Archiv der Kategorie: recensions

Totschläger oder Schnapsbude?

Émile Zola hat in seinem Zyklus Rougon-Marcquart zu dem beigetragen, was uns heute an Serienproduktionen kredenzt wird. Es geht um die gleichen Akteure, die mit immer neuen Situationen des Lebens konfrontiert werden und die somit zu einer Erzählung beitragen, die über die reine Episode hinausgeht. Zolas Zyklus umfasst 20 Romane, die miteinander verwoben sind und einen Mikrokosmos entstehen lassen, der bis heute die ganze Sprengkraft der vorwärts strebenden französischen Gesellschaft vermittelt.

Zola, der ein passionierter Verfechter der Daguerrotypie war, der Vorläuferin der Fotografie, hat entsprechend der präzisen Beobachtung seine Romane konzipiert und geschrieben. Ein Band des Zyklus trägt den Namen „L´Assommoir“, zu Deutsch Totschläger, aber auch der Name einer im Roman häufig frequentierten Kneipe, was die deutsche Übersetzung dazu inspirierte, das Werk in „Schnapsbude“ umzubenennen. Die Lektüre ist zu empfehlen, weil sie das vermittelt, was das richtige Leben ausmacht: das Leben im Dreck, das Streben nach Glück und die Unzulänglichkeit des menschlichen Wesens.

Nach dieser Hommage an den großen Zola, der immer noch erhobenen Hauptes auf dem Friedhof zu Montmartre in die Wolken blickt, sei ein Schwenk erlaubt zu der Sprache, mit der wir heute allerorts konfrontiert sind und der es nicht mehr gelingt, die Lebenswelt, in der sich die meisten Menschen bewegen, abzubilden. Die Formulierungen sind Legion, man hat sich lange und intensiv mit etwas beschäftigt, da ist etwas ohne Alternative, da ist alles viel komplexer als der dumpfe Massenverstand es ahnt und da sind einfache Antworten keine Lösung.

Nachfragen werden entweder als Begriffsstutzigkeit etikettiert oder bereits als die ersten Symptome eines Befalles von Verschwörungstheorien stigmatisiert. Andere Standpunkte sind Indiz für die Verbrüderung mit Irren oder Terroristen und der Versuch, politische Entscheidungen mit den eigenen Interessen abzugleichen, wird als pathologischer Individualismus diffamiert.

Das alles wäre zwar nicht erträglich, aber doch verständlich, wenn da nicht die Kehrseite existierte. Denn die technokratischen Kommunikanten der Macht geben nie zu, dass auch sie um Verständnis ringen müssten, sie selbst sind zumeist verwoben in Lobbys, die ihrerseits im Verborgenen operieren und zu ihren natürlichen Bündnispartnern gehören nicht selten die größten Schlächter überhaupt.

Angesichts dieses Widerspruchs ist es keine Überraschung, dass das, was einer jeglichen funktionierenden Kommunikation zugrunde liegen muss, nämlich Vertrauen und der Wille, sich erfolgreich auszutauschen, auf der Strecke bleibt. Und auch dort ist die Kausalität bereits historisch belegt: Die Mandatsträger haben sich geweigert, ihre Entscheidungen tatsächlich zu benennen, ihre Taten zu belegen und zu begründen. Sie haben immer nur auf Nachfrage reagiert und jede Form davon diskreditiert. Wer so vorgeht, verliert Vertrauen. Wer so vorgeht, zerstört die Kommunikation. Und wer die Kommunikation zerstört, hat die Verwerfung bereits eingeleitet.

Die größte Unverschämtheit, die nahezu das gesamte Kollektiv der Mandatsträger gegenüber dem Souverän begeht, ist seine Diffamierung als zu zurückgeblieben, um das Handeln der herrschenden Eliten beurteilen zu können. Das ist impertinent, es ist aber auch wirr. Und so wird deutlich, warum dann solche Assoziationen zustande kommen wie die zu dem Roman von Émile Zola. Da wird die Kommunikation mit dem Totschläger liquidiert und die Akteure vermitteln einen Eindruck, als kämen sie nach langer Nacht aus der Schnapsbude. Es muss nur im Bewusstsein bleiben, dass es sich hier nicht um Literatur handelt.

