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Stalingrad: Die Stadt, die heute anders heißt

Wassili Grossman, Stalingrad

Wie alles, was in den Turbulenzen eines Krieges entsteht, hat auch dieses Stück einzigartiger Literatur sehr lange gebraucht, bis es einem größeren, internationalen Publikum in einem Zeitraum  namens Danach zugänglich werden konnte. Wassili Grossman, dessen zweiter Band „Menschen und Schicksale“ längst gelesen und rezipiert worden war, hatte den ersten Band mit dem Titel bedacht, der zumindest für einen Deutschen bis heute einen Moment des schaurigen Innehaltens auslöst und für einen Russen den Glauben an sich selbst bestärkt: Stalingrad.

Grossman hatte sich als Berichterstatter vor Ort aufgehalten und im Jahr 1942 beim Angriff auf Stalingrad, der Stadt, die den Krieg entscheiden sollte, einen Fortsetzungsroman begonnen, der in verschiedenen Journalen erschien, die auch von den russischen Soldaten gelesen wurden. Auf 1200 Seiten suchte Grossmann die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Krieg, auf die Verhältnisse eines Landes, das sich an einem großen historischen Projekt wähnte und die tatsächlichen Veränderungen in dem Leben der einzelnen Glieder. Sehr präzise werden die unterschiedlichen Sichtweisen geschildert und minutiös die Veränderungen untersucht, die in das Leben der verschiedenen sozialen Schichten dieser Sowjetunion Einzug gefunden hatten.

Ohne mit dem Zeigefinger zu sehr auf den Zusammenhang von positiver gesellschaftlicher Umgestaltung, die vielen Bürgerinnen und Bürgern einen Zugang zu qualifizierten Berufen bot, die Bildung jedermann zugänglich machte, die eine medizinische Versorgung garantierte, die gigantischen Karrieren den Weg ebnete etc., werden in diesem monumentalen Werk die kleinen Mosaike sichtbar, die die Basis für die strategische Überlegenheit einer an Technik und Militärressourcen unterlegenen Nation garantierten. 

Die wenigen Schlaglichter, die Grossman in Stalingrad auf die deutsche Seite wirft, zeugen von einem scharfen Blick, sowohl auf Hitler und das ihn umgebende Personal als auch auf die Offiziere und Soldaten, die scheinbar ohne Unterbrechung immer weiter nach Osten in die Sowjetunion vordringen. Wer Hinreise auf propagandistische Überzeichnung erwartet, muss sich enttäuscht abwenden. Denn sowenig Grossman die tatsächlichen Lebensverhältnisse auf russischer Seite glorifiziert, so wenig verteufelt er die deutsche Seite in toto. Obwohl er die Psychopathie und den imperialen Irrsinn der Protagonisten grandios erfasst, wird sein Blick nicht eingeengt. Denn dort, auf dieser Seite, gibt es sie, die Individuen, die unter dem Wahn der nationalistischen und rassistischen Überhebung leiden und daran scheitern.

Stalingrad ist ein Konvolut von Einzelaspekten aus dem Leben in der Sowjetunion, das in seiner Fülle einen Eindruck von dem Gefühl vermittelt, dass durch den Angriff auf dieses Land bei seinen Bewohnerinnen und Bewohnern ausgelöst wurde. Die Gewissheit, nicht nur einen Kampf auf Leben und Tod führen zu müssen, sondern auch das Bewusstsein, an einem Projekt zu arbeiten, das der Menschheit eine Alternative zu der sich immer wieder ereignenden imperialistischen Zerstörung und Versklavung bietet. Grossmans Schilderungen machen deutlich, wo der Schlüssel zu suchen war, der den Krieg entschieden hat.

Dass die Sieger Geschichte schreiben, ist bekannt. und dass so manches, was den Krieg entschieden hat, selbst von den Siegern hinterher nicht geschätzt wird, ist keine neue Erkenntnis. Wassili Grossman und seine Stalingrad Dilogie, in deren 2. Band, Menschen und Schicksale, die eigentliche Schlacht um Stalingrad geschlagen wird und in dem aber auch die restaurativen Züge beschrieben werden, die letztendlich den strategischen Vorteil der eigenen Seite konsequent zerstörten, ist das wohl für die Person des Autors weitaus schlimmere Schicksal als die Malaisen um die Veröffentlichung der verschiedenen Bände des Romans. Das Gute entscheidet die Schlacht und das Böse schreitet im Lorbeerkranz umher.

