Archiv der Kategorie: recensions

Auf dem Weg zum Showdown?

Jörg Kronauer. Der Rivale. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und die Gegenwehr des Westens

Die Welt ist mächtig in Bewegung geraten. China, der nach einer langen historischen Pause wieder erstarkte neue globale Faktor, ist in der Wahrnehmung mancher Eurozentristen eher plötzlich wieder aufgetaucht. Das hat etwas mit der eigenen Befindlichkeit zu tun und nicht mit der Interdependenz der tatsächlichen Kräfte auf dem Globus. Mit diesen Sätzen ist das Dilemma beschrieben, das der Autor Jörg Kronauer in einem profunden wie faktenreichen Buch beschrieben hat. Unter dem Titel „Der Rivale. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und die Gegenwehr des Westens“ liefert er einen eminent wichtigen Beitrag für alle, die sich jenseits welcher Propaganda auch immer ein eigenes Urteil bilden wollen.

Sachlich, faktisch und akzentuiert beginnt Kronauer seine Untersuchung mit einer kurzen historischen Einordnung. Er ruft die tatsächliche chinesische Dominanz im 17. und 18. Jahrhundert des letzten Jahrtausends in Erinnerung und beschreibt den rapiden Niedergang durch die kolonialistischen Interventionen im 19. Jahrhundert. Damit benennt er auch das Vermächtnis, dass beide, China wie der Westen, in ihrem kollektiven Gedächtnis mit sich herumtragen. Die koloniale Ausplünderung und die Demütigung sind im kollektiven Bewusstsein Chinas genauso wenig erloschen wie die eingeübte Überheblichkeit des Westens in der Betrachtung des kolonialen Objekts.

Nahezu kurios wirkt es daher, dass eben dieser Westen China des Neokolonialismus in Afrika bezichtigt. Kronauer beruft sich bei der Nachverfolgung dieses Vorwurfs auf Quellen, die es aus eigener Anschauung wissen müssen und ist dadurch in der Lage, die gängigen Narrative zu entkräften.

Bei der Betrachtung der neuen Handelswege, die China unter Chiffren wie Seidenstraße und maritimer Seidenstraße mit kolossalen Leistungen und Investitionen ins Leben gerufen hat, halten sich die im Westen kreierten negativen Narrative ebenso wie in Bezug auf den afrikanischen Kontinent. Auch hier bringt das Buch sehr viel Licht in das bewusst inszenierte Dunkel, ohne eine blauäugige Position hinsichtlich des Charakters der neuen Supermacht zu entwickeln. Hinter der zentralisierten, hoch rational operierenden und strategisch getakteten Administration verbirgt sich nach wie vor eine asiatische Despotie, die mit dem Aufklärungsgut des europäischen Bürgertums nichts gemein hat.

In der Art und Weise, wie allerdings der Westen mit China umgeht, findet sich dieses Gedankengut genauso wenig. Ganz im Gegenteil. Anhand unzähliger Beispiele wird deutlich, dass besonders aus deutscher Perspektive eine Ambivalenz zu beobachten ist, die es in sich hat. Da ist einerseits der Wunsch nach Absatz und lukrativen Geschäften, und da ist andererseits die berechtigte Angst vor der qualitativen Emanzipation des Konsumenten zum Produzenten, der sogar in der Lage ist, manches besser zu machen.

Wie in so vielem folgt die Bundesrepublik auch bei der pazifischen Arrondierung Chinas den maritim-militärischen Plänen der USA und bringt sich so zunehmend in einen antagonistischen Widerspruch zu China. Nach der Positionierung gegen Russland die zweite Tranche zu einer sich anbahnenden Tragödie. Die wird, so die Falken des US-Imperiums, in Form eines wie auch immer gearteten Krieges ihren Lauf nehmen. Begonnen hat es bereits mit einem sich schnell ausdehnenden Handelskrieg, den Präsident Trump gegen die Volksrepublik China eröffnet hat.

Jörg Kronauers Buch besticht durch Faktenreichtum, analytische Schärfe und die selten gewordene Fähigkeit, logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Lektüre ist ein Muss!

