Archiv der Kategorie: recensions

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Hans-Peter Martin. Game over

Wer ist noch nicht über die Titel „Bittere Pillen“ oder die „Globalisierungsfalle“ gestolpert? Es waren Bestseller, die sich sich ihren Erfolg nicht durch billige Strategien erkauft hatten, sondern die glänzten durch das seltene Extrakt von Substanz und Lesbarkeit. Der Österreicher Hans-Peter Martin ist ein international erfahrener Mann, er kennt Länder und ihre Institutionen, er kennt supranationale Konzepte wie die EU und ihm ist das Leben derer, für die in der Regel entschieden wird, nicht fremd. Nun, in der Zeit des großen Wandels, legt er ein neues Buch vor, das an Brisanz kaum zu überbieten ist. Game over. Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle: Unter diesem zuspitzenden Titel hat er im wahren Sinne des Wortes zugeschlagen. Es geht um das Fazit einer bereits vor Jahrzehnten begonnen Entwicklung und den Ausblick, den die heutige Situation liefert.

Wie im Titel angedeutet, widmet sich Martin in Game over drei wesentlichen Themenkomplexen: Der sozialen Entwicklung in den Ländern, in denen der Neoliberalismus alles dominierte, dem Zustand des in diesen Ländern herrschenden demokratischen Systems und der großen Enttäuschung, die das längst überwunden geglaubte Zeitalter des Nationalismus wieder aufleben lässt. Auch das ist eine bittere Pille, vor allem für jene, die die politische Verantwortung tragen, diesseits und jenseits des Atlantiks.

Was jedes neue Bulletin über die soziale Entwicklung der kapitalistisch-demokratischen Gesellschaften bestätigt, nämlich die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in Superreich und Bettelarm, wird in dem Buch nicht nur präzise zusammengefasst, sondern auch auf seine Ursache hin untersucht. Wir kennen das alles, das ideologische Feuerwerk des Wirtschaftsliberalismus: Niedrige Steuern, Deregulierung, Privatisierung etc., es wurde bis zum Erbrechen und in tausendfältiger Variation wiederholt. Entscheidend ist, ungeschminkt darauf hinzuweisen, dass die soziale wie die politische Krise aus den Resultaten dieser Ideologie erwachsen ist. 

Die Entwesung der staatlichen Institutionen wiederum ist es, die zu einer zunächst großen Ernüchterung und dann zu einem fulminanten Anwachsen der Zorndepots bei jenen geführt hat, die gerne als die vom Tempo der Globalisierung Abgehängten bezeichnet, die jedoch schlichtweg nur betrogen wurden. Im Sinne ihres tatsächlichen Mitspracherechts und hinsichtlich ihres Anteils an den Gemeinkosten der Gesellschaft. Martin legt den Finger auf die Wunde: wer mit moralischen Werten argumentiert, wenn es um bloße Abkoche geht, zerstört die demokratische Legitimation nachhaltig.

Dass der Trend nun, nach den großen, gescheiterten Experimenten des XX. Jahrhunderts Richtung sozialer Emanzipation in die ebenfalls gescheiterte Epoche des Nationalismus geht, ist bedauerlich. Und dass diejenigen, die nun noch aus dem Kalkül eines Denkzettels dem Neonationalismus folgen, genauso betrogen aufwachen, wie bisher, macht die Lage nicht erfreulicher. Der Autor ist beim Ausblick auf die Zukunft skeptisch, was die Resilienz der demokratischen Systeme anbetrifft.

In einem kurzen Exposé am Schluss des faltenreichen Buches wagt Hans-Peter Martin dennoch einen Ausblick auf die Zeit nach dem Debakel, oder, vielleicht auch noch auf das Jetzt. Mit Aktionen und Konzepten, über die wir alle schleunigst nachdenken sollten. Sein Appell ist die Politisierung aller, seine Maßnahmenvorschläge sind vielfältig. Einer hat mir persönlich sehr gut gefallen: Die Visumspflicht für Superreiche. Nur, wer nachweisen kann, dass er alle seine Vermögenswerte ordentlich versteuert hat, darf in Zukunft noch legal reisen. Das wäre ein schöner Anfang! Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

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Sprache: Seichter Nebel und rohe Gewalt

