Archiv der Kategorie: short stories

Durch die Erde ein Riss

Aus den Membranen tönt es

Alle Uhren auf Null

So viel Zauber war nie

Leere Straßen, tote Gossen

Krähen haben das Kommando übernommen.

Börsenkurse stürzen lautlos von den Dächern

Die neue Währung ist der Piks

Schnee geschmolzen, bevor er fiel

Der alten Welt wird es zu viel

Improvisation ist die neue Ordnung.

Tief im Dunkeln blüht die Fantasie

Nackte schleichen durch die Szene

Als Tatsachen verkleidet

Fakten wirken schillernd und verdorben

Hirne suchen Licht und verirren sich im Schacht.

Leere Flächen überall

Zeugen von Ruin und schaffen Räume für das neue Spiel

Spitze Schreie aus Apartments

Ist es Wollust oder Angst?

Unbewegte Passanten blicken in das Grau.

Klagen hallen von den Mauern

Das Wort Hoffnung ist Tabu

Märkte schließen, Dealer sprießen

Verbote werden zu einem Signum der Vernunft

Dystopien schießen ausgelassen in die Luft.

Kalter Müll liegt auf den Straßen

Nach einem Fest, das keines war

Leere Mägen, volle Taschen

Die Idee für Neues wird zum Sakrileg

Der Müßiggang bleibt Privileg.

Zusammenfassung eines Interviews auf der Straße

Vom Entsetzen geplagt

Von der Angst übermannt

Im Innern vereinsamt

Durch das ewig Gleiche erschlagen

Dumpf, am Boden sitzend

Nach Fluchten sich sehnend

Die Sphären durchwühlend

Nach Wegen, die es nicht gibt

Von Abstraktionen verführt

Von Verschwendung geblendet

Erbrochen die Selbstherrlichkeit

Geblendet durch Feindbilder

Versucht durch den Rausch

Geschockt durch die Nüchternheit

Von der Dämmerung zur Nacht

Erwachen im Morgengrauen

Sehnsüchte bei Sonnenaufgang

Niedergedrückt durch die Routinen

Der Angst folgt der Hass

Dem Hass die Zerstörung

Und die Ruhe ist vor dem Sturm

Beim Blick zurück

Blinkt die Ordnung

Nach vorne 

Das große Nichts.

Bankdirektor X.

Vor nahezu einem Vierteljahrhundert traf ich im Aufsichtsgremium des Bildungsinstituts, an dem ich damals arbeitete, einen Mann, der dort in seiner Funktion als Vertreter einer Bank ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Er wurde vorgestellt als Bankdirektor, nennen wir ihn X. Es handelte sich um einen Mann in den so genannten besten Jahren, der sehr großen Wert auf sein Äußeres legte. Mit pechschwarzem Haar, das stets akkurat geschnitten und an der Seite wie ein Lineal gescheitelt war, stets in gut sitzende, maßgeschneiderte dunkelblaue Anzüge gehüllt, zuweilen auch mit einem dezenten Nadelstreifen, an der linken Hand eine goldene, fein gegliederte Uhr, an seiner rechten Hand einen ebenfalls in Gold gefaßten Siegelring, saß er am Tisch des Vorstandes. Im Habitus fein und gediegen, wirkte er dennoch sportlich, er war groß und schlank. Er zeichnete sich durch Zurückhaltung auf und obwohl keine Entscheidung ohne seine Zustimmung zustande gekommen wäre, machte er nie den Eindruck, als wollte er das Geschehen dominieren. Immer, wenn ein Entschluss im Raum stand, blickten die Akteure auf ihn, und wenn er fragend schaute, wurden die Optionen verändert, schlug er allerdings die Augenlider wohlwollend nach unten, dann war eine einstimmige Beschlussfassung gegeben. 

