Archiv der Kategorie: short stories

Zusammenfassung eines Interviews auf der Straße

Vom Entsetzen geplagt

Von der Angst übermannt

Im Innern vereinsamt

Durch das ewig Gleiche erschlagen

Dumpf, am Boden sitzend

Nach Fluchten sich sehnend

Die Sphären durchwühlend

Nach Wegen, die es nicht gibt

Von Abstraktionen verführt

Von Verschwendung geblendet

Erbrochen die Selbstherrlichkeit

Geblendet durch Feindbilder

Versucht durch den Rausch

Geschockt durch die Nüchternheit

Von der Dämmerung zur Nacht

Erwachen im Morgengrauen

Sehnsüchte bei Sonnenaufgang

Niedergedrückt durch die Routinen

Der Angst folgt der Hass

Dem Hass die Zerstörung

Und die Ruhe ist vor dem Sturm

Beim Blick zurück

Blinkt die Ordnung

Nach vorne 

Das große Nichts.

Bankdirektor X.

Vor nahezu einem Vierteljahrhundert traf ich im Aufsichtsgremium des Bildungsinstituts, an dem ich damals arbeitete, einen Mann, der dort in seiner Funktion als Vertreter einer Bank ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Er wurde vorgestellt als Bankdirektor, nennen wir ihn X. Es handelte sich um einen Mann in den so genannten besten Jahren, der sehr großen Wert auf sein Äußeres legte. Mit pechschwarzem Haar, das stets akkurat geschnitten und an der Seite wie ein Lineal gescheitelt war, stets in gut sitzende, maßgeschneiderte dunkelblaue Anzüge gehüllt, zuweilen auch mit einem dezenten Nadelstreifen, an der linken Hand eine goldene, fein gegliederte Uhr, an seiner rechten Hand einen ebenfalls in Gold gefaßten Siegelring, saß er am Tisch des Vorstandes. Im Habitus fein und gediegen, wirkte er dennoch sportlich, er war groß und schlank. Er zeichnete sich durch Zurückhaltung auf und obwohl keine Entscheidung ohne seine Zustimmung zustande gekommen wäre, machte er nie den Eindruck, als wollte er das Geschehen dominieren. Immer, wenn ein Entschluss im Raum stand, blickten die Akteure auf ihn, und wenn er fragend schaute, wurden die Optionen verändert, schlug er allerdings die Augenlider wohlwollend nach unten, dann war eine einstimmige Beschlussfassung gegeben. 

Bankdirektor X. gab mir Rätsel auf. Er entsprach nicht dem Klischee eines Machtmenschen, der rücksichtslos seinen Willen durchsetzte. Mit wem der Beteiligten ich auch sprach, niemand hatte diesen Eindruck. Alle hatten waren der Ansicht, es handele sich um einen eher emphatischen Menschen, der stets auf Konsens aus war und das Wohl des Instituts im Auge hatte. Fachfragen überließ er den Fachleuten und mischte sich nicht ein. Wenn er denn einmal das Wort ergriff, dann nur, wenn er dazu aufgefordert wurde. Dann spielte er die finanziellen Auswirkungen der einzelnen Optionen durch, gab aber keine Empfehlung, obwohl klar war, dass er seinerseits Präferenzen hatte. Doch er gab die Macht der Entscheidung an das Gremium zurück, vielleicht gerade weil er wusste, dass seine Mimik letztendlich den Ausschlag geben würde. 

Bei der Bewirtung hielt er sich immer zurück, wenn es hoch kam, verlangte er nach einem Glas Wasser. War die Sitzung beendet und wurde das Aprés zum Gedankenaustausch eröffnet, dankte er allen Beteiligten mit einem Handschlag, den er immer mit einem direkten, vertrauensbildenden Augenkontakt begleitete und bei dem er seinen Dank an die jeweilige Person aussprach, ein Dank für Leistung und Vertrauen. Dann verabschiedete er sich mit den Worten, sein Zeitplan sei eng getaktet und der nächst Termin warte. Und wie durch Gedankenübertragung hörte man im selben Augenblick, wie sein Fahrer unten im Hof die teure, schwarze Limousine anspringen ließ, um keinen Augenblick seines Chefs zu vergeuden. Dann entschwand Bankdirektor X. wie ein unbedeutender Statist aus dem Raum, ohne Inszenierung und ohne Tusch. In diesem Gremium genoss der Mann großen Respekt, menschliche Nähe kam jedoch nie zustande.

