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Der tendenzielle Fall der Longitudinale

Als ein Spezifikum der jetzigen Phase der Globalisierung wird sicherlich einmal ein Phänomen in die Geschichte eingehen, dass es in dieser Dimension vorher nicht gegeben hat: Die Erlebbarkeit von ahistorischer Synchronität. Mit der weltweiten physischen wie virtuellen Infrastruktur ist es uns möglich geworden, gleichzeitig im Hier und Jetzt der eigenen Zivilisation zu existieren und dennoch entlegene und anderen historischen Phasen und Kulturkreisen angehörende Zivilisationsstufen zu erfahren. Das ist eine höchst spannende Angelegenheit und ermöglicht es uns, Gesellschaften und ihre verschiedenen Sozialisationsstufen nicht nur im statischen Querschnitt, sondern auch in ihrem chronologischen Verlauf quasi wie unter dem Mikroskop zu beobachten. Das, was man derartig erleben kann, sind Phänomene hoch abstrakter Natur.

Menschen, die in unseren Zeiten weit herum kommen, berichten davon, dass sie in den Gebieten und Megastädten, in denen momentan quantitativ und qualitativ die größten Entwicklungen zu verzeichnen sind, Phänomene beobachtet haben, die sie eigentlich mehr in ihren eigenen Hochzivilisationen erlebt zu haben glaubten. Eines der herausragenden dieser Phänomene ist die Freiheit. Es decken sich die Beobachtungen, dass die individuelle Freiheit, die in den verrechtlichten Hochzivilisation beheimatet zu sein glaubte, in ganz anderen Auswüchsen in den Megametropolen der Dritten Welt und der Schwellenländer existiert. Nirgendwo fühlten sich gerade Mitglieder der zivilisierteren Welt so frei wie dort. In den gesetzten Rechtsstaatsgebilden hingegen wird ein wesentlich höherer Ordnungsgrad beobachtet, der nicht selten als Segen empfunden wird, weil er Gefahren minimiert, die Ästhetik erhöht und die Orientierung erleichtert. Und es fällt auf, dass wir ein Wechselverhältnis von formalisierter Zivilisation und Ordnung sowie ein Pendant von Anarchie und Freiheit zu verzeichnen haben. Je zivilisierter die Welt, desto mehr expandiert die Bürokratie, die die Formalisierung des Rechts begleitet und je weniger formalisierte Rechtszustände herrschen, desto größer die individuelle Freiheit.

Der Prozess der Zivilisation erscheint sofern als ein Prozess wachsender Gerechtigkeit, bei gleichzeitiger Minimierung der Freiheit. Der Schrei nach Gerechtigkeit, wie wir ihn heute in jedem Kontext unserer Gesellschaft vernehmen, mutiert somit zu einer Art letztem Wunsch, die nicht mehr spürbare Freiheit zumindest noch einmal betrachtet zu dürfen, wenn einem schon das Betasten verboten ist. Die Freiheit, in den höchst beglückenden Augenblicken der frühen Aufklärung als Longitudinale des Glücks bezeichnet, scheint somit tatsächlich so etwas zu sein wie der rousseau´sche Urzustand der größtmöglichen Erfüllung. Mit dem Wachsen der Zivilisation nimmt der Grad der Freiheit ab, er fällt quasi tendenziell, aber er gibt als Pfandschein die Gerechtigkeitspolice zurück an den Inhaber. Der Verlust der Freiheit ist bezahlt mit dem bürokratischen Gleichmaß und einer Gerechtigkeit in Unterreizung. Die wilde, ursprüngliche Freiheit, scheint in ihren Biotopen hingegen nur ein Glückszustand für diejenigen zu sein, die in der Lage sind, sich als Alphatiere durchzusetzen. Der tendenzielle Fall der Longitudinale ist die Ent-Abenteuerung der Welt und erhöht die Überlebenschance der Beta-Tiere ganz dramatisch, während die Alphadogs an Langeweile sterben.