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Steht noch dahin!

Christone „Kingfish“ Ingram. Kingfish

Wow! Der Junge hat bereits eine Lobby, die sich sehen lassen kann. Christone „Kingfish“ Ingram ist jetzt 20 Jahre alt und stammt aus Clarksdale, Mississippi. Zu der früh gestrickten Legende gehört, dass er bereits mit vier Jahren, als er das Instrument noch nicht beherrschte, an den berühmten, nahe gelegenen Crossroads der Highways 61 und 49 stand und Blues Tunes sang, die er aus dem Gottesdienst kannte. Lange schon gilt er als großes Talent des Genres, Buddy Guy, einer seiner vehementen Förderer, nannte ihn gar „The Future of Blues“. Das erweckte große Aufmerksamkeit. Bis dahin existierten nur Ausschnitte von Live-Auftritten, vor allem auf YouTube. Wer sich auskennt, weiß, was es heißt, Jimi Hendrix zu covern. Auch viele der Großen haben das versucht und sie sind alle gescheitert – bis auf Stevie Ray Vaughan, der Voodoo Chile wie Hendrix spielte und Willy de Ville, der das einzig Richtige tat und Hey Joe radikal verfremdete. Und nun steht dieser massiv übergewichtige junge Mann aus dem Süden auf der Bühne und spielt Hey Joe. Das Verblüffende: er fällt damit nicht durch, sondern er hat den Spirit erfasst!

Jetzt endlich liegt das von vielen erwartete Debüt-Album des „Königsdorschs“ vor und es trägt den unprätentiösen Namen „Kingfish“. Bemerkenswert, dass auf zwei Stücken die Lobby mit durch die Tür schaut: Buddy Guy auf „Fresh Out“ und Keb Mo bei dem Titel „Listen“. Auch hier wird bereits am Mythos gebastelt, indem z.B. der Titel „Been Here Before“ ein Zitat seiner Großmutter darstellt, die ihm das mystische Gen zuspricht, das ein großer Blues Musiker braucht.

Insgesamt muss gesagt werden, dass es sich bei „Kingfish“ um ein extrem reifes Album handelt. Es ist variantenreich und bietet eine Reise von den den heutigen Südstaatenvarianten über den Electric Blues des Nordens bis hin zu akustischen Country-Blues Weisen. Christone „Kingfish“ Ingram beherrscht sie alle. Er kennt das Genre, seine Spielweise ist faszinierend virtuos wie jung, er zitiert die Tradition und man spürt dennoch, dass da ein Kid aus dem 21. Jahrhundert in der Zeitmaschine sitzt. Vieles ist vielleicht zu gekonnt, es versprüht eine Leichtigkeit, die man zumindest beim bisherigen Blues nicht so gewohnt ist.

Aber vielleicht ist das ja das Neue, mit dem sich die Traditionalisten anfreunden müssen. Der „Kingfish“ ist, das dokumentiert das gleichnamige Album, eine erfrischende Erscheinung. Er hat großes Talent und verfügt über alle technischen Fertigkeiten, die ein großer Blues-Musiker haben muss. Aber, wie Hendrix den Blues so treffen charakterisierte: It´s easy to play, but hard to feel. 

Gemäß dieser Erkenntnis braucht der Kingfish noch etwas Zeit. Wie er mit seinem Leben umgeht, wie er die Krisen verarbeitet, die da noch kommen werden und wie er diese in die Vertonung bringen wird, das steht noch dahin. Können würde er es, ob es ihm gelingen wird, wird die Zeit zeigen. Vorschusslorbeeren können auch eine bittere Hypothek sein. 

Das Album Kingfish ist auf jeden Fall zu empfehlen. Nicht nur zur Beurteilung eines jungen Talentes, sondern auch zum unbefangenen Genuss. Das ist doch schon mal was! 

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Die höchste Form des urbanen Blues

Thelonious Monk. Solo (1954 – 1961)

Er war der Outcast schlechthin. Und dabei ist seine Biographie schon wieder stereotyp für einen Afroamerikaner, der es im Jazz zu etwas gebracht hat. Geboren und die ersten Jahre verbracht in North Carolina, dann die Übersiedlung in den New Yorker Stadtteil Harlem, Mekka des Jazz, der Vater geht stiften, der Sohn wächst bei der Mutter auf. Sie bringt ihn zum Klavier und dort beginnt, stimuliert von Kirchenchören und House Rent Parties, die Genese des revolutionärsten Jazz des XX. Jahrhunderts.

Thelonious Monk, dessen Schaffen nun in der reinsten verfügbaren Form unter dem Titel Thelonious Monk. Solo (1954 – 1961) vorliegt, gilt neben Charlie Parker und Dizzy Gillespie als Mitbegründer des Bebop, jenes Genres, das alles aus den Angeln hob, was die binäre Musik bis dato zu bieten hatte. Obwohl Monk zu Recht zu den Vätern des Bebop gezählt wird, was die Konstruktion seiner Stücke wie die Infantilität seiner Melodielinien hinreichend dokumentieren, wird er kaum damit assoziiert. Monk hatte die Größe, sich nicht darum zu scheren, was die anderen von ihm dachten. Er schwamm immer gegen den Strom, selbst gegen den, der ihn selber trieb. Ihm fehlt das Herzrasen des Bebop-Mainstreams, aber er illustriert seine Konstruktionsprinzipien wie kein anderer.