Als ich mich von dem Institut verabschiedete, um eine neue berufliche Herausforderung zu suchen, die mich schließlich in ein anderes Land verschlug, waren die Verhältnisse in dem Gremium so, wie beschrieben. Als ich nach einigen Jahren zurück in die Stadt kam, allerdings dann eine andere Wirkungsstätte fand, existierte das Institut in dieser Form nicht mehr. Was aus den einzelnen Akteuren geworden war, wusste ich nicht. Den einen oder anderen traf ich bei unterschiedlichen Gelegenheiten, den Bankdirektor X. sah ich nie wieder.

Letztens, 25 Jahre später, kam ein Mann im Zentrum der Stadt auf mich zu. Ich hatte gleich das Gefühl, dass ich ihn irgendwo schon einmal gesehen hatte. Der Mann war groß, etwas übergewichtig, er trug graues, nahezu weißes Haar, das wild in alle Richtungen wies. Er hatte einen etwas schleppenden, schwerfälligen Gang. Seine Kleidung bestand aus schlecht sitzenden, verwaschenen Jeans und einer Windjacke, die zu groß war und lose an dem mächtigen Körper hing. Sein Gesicht zeigte Verwüstungen auf, wie sie nur schwere Schicksalsschläge oder ein toxischer Lebensstil hinterlassen. Je näher er kam, desto konkreter wurde meine Ahnung. Und je näher er kam, desto mehr drängte sich mir der Eindruck einer nahenden Gefahr auf. Der große, schwere Mann wirkte wie eine angeschlagene, aber ungestüme Naturgewalt. Und dann, plötzlich, war es mir sonnenklar, es handelte sich um den ehemaligen Bankdirektor X.

Und wir fixierten uns. Wir blickten uns in die Augen und wußten von einander, wer wir waren. Die Augen des Mannes schickten mir eine Botschaft: „Ich weiß, wer du bist, und du weißt, wer ich bin. Dabei belassen wir es und alles ist gut.“ Was bleib mir anderes übrig, als das Angebot anzunehmen. Die Botschaft meines Blickes lautet folglich: „Ich habe Sie verstanden, ich wünsche Ihnen Glück.“ Durch die Beibehaltung durch mein nonverbales Sie wusste er, dass er sich auf mich verlassen konnte und sein Gesichtsausdruck entspannte sich ein wenig. Wir gingen grußlos aneinander vorbei.

Seitdem kreuzen sich manchmal unsere Wege im Getümmel der Fußgängerzone. Und jedesmal  treffen sich wissend unsere Augenpaare, und zuweilen lächeln wir sogar.

Coronoia

Suum cuique. Jedem das Seine. Jeder das Ihre. Seit einiger Zeit könnte noch eine andere Variante hinzukommen. Allen das Irre. Ja, seit Corona hat sich die Welt verändert. Genau genommen, hierzulande seit zwei vollen Monaten. Seitdem sitzen viele zuhause und inhalieren nicht das Virus, aber die täglichen Journale, Reports, Kommentare und Glossen. Je länger der Prozess dauert und je erfolgreicher der Versuch wurde, die Ausbreitung des Virus den hiesigen Krankenhauskapazitäten anzupassen, desto wirrer wurden die Reaktionen und Statements, die überall zu lesen und zu hören waren. Und wer wollte und will, der bekommt von allem etwas. Das ist der Vorteil dessen, was viele Demokratie nennen.

Da ist zum einen die offizielle Information von Bundesregierung und dem Robert-Koch-Institut. Beiden ist anzumerken, dass sie ankämpfen gegen den Verdacht, sie besäßen eine zweite Agenda, weil sie Positionen, die sie heute vertreten, manchmal morgen revidieren müssen. Viele hätten es gern eindeutiger. Dass das bei Lernprozessen mit großen Unbekannten nicht geht, wollen viele sich nicht vorstellen. Oder sie können es nicht. Wer weiß. 

