Archiv der Kategorie: short stories

Blut geleckt

Fitti Merz, der Randalebruder aus der Briloner Eisküche, hat tatsächlich wieder Blut geleckt. Alle, die die Wirkung kennen, bezeugen, dass es zwar geschmacklich und olfaktorisch sehr ambivalent anfängt, mit dem sanguinen Konsum, dass die psychedelische Wirkung jedoch recht schnell das Süß-Saure und das Stinken überstrahlt. Deshalb hat sich Fitti auch so schnell von dem Schock erholt, dass der Putsch gegen Merkel und AKK nicht gelungen ist. Als er, für die Kulisse, noch aufstehen und wie ein fairer Verlierer der obsiegenden Konkurrentin applaudieren musste, wirkte seine Physiognomie wie die eines Huhnes bei schwerem Gewitter. Aber was ein chronischer Blutsäufer ist, der erholt sich schnell.

Und schon schickte der lange Schlackel Angie einen Brief und bot großzügig seine Dienste als Minister an. Insider kolportieren, dass er wohl Gefallen an dem Ministerium der Verteidigung hätte. Zum einen, weil die Auftragsvergabepraxis der jetzigen Ministerin penetrant die Aura von Korruption versprühe und ihre Halbwertzeit aufgrund dessen noch einmal gesunken sei. Zum anderen, weil der Fitti noch heute seinen Jugendtraum pflegt, dabei sein zu dürfen, wenn es darum geht, dem zotteligen russischen Bären einmal so richtig den Pelz zu verbrennen. Dass die kalte Maria aus der Uckermark ihm jetzt den Traum verwehrt hat, bedeutet nicht, dass der Fitti ihn nicht weiter träumt. Welche Träume bleiben einem eingefleischten Atlantiker denn sonst noch? Der freie Westen?

Ob die gesamte Mischpoke, die sich hinter der hochtrabenden Chiffre „Andenpakt“ verbirgt, den finalen Schlag bereits überwunden hat, ist mehr als fraglich. Am schlimmsten muss es wohl die Revolverschnauze aus dem Badenerland getroffen haben. Um die Welt gingen die Bilder, wie er verzweifelt den Kopf geschüttelt hat ob der Dummheit seiner Parteifreunde, der Merkel-Doublette mit dem Kürzel eines Schnellfeuergewehrs, AKK, das Vertrauen ausgesprochen zu haben. Da wurde dem Wolfi bewusst, dass er eigentlich Radio hört, und immer denselben Satz, den er seinerseits fälschlicherweise einem historischen Fußballspiel in der Schweiz zugeordnet hatte: Das Spiel ist aus! Ich werd verrückt, das Spiel ist aus!

So schön war alles eingefädelt, die Knallchargen von Koch bis Öttinger in Stellung gebracht und mit dem Fitti ein richtiger Joker aus dem Chapeau Claque gezogen. Aber es ist nicht aufgegangen. Mein etwas zum Ordinären neigender Nachbar sagt immer, wenn die richtig großen Scheißhaufen verladen werden, dann ist der Wolfi immer mitten drin.

Entweder, so der Nachbar, und, ich wage es kaum auszusprechen, der Mann ist Lehrer, entweder er putscht, oder er zieht ein ganzes Volk über den Tisch. Geputscht hat er nun zweimal, einmal gegen den Kanzler der Einheit und einmal gegen dessen „Mädchen“. Und ein Volk über den Tisch gezogen hat er nun auch zweimal, einmal die Ostdeutschen mit dem Einigungsvertrag und einmal die Griechen mit dem Rettungspaket. Wenn alle guten Dinge drei sind, so der Pädagoge, dann Gute Nacht Germanistan!

Na ja, ganz so dramatisch muss es nicht beleuchtet werden. Obwohl – der Wille von Fitti, doch noch Minister werden zu wollen, das hat schon etwas sehr Notorisches. Der ganze Klüngel, der da den Putschplänen von Schäubles Wolfi aufgesessen ist, scheint so ein Konvolut aus am Stolz zerbrochenen Machismo aus dem letzten Jahrtausend zu sein. Darüber können auch die bereits in jungen Jahren auf der Karriereleiter völlig durchgescheuerten Talente nicht hinwegtäuschen, die von Es Annegret, dem Schnellfeuergewehr, als Hoffnungsträger verkauft werden.