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Das ewige Exil, das an den Nerven nagt

Maxim Biller. Sechs Koffer

In besseren Zeiten der deutschen Literatur tat sich die Rezeption nicht so schwer mit einem Enfant terrible. Da hat man es verkraftet, dass es derb zuging, das Tabus gebrochen wurden und dass das Mittel des Schocks, des kulturellen, sozialen Schocks, bewusst zur Textur eines modernen Romans gehörte. Aber wir leben nicht in besseren Zeiten. Die neue Inquisition, die sich im Geistesleben breit gemacht hat, macht es allen schwer, die es mit der Wahrheit ernst meinen. Denn die Wahrheit, dass sollten sich die Freunde der Literatur wie des Lebens ständig vor Augen führen, die Wahrheit ist eine derbe, zuweilen schmutzige Erscheinung.

Maxim Biller ist so ein Enfant terrible der deutschen Literatur. Denn erstens kann er famos erzählen, was vielen seiner Kollegen leider nicht mehr so gut gelingt, und zweitens ist er ein Trüffelschwein beim Finden der eher schmuddeligen Wahrheit. Und so ist sein literarischer Weg gezeichnet von einem tatsächlichen Verbot des frühen Romans „Esra“ bis hin zum Kollektiventsetzen über seine Autobiographie „Biographie“ und ein böses Nachrülpsen zu „Sechs Koffer“, seinem jüngsten Roman. Dass der aschige Beigeschmack der deutschen Rezeption etwas mit seinem Judentum zu tun hat, wird kollektiv geleugnet, was den Verdacht zu einem wichtigen Indiz macht.

In „Sechs Koffer“ erzählt Biller aus dem familiären Nähkästchen. Da geht es um die Exekution des Tate, des Familienoberhauptes, durch die sowjetischen Behörden, nachdem dieser der Schwarzgeschäfte überführt wurde. Von den drei Söhnen des Hingerichteten bis zu deren Frauen erfährt die Leserschaft einiges über die jeweilige eigene Lebensgeschichte und den Blick auf den Tod des Patriarchen. Pro Perspektive steht ein Koffer und pro Koffer eine andere Version darüber, wie sich alles zugetragen haben dürfte. 

Da geht es von Moskau nach Prag, von Prag nach Hamburg und von Zürich nach Montreal und London. Immer wieder wird spekuliert und immer wieder dominiert das Verdachtsmoment eines kolossalen Verrats. Da vermischt sich das Dasein des jüdischen Bildungsbürgertums mit seiner nahezu unerfüllbaren ForderAAung nach Überleben, da geht es um den Mammon Geld und die Liebe zueinander, die immer wieder von der Skepsis aufgebrochen wird, dass die Opfer auch Täter sein könnten. Und das in einer Konsequenz, die das Bild einer Welt mit einer wie auch immer gearteten, aber sinnvollen Ordnung einstürzen lässt.

Maxim Biller lässt es zu, dass das Judentum die Form dieser Unrast auf Heimatsuche ist, er lässt es aber nicht zu, dass es sich bei diesem Phänomen um ein exklusiv jüdisches handelt. Das große Verdienst und das leider nicht sehr oft gelüftete Geheimnis des Romans ist die Botschaft, dass das ewige Exil an den Nerven nagt, dass das Exil im Grunde immer Elend bedeutet, weil es die Existenz zwischen die Mühlsteine des dominierenden Fremden wirft und kontinuierlich den Zweifel sät. 

Was Biller da über seine Familie erzählt, kann als eine nahezu stereotype Story aus den Zeiten gelten, die heute zunehmend mit dem Terminus der nomadischen Welt bezeichnet werden müssen. Da irren die Menschen über den Planeten, sie finden auch überall ein Zuhause, zuweilen reüssieren sie sogar wirtschaftlich, aber es bleibt eine Leere hinsichtlich der eigenen Identität. Und diese Leere wird nicht selten gefüllt von bösem Verdacht und haltloser Unterstellung. Biller schenkt uns mit „Sechs Koffer“ keine Gewissheiten. Das wäre angesichts der komplizierten Situation auch unangemessen.

