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Eloquenz in vielen Genres

David Murray Infinity Quartet. Be My Monster Love

Zweifelsohne zählt der 1955 im kalifornischen Oakland geborene David Murray zu den bedeutenden Tenorsaxophonisten des amerikanischen Jazz. Biographisch absolvierte er alle Stationen, die ein Jazzmusiker nur aufweisen kann. Seine Mutter war eine angesehene Gospelsängerin, er erlernte sein Instrument bereits als Kind und zog mit zwanzig Jahren nach New York, wohin ihn Stanley Crouch lotste, der ihn als eine Art John Coltrane-Nachfolger aufbauen wollte. In der Szene setzte er sich, jung wie er war, erstaunlich schnell durch und brillierte mit Cecil Taylor und Anthony Braxton. Auf vielen Alben war er als exklusiver Tenorist gebucht und seine eigenen Aufnahmen wurden in Fachkreisen sehr beachtet. Seit 1990 lebt er, nicht unähnlich zu durchaus bekannteren amerikanischen Größen, in Paris. Seither ist er auf Jazzfestivals in Europa gern gesehener Gast. Der große Durchbruch gelang ihm nie.

Mit Be My Monster Love hat sich David Murray, zusammen mit seinem Quartett, Marc Cary (piano, organ), Nasheet Waits (drums), Jaribu Shahid (bass), wieder zu Wort gemeldet. Zusammen mit den Gästen Macy Gray, Gregory Porter und Bobby Bradford wurden insgesamt acht Stücke eingespielt, die kein eindeutiges Genre durch deklinieren und verschiedene Impressionen hinterlassen. Allen gemeinsam ist der gleichbleibend kraftvolle und expressive Ton Murrays, seine nach wie vor atemberaubende Phrasierungstechnik sowie seine Sicherheit im Genrewechsel.

Mit dem Opener French Kiss For Valerie und der strukturellen Dominanz von Marc Carys Klavier sowie der Melodie-Zitate Murrays wähnt man sich zunächst auf einer gelungenen Hommage an Horace Silver. Be My Monster Love, der Titelsong, wird, maßgeblich durch Macy Grays Gesang, zu einer coolen Barjazz-Nummer. Stressology, das dritte Stück, ist nicht nur terminologisch eine Referenz an den Bebop, sondern eine aktualisierte Fassung dessen, was dieses Genre ausmacht. Murrays knarrende, sperrigen Riffs sitzen und lassen keinen Zweifel über seine Güte zu. Army Of The Faithful, diesmal von Gregory Porter gesungen, ist eine Reminiszenz an den Gospel. Sorrow Song, das wohl stärkste Stück des Albums, ein im Stile des Modern Jazz arrangierter Blues, lässt Erinnerungen an den unvergessenen Teddy Edwards zu. About The Children, wiederum von Porter gesungen, hat den Charakter einer Ballade, The Graduate ist wiederum eine Edwards analoge Interpretation und Hope Is A Thing With Feathers eine diesmal lyrischere Ballade.

Wie deutlich wird, handelt es sich bei dem Repertoire der hier vorgestellten CD um einen Mix aus verschiedenen Genres. Auffällig dabei ist, dass die beiden Modern Jazz Blues Arrangements die mit Abstand besten Einspielungen sind, weil die Kraft Murrays dort am besten zum Ausdruck kommt. Für sich betrachtet ist jeder Titel gekonnt arrangiert und auf sehr hohem musikalischen Niveau, der Potpourri verhindert jedoch eine charakterologische Aussage. Es wird deutlich, was Murray und sein Quartett alles kann, aber es wird nicht deutlich, welche Aussage Murray treffen will. Vielleicht liegt darin ja auch das Geheimnis seiner Karriere: Obwohl und weil er alles kann, hat er sich nicht für eine konkrete Botschaft entscheiden können. Übrig bleibt künstlerisch hochkarätiger Jazz ohne spirituelle Kernaussage. Natürlich kann man auch das Brüchige dokumentieren, es ist aber etwas anderes, als es nur isoliert voneinander aufzureihen. David Murray bleibt unter seinen Möglichkeiten, und trotzdem ist es eine Freude, ihm zuzuhören.

