Archiv der Kategorie: short stories

Guernica

Ich ging noch zur Schule, da gab es so etwas wie den Radikalenerlass. Er verbot Lehrerinnen und Lehrern, sich politisch zu so genannten radikalen politischen Parteien zu bekennen. In erster Linie ging es um Kommunisten. In dieser Zeit erschien ein großes Poster, das Picassos „Guernica“ abbildete und die Textzeile trug: Der Maler dieses Bildes dürfte nicht an einer deutschen Schule unterrichten. Es spielte auf Picassos Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei an, ich weiß nicht einmal, ob es die spanische oder nicht sogar die französische war, da er ja in Paris lebte. Aber das war für mich nicht das Entscheidende. 

Wesentlich für mich war die Wirkung des Bildes auf mich. Damals im zarten Alter noch unbedarft vom Wissen über Symbolik und Produktionstechniken, traf das Bild mit seiner Aussage in mein Nervenzentrum. So abstrakt es ist, so gegenständlich ist es auch, so fragmentiert es zuweilen wirkt, so holistisch ist seine Aussage. Guernica, so stellte sich nicht nur damals, sondern immer wieder für mich in späteren Jahren heraus, Guernica ist das Bild meines Lebens.

Es steht für das Leiden, für das gemeinsame Interesse der Kreatur, dem zu entkommen, was als das Äußere, das Befremdende und Entfremdete, das Gewaltsame und das Destruktive steht. Trotz der Anklage gegen Faschismus, Diktatur und Gewalt inszeniert es den großen Gedanken gemeinsamer Kreativität und einer der Gattung innewohnenden Humanität. Ja, mögen sie sagen, was schreibt der denn da, und ja, das ist Guernica für mich, einen kleinen Autodidakten, der sich irgendwohin orientieren muss.

Mit dem Poster in meiner Schulzeit war es aber nicht getan. Einige Jahre später, ich war bereits Student, traf ich auf einer Fiesta an der baskischen Küste eine junge Frau, mit der ich mich anfreundete. Sie kam aus Gernika, wie es im Baskischen geschrieben wird, und sie nahm mich mit in ihre Stadt. Das Erlebnis dort werde ich nie vergessen. Die fragenden Blicke in ihrer Familie, die Gespräche, die Versöhnung, und dann, die Schulen und öffentlichen Gebäude, auf die bis heute die Schulkinder deutsche Flugzeuge malen, die schwere Bomben auf ihr Gernika abwerfen, auf eine kleine, brennende Stadt, in der fast alle auf dem Wochenmarkt sind und gerade ihr Leben verlieren.

Ich hatte also die Stadt gesehen, nach der Picasso sein großes Bild gegen den Krieg benannt hatte. Das Bild ließ mich nicht los und ich erfuhr zudem seine bewegte Geschichte. Es stand nämlich im New Yorker Museum of Modern Art, weil Picasso das so gewollt hatte. Später hat er testamentarisch verfügt, dass das Bild erst dann in seine Heimat, nach Spanien, dürfe, wenn dort eine Demokratie zuhause sei. So stand Guernica von 1939 bis 1981 in New York. Dann durfte es zurück.

Und alleine seine Rückkehr machte deutlich, wie eng die Beziehung einer demokratischen Öffentlichkeit und einem kollektiven Gedächtnis zu diesem Bild war. Als es in Madrid auf dem Flughafen ankam und von dort, verpackt, zum großen Prado gefahren wurde, standen Tausende am Straßenrand und winkten der Fracht zu! Und natürlich stand es zunächst im Prado, der großen musealen Adresse in Spaniens Hauptstadt, obwohl es dort als ein typisches Artefakt der Moderne etwas deplatziert war. 

Es gab immer wieder Versuche, das Bild in Baskenland, sprich nach Bilbao zu holen, weil es dort aus Sicht der Basken hingehört. Doch der spanische Zentralismus ist bis heute stark. Als ich kürzlich in Madrid war, suchte ich sofort den Prado auf, um endlich, endlich, nach Jahrzehnten mehr als einen Blick auf dieses Guernica im Original werfen zu können. Zu meiner Freude fand ich dort vieles, was mich tief beeindruckte, darunter die berüchtigte Schwarze Reihe Goyas, aber leider nicht Picassos Guernica. Ich musste lernen, dass es nun bei den Kunstwerken der Moderne zu sehen sei, in dem benachbarten Museo Reina Sofia.