Wer den Namen der Stadt, die heute anders heißt, die jedoch aus der Geschichte nicht mehr wegzudenken ist, entzaubern will, und wer ein Interesse daran hat, die gängige Geschichtsschreibung zu entlarven, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Jenseits des propagandistischen Nebels

Jörg Kronauer, Der Aufmarsch – Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen

Der in London lebende Autor Jörg Kronauer hat sich bereits durch mehrere Publikationen, in denen er die sich verändernde geostrategische Weltlage unter die Lupe nahm, einen Namen gemacht. Sein neuestes Buch mit dem Titel „Der Aufmarsch Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen“ ist nicht nur wegen der darin dargestellten Entwicklung lesenswert, sondern auch durch die historisch einzigartige Tatsache, dass der Text bereits beim Verlag war, als der Autor wie der Rest der Welt von dem Einmarsch der russischen Streitkräfte am 22. Februar in die Ukraine erfuhr. Dieses Faktum setzt den zu erwartenden Vorwurf außer Kraft, da würde im Nachhinein für das Verständnis von etwas geworben, für das es kein Verständnis geben sollte, es sei denn, man hat die gesamte Entwicklung im Blick. 

Der Ansatz Kronauers ist einfach und transparent. Er hat nichts anderes getan, als sich die Politik der einstigen Parteien des Kalten Krieges nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion angesehen und minutiös alles beschrieben, was an fortgesetzter oder erneuter Polarisierung stattgefunden hat. Ein innerer Blick in die nach-sowjetische Realität, in der sich mit Mafia-Methoden kämpfende Oligarchen das Staatseigentum aufteilten während die Bevölkerung hungerte, die Nachfolge des schwachen Jelzins durch Putin, der dem Wild-West-Kapitalismus Einhalt bot und eine neue, alles andere als demokratische Ordnung herstellte. Das allmähliche Wiedererstarken der russischen Wirtschaft und die Renaissance eines imperialen Ansatzes.

Die gleichzeitige Osterweiterung der NATO, die vielen Mosaike, die auf eine mögliche militärische Eskalation hindeuten. Die Warnungen Russlands, die Ignorierung durch vor allem die Vereinigten Staaten. Der ganze Prozess von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Und die Überschreitung von Russlands roter Linie in der Ukraine, durch die letztendlich auch eine kulturelle Linie verläuft.

Das alles wäre noch einmal eine Revue dessen, was aufmerksame Menschen hier in Europa ohnehin verfolgen konnten, wenn Kronauer nicht im zweiten Kapitel das Bild vervollständigen würde, indem er analoge Manöver der USA und ihrer Verbündeten auf der pazifischen Seite gegenüber China dokumentieren würde. Auch dort, und im Einklang mit den Aktivitäten in Ost- und Zentraleuropa zeigt sich, dass eine Global-Strategie in den USA vorliegt, die auf eine direkte Konfrontation mit Russland und China hinausläuft. 

Auch für Militärstrategen ist es interessant zu sehen, dass es vor allem um die Vorbereitung von Blockaden von Seewegen geht, ob gegenüber Russland wie gegenüber China, beides kontinentale Mächte, die allerdings vehement geschwächt werden, wenn sie ihre maritimen Zugänge verlieren. Da rüstet eine maritime Weltmacht zum letzten Gefecht und wer will, schaut zu.

Kronauers Buch ist eine kurze wie faltenreiche Nachzeichnung der militärpolitischen Entwicklung der letzten 30 Jahre, auch unter dem Aspekt einer neuen, multipolaren Weltordnung. Dabei verfällt er nicht gängigen Versionen der Vereinfachung, sondern beschreibt ebenso unbestechlich die Verwerfungslinien, die auch zwischen Russland und China verlaufen. 

Das Bedrückende der Lektüre ist die wachsende Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkrieges und die maßgebliche Rolle, die dabei die USA spielen. Aber die Realität schert sich nicht um Empfindungen. Angesichts der inflationär kursierenden und gewaltig aus dem propagandistischen Nebel geborenen Erzählungen über den Zustand der Welt ist die Lektüre dieses Buches unbedingt zu empfehlen!