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Besessen und jenseits aller Maße

John Coltrane. Giant Steps

Im Frühjahr 1959 war die Zeit reif für eine neue Revolution. Im April dieses Jahres hatte Miles Davis mit seinem Quintett, dem auch John Coltrane angehörte, in nur einer Woche das legendäre und bis heute unerreichte Album Kind of Blue aufgenommen und damit dem die Jazzwelt bereits auf den Kopf gestellten Bebop die finalen Grenzen aufgezeigt und mit der neuen Form des modalen Jazz neue Horizonte eröffnet. Nur einen Monat später, im Mai, ging besagter John Coltrane mit einer eigenen Formation ins Studio und nahm seine erste Platte für das Label Atlantic auf. Der Name war Programm und Fanal zugleich. Mit Giant Steps vollzog John Coltrane einen grandiosen Wandel der Spielweise. Das, was der Musiker auf diesem Album zum Besten gab, gilt bis heute als das Maß eines jeden Tenorsaxophonisten. Und zwar eines, das heute, mehr als fünfzig Jahre danach, nur wenige erreichen.

John Coltrane, der Maniak, der seine Musik lebte und dabei verbrannte, der das 41igste Jahr nicht überlebte, schlug mit damals 33 Jahren eine neue Seite des Jazz auf, die den Raum öffnete für eine andere Dimension der Interpretation. Jenseits der bekannten Skalen und Akkordfolgen entfleuchte er den bekannten Markierungen mit deutlichen Akzenten, deren Intervalle er mit wieselflinken Skalierungen und melodiösen Exkursen ausfüllte, um zu den standardisierten Räsonnements zurückkehren zu können. Mit insgesamt sieben Titeln, von denen wiederum 5 Alternate Takes auf dem Album vorliegen, schuf er ein Programm an Blaupausen, die jeden übenden Meister bis heute durch ein Feuerbad der Anstrengung gehen lassen.

Giant Steps, nach dem das Album benannt ist, beginnt mit einer tonalen Folge, die, analog zu vielen Motiven des Bebop, eine schlichte Struktur generiert, die durchbrochen wird von rasenden Soli, die die Akkorde in neue Beziehungen zueinander setzten und das Gemächliche der riesenhaften Schritte in ein Chaos stürzt, das den Horizont des Gedachten in seiner Komplexität erahnen lässt. Cousin Mary beginnt nach dem gleichen Muster, überzeugt danach allerdings nicht durch höllisches Tempo, sondern durch eine Lehrstunde über improvisatorische Melodieentwicklung. Countdown, ein ungewöhnlich kurzes Stück, beginnt mit einem kurzen Solo des Schlagzeugers Lex Humphries, der sich dann zurücknimmt und ein rasantes Tempo mit den Becken hält, um Coltrane für eines seiner später so typischen Soli ein Maß zu bieten, das der Hörer braucht, um sich rückversichern zu können, dass überhaupt noch eine Bemessung möglich ist. Das folgende Spiral ist von der Bauweise ähnlich wie Giant Steps und Cousin Mary, jedoch belässt es Coltrane bei lyrischen Hinweisen, die symptomatisch sind für die große Fähigkeit der modalen Spielweise zu tiefer Melancholie. Syeeda´s Song Flute zitiert das melodisch Infantile des Bebop, um es modal zu hinterfragen. Naima, die einzige Ballade, deutet an, was der spätere Coltrane an Schwere und Stille produzieren konnte. Hier überzeugen auch die Erklärungen Wynton Kellys am Piano und die Akzentuierungen Paul Chambers am Bass. Mr. P.C., das letzte Stück, wirkt wie eine atemberaubende Suche nach dem finalen Ton, der sich dann nur entpuppt als eine Eröffnung zu neuen Wegen.

Coltranes Giant Steps ist ebenso revolutionär wie Davis´ Kind of Blue. Es zeigt das Potenzial eines außergewöhnlichen Musikers, der in den kommenden acht Jahren, die er noch zu leben hatte, noch weitere Innovationen wie die Öffnung zum Free Jazz in Angriff nehmen sollte. Coltrane sprengte jedes Maß, auch das, welches er selbst irgendwann gesetzt hatte.

