Archiv der Kategorie: recensions

Das Nibelungenlied: Die Dilemmata einer indigenen Zivilisation

Das Nibelungenlied, In Prosa übertragen von Uwe Johnson und Manfred Bierwisch

Alle, die es einmal in ein Seminar der germanistischen Mediävistik verschlagen hat, werden sich an die zunächst unentschlüsselbaren Texte erinnern, die von dem frühen Schriftgut der deutschen Literatur zeugen. Und neben Autorennamen wie Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, Gotfrit von Straßburg und Wolfram von Eschenbach kommen Texte wie die Merseburger Zaubersprüche und natürlich auch das Nibelungenlied zurück ins Gedächtnis. Letzteres kann zu den großen Epen der deutschen Literatur gerechnet werden, von dem aufgrund der großen Mühe und dem damit zu erwerbenden Wissen nur wenig in die Neuzeit herüber gerettet wurde, und von dem im öffentlichen Bewusstsein nur die Mythen übrig geblieben sind, die durch Richard Wagners Ring der Nibelungen und den mythologischen Überhöhungen durch den Nationalsozialismus schillernd inszeniert wurden.

Das Schicksal dieses Epos ist nicht nur schade, sondern es ist eine Tragödie, denn es hülfe, vieles zu erklären, wenn man sich mit dem befasst, was vielleicht, auch das im Dunst der Flüsse, am besten als so etwas wie eine deutsche Mentalität bezeichnet werden kann. Umso verdienstvoller – neben den Arbeiten eines Jürgen Lodemann (Der Mord, Kriemhild) – was der Schriftsteller Uwe Johnson zusammen mit Manfred Bierwisch geleistet haben, als sie das monumentale Verswerk sehr getreu zum Original in eine gut lesbare, moderne Prosa übertrugen. „Das Nibelungenlied“ in dieser Version kann heute ohne den Tribut von Blut, Schweiß und Tränen gelesen, genossen und reflektiert werden. Und allen, die sich bis heute noch nicht damit befasst haben, kann versprochen werden, dass sie eine überaus spannende und aufschlussreiche Lektüre erwartet.

Die historisch im Dunkeln gebliebene, aber in dieser Form erzählte Geschichte lässt sich in zwei große Erzählungen ordnen, in die des tragischen Scheiterns des Helden Siegfrieds von Xanten am burgundischen Hofe von Worms und die Kämpfe der Burgunden am Hofe des Hunnenkönigs Attila. Während im ersten Teil die zentralen Themen Mut, Betrug, Intrige und Treue sind, spielen diese im zweiten Teil zwar noch eine Rolle, werden aber immer wieder überstrahlt vom Sittengemälde der ritterlichen Kultur. 

Die Verworrenheit, die Dilemmata, der ständige Kampf von Gut gegen Böse, das alles lässt die Assoziation zu, es hier mit einem germanischen Ramayana zu tun zu haben. Auch dort im fernen Asien, spielen diese Unauflösbarkeiten eine hervorragende Rolle. Da es sich dort, vor allem in Indien und auf der Insel Java, um eine orale Erzähltradition handelt, lässt sich erklären, dass dieses Ur-Epos bis heute, immer wieder aktualisiert, am Leben geblieben ist und einen hohen Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs hat, während das Nibelungenlied die Archive schmückt. Vielleicht erklärt es auch, warum der ideologische Diebstahl durch Demagogen im kollektiven Bewusstsein so unbemerkt geschehen konnte.

Denn, soviel sei verraten, es handelt sich nicht um eine dunkle, den Blutrausch und das bornierte Heldentum verehrende Erzählung, sondern das Streben nach Vervollkommnung, die Definition eines Ethos, der das Gemeinwohl im Sinn hat, nimmt großen Raum ein und vermittelt etwas, das als die indigenen Anlagen einer späteren Zivilisation erahnen lässt.

Lassen Sie sich nicht schrecken! Das Nibelungenlied in der vorliegenden Prosa-Version ist die Zeit wert! 