Wie ein Saloon in der fernen Wüste

Michael Lüders. Armageddon im Orient

Michael Lüders scheint nicht nur als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft die Nachfolge Peter Scholl-Latours angetreten zu haben. Sondern auch seine Publikationen bekommen allmählich das Signet, das den Werken des großen Kenners des arabischen Raumes und Südostasiens anhaftete: eine einmalige, aber auch einsame Kenntnis über die Verhältnisse, die in der Welt eine große Rolle spielen, die aber so irrational und undurchschaubar von den Vertretern des Westens behandelt und gestaltet werden. Auch Scholl-Latour verstand es, dem vermeintlichen Chaos des Nahen Ostens eine innere Logik zu verleihen und dem Westen bestenfalls grenzenlose Ignoranz zu attestieren. Lüders schreibt dazu wiederholt ein neues Kapitel. Mit seinem neuen Buch „Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ trägt er maßgeblich zur Dechiffrierung des vermeintlichen Chaos bei. 

Nachdem Lüders mit seinen Büchern „Wer den Wind sät“ und „Die den Sturm ernten“ historische Hintergründe, aktuelle Interessen und Motive und geopolitische Konstellationen zum Syrien-Krieg aufgezeichnet hatte, legt er nun im besten Sinne eines vom Aussterben bedrohten Enthüllungsjournalismus das vor, was als die Kriegsmobilisierung gegen den Iran genannt werden muss. Ein zentrales Thema zum Verständnis der aktuellen Entwicklung ist das Verhältnis Saudi-Arabiens zu den USA, das getragen wird von gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen vor allem des saudischen Königshauses und der texanischen Öl-Lobby in den USA. Und ja, vieles liest sich wie eine im Drogenrausch konzipierte Verschwörungstheorie, wären da nicht die unzähligen seriösen Quellen, auf die sich Lüders beruft und wäre da nicht ein gemäßigter, immer wieder an die Vernunft appellierender Schreibstil des Autors.

Minutiös arbeitet das Buch die vielen Schimären ab, die durch die mediale Welt geistern und die Version belegen sollen, auf die in den Häusern der Scharfmacher in den USA, Israels und Saudi-Arabiens hinauslaufen soll: Regime-Change im Iran. Nicht ohne, nein mit zwingender Logik verweist Lüders auf das Alleinstellungsmerkmal des Iran. Es handelt sich bei diesem nicht nur um ein 80 Millionen-Volk, sondern auch um die einzig verbliebene Kulturnation in der vom Kolonialismus und Imperialismus zerstörten und ins Chaos gestürzten Region. Ihr Makel ist der Öl- und Gasreichtum und die Notwendigkeit, diese Ressource von A nach B bringen zu müssen. Es geht also um die Ressourcen selbst und die Sicherung ihrer Transportwege. 

Die seit dem Irak-Krieg 2003 verfolgte Doktrin des Regime-Change hat zum Ziel, Chaos zu schaffen und das Chaos zu beherrschen. Taktische Fehler von historischem Ausmaß haben dazu geführt, dass sowohl der Iran als auch Russland einen Vorteil im Machtgefüge des Nahen Ostens zurückerobern konnten. Daher bläst vor allem Trump zum Halali gegen den Iran, der mit Hilfe der genannten Koalition gelyncht werden soll. 

Bei der Schilderung der riskanten, einen III. Weltkrieg provozierenden Unternehmung, dokumentiert der Autor die speziellen Verbindungen der einzelnen treibenden Kräfte. Auffallend ist, dass die USA nun, nach den Texanern, ihre Interessen durch Trump und dessen Netzwerk von Immobilienlobbyisten vertreten lässt, die sich ihrerseits durch gemeinsame Projekte mit dem saudischen Königshaus und dessen unberechenbarem Herrscher prächtig verstehen. Es ist ein Showdown, der an einen Saloon in der fernen Wüste erinnert, aber es ist zu ernst und zu beunruhigend, als dass man dem so etwas wie Spannung abgewinnen könnte.

Wieder einmal zeigt sich Lüders als ein Autor, dem es gelingt, komplizierte Verhältnisse verständlich darzustellen und vor allem das zu beschreiben, was man handfeste Interessen nennt. Das entschlüsselt dann vieles, und aus den hoch gelobten Werten wird der blanke Eigennutz, koste es, was es wolle.