Der Ton ist die Heimat

Tony Lakatos. Home Tone

So, wie manche Jazzgrößen der USA teils nicht zu Unrecht darüber klagen, dass sie im eigenen Land nur sehr schwach wahrgenommen werden, was dazu geführt hat, dass sie nicht selten Jahrzehnte ihres Lebens in europäischen Metropolen verbracht haben, so könnte es eigentlich auch dem Saxophonisten Tony Lakatos ergehen. Lakatos, Rom, Ungar, Weltsuchender, kam Ende der siebziger Jahre nach Frankfurt, wo er bis heute blieb. Längst hat er einen deutschen Pass, aber Weltsuchender ist er geblieben. Seine Orientierung galt immer dem amerikanischen Jazz, der in Frankfurt immer gut aufgehoben war. Lakatos, selbst Mitglied der HR-Big Band, zeigte in den Alben unter seinem Namen, worum es ihm ging: Auf I Get With You Very Well drehte sich alles um die Musik von Hoagy Carmicheal, mit Gipsy Colours reflektierte er sein eigenes Erbe, Porgy & Bess setzte den für ihn klassischen Rahmen und The Coltrane Hartman Fantasy kann als Referenz ein sein großes Vorbild in der Beherrschung des Tenorsaxophons gelten.

Nun, mit dem Album HomeTone ist Lakatos auf einer Flughöhe angekommen, die ihn selbst zu einer der großen Adressen des zeitgenössischen Jazz macht. Nicht nur, dass die Aufnahmen in New York gemacht wurden, sondern auch die Kombination seiner Mitspieler, die mit Axel Schlosser (Trumpet, Flugelhorn), Robi Botos (Piano), Robert Hurst (Bass) und Billy Drummond (Drums) aus Europa und den USA stammt und somit das vermittelt, was dem Arrangeur und Protagonisten vorschwebt: Das Genre des Jazz, geprägt von nordamerikanischer Dominanz, aber mit am Leben gehalten durch kulturelle Einflüsse aus anderen Sphären.

Dass die Reise des Toni Lakatos mit dem Titel Dark Passengers beginnt, ist angesichts der eigenen Migrationsgeschichte nicht verwunderlich. Und tatsächlich ist das Stück durch die Akkordfolgen des Klaviers und die Sentenzen des Tenors einer Reise in das Ungewisse nachempfunden. Bereits auf Kovalam sind Coltrane-Typologien identifizierbar, die Billy Drummond immer wieder mit Kontrapunkten in das Schema zurückzwingt, dass es eine Freude ist. Leonard erinnert in starkem Maße an die Setzungen eines Horace Silver. Wie generell festzustellen ist, dass Robi Botos am Klavier maßgebliche Anteile der Regie übernimmt, die weder durch die stets sanften, aber eindringlichen Interpretationen durch Lakatos noch durch die härter akzentuierten Soli von Schlossers Trompete beeinträchtigt werden könnte. Schlosser und Lakatos liefern sich in It Has Been Agreed Duelle wie in den wildesten Zeiten des Bebop, ohne die Aura einer nostalgischen Veranstaltung auch nur aufkommen zu lassen. Auch hier ist es wieder Robi Botos, der die beiden, zusammen mit dem treibenden, aber regulierten Drummond wieder einholt. Slow Dripping Papaya ist eine Avance an die große Lyrik des modalen Jazz und Cat – Kiss ein Zwischenspiel über die urbane Vergänglichkeit. Und dass die insgesamt 8 eingespielten Titel, die viermal von Toneless Interludes geordnet werden, mit dem Titel Unanswered enden, ist das Bekenntnis Lakatos zur Offenheit, der er stets mit glaubwürdiger Konsequenz folgt.

Darin besteht auch der Charme des Albums, das mit dem Titel HomeTone die Dialektik von Lakatos Orientierung preisgibt: Der Ton macht die Musik, und er ist der eigentliche Ort der Heimat, auf welchem Wege man dorthin gelangt, das lässt er wohl wissend offen. Er muss es wissen!