  • : Insel Verlag; 5. Edition (16. Juli 2012)
  • Sprache: : Deutsch
  • Taschenbuch : 263 Seiten
  • ISBN-10 : 3458362282
  • ISBN-13 : 978-3458362289
  • Abmessungen : 17 x 2.1 x 19 cm

Klima: Desaster oder zivilisatorischer Quantensprung?

Philipp Blom. Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700

Ist es denkbar, dass Naturereignisse dazu beitragen, bestehende Gesellschaftsordnungen aus den Fugen zu heben? Eine Fragestellung wie sie aktueller nicht sein könnte! Der Autor Philipp Blom ist genau dieser Frage nachgegangen. Als historische Vorlage hat er das genommen, was als Kleine Eiszeit in die Geschichtsbücher eingegangen ist und, in Bezug auf die Menschheitsgeschichte in ihrer Gesamtdimension, noch gar nicht solange her ist. Mehr noch, die Kleine Eiszeit von 1570 bis 1700 war nicht exklusiv aber mit verantwortlich für das, was in Europa als moderne Zivilisation bezeichnet wird. „Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie die Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart“ ist der erfolgreiche Versuch, komplexe Wirkungszusammenhänge erklärbar zu machen.

Es spricht für Blom, dass er nicht mit der vielleicht allzu billigen Version daherkommt, die einen Klimawandel ausschließlich dazu zu ermächtigen, die Welt, in der sich menschliche Gesellschaften eingerichtet haben, radikal zu verändern. Was historisch jedoch belegbar ist, sind bestimmte Fakten, die vieles zur Entstehung der modernen Welt beigetragen haben. Der Kälteeinbruch in Europa um jene Zeit, der brachiale Winter zur Folge hatte, zerstörte das Prinzip der feudalen landwirtschaftlichen Produktion. Da in Europa Getreide fehlte und Hungersnöte ausbrachen, wurde aus Nahrungsmitteln plötzlich eine Ware, die importiert werden musste und das Entstehen der Börse zur Folge hatte. Handelshäuser waren die neuen Mächte, eine Effektivierung der Produktion die notwendige Konsequenz und die feudalen Landbesitzer stellten sich als eine Kaste dar, deren Zeit vorbei war.

Der mentale Umgang mit drastischen Naturphänomenen hatte gleichzeitig zur Folge, dass die alten, vor allem durch die katholische Kirche gelieferten Erklärungsmuster für die Existenz des Menschen und seiner Bestimmung ins Wanken gerieten und eine geistige Revolution zur Folge hatte. Neben den apokalyptischen Lamenti der untergehenden Erklärungsmuster verschafften sich auch Neuerer Gehör. Namen wie Descartes, Montesquieu und Spinoza stehen für diesen Prozess und nicht umsonst gelten sie als die geistigen Vorläufer der Moderne, die sich bei der Gründung der USA wie bei der Französischen Revolution letztendlich manifestierte. 

Die Stärken in Bloms Buch sind in der Darstellung der ideengeschichtlichen Folge der kleinen Eiszeit zu finden. Der Konnex von Naturveränderung, Ökonomie und philosophischer  Selbstreflexion findet den größten Raum. Damit wird der Komplexität der Wirkungsmechanismen Rechnung getragen und es wird verhindert, das schematische Schlussfolgerungen gezogen werden könnten. Naturentwicklungen wie ein Klimawandel können einen zivilisatorischen Quantensprung zur Folge haben, müssen sie aber nicht. Phänomene wie diese können auch Kulturen in Gänze vernichten. 

Die Anregungen, die Philipp Blom hinsichtlich dessen liefert, womit die Menschheit in der Gegenwart konfrontiert ist, sind deshalb wertvoll, weil sie nicht der Huldigung der Ideologisierung erliegen, sondern die Möglichkeit menschengesteuerter Einflussnahme offen lassen. Das Desaster bleibt genauso eine Option wie ein zivilisatorischer Quantensprung. 

  • Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft (30. November 2018)
  • Sprache: : Deutsch
  • Taschenbuch : 304 Seiten
  • ISBN-10 : 3423349409
  • ISBN-13 : 978-3423349406

Der Kampf um den Begriff Nation

Jill Lepore, Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation

Manche Themenstellungen gelten als brenzlig. Umso wichtiger ist es, sich ihnen zu stellen, denn sonst ist der Schaden groß! Jetzt, nachdem hierzulande die amerikanischen Verhältnisse als geklärt gelten, weil man sich auf den Fokus Trump-Biden beschränkt, meinen viele, es gehe alles so weiter wie bisher. Wie das Bisher allerdings aussah, weiß auch keiner so genau. 

