Archiv der Kategorie: short stories

Zwei Dekaden

Ein letztes Durchatmen am Lago Maggiore. Dann der Sprung ins Ungewisse. Der Flug nach Asien, das Hotel in Glodok, mitten im Rotlichtviertel, das Frühstück mit den Chinesen, die die Eier mit dem Messer meuchelten, die lange Nacht mit dem Experten, im alten Holländerviertel, wo nichts mehr stand als die Erinnerung. Die Fahrt über Land, mit dem Zug nach Yogyakarta, dort wo im goldenen Kästchen die Ratten unter den Käfigen der Papageien umherliefen. Dann, mit dem Schiff nach Pangandaran, wo die Entscheidung fiel, bei selbst gebackenem Brot nach Bauernart und den Affen, die in Banden den Diebstahl organisierten. Der Flug zurück und die Auflösung. Alles musste weg, bis auf das Unentbehrliche, das große Container füllte. Der improvisierte Vertrag in Heidelberg und dann schnell nach Paris, Adieu zu sagen, an Heines und Zolas Grab, bei Austern im Freien, im Kalten November und einer englischen Komödie, die keinen Franzosen zum Lachen brachte.

Der Schluss, mit einem Fest für die Freunde und einem erneuten Flug in die neue Heimat. Singapur, Jakarta, Yogya. Im Puri Arta, wo der javanische Wächter dem großen Fisch des Hochzeitsbuffets genüsslich die blauen Augen aussaugte. Und dann der Kampf um das Malay, jeden Tag, in der Hitze, bei Gewitter, im Schatten des Merapi, der säuselnd heiße Asche spuckte. Und dann Jakarta. Hotel Marco Polo, dort, wo es überall nach Durian roch und sich die Tische bogen unter den Köstlichkeiten, die das Archipel bot. Der Arbeitsbeginn und die lange Zeit bis die Wohnung da war. In der Nähe der Jalan Asia Afrika. Unten, nebenan, der Kampung. Und die Skyline einer neuen Welt. Arbeitsbeginn und Aufstand. Eine brennende Stadt, der Diktator, in Ägypten, verlor die Macht. Auf die Studenten in der Nachbarschaft wurde geschossen. Klopfzeichen in der Nacht, auf Bambus, sie gingen durch die ganze Stadt. Die organisierte Flucht nach Kuala Lumpur.

Dort das Warten, auf die Rückkehr, woanders sollte es nicht mehr hingehen. Die Fahrt nach Penang, auf die Insel, wo der russische Botschafter allgegenwärtig war. Und die Rückkehr, in eine Heimat, die noch keine war. Das Leben unter Expats, die Annäherung an das Land. Die große, beschwerliche Reise in Sulawesi, am Steuer Haji, dem einstigen Guerillakämpfer, durch den Taman Kopi, bis nach Manado. Das fürstliche Essen im Bordell, das keines war, das Paradis unter dem Meer, das keine Drogen brauchte, um zu wirken. Der Trip nach Singapur, wo die Hawker das Schönste waren und der Rest so aussah wie Frankfurt am Main.

Der erste Berührung mit Australien. Perth, Freemantle, Boxing Day, nackte Nikoläuse am Strand und ein Flugzeugträger der Amerikaner, die sich nachts über Northgate ergossen und einen Frank-Sinatra-Film nachspielten. Das Licht von Perth, es bleibt, Blattgold am großen Himmel. Und die Immigranten, die nie aufgenommen wurden, und die Aborigines, die gebrochenen Blickes in der Parks herumlagen.

Jakarta, die Siegreiche, wurde das Zuhause. Der Ramadan, die Unabhängigkeitsfeiern, der Kalender wurde ein neuer. Reisen nach Bali, nach Sumatra, Schweinebraten und reichlich Bier bei den Bataks am Toba-See. Jakarta. Die Skurrilen aus allen Ländern der Welt, die sich nirgendwo heimisch fühlten außer hier. Wo alle etwas fanden. Die große Unruhe im Land. Die Aufbruch, die Rückschläge. Die Staus, die Empfänge, die Zugänge und die Abreisen. Weihnachten in Pangandaran. Die unvergessliche Nacht auf Nusa Kambangan, der Tropensturm und die dramatische Rettung, mit dem Katamaran über das tödliche Meer.

Der schwere Abschied, der gewollt war. Die Akklimatisierung an den Westen im fernen Australien, Sydney, Great Ocean Road, die großen Spaziergänge im Gezeitenbad. Das Warten am Bondi Beach. Der kalte Einstieg in der alten Heimat. Die Vergleiche, die alle misslangen. Die Pausen, um durchzuatmen. Auf den Kanaren und im Lazio. Die missglückten Versuche, alles zu erklären.

Der Trip nach Texas, die Weite, die Dynamik, die sechste Straße in Austin, das neue Modell in San Antonio, die Geier am Himmel, die Züge in der endlosen Ebene, die Nacht in Mexiko, die Schikanen der Grenzer. Die blutjungen Soldaten, die in den Iran flogen und kein Essen herunterbekamen. Das Gefühl, dass alles aus den Fugen geriet.

