Archiv der Kategorie: recensions

Wie im Dreißigjährigen Krieg

Nach seinem bereits 2014 erschienen Buch Wer den Wind sät, in dem Michael Lüders die historische Kontinuität einer verfehlten Politik des Westens im Nahen Osten eindrucksvoll dokumentiert und kommentiert hat, legt er nun folgerichtig, inhaltlich wie im Titel, die Fortsetzung vor. Unter dem Titel Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte beschreibt der Autor die verfehlte, durch keinerlei Lernprozesse getrübte Wiederholung der immer gleichen Fehler des Westens. Es geht dabei um die irrige Annahme, die Gesellschaften des Nahen Ostens hätten genug kritische Masse, die hierzulande als Zivilgesellschaft bezeichnet wird, dort aber eben nicht vorhanden ist. Insofern ermangeln es die zum Teil synthetischen Nationen wie der Irak und Syrien einer bürgerlichen, der Demokratie affinen Mitte, die den diktatorischen Machthabern gefährlich werden könnten.

Da es, entgegen der wiederholten Beteuerungen, gar keine zivilgesellschaftliche liberale Opposition in Syrien gibt, stürzen sich die USA und das gesamte Magnetfeld ihres Imperiums in immer die gleichen, desaströsen Allianzen. Da sind Dschihadisten, da ist der IS und da ist die Nusra-Front. Immer handelt es sich um sunnitische Terrorformationen, die aus dem ausblutenden Irak entstanden sind und von Saudi Arabien finanziell unterstützt werden. Die Furcht der Saudis vor einem starken Iran basiert auf der rückständigsten und archaischsten Islam-Version weltweit. Dem Wahhabismus, hinter dem sich die sinkende Weltmacht USA und ihr Gef0lge auf den Weg macht, die westlichen Werte mit Bomben und Drohnen in diesen Teil der Welt zu bringen.

Was sich anhört wie eine übertriebene Polemik ist in dem Buch gut unterfüttert mit Fakten und immer wieder durch historische Analogien plausibilisiert. Die gleiche Version, die auch gegen Saddam Hussein angewandt worden ist, wurde gegen Assad bemüht. Auch ihm wurde, nachdem er die folgenschwere Entscheidung getroffen hat, keine amerikanisch-saudische Pipeline über syrisches Terrain zu erlauben, der Besitz und der Einsatz von chemischen Waffen angelastet. Nicht, so Lüders ausdrücklich, dass Assad so etwas nicht zuzutrauen wäre. Aber ohne und gegen Beweise wurden diese Erzählungen in der westlichen Welt disseminiert, um eine demokratisch gesinnte Öffentlichkeit gegen einen Tyrannen mit Vergleichen zu Hitler aufzubringen, ohne die Wahrheit zu transportieren, mit welchen Fakten sich eine kulturell und ethnisch plurale Region, deren Grenzen von den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien mit dem Lineal gezogen wurden, auseinanderzusetzen haben.

Die ganze Region ist weit entfernt davon, um mit westlichen Demokratien verglichen werden zu können. Und jeder Versuch, einen Regime Change durchzuführen, hat eine weitere, kriegerische Chaotisierung zur Folge. Lüders vergleicht die Situation ausdrücklich und mehrfach mit dem Dreißigjährigen Krieg in Zentraleuropa, der erst zum Frieden gelangte, als alle beteiligten Parteien völlig ausgezehrt waren.

Und, letztendlich bringt das Buch Licht in die Irrfahrt des türkischen Despoten Erdogan, der es vermocht hat, sein Land, an dessen Aufschwung er selbst maßgeblich beteiligt war, innerhalb von fünf Jahren in einen turbulenten Abwärtsstrudel zu manövrieren.

Die den Sturm ernten ist ein wichtiges und notwendiges Buch, weil es Fakten liefert und Einblicke gewährt, die leider sonst kaum zu erlangen sind, weil in der westlichen Politik ein Narrativ vorherrscht, das mehr auf Wunschdenken denn auf Fakten basiert. Die Tristesse, mit der der Westen in diesem Teil der Erde agiert, raubt einem allerdings den Atem.