Dort fand ich es dann, das Bild, das mich mein ganzes Leben bereits begleitet, immer wieder aufgrund einer ganz anderen Erfahrung, als Unikat in seiner Aussage so wuchtig wie eh und je, und werkgeschichtlich spannend wie ein Thriller. Es war wie Heimkehr, und dennoch hatte ich das starke Gefühl: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende!

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Fünf Jahre für ein Implantat

Der erste Eindruck darf nie unterschätzt werden. Vor allem im Vergleich. Wer mehrmals an einen Ort kommt, hat die Bilder des letzten Besuchs noch im Kopf und in rasendem Tempo wird deutlich, was sich verändert hat. Auch dieser Eindruck sollte überprüft werden, aber ausgeblendet werden sollte er auch nicht, aus welchen Gründen auch immer. Besonders spannend wird so ein Vergleich, wenn eine große Zeitspanne zwischen den Besuchen liegt. Denn dann sind die Konturen dessen, was man im Kopf hat und das Bild, welches sich beim ersten, neuen Blick ergibt, deutlicher.

Mir ging es gestern so. Obwohl ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder Spanien besucht habe, in Madrid war ich das letzte Mal vor nahezu vierzig Jahren. Madrid ist genauso wenig Spanien wie Berlin Deutschland oder Paris Frankreich. Und dennoch lassen sich in den Hauptstädten bestimmte Trends besser lesen als in der Provinz. Ich behaupte sogar, dass in den Metropolen die Lebensumstände und die täglich angewendeten Überlebenstechniken besonders herausstechen, während die Provinz einen prächtigen Befund über die Einstellungen und Haltungen der Gesellschaft vermittelt.

Es regnete in Strömen und so lag auf der Hand, den Prado aufzusuchen und sich Goyas Schwarze Reihe anzusehen und damit eine Idee davon zu bekommen, wie sich die Drohung einer omnipräsenten Inquisition auf das Denken und Schaffen von kreativen Menschen auswirkt. Das Thema ist brandaktuell, weil die moralistischen Inquisitoren auf nahezu jedem gesellschaftlichen Feld aktiv sind und der kreative Umgang mit dem gesellschaftlichen Sein sehr darunter leidet.

Als die Beine schmerzten und der Hunger sich meldete, machte ich mich auf in eine Bar, wo Tapas, dieses wunderbare Relikt aus den maurischen Zeiten, auf der Theke standen. Und wenn es ein Brennglas gibt für gesellschaftliche Veränderungen, dann ist es die Kneipe. Und ich glaube, die, in der ich war, war durchaus repräsentativ. Es war Freitagnachmittag und eine kleine Gruppe von Arbeitskollegen war wohl vom Mittagessen hängen geblieben. Sie hatten den von Rotwein leicht getönten Blick und waren bester Stimmung. Die Tapas, die ich bestellte, waren so köstlich wie in der Vergangenheit und der Fernseher, der lief, genauso laut wie immer. In Spanien setzt man sich mit seiner Stimme durch, sonst geht man unter.

Mir fielen die Diskussionen mit spanischen Freunden ein, als es um den Beitritt Spaniens zur EU ging. Viele befürchteten damals, dass der spanische Nationalcharakter und das spanische Lebensprinzip darunter leiden könnten. Das Manana, das Prinzip, dass das, was heute nicht geschieht, durchaus noch morgen vollzogen werden kann, schien in hohem Maße gefährdet. Wie vieles andere.

Was sich verändert hat, werden die Spanier besser beurteilen können. Wir haben die Statistiken gelesen, die Auskunft über das Ungleichgewicht innerhalb der Euro-Zone geben und dokumentieren, wie auch Spanien darunter gelitten hat. Mit Leben gefüllt wurden diese durch eine Werbung, die ich von der Theke aus im Fernsehen beobachten konnte und die immer wiederholt wurde. Es ging um die Finanzierung einer Zahnkrone oder eines Implantats im Wert von 1000 Euro. Für nur 19.50 Euro pro Monat kann man die Reparatur innerhalb von nur 60 Monaten, d.h. von fünf Jahren begleichen.