Astrid Séville. Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft

Das Unbehagen, welches sich über das Land gelegt hat, wird in starkem Maße von der Degression der verwendeten Sprache gespeist. Einerseits sind es die zunehmend völkischen Parolen, die bewusst in den gesellschaftlichen Diskurs geworfen werden. Andererseits haben die Mandatsträger in Regierungsverantwortung seit Jahren einen blasierten, inhaltslosen Sprachstil etabliert, der seinerseits zur Abwendung von Regierung und Staat geführt hat. Erinnern die blutbeladenen und schwülstigen Formulierungen aus der braunen Kanalisation an das historische Debakel von Faschismus und Krieg, so ist das abstrakte, unverbindliche und bewusst diffus gestaltete Wording der offiziellen Politik eine Übung, die aus Orwells 1984 stammen könnte. Frei nach dem Motto: Herrschaft, vermittelt mit der seichten Diktion der Unverbindlichkeit.

Gut, dass sich die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville mit diesem Thema beschäftigt hat. In ihrem Buch mit dem Titel „Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft“ geht sie auf das Phänomen der Sprachverwendung von Herrschenden und der neuen Opposition ein. Sie fügt ein Puzzle zusammen, das durchaus Kausalitäten aufzeigt und die schlichte Auffassung, irgendwann seien die Barbaren aus ihren Löchern gekrochen und hätten alles auf den Kopf gestellt, ad absurdum führt. Die Barbaren bleiben auch in ihren Augen Barbaren, die Herrschenden und ihre Sprache werden jedoch als Mitverursacher der Krise ausgemacht. 

Séville schlägt einen Bogen von der rabiaten Figur der Margaret Thatcher, die ihre politischen Ziele mit berittener Polizei durchsetzte, bis hin zu Angela Merkel, die ihrerseits durch Enthaltung und den Aufenthalt im semantischen Nebel das zu erreichen sucht, was ihr vorschwebt. Bereits Thatcher sprach den berühmten Satz „there is no alternative“, der nach Séville zu einer TINA-Methode avancierte, die bekanntlich bis hin zu Merkel Bestand hat und von dieser mit ihrem Diktum, dass ihre Politik „alternativlos“ sei, auf die Spitze getrieben wurde. Fazit: eine solche Diktion, zudem unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand, ist in einer Demokratie, in der es um die Aushandlung tragfähiger Kompromisse geht, unangemessen.

Die Autorin untersucht mehrere Metaphern, mit der sich die Regierenden in den letzten Jahrzehnten an die Wählerschaft gewendet und großen Schaden angerichtet haben. Da fehlen nicht die nicht gemachten Hausaufgaben, da fehlt nicht die legendäre schwäbische Hausfrau und da fehlt auch nicht die Schwarze Null. Abgesehen von der sich zum Teil offenbarenden antiquierten Pädagogik, handelt es sich um beabsichtigte Akte der brutalen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, die gerade in diesen Tagen von denselben Akteuren in der Auseinandersetzung mit den simplifizierenden Programmen der neuen Rechten reklamiert werden. 

Séville versäumt es nicht, die Anteile an der Sprachdiffusion von „oben“ nicht nur auf Merkel und Thatcher, sondern auch bei Figuren wie Tony Blair und Gerhard Schröder zu verbuchen. 

Zwar werden Unmut und abnehmendes Vertrauen durch die TINA-Politik des Neoliberalismus analysiert, aber die Gegenbewegung fällt in der kritischen Betrachtung nicht unter den Tisch. Begonnen mit der sehr treffenden Analyse des „Volkes“ als Chiffre für den Aufstand bis hin zu der Entlarvung des Mantels der Scheinheiligkeit („man wird ja wohl noch sagen dürfen“) über der braunen Ideologie in dem Kapitel „Die Unkultur des Disclaimers“. 

Um den Fokus richtig zu setzen, setzt Séville, die Partei für den demokratischen Verfassungsstaat ergreift, den Fokus auf das irrige Verhalten der Regierenden, die im Rahmen der Koalition in Berlin Kompromisse aushandeln, um sich aus Partei- oder Länderlogik am nächsten Tag wieder davon zu distanzieren. Sie nennt dieses Phänomen die dissonante Herrschaft. Genau dieser Missklang bleibt bei vielen hängen. 