 

Von Mossadegh bis Gaza

Michael Lüders. Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet

Es kommt selten vor, dass ein geladener Gast in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bei seiner Vorstellung in einer Talkrunde durch die Moderatorin so beschädigt wird wie kürzlich im Fall Michael Lüders. Anne Will, gut besoldete Polit-Moderatorin, stellte Michael Lüders als einen Geschäftsmann vor, der daran interessiert sei, Informationen zu verkaufen. Und John  Kornblum, Mit-Diskutant und seit einem Jahrzehnt Bankenlobbyist, der regelmäßig im gleichen Format immer noch als Diplomat vorgestellt wird, obwohl er das schon lange nicht mehr ist, schmähte besagten Lüders als abenteuerlichen Verschwörungstheoretiker. Das Thema des Abends war Syrien.

Bei so einem Aufschlag ist es von besonderem Interesse, etwas mehr Licht in die Vorwürfe zu bringen und herauszufinden, was sich hinter den Beschuldigungen verbirgt. Mit seinem 2014 erschienenen Buch „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ hat Michael Lüders genügend Material geliefert, um sich ein Bild von ihm zu machen.

Lüders Ansinnen ist es, etwas Klarheit in eine schier nicht mehr darstellbare Komplexität von Interessen und inneren Widersprüchen unter der Überschrift Syrienkonflikt herzustellen. Um die Kulturbrüche, Interessenkonflikte, Hegemonialschlachten, strategischen Gemetzel und kommunikativen Irrlichter verständlicher und erklärbarer zu machen, wählt der Autor eine historisierende Beschreibung eines immer größer werdenden destruktiven Sogs.

Die Zeitreise beginnt mit der Darstellung des aus Sicht des Autors vorliegenden Sündenfall des Westens im Nahen Osten, nämlich mit dem forcierten Regimewechsel im Iran im Jahre 1953, dem Sturz des demokratisch gewählten und die Ölindustrie sozialisierenden Präsidenten des Iran, Mossadegh. Die Modalitäten seines Sturzes, im Hause CIA designed, sollten fortan in unzähligen geplanten Regime Changes Anwendung finden und der Sturz selbst der erste Akt in einem Schauspiel werden, das immer noch anhält und ein Endlosthema zu sein scheint, bei dessen Spiel der Westen heute so wenig begreift wie vor sechzig Jahren.

Nach dem Iran folgt in der Reihe vom Autor ausgewählter Beispiele die Geburt von Al-Qaida. Wiederum handelt es sich um eine amerikanische Strategie, eine islamische Guerrilla gegen den sowjetischen Krieg in Afghanistan auszubilden und zu unterstützen. Die Installation des heutigen Islamistischen Terrors wäre ohne Zutun der USA so nicht möglich gewesen.

In einem weiteren Kapitel geht er auf die Dschihadisten ein, um die Unfähigkeit des Westens, aus Fehlern zu lernen, anschaulich zu illustrieren. Und so geht die Geschichte weiter über den Irak, der Unterstützung Saddam Husseins bis zu seiner Verteufelung, die Zerschlagung des irakischen Staates bis zu der ohne die Zerstörung nicht denkbaren Genese des Islamischen Staates, die zunächst freundlichen Beziehungen zu Syrien bis hin zur Kriegserklärung, weil Assad sich nicht für eine Pipeline unter westlich-saudischer Regie hat hinreißen lassen und der konkreten Interessen Russlands in diesem Zusammenhang, das als Gaslieferant gar kein Interesse an einer solchen hat. Und es endet mit dem Konflikt in Gaza, diesem entsetzlichen Kapitel einer kaum mehr denkbaren Befriedung, indem der palästinensische Souveränitätsgedanke keinen Boden mehr findet, ohne dass ein Frieden in absehbarer Zeit eine Chance hätte.

Das vorliegende, gut lesbare und mit Quellen versehene Buch weist Michal Lüders als einen seriösen Autor und exklusiven Kenner des Nahen Ostens aus. So, wie das Buch jedem zu empfehlen ist, der sich Klarheit über die unübersichtlich erscheinenden Widersprüche im Nahen Osten verschaffen will, genauso desavouiert es das Format Anne Will. Aber das spielt hier keine Rolle.