Und dann sind da die, die glauben, dass alles sei ein von einigen dunklen Mächten ausgeheckter Plan, um die Welt endgültig unter ihre Knute zu bekommen. Wenn dem so ist, so könnte man sagen, dann sind das ziemlich geniale Freaks, die ohne Waffengewalt in kurzer Zeit das hinbekommen, was vorher weder dem Hunnenkönig, noch dem großen Alexander und auch nicht Napoleon und Hitler gelungen ist. Auch wenn wir dann alle totgeimpft und geschippt werden, um unseren willenlosen Korpus zu steuern, einmal klatschen wird man vorher hoffentlich dürfen, für diesen genialen Putsch.

Und da sind wiederum andere, die seit dem ersten Tag quasi à jour, sie halten sich an alles, was es an Rat gibt und sie werden mit Sicherheit die ganze soziale Dürreperioden überleben. Das ist schon einmal ein Asset. Manche von ihnen werden danach das Business as usual suchen, das es dann aber so wie in der Erinnerung nicht mehr gibt. Andere von ihnen werden sehr genau darauf achten, dass die Ausnahme- und Sonderrechte der Exekutive schnell wieder außer Kraft gesetzt werden und wiederum eine Gruppe wird nicht mehr merken, dass das Virus besiegt wurde und den Rest ihrer Tage in häuslicher Quarantäne bis zum bitteren Ende verweilen. Auch wenn sie aus dem Radio hören werden, dass sie wieder heraus dürfen, sie werden es für eine Verschwörung halten und schlau zuhause bleiben.

Es wird derzeit viel darüber spekuliert, was sich wohl alles ändern wird, wenn diese ganze Krise auf ihr Ende zusteuert. Es ist spannend, darüber nachzudenken, es ist auf der anderen Seite aber auch gar nicht so schwer, zu Ergebnissen zu kommen. Es hängt nämlich nicht von den Einsichten derer ab, die sich mit allem möglichen beschäftigen, sondern von denen, die in der Masse den Ausschlag geben. Sie benötigen schon lange keine Priesterkaste mehr, die ihnen die Welt erklärt. Folglich wird es nicht mehr über Parteien laufen, sondern über schnelle Wahrheiten, die sich auf einzelne Punkte beziehen und nicht über komplexe Programme. Auch schon vor Corona war das alles deutlich, die Pest hat diesen Prozess nur noch beschleunigt.

Manche Erscheinungen werden bleiben, vorerst. Es sind die staatlich alimentierten Kommentatoren des Zeitgeschehens, die von allen Jahrgängen, die nach 1986 geboren wurden, gar nicht mehr gehört werden, was aber die Institutionen, für die sie unterwegs sind, noch nicht gemerkt haben. Sie haben, nicht im Gegensatz, sondern im Angesicht der nostradamischen Gegenwelt in dieser Zeit zuweilen einen Unsinn verbreitet, der – ohne Frisör! – haarsträubend war. 

Vor wenigen Tagen, morgens beim Bäcker, wo es wunderbares Brot gibt, aber auch eine schlechte Zeitung ausliegt, starrte ich auf die Titelseite, wo eine dieser Kolumnistinnen des medialen Zeitgeschehens abgebildet war. In dem Moment, als ich mir das ansah, rief ein Kunde, mit Maske, mir zu,  „Ja, für Geld tun die alles. Ich weiß, wovon ich spreche. Und ich sage: Alles! Hahaha.“ Während ich schmunzeln musste, da mir bekannt ist, dass der Mann früher eine Größe im Rotlichtmilieu war, kam sein Einwurf nicht gut bei den anwesenden Frauen an. Eine Dame wankte regelrecht und man konnte froh sein, dass sie eine Maske trug, sonst wäre sonst etwas passiert. Nur eine der Frauen hinter der Theke, die immer alles im Griff haben und mit jedem fertig werden, stand seelenruhig hinter der Kasse und brachte den Frieden zurück: „Es ist immer gut, wenn jemand hier ist, der uns die Welt erklärt!“ Dabei lächelte sie gütig wie die Göttin der Weisheit.