Schnell und langsam, je nachdem

Nach dem türkischen Referendum wird eine Frage erneut diskutiert, die eigentlich bei jedem politischen Großereignis aktuell ist: Wie soll eine Regierung in einem solchen Fall reagieren? Soll sie einen klaren Standpunkt vertreten, auf Konsequenzen hinweisen und Angebote machen, die auf unzweideutigen Bedingungen basieren? Oder soll sie abwarten, genau beobachten, wie sich die Angelegenheit weiter entwickelt und dann langsam eine Strategie entwerfen, die den geänderten Bedingungen gemäß ist? Zumeist wird die Diskussion über die unterschiedlichen Herangehensweisen im Publikum sehr polarisierend geführt, während zumindest die deutsche Regierung nicht eindeutig einer der beiden Optionen zuzuordnen ist, auch wenn der allgemeine Eindruck vorherrscht, dass sie nicht schnell handelt und eher erst einmal beobachtet. Bei genauerem Hinsehen trügt dieser Eindruck jedoch.

Picken wir einige Ereignisse heraus! Bei der Ukraine zum Beispiel war die Position der Regierung sehr schnell klar. Sie war für einen Regimewechsel, nicht zimperlich bei der Beurteilung der neuen Machthaber und überaus schnell bei der Verurteilung Russlands. Ursache und Wirkung wurden nicht untersucht, das Junktim zwischen EU und NATO unbedingt unterstützt und die Wahl einer konfrontativen Strategie wurde als alternativlos angesehen.

Im Falle des Brexits folgte einer kurzen Schockstarre das Austarieren von Möglichkeiten, die von der Revision des Brexits über das Herausbrechen Schottlands bis hin zur Beibehaltung vorteilhafter Wirtschaftsbeziehungen ging. Bis heute liegt keine klare Position vor, und vieles wird von dem Verlauf der auch von Großbritannien geführten Verhandlungen abhängen, wie sich die Dinge weiter entwickeln.

Im Falle der Türkei herrscht eine abwartende Haltung vor, die sich aus der eben auch wirtschaftlichen und geostrategischen Gemengelage erklären lässt. Der deutliche, unmissverständliche Weg des Landes in eine Diktatur wird hingenommen, weil das Flüchtlingsabkommen bis zu den Wahlen im Herbst 2017 halten muss und weil die Türkei als NATO-Partner eine Toleranz gegenüber Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen genießt, die anderen Staaten nicht zugebilligt wird.

Anders wiederum im Falle Griechenlands. Um die Banken zu retten, wurde eine ganze Nation, die zugegebenermaßen nicht ganz unbeteiligt an dem Dilemma war, als Geisel genommen und derart gedemütigt, dass der Vorgang paradigmatischen Charakter bekam und maßgeblich zu dem Vertrauensverlust innerhalb der EU führte. Die Erosion der EU in politisch rauen Zeiten hat ein Hardliner aus dem Finanzministerium zu verantworten, den sowohl Kanzlerin als auch Koalitionspartner haben machen lassen bis alle Freundschaften den Bach herunter gegangen waren.

Im Falle der Wahl des neuen US-Präsidenten war man sehr schnell dabei, Trump als die Personifizierung der westlichen politischen Krise zu bezeichnen. Das war schon in der ersten Nacht zu hören und war offen wie selten zuvor. Die Meinung änderte sich, als Trump zu kriegerischen Aktionen griff und die USA wieder als militanter Weltpolizist auftraten.

Und auch im Syrienkrieg war man rasant mit der Parteiergreifung. Da war mit Assad der Gegner sehr schnell ausgemacht, weil die Gaspipeline von Katar nach Europa unter westlicher Regie geführt werden sollte und plötzlich bei einem seit Jahrzehnten geduldeten Präsidenten Syriens Charaktereigenschaften auffielen, die man vorher nicht bemerkt hatte. Schon wurden die Kriegstrommeln gerührt und man ist mit Militär seit langem in einer völkerrechtswidrigen Handlung.