  • Herausgeber  :  PapyRossa Verlag; 1. Edition (1. April 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Broschiert  :  207 Seiten
  • ISBN-10  :  3894387785
  • ISBN-13  :  978-3894387785
  • Abmessungen  :  12.9 x 1.9 x 19.6 cm

Sehr nah an der nackten Wahrheit

Ich habe mir übrigens nicht die Frage gestellt, ob es sich bei dem Buch um einen Roman, eine Erzählung oder um eine historische Betrachtung handelt. Eher aus Zufall bin ich auf Autor wie Buch gestoßen und ich war von der ersten an Seite gebannt. Für mich ist es ein realistischer Thriller. Der französische Autor Emmanuel Carrère hat bereits im Jahr 2012 seine „Hommage“ an den übrigens 2020 verstorbenen russischen Dissidenten, Schriftsteller, Desperado und Politiker Eduard Limonow veröffentlicht. Bei ihm handelt es sich um eine aus allen Perspektiven zu betrachtende schillernde Persönlichkeit, die Zeit ihres Lebens auf Seiten der Rebellion stand und sich dabei auf die irrsinnigsten Koalitionen einließ. Außer, dass sich das im Feuilleton befindliche Lesepublikum mit einem gewissen Kitzel mit literarischen Figuren befasst, denen es im richtigen Leben geflissentlich aus dem Wege ginge, hat diese Figur keinen fiktionalen Hintergrund, denn sie hat tatsächlich gelebt und im Osten wie im Westen eine Rolle gespielt. Und angesichts der aktuellen Entwicklungen im Verhältnis von Russland und dem Westen bringt die vorliegende, reflektierte Biographie des Eduard Limonow einen Reihe von Erkenntnissen über die letzten Jahrzehnte russischer Befindlichkeit.

Und trotzdem, das Leben des Russen Limonow, der im ukrainischen Charkow aufwuchs, den es als Rebellen nach Moskau trieb, der sieben Jahre später als Dissident das Land verlassen musste, der in New York strandete, um dort das russische Exil aufzumischen, sich als Literat einen Namen machte, als Stricher in den Parks lag und als Butler eines Millionärs arbeitete, den es dann nach Paris trieb, wo er als Kultfigur im literarischen Underground galt, bis ihm diese Existenz zu langweilig wurde, der plötzlich im Balkankrieg auf Seiten der Serben stand, der nach Russland zurückging und die dortige Anarchie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte und sich schließlich als Politiker der Nationalbolschewisten einen Namen machte und schließlich in Gefängnissen und Arbeitslagern wiederfand, ist mehr als eine atemberaubende Revue.

Es handelt sich auch um ein Geschichtsbuch über die Sowjetunion und das heutige Russland. Apparatschiks, Geheimdienste und Oligarchen führen dabei Regie, Figuren, die gescheitert sind wie Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, Theoretiker wie Alexander Dugin, wie Chodorkowski   und vor allem Wladimir Putin spielen eine Rolle und deren Schilderungen alleine wären die Lektüre wert, denn sie werden mit großer Beobachtungsgabe charakterisiert und erhalten in ihrem historischen Kontext die Erklärungsmuster, die ein Verständnis der heutigen russischen Verhältnisse verdienen. Vieles wird plausibel, was zumindest mir vorher absurd erschien, aber wenn der Nationalbolschewist Limonow Putin einen Faschisten nennt, dann wird das vor dem von Carrère ausgebreiteten Panorama sogar verständlich.

Ohne in den in diesen Tagen so inflationär gebrauchten Superlativ verfallen zu wollen, er lässt sich bei dem vorliegenden Buch von Emmanuel Carrère nicht verhindern. Es ist das beste Buch, das mir in den letzten Jahren in die Finger gekommen ist. Ein Thriller, der den grausamen Realitäten entspricht, in denen die Russen leben, ein Handbuch zum Verständnis von scheinbar undurchsichtigen Zusammenhängen, ohne Glorifizierung, ohne kulturelle Arroganz. Sehr, sehr nah an der nackten Wahrheit. Zumindest im politischen Sinne.

  • Herausgeber  :  btb Verlag (11. August 2014)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  416 Seiten
  • ISBN-10  :  344274718X
  • ISBN-13  :  978-3442747184
  • Originaltitel  :  Limonov
  • Abmessungen  :  11.9 x 2.8 x 18.8 cm