Eine vernünftige Stimme aus der Loge

Heribert Prantl. Gebrauchsanweisung für Populisten

Seitdem der Begriff des Populismus in der öffentlichen Diskussion ist, hat er seine Attraktivität verloren. Er ist beliebig geworden, Vertreter unterschiedlicher politischer Meinungen bezichtigen sich gegenseitig, den Mechanismen des Populismus zu folgen. Populismus ist mittlerweile genauso präzise wie Nachhaltigkeit. Ist Letzteres etwas Gutes, so das Erstere etwas Böses. Mehr aber auch nicht. In einem derartigen Kontext auf ein Buch zu stoßen, dass sich „Gebrauchsanweisung für Populisten“ nennt und dann noch als Autor mit Heribert ein Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung ausweist, ein Signet für die herrschenden Medien also, hat meine Lust, den Essay zu lesen, nicht unbedingt beflügelt.

Ich habe es dennoch getan, um zu erfahren, wie ein etablierter Journalist in der mir geläufigen Weise auf achtzig Seiten die neue Rechte in die Zange nimmt und vor allem, wie er die bestehenden Verhältnisse apologetisch verteidigt. Denn beides gehört zu der Rezeptur, die mich seit langer Zeit gewaltig ärgert, weil sie den Konnex von Verhältnissen und dem aus ihnen hervorgehenden Dissens leugnet und alle, die sich auf den Weg der Kritik machen, über einen Kamm schert und ausgrenzt. Das Hier und Jetzt ist für sie das Nonplusultra und die Kritik daran dokumentiert allenfalls Dummheit oder etwas Notorisches.

Heribert Prantl macht das jedoch in seiner Schrift nicht. Natürlich basht er die neue Rechte, und zwar ohne große journalistische Rücksichten. Aber dann macht er etwas, was die meisten seiner Kollegen unterlassen. Er legt den Finger in die Wunde und betrachtet die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Und er bleibt nicht auf der abstrakten Betrachtungsebene stehen, sondern er benennt die Ursachen für das Auseinanderbrechen der gesellschaftlichen Kohärenz, für das Abwenden vieler von dem, was immer wieder als die grundlegenden Werte bezeichnet wird.

Da ist die beobachtete Tendenz, dass immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft, die in der harten Konkurrenz des globalisierten Marktes kein Auskommen mehr finden, immer mehr als Abfall oder Ausschuss bezeichnet werden und von denen gesagt wird, sie müssten mit harter Hand erzogen werden. Da ist die Politik der Schwarzen Null und die vor allem gegenüber den südeuropäischen Ländern verfolgte Autsteritätspolitik eines Wolfgang Schäuble, die Banken rettet, aber ganze Generationen junger Menschen in Südeuropa vor die Hunde gehen lässt.

Da sind die immer wieder propagierten Werte des Westens und da werden Waffen an die größten Schurken des Planeten verkauft. Da ist eine kurzatmige, immer nur auf Projektzyklen reduzierte Integrationspolitik, die nur dann aktiv wird, wenn akute Herausforderungen da sind. Da ist eine Presse, die den größten Krakeelern die Aufmerksamkeit widmet, aber nicht denen, die sich gesellschaftlich engagieren und gesellschaftlich sinnvolle Dinge verfolgen. Und da ist die immer weiter fortschreitende Spaltung von Stadt und Land, die den ländlichen Raum immer mehr veröden lässt und zunehmend zu einer unbewohnbaren, trostlosen Zone macht.

Und trotz dieses mächtigen Portfolios von Leistungen, mit denen die Bürger nicht zufrieden sein können, ist nach Prantl nicht die Legitimation dafür gegeben, sich in die Barbarei fallen zu lassen, und mit einer völkischen, nazistischen Terminologie das Klima zu vergiften und gewalttätig zu werden. Prantl selbst fordert demokratische Tugenden ein und eine Opposition, die den Namen verdient hat. Und da hat er einfach Recht!