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Virtue Signalling, Slacktivism und Social Proof

Mit der Etablierung der Political Correctness zu einem geltenden Code für den gesellschaftlichen Diskurs haben sich bestimmte Verhaltensmuster etabliert, die den Stillstand garantieren. Es hat eine Verschiebung gegeben vom Für-sich zum An-sich. Es geht um die Frage, ob ein Zustand oder eine Position an sich bereits als gut und richtig gilt und die Mutation hin zu einem Für-sich, d.h. die Interessen aktiv vertretenden Momentum wird. Die These: die sich hinter der Political Correctness verbergenden Verhaltensmuster zementieren die gesellschaftliche Untätigkeit. Das hört sich vielleicht sonderlich an, kann jedoch bei der Betrachtung dessen, was sich als Massenverhaltensmuster bereits etabliert hat, gut illustriert werden.

Das Phänomen ist seit langem bekannt und wegen seines standardisierten Charakters genügend untersucht. Ein erster Begriff, der in diesem Kontext zunehmend auftaucht und der sich mit einer systemischen Konstante der PC beschäftigt, ist der des Virtue Signalling. Was heißt das? Er beschreibt das Phänomen, dass eine bestimmte Haltung, Position oder Auffassung als die politisch und moralisch richtige identifiziert wird und es wichtig wird, diese Haltung bekannt zu geben. Es geht um massenhafte Selbstbestätigung, die sich auf eine Auffassung bezieht. Wenn jemand Kinderarbeit, Rassendiskriminierung oder Umweltverschmutzung schlecht findet und dieses zum Ausdruck bringt, dann gehört er oder sie zu einer mächtigen Gruppe, die diese Meinung teilt. Das kulturell Neue und Phänomenale dabei ist der Umstand, dass es den Beteiligten in vielen Fällen ausreicht, sich dazu zu bekennen.

Damit käme der Begriff des Slacktivism ins Spiel. Von der Wortschöpfung setzt er sich aus Slacker, Faulenzer und Aktivismus zusammen. Er beschreibt die praktische Folgenlosigkeit des Virtue Signalling. Es reicht aus, sich zu einer Haltung zu bekennen, ohne sich tatsächlich für die Lösung des Problems aktiv engagieren zu müssen. In den sozialen Medien sind das die Hashtag-Communities, die vielen Likes und Buttons, die den Interagierenden suggerieren, sie seien tatsächlich aktiv. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Oder glaubt tatsächlich jemand, mit einem „Je suis Charlie“ gegen die Ursachen des Terrorismus und seine Bekämpfung etwas geleistet zu haben? Oder durch neue Wortschöpfungen für Menschengruppen, die als diskriminiert gelten, tatsächlich die Ursachen der Diskriminierung zu beseitigen? 

Was jedoch die große Gemeinde der sich gegenseitig Selbstversichernden vor der Erkenntnis bewahrt, gesellschaftlich gar nichts zu verändern und in der Blase einer virtuellen Bewegung zu wabern, ist wiederum das Phänomen der Social Proof. Wird das bloße Bekenntnis zu einer Position gegeben, dann ergibt sich daraus ein mächtiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, das niemand der Beteiligten missen möchte.

Social Proof verfügt jedoch auch über eine Kehrseite, die beschreibt, wie mit denen umgegangen wird, die sich dem Kollektivdruck des Bekenntnisses nicht gleich beugen oder die ihrerseits mit dem kollektiven Phlegma gegenüber den notwendigen Aktivitäten, um etwas zu verändern und zu gestalten, nicht zufrieden geben. Diesen kritischen Gestalten wird durch kollektives Bashing der Garaus gemacht. Die gesellschaftliche Ausgrenzung ist ihnen sicher. Es reicht nicht, dass sie nicht dazu gehören. Ganz im Gegenteil, sie werden stattdessen der Vertretung von Positionen  bezichtigt, die sie gar nicht teilen. Ruckzuck stehen Rassisten und Nazis vor uns, die das Ergebnis einer sektiererischeren Logik sind, die die Gesellschaft zunehmend infiziert hat.