Nicht für das hiesige Publikum, sondern für ihr eigenes, amerikanisches, hat die Historikerin Jill Lepore ein kleines Buch geschrieben, das als Appendix zu ihrem Werk über die Geschichte der Vereinigten Staaten angesehen werden muss und sich der Frage nach der Nation widmet. In der 150 Seiten umfassenden Schrift „Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation“ befasst sie sich exklusiv mit der Frage, wie in der Geschichte der USA der Nationenbegriff in den jeweiligen Phasen definiert wurde.

Und, zur Verblüffung der hiesigen Leserschaft, dokumentiert Jill Lepore sehr detailliert den steten, seit dem Entstehen der USA existierenden Kampf um die definitorischen Hoheitsrechte des Begriffs Nation, mit der jeweils daraus resultierenden konkreten Politik. Demnach standen sich immer zwei Lager gegenüber, das reaktionäre, auf Hautfarbe und Rasse setzende Lager und das andere Amerika, das sich unter dem Schirm der globalen Freizügigkeit, auf den Menschenrechten beruhende und sich internationalistisch verstehende versammelt. Es wird deutlich, wie tief der Riss seit jeher sitzt und wie unentschieden das Resultat immer wieder war. Das Urerlebnis des Bürgerkrieges, in denen sich die ständische, auf Sklavenarbeit beruhende Konföderation einer den Erfordernissen des modernen Industrialismus und auf Freizügigkeit setzenden Union bekriegten, wirkt bis heute. Und dann, auch das bereichernd bei der Lektüre, die Stimme der Nationen, die aus den indigenen Völkern des Kontinents bestanden und eine völlig andere Vorstellung von Autonomie hatten und die, auch das gehört zur Wahrheit, extrahiert waren von den Menschenrechten, wie sie in der Unabhängigkeitserklärung und als historische Vorlage für die Französische Revolution formuliert waren.

Das wäre immer noch dankbares Material für einen gar nicht so aktuell wirkenden Historikerstreit, wenn die Autorin nicht darauf aufmerksam machte, dass die Fraktion des liberalen Nationalismus in den USA seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geglaubt hatte, dass es nun endgültig mit dem Nationalismus im reaktionären, aggressiven und sich von anderen abgrenzenden Sinne vorbei sei. Das Thema der Nation wurde ersetzt durch das Agieren in internationalen Kontexten. Damit war das Feld dem illiberalen, reaktionären Lager überlassen, das sich dafür bedankte und die Definitionshoheit seitdem innehat.

Vor allem Letzteres ist auch ein europäisches Phänomen. Da, so die Theorie der global agierenden, sich selbst als ultra-modern verstehenden Politikfraktion, die Nation ein Relikt aus einer längst überwundenen Zeit sei, glaubte man, sich um eine Präzisierung des Nationenbegriffs nicht mehr bemühen zu müssen und verwies auf internationale Zusammenschlüsse. Und alle Initiativen, die sich dem widersetzten, so radikal und demokratisch sie auch sein mochten, wurden abgestempelt als reaktionär und historisch überkommen. Das Resultat sind die populistischen Bewegungen, die das Geschäft gerne exklusiv übernahmen. Und die Wirkungskraft im internationalen Kontext blieb überschaubar und wirkt nicht, wie erwartet, stärker als das Bedürfnis einer lokalen und nationalen Klärung der Identität.

Jill Lepore, ihrerseits Nachkomme von klassischen Einwanderern, plädiert für einen liberalen, radikal demokratischen und universalistischen Nationenbegriff. Reaktionär klingt das nicht.

  • Originaltitel : This America. The Case for the Nation
  • ISBN-10 : 3406749208
  • Taschenbuch : 158 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3406749209
  • Abmessungen : 12.6 x 1.7 x 20.6 cm
  • Herausgeber : C.H.Beck; 2. Edition (13. Mai 2020)