Totschläger oder Schnapsbude?

Émile Zola hat in seinem Zyklus Rougon-Marcquart zu dem beigetragen, was uns heute an Serienproduktionen kredenzt wird. Es geht um die gleichen Akteure, die mit immer neuen Situationen des Lebens konfrontiert werden und die somit zu einer Erzählung beitragen, die über die reine Episode hinausgeht. Zolas Zyklus umfasst 20 Romane, die miteinander verwoben sind und einen Mikrokosmos entstehen lassen, der bis heute die ganze Sprengkraft der vorwärts strebenden französischen Gesellschaft vermittelt.

Zola, der ein passionierter Verfechter der Daguerrotypie war, der Vorläuferin der Fotografie, hat entsprechend der präzisen Beobachtung seine Romane konzipiert und geschrieben. Ein Band des Zyklus trägt den Namen „L´Assommoir“, zu Deutsch Totschläger, aber auch der Name einer im Roman häufig frequentierten Kneipe, was die deutsche Übersetzung dazu inspirierte, das Werk in „Schnapsbude“ umzubenennen. Die Lektüre ist zu empfehlen, weil sie das vermittelt, was das richtige Leben ausmacht: das Leben im Dreck, das Streben nach Glück und die Unzulänglichkeit des menschlichen Wesens.

Nach dieser Hommage an den großen Zola, der immer noch erhobenen Hauptes auf dem Friedhof zu Montmartre in die Wolken blickt, sei ein Schwenk erlaubt zu der Sprache, mit der wir heute allerorts konfrontiert sind und der es nicht mehr gelingt, die Lebenswelt, in der sich die meisten Menschen bewegen, abzubilden. Die Formulierungen sind Legion, man hat sich lange und intensiv mit etwas beschäftigt, da ist etwas ohne Alternative, da ist alles viel komplexer als der dumpfe Massenverstand es ahnt und da sind einfache Antworten keine Lösung.

Nachfragen werden entweder als Begriffsstutzigkeit etikettiert oder bereits als die ersten Symptome eines Befalles von Verschwörungstheorien stigmatisiert. Andere Standpunkte sind Indiz für die Verbrüderung mit Irren oder Terroristen und der Versuch, politische Entscheidungen mit den eigenen Interessen abzugleichen, wird als pathologischer Individualismus diffamiert.

Das alles wäre zwar nicht erträglich, aber doch verständlich, wenn da nicht die Kehrseite existierte. Denn die technokratischen Kommunikanten der Macht geben nie zu, dass auch sie um Verständnis ringen müssten, sie selbst sind zumeist verwoben in Lobbys, die ihrerseits im Verborgenen operieren und zu ihren natürlichen Bündnispartnern gehören nicht selten die größten Schlächter überhaupt.

Angesichts dieses Widerspruchs ist es keine Überraschung, dass das, was einer jeglichen funktionierenden Kommunikation zugrunde liegen muss, nämlich Vertrauen und der Wille, sich erfolgreich auszutauschen, auf der Strecke bleibt. Und auch dort ist die Kausalität bereits historisch belegt: Die Mandatsträger haben sich geweigert, ihre Entscheidungen tatsächlich zu benennen, ihre Taten zu belegen und zu begründen. Sie haben immer nur auf Nachfrage reagiert und jede Form davon diskreditiert. Wer so vorgeht, verliert Vertrauen. Wer so vorgeht, zerstört die Kommunikation. Und wer die Kommunikation zerstört, hat die Verwerfung bereits eingeleitet.

Die größte Unverschämtheit, die nahezu das gesamte Kollektiv der Mandatsträger gegenüber dem Souverän begeht, ist seine Diffamierung als zu zurückgeblieben, um das Handeln der herrschenden Eliten beurteilen zu können. Das ist impertinent, es ist aber auch wirr. Und so wird deutlich, warum dann solche Assoziationen zustande kommen wie die zu dem Roman von Émile Zola. Da wird die Kommunikation mit dem Totschläger liquidiert und die Akteure vermitteln einen Eindruck, als kämen sie nach langer Nacht aus der Schnapsbude. Es muss nur im Bewusstsein bleiben, dass es sich hier nicht um Literatur handelt.