Wer mehr darüber wissen will, lese:

Daniel Ullrich, Sarah Diefenbach, Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört

 

Lektüre bei stabiler Gesundheit

Harry Mulisch. Das sexuelle Bollwerk. Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich

Es ist ein enorm schwieriges Unterfangen, nein, es gleicht einer Aufgabe, die durchaus als katastrophal bezeichnet werden kann. Es geht darum, eine Darstellung dessen zu fertigen, was man als die Quintessenz der Thesen und der Biographie Wilhelm Reichs bezeichnen könnte. Denn an kaum einem Charakter der politischen Psychologie scheiden sich die Geister mehr als an ihm, der radikaler war als sein Lehrer Sigmund Freud oder dessen berühmter Schüler C.G. Jung. Reich war ein Revoluzzer, der sich nicht an Konventionen hielt, dessen Marginalisierung ihm gleich war, der jedoch auch abglitt in den eigenen Psychosen, die ihn letztendlich nach heutigen Begriffen zu einem Verschwörungstheoretiker erster Güte werden ließen, der gemeingefährliche therapeutische Systeme entwickelte.

Harry Mulisch war ein niederländischer Schriftsteller, der als brillanter Erzähler galt und dessen Romane Die Entdeckung des Himmels und Das Attentat auch in Deutschland ein Massenpublikum erreichten. Dass sich dieser Schriftsteller auch Wilhelm Reich genähert hat, blieb bis heute weitgehend eine Randnotiz und ist zudem lange her, genauer gesagt, das niederländische Original seiner vielleicht am besten als erzählerische Studie zu bezeichnenden Schrift erschien 1973, die deutsche Übersetzung unter dem Titel Das sexuelle Bollwerk. Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich, 1999.

Mulisch beginnt seine Arbeit mit einer Episode aus seinem Alltag, er erzählt, wie er durch mehrere Zufälle auf die Bücher Wilhelm Reichs gestoßen ist und wie er sich ihm genähert hat. Das nimmt relativ Raum ein und mag als ein Indiz dafür gelten, wie schwer sich auch Mulisch getan hat. 

Es folgt die Biographie Wilhelm Reichs, die an seinen Publikationen rekonstruiert wird. Da steht ein traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit, in dessen Zentrum die Vater-Mutter-Beziehung steht, die desaströs im Tod beider endet und als dessen Verursacher sich das Kind als aktiver Beobachter sieht. Das mag ihn bei seiner weiteren Entwicklung geleitet haben, sich mit der Psychoanalyse Freuds zu beschäftigen. Zumindest wurde er deren glühender Verfechter, solange Freud die unterdrückte Libido als Quell der traumatischen Störungen sah, bevor er eine Instanz wie den Todestrieb einführte. 

Reich blieb seiner Theorie treu, es galt, das Bollwerk der unterdrückten Libido zu stürmen und die beladene menschliche Seele zu befreien. Er avancierte mit Sexualkunde in der kommunistischen Massenbewegung, bis ihn die kleinbürgerliche Parteibürokratie als Gefahr erkannte und ausschloss. Natürlich musste er vor den Nazis fliehen, verweilte zunächst in Norwegen, wo ihm und seinen Thesen letztendlich eine breiter werdende Ablehnung entgegenschlug und landete in den USA, wo er zunehmend abdriftete in immer wilder werdende Spekulationen. Schließlich landete er im Gefängnis und verstarb, als Wirrkopf abgetan.

Mulisch selbst beendet seine anscheinend für ihn selbst anstrengende Auseinandersetzung mit Reich mit dem, wozu ein guter Schriftsteller in solchen Situationen greift. Er wählt – analog zur Festung des sexuellen Bollwerks – die Eroberung des als uneinnehmbar geltenden Fort Douaumont im Frankreich des Ersten Weltkrieges. Er schildert, dass die Deutschen nur deshalb in der Lage waren, das Fort zu erobern, weil sie in es eindrangen und von innen eroberten. Die Maßnahme war jedoch eher unkoordiniert und zufällig, was dazu führte, dass die von außen angreifenden Deutschen nicht wussten, dass sich Teile der eigenen Truppe darin befanden. Zum Schluss war Fort Douaumont zwar geschleift, aber alle Insassen, Franzosen wie Deutsche, tot.

Noch Fragen?

Wer eine stabile psychische Gesundheit aufweist, möge dieses Buch lesen.