Doch tief im Innern lieben wir alle das Theater. Ein kleiner Trost muss sein.

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Kohlhaas in Manhattan

E.L. Doctorow. Ragtime

Romane über New York, der Welthauptstadt des XX. Jahrhunderts, zu schreiben, gehört sicherlich zu den herausragenden Herausforderungen eines Schriftstellers. Nicht viele haben es gewagt. Herausragend sind dabei bis heute „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos und „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ von Tom Wolf. Beide hatten sich die Dichte dieses Konglomerats zunutze gemacht und die verschiedenen, sehr unterschiedlichen sozialen Formen der Existenz wie der biographischen Brisanz der Akteure in ihren Werken verwoben. E.L. Doctorow hat mit „Ragtime“ 1975 einen eigenen Versuch gestartet, anhand dieses Schmelztiegels ein Sittengemälde der dargestellten Zeit zu entwerfen.

In einem seiner ersten Romane gelang es ihm, das New York noch vor der großen, epochalen Bedeutung einzufangen.“Ragtime“ spielt im Zeitraum zwischen 1902 und dem I. Weltkrieg. Im Gegensatz zu den erwähnten New Yorker Romanen wählte Doctorow allerdings keine No-Names, sondern exponierte Personen der Zeitgeschichte, um die Brisanz der Stadt einzufangen. Sigmund Freud, Henry Ford, J.P. Morgan und Emma Goldman sind nur einige der Figuren, die in den historischen Annalen ihren Platz gefunden haben und die in dem Roman eine Rolle spielen. Die Gleichzeitigkeit und die Verwobenheit miteinander sind das kompositorische Moment, das die Handlung vorantreibt. Als künstlerischer Griff und als die alles überschattende Metapher wählt Doctorow den Ragtime, der den Roman rhythmisch treibt durch die Synkopen und das Staccato akzentuiert. Das Genre, welches lange mit dem Stigma einer Bordell-Musik behaftet war, dient auch der Erklärung dessen, was sich sozial im Big Apple jener Zeit abspielte.

Neben Exkursionen zum Nordpol, neben der Erfindung industrieller Serienproduktion, neben der wirtschaftlichen und politischen Einflussnahme von Trusts und Syndikaten, neben der Entstehung des Brandings femininer Pop-Ikonen, neben der Etablierung von Sensations-Marketingstrategien und neben der politischen Organisation der Arbeiterklasse spielt vor allem eine Adaption aus der europäischen Literaturgeschichte eine zentrale Rolle.

Es handelt sich dabei um den Jazz-Pianisten Coalhouse Walker Jr., dessen Vorbild Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas ist. Eben jener erfolgreiche, gut situierte und afro-amerikanische Musiker wird in einem Kaff in der Nähe New Yorks von dumpfem, rassistischem und provinziellem Mob gedemütigt und sein schickes Automobil, ein Ford Model T, wird von diesen Leuten ramponiert. Als er danach verlangt, es in seinen ursprünglichen, tadellosen Zustand wiederherzustellen, beginnt das Spiel, das in der Manier der literarischen Vorlage seinen Lauf nimmt. Die Polizei setzt sich nicht für ihn ein, seine Verlobte verliert bei dem Versuch, sich für ihn einzusetzen ihr Leben und alle rücken von ihm ab.

Der Feldzug für die Gerechtigkeit nimmt durch terroristische Anschläge, von Coalhouse Walker und seinen Anhängern inszeniert, seinen Lauf, bis es zu einem Showdown in Manhattan kommt, bei dem dieser zu seinem Recht kommt, wohl wissend, dass er in dessen Folge mit seinem Leben bezahlen muss. Die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf, der Preis ist hoch, das Ende tragisch.

Die Kälte, mit der Doctorow die Verläufe der einzelnen Handlungen seziert und aneinanderreiht, machen aus dem epischen Werk ein Pamphlet, das die Unschuld der Moderne in Abrede stellt und die Botschaft sendet, das jedes hehre Prinzip einen furchtbaren Preis hat. Dennoch bleibt die Macht einzelner eine zentrale Größe, der das Streben nach Recht und Gesetz nichts anhaben kann.

