen in Farben dachte und der als Lyriker bis heute gewaltig unterschätzt wird, weil die Klänge schon dermaßen revolutionär waren, dass sie alles andere überstrahlten, hat der Welt ein Oevre hinterlassen, das bis heute Korridore für neues Hören öffnet.

Hear my Train Coming ist bis heute ein Blues, der alles beinhaltet, was seine moderne, urbane Form verlangt und die Art, wie Hendrix den Blues zum Schwingen bringt, vermittelt sein berühmtes Zitat über den Blues generell: It´s easy to play, but hard to feel. Stepping Stone zeigt, dass die Tür für den Rock immer auf war und $ 20 Fine ist eine Hommage an den damaligen Zeitgeist. Power of Soul wiederum zeigt, was da noch alles hätte kommen können mit Mitstreitern wie Miles Davis und Prince, Jungle wiederum ist ein Blues Hammer, der bis heute alles mitbringt, um die Leidenden und Suchenden auf der ganzen Welt in Schwingung zu bringen und Things I Used To Do fehlt heute schon auf den Smash Hits, wobei da der Georgia Blues auch nicht fehlen dürfte. Und so geht es weiter und weiter, was die These erhärtet, dass es sich bei Both Sides Of The Sky um ein Album handelt, für dessen Herausgabe man den Nachlassverwaltern dankbar sein muss.

Jimi Hendrix zählt zu den Giganten des Blues, einem der wesentlichen Bestandteile der nordamerikanischen Nationalkultur. Er gehörte jener Generation an, die schon längst nicht mehr in den Baumwollfeldern aufwuchs, sondern auf den dunklen Straßenseiten der großen Metropolen sozialisiert war. Hendrix bewahrte das Rebellische seiner Ahnen, und formte die Befindlichkeit derer, die ihnen folgen sollten. Er hat das in einer künstlerischen Form getan, die durch Form und Aussage bis heute aufwühlt. Das belegt auch Both Sides Of The Sky, einem überaus treffenden Titel!

Advertisements

Eine Überraschung, die an Gnade grenzt

Thelonious Monk. Les Liaisons Dangereuses

In den späten Fünfziger und frühen Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der amerikanische Jazz in Frankreich eine Hochzeit. Viele der Musiker entschieden sich, auch wegen der schwierigen politischen wie sozialen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten, für längere Aufenthalte in Paris. Dort traten sie vor großen Auditorien auf und bekamen Angebote von Plattenfirmen. Zudem entdeckte das Genre des Film Noir die Möglichkeit, diese Ausnahmemusiker für das Arrangement zu unvergesslichen Filmen zu gewinnen. Eine dieser Kooperationen, Miles Davis Musik zu dem Film Ascenseur pour l´échafaud (Fahrstuhl zum Schafott), avancierte zu einem der großen Geheimtipps des Genres. Die sphärischen Modulierungen Davis zu diesem Streifen gilt bis heute zu den Highlights des Genres überhaupt.

Dass nun, im Jahr 2017, eine ähnliche Produktion des Jazzpianisten und Komponisten Thelonious Monk auf den Markt kommt, kann durchaus als eine außergewöhnliche Entdeckung gefeiert werden. Monk, dessen verfügbare Plattenaufnahmen sich im Großen und Ganzen immer auf einen sich immer wiederholenden Kanon von Stücken in einer oft fragwürdigen Tonqualität beschränken, erhält dadurch einen neuen, besonderen Aspekt. Monk schuf die Filmmusik zu Les Liaisons Dangereuses (Gefährliche Liebschaften). Was er dort zusammen mit Charlie Rouse, Barney Wilen, Sam Jones und Art Taylor einspielte, kann durchaus nicht nur als Geheimtipp, sondern als ein unverzichtbares Dokument des großen Pianisten und Komponisten gewertet werden.

Die in einer hervorragenden Tonqualität verfügbare Doppel-CD kommt daher wie ein großes Geschenk aus dem Nichts. Die Aufnahmen stammen aus den Nola Penthouse Sound Studios in New York und entstanden an einem einzigen Tag, dem 17. July 1959. Daran wird deutlich, dass die Nummern live eingespielt wurden und es sich um eine routinierte Fingerübung des grandioseren Musikers handelte. Das, was an diesem Tag entstand, genügte den Anforderungen des Films und überrascht heute, nach fast sechs Jahrzehnten immer noch. Dass es sich dabei nicht nur um technische Versiertheit handelt, sondern auch um improvisatorisches Können und die intuitive Fähigkeit, Atmosphärisches zu erzeugen, ist jedem einzelnen Takt zu entnehmen.