Diese Regierung ist alles andere als langsam. Sie verfolgt ihre Interessen sehr konsequent. Und es ist nicht eine Frage von klarer Kante oder nicht, sondern es ist eine Frage von Richtung und Haltung. Und da ist vieles zu beobachten, das nicht mehrheitsfähig ist.

Sie wissen nicht, was sie tun?

Gestern, nach dem türkischen Referendum, tasteten sich die Nachrichten in den öffentlich-rechtlichen Sendern sehr langsam an eine Einschätzung des Geschehenen heran. Das muss nicht schlecht sein, verwundert jedoch in diesem Fall. Es ging schließlich um die Legalisierung eines bereits seit Monaten unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes verfolgten Kurses der Errichtung einer Diktatur. Das Tasten der Journalisten hatte einen Grund: Sie wollten zunächst herausfinden, welche Position die Bundesregierung einnimmt. Da nach einer Weile aus dem Kanzleramt wie dem Außenministerium die Devise kam, besonnen zu bleiben, taten es die Nachrichtenredakteure auch. Das hat System, denn einen Dissens mit der Bundesregierung, und sei es bei einer Einschätzung von Ereignissen, riskiert dort niemand mehr.

Dafür zeigte man, zumindest in der ARD, wie schnell die Redakteure sind, wenn es darum geht, Stimmung zu machen im eignen Lande. Diesmal traf es ausgerechnet diejenigen, die wahrscheinlich am meisten unter der Entwicklung in ihrer Heimat oder ehemaligen Heimat leiden. Die so genannten Deutschtürken. Ihnen wurde nämlich in der ARD bescheinigt, zu zwei Dritteln für das Referendum votiert zu haben. Was es mit dieser journalistischen Aufbereitung auf sich hat, liest sich folgendermaßen:

In der Bundesrepublik Deutschland leben 3,5 Millionen wahlberechtigte Menschen türkischer Abstammung. Davon besitzen gegenwärtig noch 1,5 Millionen einen türkischen Pass. Bei dieser Gruppe handelt es sich um die für türkische Angelegenheiten Wahlberechtigten. Die Beteiligung in Deutschland an dem Referendum betrug 50 %, d.h. Insgesamt gaben 750.000 Türken ihre Stimme ab. 63% stimmten mit Ja, was wiederum heißt, dass ca. 450.000 hier lebende Türken die Ermächtigung Erdogans befürworteten. In Bezug auf die gesamte Gruppe von 3,5 Millionen Türkischstämmigen sind das 13 %.

Die Meldung hatte sehr schnell zur Folge, dass in den sozialen Netzwerken die Posts inflationsartig verbreitet wurden, dass diejenigen, die mit Ja gestimmt hätten, sich bitte doch in die Türkei begeben sollten. Obwohl die Aussage nachvollziehbar ist, sie richtete sich natürlich an die Türkischstämmigen generell, was die Folge der Meldung aus den ARD- und sonstigen Nachrichten war: Zwei Drittel der Türken in Deutschland haben mit Ja gestimmt.

So schnell geht das, so schnell wird der Pfad der Demagogie beschritten und so schnell sind Verwerfungen etabliert, die so schnell nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, inwieweit zum Beispiel diese Meldung eine Art von staatlich autorisierten Fake News sind, die schnell aus dem Netz verschwinden sollten, oder ob es sich dabei um ein weiteres Testat für das miserable journalistische Niveau, das auch bei den teuren öffentlich-rechtlichen Anstalten vorherrscht, handelt.

Es wäre auch möglich, die Zahlen anders zu lesen: Wenn von 3,5 Millionen Türkischstämmigen in Deutschland nur noch 1,5 Millionen einen türkischen Pass haben, ist das ein gutes Zeichen für die Attraktivität der Bundesrepublik Deutschland. Wenn von den hier Wahlberechtigten nur 50 Prozent ihre Stimme abgeben, dann scheint das die hier Lebenden nicht mehr sonderlich zu interessieren. Und wenn von 3,5 Millionen nur 13 % mit Ja gestimmt haben, dann leben in unserem Land mehr als drei Millionen Bündnispartner für die Demokratie. So weit muss man nicht gehen, aber man könnte es. Was diese Interpretation zeigt, ist die erfolgte, auf Verwerfung zielende Desinformation. Das sollten sich diejenigen, die diese Anstalten zu verantworten haben, einfach mal durch den Kopf gehen lassen. Mit einem „sie wissen nicht, was sie tun“ ist es schon lange nicht mehr getan.

