Eine paradoxe Intervention des Volkes?

Die saarländische Variante klingt wie eine Schnellfeuerwaffe. AKK wird sie dort genannt und so fegt gleich mit ihrer Nominierung ein scharfer Wind in die effeminierte CDU. Der, den sie ablöst, hat schon vorher das Handtuch geworfen. Mal heißt es, es seien gesundheitliche Gründe, mal heißt es, es seien keine gesundheitlichen Gründe. Im Grunde ist es auch egal, wer in dem Geschäft raus ist, der ist raus. Noch sieht es so aus, als sei die, die die Schnellfeuerwaffe bestellt hat, noch nicht raus. Bis jetzt kuschen alle, weil es noch einiges an Posten zu verteilen gibt. Wer jetzt die Entscheidung für AKK aus Konkurrenzgründen kritisiert, läuft Gefahr, bei den anderen Entscheidungen, die hinsichtlich des neu zu bildenden Kabinetts anstehen, nicht berücksichtigt zu werden.

Nicht, dass das Problem exklusiv in dieser Partei herrschte. Es herrscht überall. Über die Verhandlungen zur großen Koalition kursieren böse Gerüchte. Am letzten Tag sei man sich sehr schnell über die Inhalte einig gewesen, dann aber, entgegen allen offiziellen Beteuerungen, habe es ein Geschacher um die Posten gegeben. Dieses Gefeilsche habe 14 Stunden gedauert. Angesichts dessen, was seitens der anderen Partei im Falle des Außenministeriums sichtbar wurde, kann man sich den Rest gut ausmalen. Aber nur, wenn man möglichst schnell in die Gesellschaft schlechter Laune kommen will.

Gesetzt den Fall, die andere Partei käme jetzt bei der Mitgliederbefragung zu dem Schluss, sie wolle sich nicht an einer großen Koalition beteiligen. Dann wird es, weil schon zur Mehrheitsmeinung geschmiedet, die Notwendigkeit zu Neuwahlen geben. Nicht, weil es gesetzlich so sein muss, sondern weil die Kanzlerin sich nicht die Mühe machen will, mit einer Minderheitsregierung um Mehrheiten zu werben. „Wir sind doch nicht Dänemark!“ Stattdessen werden die Wählerinnen und Wähler wieder an die Urnen getrieben, damit es passt für Mutti.

Im Coaching wie in der psychosozialen Begleitung von Gruppen existiert ein Mittel namens paradoxer Intervention. Es beschreibt einen Eingriff des Therapeuten oder des Entwicklers in das Geschehen mit einem logisch nicht kalkulierbaren Impuls. Das erzeugt einen Schock und zwingt zum Nachdenken. Sollte die Basis der Sozialdemokratie zu dem Schluss kommen, sich an keiner großen Koalition beteiligen zu wollen, dann hätten die Wählerinnen und Wähler die Möglichkeit einer paradoxen Intervention.

Denn entgegen der lancierten Vorhersagen und nahezu stündlich wiederholten Prophezeiung, die Partei läge mittlerweile hinter der AFD, könnte eine Honorierung des eingeschlagenen Weges dem muffigen Konsensweg der Vorgängerregierung die Leviten lesen. Ein gutes Ergebnis für die Verweigerung eines de facto Einparteienstaates wäre ein beredtes Zeichen für eine lebendige Demokratie. Ja, denn weit ist es mit einem Land gekommen, in dem das Nichtzustandekommen einer großen Koalition als Staatskrise angesehen wird.

In diesem Kontext hören sich die Beteuerungen derer, die für das „Weiter so!“ stehen und dennoch von einer neuen Politik der Reform sprechen, nicht sonderlich glaubwürdig an. Weder hier noch da, und wer vom Sound eines Gewehrakronyms eine Charmeoffensive erwartet, der lechzt bereits nach der nächsten paradoxen Intervention.

Es bleibt eine sympathische Variante, der Wählerschaft die Möglichkeit zu geben, über das starrköpfige Streben nach einer satten, nicht debattierpflichtigen Macht auf direktem Wege zu urteilen. Es heißt ja nicht, dass das geschehen wird. Aber es zeigt, wo wir stehen.

