Yuval Noah Harari prophezeit in „Homo Deus“ das Ende des Individualismus. Wer stark genug ist, sollte sich diese Lektüre gönnen. Der Beitrag Yuval Noah Harari – Von der Steinzeit bis zum Terminator 2 erschien zuerst auf Neue Debatte.

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Von der Steinzeit bis zum Terminator 2

Yuval Noah Harari

Ohne In einer Zeit, in der die Gewissheiten durch die Sphäre treiben wie der sprichwörtliche Treibsand, ist es gut und wichtig, wenn sich Menschen mit der Zukunft beschäftigen. Das kann in Form eines religiösen Seufzers geschehen, es kann eine Fiktion sein, die sich aus der zeitgenössischen Begriffswelt und deren Denktraditionen herleitet und es kann der Versuch sein, die Geschichte, die hinter uns liegt, mit in den Wurf in das Zukünftige einzubeziehen und somit den Versuch zu unternehmen, Muster menschlichen Handelns, die nahezu archaischen Charakter haben, nicht außen vor zu lassen. Yuval Noah Harari, seinerseits Professor der Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Autor des Weltbestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, hat sich noch einmal die Mühe gemacht, ein gut lesbares und verständliches Buch über die Zukunft zu schreiben. Mit „Homo Deus“ ist ihm das zweifelsohne gelungen.

Ausgehend von den drei archaischen Plagen der Menschheit, Hunger, Krankheit und Krieg, seziert er die kurze Geschichte der Moderne und gibt zu bedenken, dass zumindest potenziell die Menschheit mittlerweile in der Lage ist, den Hunger zu eliminieren, die Krankheit immer mehr zu bekämpfen und den Tod damit zurückzudrängen und zudem schon lange das Zeug hätte, Kriege zu verhindern. Das, worum es in der Zukunft nur noch gehen könne, sei, das Ziel der Unsterblichkeit zu erreichen. Mittel dazu seien Biochemie und Biotechnologie, letztere eine relativ junge Wissenschaft, die zunehmend auf Algorithmus gestützte Rechnerprogramme basiere. 

Das, was in Bezug auf die menschliche Existenz als der große Wurf angesehen werden kann, die Optimierung der menschlichen Biologie und die Verlängerung des Lebens, kann jedoch, durch die zu erwartende steile Entwicklung der künstlichen Intelligenz, dazu führen, dass die Hülle des Homo sapiens optimiert, ihr Inhalt jedoch radikal entwertet wird. Ohne wie eine Kassandra zu wirken, prophezeit Harari die Möglichkeit des dramatischen Endes des Individualismus als des Kernstückes der bürgerlichen Gesellschaft. Er entwirft durchaus vorstellbare Szenarien einer Herrschaft des Algorithmus, unter der die Befindlichkeit des Individuums keine Rolle mehr spielen wird. 

Angesichts dessen, was unter dem Namen von Digitalisierung und Globalisierung der Märkte vor sich geht, sind die anthropologisch und historisch gestützten Thesen des Autors nicht von der Hand zu weisen, der unbegrenzte Datenfluss und das Internet aller Dinge sind bereits Maximen, nach denen zumindest die großen IT-Konsortien ihre Strategien erarbeiten. 

Inwieweit die Slogans des bürgerlichen Zeitalters schlechthin, nämlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, auf der unsere heutigen Rechtsvorstellungen noch basieren, in der Lage sind, den Kampf gegen die Unbestechlichkeit und die Gefühllosigkeit der Algorithmen aufzunehmen, wird sich zeigen. Und wer sich das filmisch untermalen will, der sehe sich Terminator 2 an. Harari erwähnt nicht nur einmal seine anthropologische These, dass der Homo sapiens bereits nach der Steinzeit mit vielfältigeren Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgestattet war, als der zeitgenössische. Das ist ein bitterer Befund, dokumentiert aber auch die sukzessive Verstümmelung genuiner Potenziale durch die Ausdehnung instrumenteller Vernunft. 

Auch wenn das wiederum anstrengend herüber kommt. Harari schreibt auch seinen Homo Deus schlicht und verständlich, ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, das geschehe auf Kosten der Qualität. Wer so stark ist, dass er oder sie es aushält, das Ende des Individuums prognostiziert zu bekommen, sollte sich diese Lektüre gönnen.