Die Mühen in der Ebene, die Pausen in Amsterdam und am Meer. Das Protokoll in Istanbul, das Leben im offiziellen Modus. Die ständigen Wechsel, die Mühen, Europa wieder zurück zu bekommen. Das immer wieder präsente Spanien, das geliebte Italien, die Wege, die versperrt waren, irgendwie die lange Nacht, die kein Ende nahm und die von außen so glänzte.

New York. Die Gesänge in Marys Crisis, die Fahrt mit mit dem roten Kreuzer in die Hamdens, die Pancakes in Montauk, der Spaziergang in Cape Cod. Das verregnete Boston, Haltestelle Dewey Square, Charlie Parker ließ grüßen. Ein Abschied im Village Vanguard und ein Präsident, der alles anders machen wollte.

Die Toten, die den Weg säumten, die so nahe waren, von denen die Erinnerung bleibt, weil sie uns so viel lehrten.

Die sieben Ebenen, die nicht enden wollten. Befreiungsschläge. Die ungewollte Zeit in Lissabon, die den Fado brachte. Mit russischen Bären und NATO-Offizieren beim Frühstück auf Zypern. Schalke gegen Madrid und der mögliche Griff in Ronaldos Tasche. Die welken Blumen der Revolution in Tunis. Dann die fetten Suppen in Hongkong und die Begegnung mit dem Roten Drachen. Das Wiedersehen mit Bali, der Insel der Götter, die im Stau erstickte, aber den Spirit nicht hergab. Später die Ruhe am Meer im Norden und der Schinken im Alentejo. Und die Gewissheit, dass alles weiter geht, und das eigene Schicksal, das keine Rolle spielt.

Die Mütze ist voll. Prallvoll. Alles geht weiter, auch über das Ende hinaus. Es war ein Privileg. Es ist ein Privileg. Und es geht weiter. Immer weiter. Kein Ende in Sicht. Bei allem Schwärmen, auf den Mikrokosmos kommt es an. Die Welt liegt im Detail.

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Gnadenreiche, unsere Königin

Da sitzt sie nun, in ihrem großen Schloss, das die ungebildete und derbe Bevölkerung ihrer Hauptstadt so kaltherzig die Waschmaschine nennt. Seit zwölf Jahren leitet sie die Geschicke des Landes von hier aus. Und da sie keine Regentin blauen Blutes ist, sondern sich vom Volk immer wieder die Regentschaft auf Zeit bestätigen lassen muss, und weil ihr das mit ihrer Hausmacht alleine nie gelang, musste sie Allianzen schließen. Das tat sie, die kluge und kühle Frau, die alles betrachtet wie einen chemischen Prozess, und so ist sie erfolgreich gewesen.

Geerbt hatte sie die Regentschaft von einem König, der gerne an den vollen Tischen saß und es sich gut gehen ließ, und der dem Volk, vor allem dem armen, richtig in die Tasche gegriffen hatte. Als sie die Königin wurde, half ihr dabei die Hausmacht des alten Königs und brachte die vollen Kassen mit. Das Volk trägt die Schmach immer noch dem alten König nach. Seiner Nachfolgerin, die den Raub für sich nutzte, hielt man es nicht vor. So ungerecht ist die Welt. Sie gilt als die Fleisch gewordene Tugend und nicht als im Luxus schwimmender Parvenü.

Heute, an dem Tag, an dem sie wieder auf ihren Balkon gehen wird, um sich vom Volk die lautstarke Zustimmung zu holen, steht sie schon am frühen Morgen vor dem Spiegel und fragt den schlauen Geist, ob sie alles richtig gemacht hat. Und dabei lächelt sie wissend. Denn für sie, die aus dem kalten Reich der Wissenschaft kommt, gibt es kein richtig und falsch mehr. So zu denken, das hat sie sich abgewöhnt. Heute räsoniert sie nur noch darüber, ob sie damit durchkommt oder nicht. Und womit sie durchkommen soll, das sagen ihr auch einige befreundete Familien, die bestimmte Interessen haben. So wie es eben ist, in jedem Königreich, warum sollte es bei einer Königin anders sein?

Und, so vor dem Spiegel, da wird sie dankbar, dass sie immer noch dort steht. Nicht jede Entscheidung, die sie traf, war klug, und nicht alles, was sie machte, kam dem Volk zugute. Wie damals, als sie den Geldhändlern half, den ganzen Süden am Meer zu plündern und statt diese etwas zu schröpfen den armen Völkern dort den Rest gab. Oder als sie mithalf, im Osten einen Krieg vom Zaun zu brechen gegen das weite Land, das in einen anderen Kontinent führte. Da hatte sie sich den Hitzköpfen aus dem westlichen Weltmeer angeschlossen, wahrscheinlich aus einer kleinen menschlichen Schwäche, denn sie weiß genau, dass ein Krieg gegen das große Land im Osten noch nie gewonnen wurde. Oder, letztlich, als sie all die Wilden ins Land ließ, die vor einem Krieg flohen, den sie mittrug. Das war ein heikles Spiel, da hatte sie viel reden müssen, um die verärgerten Geister wieder zu beruhigen.