Wie heißt es doch bei uns immer wieder? Spanien ist auf dem richtigen Weg!

Siehst du all die Sternlein stehen?

Heinrich, ein so genanntes Original in meiner Heimatstadt, pflegte, wenn die meisten bereits schliefen, durch die leeren Straßen zu ziehen und laute Gespräche mit sich selbst zu führen. „Siehst du all die Sternlein stehen, oben dort am Firmament?“ war einer der Sätze, die er immer wiederholte. Aber er beschränkte sich nicht darauf. In die bekannte Struktur seiner Ausrufe mischte er immer wieder hoch brisante, ja politische Aussagen ein, die es in sich hatten. Dann konnte schon mal die Frage kommen „Und wen hat der Führer mit einem so schönen Auftrag bedacht?“. Wer damit gemeint war, das wusste jeder, denn es handelte sich um einen Fabrikanten am Ort, der sehr schnell seine Produktion auf kriegstaugliches Material umgestellt hatte. Aber nach einer solchen Aussage kam dann wieder ein Satz wie „Machorka! Machorka Jungs, das befreit die Seele!“ Dabei handelte es sich um russische Zigaretten, wenn man von der Brisanz absieht, dass Heinrich das wohl von den russischen Kriegsgefangenen wusste, die zu Kriegsende in besagter Fabrik arbeiten mussten.

Das Schicksal Heinrichs hat sich mir nie geklärt. Ich wusste, er hauste in einer alten Lagerhalle. Alle kannten ihn, und er gehörte einfach zum Stadtbild. Aufgrund seiner nächtlichen Ausrufe konnte man schließen, dass er über Bildung verfügte und gesellschaftliche Zusammenhänge durchschaute. Was ihn aus der Bahn geworfen hatte, darüber gab es nie Auskünfte. Aber es ist sicherlich keine Spekulation, die zu weit geht, dass es etwas zu tun gehabt haben muss mit Faschismus und Krieg. Später, als wir uns einmal trauten, Heinrich direkt anzusprechen, ließ er mehr seiner Geisteskraft aufblitzen, aber immer, wenn wir dachten, wir hätten ihn in einem rationalen Dialog, zog er sich blitzschnell auf das Sonderbare zurück und begann zu deklamieren: „Jedes Seelchen, sehnt sich nach nem Sternchen, oh Baby, das wird dir der Herr doch noch gewähren! Machorka, Towarischi!“

Heinrich war nicht der einzige dieser Art. Da gab es noch Arthur, der nachts über den Friedhof lief und heulte wie ein Hund. Sein Schicksal war jedoch den meisten Mitmenschen klar. Er hatte die zwölf Jahre der Diktatur in KZs überlebt, weil er zufällig einen seltenen Nachnamen trug, den auch eine Nazi-Größe hatte. Das hatte ihn immer wieder vor der Exekution bewahrt, aber nicht am Gesamtschicksal. Und dann war da noch Gras Grün, der immer alte Zeitungen sammelte, um sie dann zum Verkauf anzubieten, als wären es neue. Von bürgerlichem Namen hieß er Valentin und war Verleger gewesen, bis sein Besitz arisiert wurde. Wieso er immer noch oder wieder in der Stadt war und noch lebte, lässt sich nur vermuten. Sicher ist, dass einige Bauern aus dem Umland jüdische Mitbürger über Jahre vor dem Zugriff durch die Nazis versteckt hatten. Da war auch ein später sehr bekannter Mann dabei, deshalb wurde diese Tatsache bekannt und dokumentiert. Die Bauern nannten ihn Männken Spiegel, er war Viehhändler gewesen und allein die Tatsache, dass sie ihm halfen, war ein Sachlage ins Gesicht derer, die gerade die jüdischen Viehhändler so verunglimpft hatten.

Wenn ich die Erinnerung bemühe, dann fallen mir immer mehr Personen und Dinge ein, die dazu geeignet sind, im eigenen, kleinen Mikrokosmos nach den vielen Indizien zu suchen, die ein Geschichtsbild ausmachen. Ich möchte dazu ermuntern. In die eigene Erinnerung zu schauen. Die Welt liegt im Detail!