Taktieren bis der Arzt kommt

Welch ein Schreck! Nun geschieht es, dass ein deutscher Anti-Stress-Trainer in der Türkei wegen Terrorismus festgenommen wird. Und es werden Listen des türkischen Geheimdienstes bekannt, auf denen deutsche Organisationen und Unternehmen stehen, die ebenfalls den Terrorismus entweder direkt organisieren oder unterstützen. Ganz oben stehen Daimler und die BASF. Da schlagen sich unvoreingenommene Beobachter die Hand vor den Kopf, wie sie dies schon lange tun im Angesicht einer nun schon Jahre dauernden Faschisierung der Türkei. Nur die Bundesregierung tut so, als sei alles auf einmal dramatisch. So, als hätten sie eben erst, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Brötchenholen erfahren, dass mit der Türkei etwas nicht stimme.

Bei allem, was bis dato vorausging, konnte eine Bundesregierung beobachtet werden, die mit ansah, wie die türkische Justiz demontiert wurde, wie die freie Presse kriminalisiert wurde, wie man den öffentlichen Dienst säuberte sowie Polizei und Militär von allem befreite, was nicht dem verqueren Menschenbild des neuen Diktators entsprach. Man sah darüber hinweg oder spielte es herunter, weil im Hintergrund etwas deponiert war, das unter dem unschönen, aber treffenden Namen Flüchtlingsdeal bekannt geworden war. Man war mit dem Teufel ins Bett gegangen und wunderte sich danach über die eigenartigen Krankheiten, die sich verbreiteten. Geschäfte mit Schurken haben ihren Preis.

Nun, so kurz vor der Wahl, haben die Demoskopen herausgefunden, dass sich wohl ein größerer Teil der Bevölkerung wünscht, dass sich die Regierung, stellvertretend für die Nation, nicht von einem Hassprediger und Propagandisten vorführen läßt. Nicht schlimm genug, dass sie dafür kein Gespür mehr hat, aber sie hat alles hingenommen, damit der Flüchtlingsdeal nicht gefährdet ist. Das hat vor allem die Kanzlerin so gesehen, und als Preis dafür hat sie Demütigung des Landes in Kauf genommen.

Nun, so kurz vor der Wahl, wird mit scharfen Reaktionen gedroht, die sich, warten wir es ab, wahrscheinlich dann doch nicht als scharf genug erweisen. Das Grundproblem ist mangelnde Haltung. Wer sich im Jargon der Eigentlichkeit bewegt, wer im Superlativ der Beliebigkeit lebt und angesichts der Türkei die NATO als Wertegemeinschaft bezeichnet, lässt Haltung vermissen im Antlitz einer Diktatur. Es stellt sich die Frage, wer sich das leisten kann, wer sich das leisten will. So, wie es aussieht, ist die Nation, die nie eine richtige war, auch in dieser Frage gespalten. Das Pendant zu diesem Zustand spiegelt sich in der Handlungsanweisung für die Bundesregierung wider: Taktieren bis der Arzt kommt.

Überleben im Stress

Manchmal kommt es geballt und konzentriert. Da entsteht das Gefühl, als hätten sich alle, die etwas von einem wollen, in einer konzertierten Aktion darauf verständigt, dir an den Kragen zu wollen. Alles, was man von dir fordern kann, liegt plötzlich auf dem Tisch. Ob berechtigt oder unberechtigt. Diejenigen, die da vor dir stehen, machen nicht den Eindruck, als machten sie Spaß. Du sollst, du musst liefern, sonst bist du nicht mehr lange in der Lage, die Rolle zu spielen, die man dir zubilligt. Wenn der beschriebene Zustand von Dauer ist, dann läuft etwas grundlegend schief und du musst die Reißleine ziehen, sonst gehst du zugrunde. Physisch, psychisch, oder beides. Es gibt Menschen, die dieses Schicksal erfahren, sie haben nicht die Stärke, den Mut oder das Glück, dass sie radikal alles in Frage stellen können. Sie gehen unter.

Ist der Zustand der Überlastung hingegen temporär, zuweilen sogar saisonal, dann gibt es sehr hilfreiche Strategien, um damit umzugehen. Und schon ist das Rätsel, quasi nolens volens gelöst, denn wer eine Strategie besitzt, der ist auch in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Er oder Sie hat eine Struktur, die ihm das Leben rettet. Denn wer nicht sagen kann, was von Bedeutung ist, der liegt bereits im Verlies der Beliebigkeit. Heute wird die Struktur, die sich aus der Strategie ergibt, auch gerne die Tugend der Priorisierung genannt. Der Begriff trifft den Umstand nicht exakt, aber sei es drum. Wer nicht priorisieren kann, der geht auch temporär unter.

Alles auf einmal, alles gleich vehement und alles dramatisch wichtig, das ist die Stunde, in der strategisch orientierte Menschen zwar in der Lage sind, sich eine Struktur zu geben. Aber das alleine reicht zumeist nicht. Dazu gehört noch ein eiserner Wille, die Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren und die daraus resultierende Ruhe. Es ist der Wille, sich für den zu betrachtenden Zeitraum selbst einem autoritären Regime zu unterwerfen, auch wenn das autoritäre Regime das eigene Ich zweiter Ordnung ist. Du stehst auf einer höheren Plattform als das geforderte und bedrohte Ich und du siehst, wie es dem Stress die Stirn bieten kann. Und wenn du Glück hast, freust du dich, wenn das bedrohte Ich den Erfordernissen entspricht: über eine Strategie zu verfügen, sich eine Ordnung zu verleihen, den Willen zu haben, die Zeit der hohen Anspannung zu überstehen

Der Mensch, der sich auf die Betrachtung zweiter Ordnung zu begeben weiß, hat eine größere Chance, mit sich und seiner Umwelt zurecht zu kommen, weil er sich aus dem emotionalen Strickwerk befreien kann und eine kalte analytische Ebene erreicht. Das hilft immer, wenn das Blut in Wallung kommt und das Herz zu rasen beginnt. Die Ratio ist nicht der ganze Mensch, aber ohne Ration ginge er mit einer kürzeren Halbwertzeit und einer größeren Beschädigung durchs Dasein. Kopf und Bauch sind die Sphären, in denen sich die humane Existenz abspielt und wohl dem, der in beiden atmen kann.

Der Rat an alle, die sich in der eingangs beschriebenen Situation gegenwärtig befinden: betrachtet den Zustand als ein Experimentierfeld, auf dem ihr erfahren könnt, wie es um eure Strategie, eure Disziplin und euren Willen bestellt ist.