Aber, und noch einmal schaut sie in den Spiegel, hatte es ihr geschadet? Nein. Denn es gab immer Gruppen im Volke, die mit ihr sein wollten, um in die Waschmaschine zu kommen und an der Macht teilhaben zu können. Erst war es die Hausmacht des alten Königs, dann waren es die Freigeister vom niederen Fluss, die mit ihrem Prinzen an ihrer Seite die Zukunft verloren. Dann war es wieder die Hausmacht des alten Königs, die, obwohl sie fast niemand mehr mochte, weil sie schon an ihrer Seite war, sich wieder bewarb, anscheinend bis zum endgültigen Ende. Und die Erben des toten Prinzen vom niederen Fluss antichambrierten bereits wieder ebenso wie die Schildknappen, die die Front im Osten härten und die Brennstoffe erneuern wollten.

Die Königin lächelt. Denn sie weiß, an Hilfsangeboten, ihre Regentschaft zu verlängern, wird es auch diesmal nicht fehlen. Dass ihr niemand die Hand reichte, daran hat sie auch schon gedacht. Denn sie denkt an alles. Aber von denen, die sich drängen werden vor dem großen Tor, hat das noch noch niemand bedacht. Wären sie sich einig, wäre es vorbei mit der schon so langen Herrlichkeit in der Waschmaschine. Aber so ist es eben nicht. Aber das Träumen, das Träumen war noch nicht verboten, auch nicht im Reich der fettigen Süßspeisen, der schweren Biere, des vielen Regens und der finsteren Mienen. Mehr zu lachen, das wäre vielleicht der Schlüssel, aber wem fiele das ein, an einem so folgenschweren Tag.

All Along The Watchtower

Sie war kaum auf dem Markt, das kreiste sie schon auf meinem Dual-Plattenspieler. Ich war begeistert. All Along The Watchtower, Jimi Hendrix. Ich besaß diese Single und es war meine erste Platte. Die Rückseite hieß Can You See Me. Die imponierte mir auch. Ich war damals 12. Durch einen älteren Freund war ich auf Hendrix gestoßen und ein Monteur aus einer Fernsehwerkstatt hatte mir die Platte aus einer größeren Stadt mitgebracht. Und sie lief und lief. Einen ganzen Sommer lang. In den Ferien nahm ich sie und meinen Dual mit an einen See, an dem wir eine Hütte hatten. Und All Along The Watchtower lief und lief. Tag und Nacht. Der arme Jimi hatte keine Zeit, einmal Luft zu holen.

Ich spielte sie Freunden vor und auch dem einen oder anderen netten Mädchen. Die meisten von ihnen mochten diese Art der Musik jedoch nicht. Sie hörten lieber Donovan. Das ärgerte mich, aber nicht lange. Nachts war es am schönsten. Da saß ich dann irgendwann alleine und hörte der zunehmend von Knistertönen begleiteten Weise zu. So langsam, auch durch die Übersetzungskünste von älteren Freunden, begriff ich auch noch, worum es in dem Text ging. Das war alles ganz geheimnisvoll, dass da ein Narr mit einem Dieb über den Irrsinn der Welt verhandelte.

Nach diesem Sommer war ich Agent in Sachen Hendrix. Dass die Komposition von Bob Dylan war, wusste ich damals nicht. Immer noch kreiste die Platte auf meinem Dual, und immer, wenn mich Schulfreunde besuchten, mussten sie sich diese grandiose Nummer anhören. Manche nickten freundlich, andere aber waren wie elektrisiert. Ihnen ging es so wie mir. Die musikalische Botschaft für uns, damals, in der Provinz, war eindeutig. All Along The Watchtower verstand den Irrsinn, den wir selbst verspürten, in dem Trott, in der Langeweile, in dem Gefühl, lebendig begraben zu sein. All Along The Watchtower erweckte uns zu neuem Leben. Mit diesem Stück begann die Zukunft.

Im letzten Jahr fand ich einen Freund von damals im Internet. Wir hatten uns über vierzig Jahre nicht gesehen. Ich meldete mich bei ihm, und fragte, wie es ihm ginge und was er mache. Und was tat er, als erstes? Er schickte mir einen YouTube-Clip mit Hendrix´ All Along the Watchtower. Das war Poesie. Nach vierzig Jahren war das Stück der Leuchtturm, an dem wir uns wiederfanden. Da mussten wir uns gar nicht mehr so viel erzählen, denn wir wussten bereits vieles, intuitiv.

Damals kamen dann andere Platten dazu und viele neue Entdeckungen faszinierten mich. Die Hörgewohnheit wich immer noch von der heutigen extrem ab, aber das Repertoire wurde größer und größer. Doch All Along The Watchtower blieb. Auch heute noch ist es ein modernes, frisches Stück, und der Text von Dylan gehört mit zu der grandiosesten Lyrik, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat.

Seit dem Wiedertreffen mit dem Freund aus alten Tagen höre ich das Stück wieder öfter. Es ist immer noch aufregend. Und es wird mich weiter begleiten.