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Partizipation und Moderation

Wir waren auch schon einmal weiter. Vor nunmehr mehreren Jahrzehnten, als sich die Republik in einem Aufbruch wähnte, wurde schnell deutlich, dass eine verstärkte Partizipation besondere Erkenntnisse benötigt. Dem Satz „Mehr Demokratie wagen“ folgten sehr reale Schritte dessen, was heute als Empowerment beschrieben werden würde. Es ging nämlich darum, diejenigen, die man am politischen Diskurs beteiligen wollte, dazu zu befähigen, das auch tun zu können. Oder anders herum: Es ging darum, Methoden zu entwickeln, die denjenigen, die durch besonderes Temperament, eine außergewöhnliche Rhetorik oder eine große Durchsetzungsfähigkeit Entscheidungsprozesse immer dominierten, in eine Disziplin zu bringen, in der auch die etwas weniger Exponierten zu Wort kamen. Das hörte sich zunächst leicht an, war schwer, aber letztendlich möglich und führte zu einer Periode von Beteiligung, auf die man aus heutiger Sicht etwas wehmütig zurückblicken muss.

Eine dieser Methoden waren die so genannten Moderationstechniken, die es ermöglichten, eine auf Partizipation angelegte Gruppe methodologisch eng zu einem konkreten Ergebnis zu führen, ohne dazu verführt zu werden, diesen Prozess inhaltlich manipulieren zu können oder zu wollen.

In der Regel fing es damit an, die Gruppe zu der Eingangsfragestellung zu befragen und sie auf Karten schreiben zu lassen, was sie zu dem Thema bewegte. Es folgte das Clustern der eingegangenen Karten nach begrifflicher Nachbarschaft und die Findung von Arbeitstiteln. Letztere wiederum wurden priorisiert und dann nach Priorität bearbeitet. Das wiederum streng nach dem Schema: Problembeschreibung, Lösungsansätze und mögliche Widerstände. Nach der Präsentation dieser Ergebnisse entstand dann in der Regel eine To-Do-Liste, auf der zu lesen war, Wer, Was, bis Wann zu erledigen hatte.

Auch aus heutiger Sicht ist es immer wieder erstaunlich, welche Ergebnisse nach dieser Methode in relativ kurzer Zeit zustande kamen und welche Qualität von Veränderung dadurch erzielt werden konnte. Menschen, die sich dieser Methode verschrieben hatten und derartige Prozesse moderieren konnten, gingen damit durch die Hohe Schule der Meinungsfindung und fanden sich nicht selten nach einiger Zeit in Führungspositionen wieder.

Doch dann stockten die Reformen insgesamt und es begann ein praktisch folgenloser, aber gesellschaftlich anerkannter Prozess der babylonischen Auseinandersetzung. Der partizipativen Methode der Moderation folgte ein Prozess der öffentlichen Geschwätzigkeit mit der furchtbaren Waffe, diese Settings, die aus der amerikanischen Talk-Show kamen, auch als Moderation zu bezeichnen. Plötzlich konnten jede und jeder moderieren, unabhängig von ausgewiesenen methodologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Seitdem nennen sich viele Moderatoren, die keinen Begriff davon haben, was eigentlich von ihnen erwartet wird.

Aus heutiger Sicht betrachtet war die Zeit des partizipativen Diskurses qualitativ hochstehender als das, was aus der öffentlichen Behäbigkeit, die, wenn es gut läuft, übrig bleibt, aus den Diskussionen mit den halbseidenen Moderatorinnen und Moderatoren herauskommt. Da wird ein bisschen mit dem Hexenhammer der puritanischen Inquisition gewunken, da werden die Tabus der Hochmoderne aufgezeichnet, die nicht schnittiger daher kommen als ihre antiken Vorfahren und da wird letztendlich das als Konsens propagiert, was vorher bereits als herrschende Meinung feststand.

Ja, auch die Formen der Interaktion lassen Schlüsse zu auf deren Inhalte. Dort, wo die Demokratisierung des Gesprächs durchgesetzt werden muss, regte sich immer großer Widerstand derjenigen, die es gewohnt waren, zu dominieren. Dort, wo es gelang, den Stilleren mehr Raum zu geben, waren die Ergebnisse umso beredter.