Bankdirektor X. gab mir Rätsel auf. Er entsprach nicht dem Klischee eines Machtmenschen, der rücksichtslos seinen Willen durchsetzte. Mit wem der Beteiligten ich auch sprach, niemand hatte diesen Eindruck. Alle hatten waren der Ansicht, es handele sich um einen eher emphatischen Menschen, der stets auf Konsens aus war und das Wohl des Instituts im Auge hatte. Fachfragen überließ er den Fachleuten und mischte sich nicht ein. Wenn er denn einmal das Wort ergriff, dann nur, wenn er dazu aufgefordert wurde. Dann spielte er die finanziellen Auswirkungen der einzelnen Optionen durch, gab aber keine Empfehlung, obwohl klar war, dass er seinerseits Präferenzen hatte. Doch er gab die Macht der Entscheidung an das Gremium zurück, vielleicht gerade weil er wusste, dass seine Mimik letztendlich den Ausschlag geben würde. 

Bei der Bewirtung hielt er sich immer zurück, wenn es hoch kam, verlangte er nach einem Glas Wasser. War die Sitzung beendet und wurde das Aprés zum Gedankenaustausch eröffnet, dankte er allen Beteiligten mit einem Handschlag, den er immer mit einem direkten, vertrauensbildenden Augenkontakt begleitete und bei dem er seinen Dank an die jeweilige Person aussprach, ein Dank für Leistung und Vertrauen. Dann verabschiedete er sich mit den Worten, sein Zeitplan sei eng getaktet und der nächst Termin warte. Und wie durch Gedankenübertragung hörte man im selben Augenblick, wie sein Fahrer unten im Hof die teure, schwarze Limousine anspringen ließ, um keinen Augenblick seines Chefs zu vergeuden. Dann entschwand Bankdirektor X. wie ein unbedeutender Statist aus dem Raum, ohne Inszenierung und ohne Tusch. In diesem Gremium genoss der Mann großen Respekt, menschliche Nähe kam jedoch nie zustande.

Als ich mich von dem Institut verabschiedete, um eine neue berufliche Herausforderung zu suchen, die mich schließlich in ein anderes Land verschlug, waren die Verhältnisse in dem Gremium so, wie beschrieben. Als ich nach einigen Jahren zurück in die Stadt kam, allerdings dann eine andere Wirkungsstätte fand, existierte das Institut in dieser Form nicht mehr. Was aus den einzelnen Akteuren geworden war, wusste ich nicht. Den einen oder anderen traf ich bei unterschiedlichen Gelegenheiten, den Bankdirektor X. sah ich nie wieder.

Letztens, 25 Jahre später, kam ein Mann im Zentrum der Stadt auf mich zu. Ich hatte gleich das Gefühl, dass ich ihn irgendwo schon einmal gesehen hatte. Der Mann war groß, etwas übergewichtig, er trug graues, nahezu weißes Haar, das wild in alle Richtungen wies. Er hatte einen etwas schleppenden, schwerfälligen Gang. Seine Kleidung bestand aus schlecht sitzenden, verwaschenen Jeans und einer Windjacke, die zu groß war und lose an dem mächtigen Körper hing. Sein Gesicht zeigte Verwüstungen auf, wie sie nur schwere Schicksalsschläge oder ein toxischer Lebensstil hinterlassen. Je näher er kam, desto konkreter wurde meine Ahnung. Und je näher er kam, desto mehr drängte sich mir der Eindruck einer nahenden Gefahr auf. Der große, schwere Mann wirkte wie eine angeschlagene, aber ungestüme Naturgewalt. Und dann, plötzlich, war es mir sonnenklar, es handelte sich um den ehemaligen Bankdirektor X.

Und wir fixierten uns. Wir blickten uns in die Augen und wußten von einander, wer wir waren. Die Augen des Mannes schickten mir eine Botschaft: „Ich weiß, wer du bist, und du weißt, wer ich bin. Dabei belassen wir es und alles ist gut.“ Was bleib mir anderes übrig, als das Angebot anzunehmen. Die Botschaft meines Blickes lautet folglich: „Ich habe Sie verstanden, ich wünsche Ihnen Glück.“ Durch die Beibehaltung durch mein nonverbales Sie wusste er, dass er sich auf mich verlassen konnte und sein Gesichtsausdruck entspannte sich ein wenig. Wir gingen grußlos aneinander vorbei.

Seitdem kreuzen sich manchmal unsere Wege im Getümmel der Fußgängerzone. Und jedesmal  treffen sich wissend unsere Augenpaare, und zuweilen lächeln wir sogar.