Doctorows „Ragtime“, zwischenzeitlich ein Kultbuch, das erfolgreich verfilmt wurde, besitzt nach wie vor eine große aktuelle Brisanz, und es ist keine Übertreibung, den Roman als einen Klassiker der Moderne zu bezeichnen. 

Sergej Schoiku und mein Vater

Jenseits der Aufmerksamkeit hat Bundesverteidigungsministerin von der Leyen ihren seit langem bekannten Kurs gegenüber Russland bestätigt. Sie betonte, dass es wichtig sei, mit Russland aus einer Position der Stärke heraus in den Dialog zu treten. Das hört sich bekannt an und regt hierzulande auch kaum noch jemanden auf. Was verstörte, war die deutliche Reaktion des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoiku. Dieser hatte zu verstehen gegeben, dass man in Deutschland, nach dem was von dort aus seinem Land angetan worden sei, am besten in den nächsten 200 Jahren noch schweigen sollte. Und er fügte hinzu, dass alle Deutschen gut beraten seien, ihre Großväter zu fragen, was passieren würde, wenn Deutschland aus einer Position der Stärke Russland gegenüber träte.

Abseits des Ekels, der mich befällt, wenn die Kriegstrommeln gerührt werden, versuchte ich dem Rat des russischen Verteidigungsministers zu folgen. Ich musste nicht meinen Großvater fragen, der fiel als junger Mann im I. Weltkrieg in Frankreich. Aber mein Vater, der seinen eigenen Vater nie zu Gesicht bekam, weil er eben früh in Frankreich fiel, der war in Russland gewesen. Und er hatte viel dort erlebt, beim großen Zug nach Osten. Nun ist auch er schon lange tot, aber seine Erzählungen haften immer noch in meinem Gedächtnis.

Und obwohl mein Vater ein brillanter mündlicher Erzähler war, fiel mir wieder auf, wie wenig er vom Krieg erzählt hat. Es waren wenige Geschichten, Schlüsselerlebnisse, die er wie ein Mantra wiederholte, als wolle er seine Wunden heilen, und zwar die der Seele, die ihn weit mehr schmerzten als die verbliebenen Granatsplitter, die ihm im Körper steckten. Da war sein Pferd, das vor Moskau lebendig verbrannt war, da war der Kölner, der ein „brutaler Hund“ war, aber an Weihnachten wie ein kleines Kind weinte, wenn er vom Kölner Dom sang.

Und da war der russische Bauer, der meinem Vater ins Gesicht gesagt hatte, dass ein Volk, welches sich so aufführe wie seines, keine Kultur habe. Und da war die Partisanin, die, bevor sie von einem der Totenkopfkommandos erschossen wurde, die Faust geballt und ihr Land hatte hochleben lassen und dann zerfetzt zu Boden sank. Da, so erzählte mein Vater immer wieder, da wussten wir alle, dass dieser Krieg verloren war, obwohl wir noch im Vormarsch waren. Dann seufzte er und schwieg. Und wir, die wir zuhörten, durchbrachen nie die Stille.

Das war es eigentlich schon. Mehr erzählte er nicht. Ja, da waren ihm noch die Knie eingefroren, ja, da gab es viele Tote und Verletzte, ja, im Grunde war es von vorneherein klar, dass das alles Irrsinn war. Aber, um es zu fokussieren: Es war die Vernichtung von Mensch, Natur und Tier, es war das Schizoide im eigenen Verhalten, es war die Scham, in einem solchen Akt der Barbarei eine Rolle zu spielen und es war der Respekt vor dem Geist und dem Zusammenhalt des Landes, in dem man sich befand.

Dass eine Polit-Karrieristin unserer Tage so etwas nicht reflektiert, mag auch mit ihrer Herkunft zusammenhängen. In ihrer Familie scheinen mehr Täter als Opfer gewesen zu sein, was sich bis zu den akademischen Eskapaden des Herrn Vater zurückverfolgen lässt. Wer diese Erfahrung der Geschichte leugnet, sollte besser den Mund halten. Oder anders herum, das Sicherheitsrisiko ist eine gegen die Erfahrungen der Geschichte imprägnierte Verteidigungsministerin.