Selbst die Stücke, die in unzähligen Aufnahmen vorliegen, wie zum Beispiel Well, You Need´nt sind mehr laid back eingespielt, was vermutlich der Regieanweisung durch den Film zuzuschreiben ist. Beim letzten dieser Takes ist zu hören, wie die Musiker über das Arrangement diskutieren und dann genau den emotionalen Ausdruck erzeugen, den sie beabsichtigen. Und bei Ba-lue Bolivar Ba-lues-Are kann davon ausgegangen werden, dass es sich um die am interessantesten interpretierte und in bester Qualität vorliegenden Aufnahme dieses Titels überhaupt handelt.

Monks Musik zu Les Liaisons Dangereuses ist ein grandioses Dokument über das Schaffen des exzentrischen Meisters des urbanen Blues. Thelonious Monk hat dadurch eine Referenz bekommen, die seiner außergewöhnlichen Musik gerecht wird. Und für die Hörerschaft ist es eine Überraschung, die an Gnade grenzt.

Wie der amerikanische Blues importiert wurde

The Rolling Stones. On Air

Ja, es ist nicht die Musik von heute. Und ja, es ist deutlich, dass die Rolling Stones mit ihrem Album On Air, das zum 1. Dezember erscheint, im Weihnachtsgeschäft noch ein kleines Plus mehr machen wollen. Doch jenseits der Geschäftsgebaren stellt sich die Frage, warum eine Band von Weltruhm und mit unzähligen Gold- und Platinalben genau die Songs zusammenstellt, die ihre Anfänge dokumentieren. Und die zeigen, dass diese Anfänge wenig genial waren, dass sie holprig waren und dass sie aus heutiger Sicht nicht mehr dazu in der Lage sind, zu inspirieren.

On Air heißt dieses Album deshalb, weil es auf 2 CDs insgesamt 32 Songs zusammenfasst, die im Zeitraum von 1963 bis 1965 über verschiedene Radiosender ausgestrahlt wurden. Die Stücke sind quasi das Material, mit dem sie bekannt wurden. Aus heutiger Sicht hätten die Stones mit diesem Programm sehr schnell die Bezeichnung einer reinen Coverband am Hals, aus der sie nicht mehr so schnell herauskämen.

Zu Beginn der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Bedingungen andere. Eine zunehmend gegen die Traditionen der Generationen, die den letzten Weltkrieg verursacht hatten, rebellierende Jugend suchte nach Ausdrucksformen, die ihren neuen Lebensformen Ausdruck gab, mit denen sie sich identifizieren konnte. Die Stones in England waren längst nicht die einzige, später aber wohl die prominenteste Rock- und Popband, die zu Beginn ihrer Bandgeschichte alles coverte, was sie aus den USA zu fassen bekamen. Dazu gehörte vor allem das Material des Rhythm & Blues und des Electric Blues aus Chicago. Und so waren es die Tunes der Schwarzen, die ihre eigenen Stücke modernisiert hatten, die in die europäischen Ohren kamen und so das Beet bestellten, auf dem später eine durchaus eigene Gattung wuchs.

On Air ist daher ein sehr eindringliches Dokument. Es ist eine Band zu hören, die sich begeistert daran macht, Stücke aus der amerikanischen Blues-Szene handgemacht für ein, für ihr europäisches Publikum zu präparieren. Das eine oder andere Stück aus der eigenen, später weltbekannten Jagger-Richards-Feder schleicht sich zwar bereits ein, aber dort wird deutlich, dass es noch ein weiter Weg zum Ruhm sein würde. Die anderen, in den USA zu diesem Zeitpunkt bereits als Klassiker gehandelten Stücke kommen von den Rolling Stones, ach ja, der Name und die Metapher sind, wie wir wissen, auch einem amerikanischen Song entnommen, durchaus frisch und überzeugend.

Wer sich mit dieser Geschichte des musikalischen Imports nach Europa nicht befasst hat, wird sich bei denen Titeln, die die Stones zu dieser Zeit gespielt haben, die Augen reiben. Manche der amerikanischen Klassiker haben über die Stones den Weg für den schwarzen Blues nach Europa geöffnet. Ein Jahrzehnt später kamen sie, die Dinosaurier wie Muddy Waters, Bo Diddley oder Howlin Wolf auf Europas Bühnen und berauschten ein begeistertes Publikum mit den Originalen. Da spielten die Stones schon ihre eigenen Stücke und füllten Säle und Stadien, die wesentlich größer waren als die Auftrittsorte derer, die die Musik erfunden hatten.

On Air ist keine Sensation, sonder ein Dokument. Eine junge Band spielt Hits aus einem anderen Kontinent. Und versetzt den eigenen in große Bewegung.