Den Jazz ins Leben zurück gebracht

JD Allen. Americana. Musings On Jazz And Blues

Viele Musiker des zeitgenössischen Jazz haben, wie sollte es auch anders sein, ein andere Biographie als noch die Generation vor ihnen. Diese spielte sich durch die Kaschemmen der Provinz bis nach New York hoch und auf diesem Weg lernten sie noch einmal aus dem FF alle Schattierungen von Rassismus und Diskriminierung kennen. Diese Biographien hatten Einfluss auf ihr musikalisches Schaffen. Heutige Jazzer, vor allem die erfolgreichen, sind zumeist Repräsentanten des Mittelstandes, die nicht selten ihr Handwerk auf Konservatorien gelernt haben. Ihr Können ist famos, ihre Ideen brillant, ihre Technik atemberaubend. Und dennoch werden die harten, bluesigen, klagenden Töne, die den Jazz als den Ausdruck der Ungerechtigkeit, der Boshaftigkeit, aber auch der Schönheit dieser Welt groß gemacht haben, von vielen bitter vermisst.

JD Allen, seinerseits Tenorsaxophonist und mit 44 Jahren noch relativ jung, kann mit diesen Tönen aufwarten. Mit seinem Album Americana. Musings On Jazz And Blues gibt er dem Jazz die Stimme zurück, die ihn groß gemacht hat. Allen, der erst 1999 mit seinem Debüt Album aufwartete, hat mit anderen Werken wie The Matador und Graffiti sehr überzeugend bewiesen, wie sehr er die Traditionen des avantgardistischen Jazz kennt und beherrscht. Mit Americana holt er jedoch den Ton zurück, der für das Narrativ über die Reise von den Baumwollfeldern des Südens in die Industriemetropolen des Nordens steht.

Tell The Truth, Shame The Devil, mit diesem Intro beginnt Allen seine Hommage an die Geschichte Amerikas. Der Ton seines Saxophons erinnert bezeichnender Weise an den alten Dewey Redman, Joshua Redmens Vater, oder den von Teddy Edwards. Er ist elegisch und frivol zugleich und er schert sich nicht um technische Brillanz. Another Man Done Gone, Cotton, Sugar Free, Americana, Lightning, die Titel bezeichnen das, was die Musik suggeriert. JD Allens Trio mit Gregg August am Bass und Rudy Royston am Schlagzeug unternehmen eine rasante Tour durch die jüngste Geschichte der USA wie der des sie begleitenden Jazz. Sind die ersten beiden Stücke sehr bluesig und bitter, so ist bereits bei Sugar Free der Bebop der Metropolen in vollem Gange, mit einer Verve und Authentizität, wie sie nur von dessen Pionieren erreicht wurde. Mit dem Titelsong Americana greift Allen eine Phrase, die bereits in den vorigen Stücken vorkam, wieder auf und macht sie zu einer eigenen Erzählung. Das ist die vertonte Version der historischen Dialektik.

Vielleicht ist es kein Zufall. Vielleicht macht es großen Sinn, dass ein Musiker, der in dem längst untergegangenen Detroit aufgewachsen ist, die Reise nach New York unternommen hat, um der Jazzwelt noch einmal in Erinnerung zu rufen, woher der Jazz eigentlich kommt. In einer Zeit, in der auch in den USA nichts mehr so ist, wie es einmal war. Americana ist ein grandioses Album, das erahnen lässt, wie der Jazz aus den Konzertsälen wieder ins richtige Leben kommt. „If You ´re Lonesome, Then You ´re Not Alone.“