Monk Solo umfasst vieles von dem, was Monk komponiert hat. Und nahezu alles, was er komponiert hat, wurde zum Jazz-Standard. Die Interpretation seiner eigenen Stücke auf diesem Album verdeutlicht die Genialität dieses bipolaren Musikers. Die wohl bekannten Stücke bekommt die Hörerschaft präsentiert in ihrem konstruktiven Aufbau, in ihrem Standardarrangement und in mehreren eigenwilligen Interpretationen. Gerade diese Art, die Stücke zu spielen, ohne Orchestrierung, ohne rhythmische Fremdakzentuierung und ohne melodischen Ornamente, zeigt das kühl kalkulierende, das verfremdende und das aufbrausende Temperament Thelonious Sphere Monks.

Die biographischen Daten, die auf der einen Seite so wichtige Zugänge schaffen, um das handelnde Subjekt zu verstehen, treten in dieser Werkschau wieder in den Hintergrund. Ob Alkohol oder Benzedrine, ob bipolare Störung oder sanfter Soziopath, alles, was diesen Outcast in seiner sozialen Existenz zu beschreiben hilft, tritt bei Monk Solo zurück.

Hier tut sich etwas auf, das die Jazzgeschichte selten zu bieten hat. Hier ist die Hörerschaft mit dem Komponisten im Werkstudio, jenseits der Brände und Polizeisirenen der Insel Manhattan, jenseits des Zeitgeistes, jenseits der Gravitationskräfte des Alltags und wird Zeuge, wie die wohl urbanste Form des Blues entwickelt wurde. Es ist keine Geheimformel, aber eine extrem eigenwillige Perspektive, mit der Monk die wohl bekannten Schemata zitiert, verfremdet und moduliert wieder beschleunigt. Wenn das Gewohnheitsohr die Beschleunigung erwartet, dann nimmt er das Tempo heraus, wenn eine Akkordfolge logisch erscheint, folgt eine Dissonanz und wenn das Verharren erwartet wird, dann nimmt dieser Genius wieder Fahrt auf, voller Verachtung.

Wer die Muße hat und es aushält, der sollte sich Monk Solo zu Gemüte führen. Nicht einmal, nicht zehnmal, sondern für den Rest des Lebens. Die existenziellen Etüden, die von Thelonius Monk zu hören sind, sind Anfang, Höhepunkt und Ende eines Genres zugleich. Und dem Superlativ folgt bekanntlich die Tristesse. Aber ist das nicht auch das Wesen dessen, was als Blues beschrieben wird?

Ice Cream, Chicken Wings & Soul

Seine Geschichte ist eine, von der es immer noch so viele gibt. Aufgewachsen im tiefen Süden, ohne Vater, mit einer todkranken Mutter, die die Kinder nicht ernähren kann. Nach deren Tod zieht er mit seinen Geschwistern zur Großmutter, wo es genug zu essen, aber strenge Ordnung und viele Kirchenbesuche gibt. Dort kommt der Kleine mit dem Gospel in Berührung und findet so etwas wie eine emotionale Heimat. Für ihn gibt es fortan nur noch einen Weg ins richtige Leben: die Musik. Sugarray Rayford, der Übergewichtige, geboren in Texas, bringt vieles mit, um zu einem Sänger zu werden, der in den Genres des Südens brillieren kann. Blues und Soul werden zu seinen Markenzeichen und es dauert nicht lange, da ist aus dem jungen Musiker, der äußerlich daher kommt wie ein Solomon Burke oder ein Lou Pride, mehr geworden als ein Geheimtipp. Seine Konzerte sind heute blitzschnell ausgebucht und das, was er dort bietet, ist mehr als nur Musik, sondern die ölige Hitze des Südens. 

Nach dem bereits 2013 erschienenen Album Dangerous erschien nun Southside, eine Hommage an den Süden. Dabei geht es um zweierlei. Zum einen um den geographischen Süden der USA, aber auch um die Südstädte, d.h. die Zonen in den Zentren, in denen die Underdogs wohnen und wo Soul und Blues bis heute beheimatet sind. Sugarray Rayford weiß nicht nur, woher er kommt, sondern er weiß auch, wo man ihn hört. So beginnt die CD auch mit der Präzision des Titels Southside of Town, einem souligen Stück mit einem schwülstigen Bläsersatz, der einen schwülen Teppich unter die wiederholte Drohung legt, dass dort, im Ghetto, die Perspektive auf gute Zeiten gegeben sei. In Live To Love Again ist die Analogie zu Lou Pride nahezu gespenstisch. Rayford streichelt seine Lebensmaxime ins Mikrophon, ein Bekenntnis zu den inneren Werten des Lebens, die alles überstehen, jede Armut, aber auch jeden Tand. Texas Bluesman wiederum ist ein ein komplett anderes Erlebnis, tatsächlicher, harter, von klirrenden Gitarren getriebener Blues, der mehr an die 6th Street in Austin erinnert als alles andere. Take It to The Bank, ein anderer Titel, zeigt, wie humorvoll der Junge sein kann. In der Manier eines Kneipengospels erzählt er die Geschichte der Hoffnungslosigkeit für die Vernunft, wenn es um Geld geht. Statt alles zur Bank zu tragen, haut es der verfressene und lebenslustige Zeitgenosse gnadenlos auf den Kopf. Slowmotion, das letzte der insgesamt neun Stücke, ist ein langsamer Blues im Herzschlagrhythmus, der dazu auffordert, der Eigendynamik der Welt eine Entschleunigung entgegenzusetzen und zu lauschen, worauf es tatsächlich ankommt.

Southside ist ein Album, das deutlich variantenreicher als das Vorgängeralbum Dangerous ist und in wunderbarer Weise deutlich macht, dass mit Sugarray Rayford die großen Blues- und Soulmusiker und die Verhältnisse des amerikanischen Südens eine Generation hervorgebracht haben, die diese Musik fortführen werden. Ist ja auch logisch: Wenn die Verhältnisse die gleichen bleiben, dann gibt es auch Leute, die sie zum Ausdruck bringen. Sugarray Rayford ist so einer.