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Spionierende Spione

Man soll es kaum für möglich halten! Der investigative Journalismus hat es fertig gebracht zu enthüllen, dass die deutschen Spionageorganisationen etwas tun, was niemand für möglich gehalten hätte: Sie spionieren! Wie war die Welt doch noch vor einigen Wochen in Ordnung, als man davon ausgehen konnte, dass vor allem amerikanische Syndikate wie CIA oder NSA dem teuflischen Handwerk folgten, als sie das Mobilphone unserer Kanzlerin abhörten. Sie selbst brachte ihre Entrüstung dahin gehend auf den Punkt, als dass es unter Freunden gar nicht ginge, sich gegenseitig zu bespitzeln. Und absurd das Gestänkere mancher Kritiker, dass es zum Wesen von Nachrichtendiensten gehöre, Spionage zu betreiben. Ja, es lebt sich gut im seichten Strom der öffentlichen Meinung, wenn man als Opfer gilt, aber das Leben wird richtig hart, wenn heraus kommt, dass diese Art von Opfern auch sehr gut als Täter operieren können. Der BND betreibt Spionage. Wer jetzt nicht empört ist, der beweist zumindest in großen Teilen seine Geschäftsfähigkeit, denn dafür wurde der BND gegründet und dafür wird er finanziert. Wer sich jetzt aufregt, der hat das Wesen von Nachrichtendiensten irgendwie nicht begriffen und macht jetzt die Erfahrung, dass enttäuschte Illusionen zuweilen Schmerzen verursachen.

Vor allem die aufgeflogenen Abhöraktionen sind der Beweis für eine innere Folgerichtigkeit: Das Abhören der damaligen Außenministerin der USA, Hillary Clinton, zunächst noch aufgrund einer Aktion während eines Fluges über Abhöranlagen als akzidentiell eingestuft, verliert seine Zufälligkeit, weil auch ihr Nachfolger Kerry das gleiche Schicksal erlitt. Die getrübten Beziehungen zum Verbündeten USA, angeblich besonders durch das Abhören der Kanzlerin belastet, führen zur Abhörung hochrangiger amerikanischer Politiker durch die deutschen Spione. Wer es glauben will, soll das machen. Es gehört schlichtweg zur Routine.

Das Abhören der türkischen Nomenklatura hingegen macht sogar richtig Sinn. Der NATO-Partner Türkei, nach der Diktion der Kanzlerin ein privilegierter Partner der Deutschen und der EU, macht in Figur seines alten Premiers und neuen Staatspräsidenten Erdogan zu viel eigene Politik vor allem in der nordafrikanischen und arabischen Welt, als dass man ihm ohne geheimes Wissen um sein Treiben trauen könnte. Erdogan, der selbst nun nicht gerade als zimperlicher Zeitgeist bekannt ist, kommt in Bezug auf die Enthüllung ob der deutschen Spionagetätigkeit in ähnliche Wallung wie die Kanzlerin in Sachen NSA. Das, so Erdogan, hätte er nicht erwartet, denn unter Freunden mache man so etwas doch nicht. Nun muss man kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich auszumalen, was türkische Agenten im geliebten Almanya so treiben.

Um von der Erscheinung zum Wesen vorzudringen! Es sollte nicht als skandalös empfunden werden, wenn Spionageorganisationen dabei überführt werden, dass sie ihrem Auftrag nachgehen. Täten sie das nicht, dann wäre etwas faul im Staate und sie betrieben Leistungsverweigerung. Wer will, kann auch noch der blödsinnigen Frage nachgehen, ob ein Staat in der heutigen Welt Geheimdienste brauche. Führen wird die Anstrengung zu nichts. Der eigentliche Skandal besteht allerdings darin, die Tätigkeit von Geheimdiensten öffentlich zu skandalisieren und genügend Leute zu finden, die sich an Diskussionen beteiligen und die Loyalität der Geheimdienste gegenüber ihren Auftraggebern als moralisch bedenklich zu verurteilen. Hätte sich das Weltbild gegenüber Kindern nicht beträchtlich geändert, müsste man das alles als maßlose Kinderei bezeichnen. Nehmen wir also die Kinder als Vorlage für politisch nicht korrekte Metaphern in Schutz. Dann ist die Empörung über die Tätigkeit des BND ein deutliches Symptom für die wachsende Unfähigkeit hierzulande, in politischen, internationalen und mit Macht korrelierenden Kategorien zu denken.

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Zur Psychopathologie Geheimer Dienste

Es wurde schon viel darüber geschrieben und sinniert. Und trotzdem ist es unerschöpflich. Jenseits der Frage, welche Vorteile geheimdienstliche Tätigkeit den Staaten bringt und welche Spiele die Geheimen Dienste miteinander spielen, das Gezurre und Bluffen mit Information und gezielter Desinformation, die Lancierung von Nachrichten und die Transponierung von waschechten Gerüchten in den Echtmodus, um die Verwirrung zu komplettieren. Das alles ist so lange amüsant, wie man selbst nicht darunter zu leiden hat, denn dieses Spiel ist böse und nicht selten existenziell, weil es sich jenseits der Rechtsbarkeit abspielt.

Eine zweite Dimension des diskreten Service ist die psychische Konstitution der dort Agierenden. Wir in Deutschland haben in unserer jüngeren Geschichte ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Anschauungsmaterial geschaffen. Von der Geheimdiplomatie des Kaiserreichs, die auch nicht so ohne war und am Ausbruch des I. Weltkrieges ein gerüttelt Maß an Verantwortung trug über die Nazi-Bespitzelungssysteme gegen das Volk einerseits und andere Staaten andererseits, die der Chiffre GESTAPO zu weltweiter, trauriger Resonanz verhalf, über die Staatssicherheit der DDR, deren Unwesen die heute zugänglichen Archive zu einer wahren Geisterbahnfahrt machen bis hin zu aktuellen Affären, die die Verwicklungen bundesdeutscher Nachrichtendienste beim kriminellen Treiben faschistischer Killerkommandos zu Zeiten der deutschen Vereinigungsdemokratie ans Tageslicht bringen.

Was sind das für Menschen, so die immer wieder zu Recht auftauchende Frage, die sich damit befassen, andere bei ihrem Leben im Strom ihrer profanen Realität zu observieren? Jenseits der zu erwartenden Staatsgeheimnisse, die den geringsten Teil des Aufwandes ausmachen und die die Übung vielleicht aus einem bestimmten Kalkül heraus wert sind, ist es die psychische Disposition, die interessiert. Was sind das für Menschen, die hinsichtlich der Beobachtung des Intimen, zu dem das Private eines Menschen gehört, keine natürliche Hemmung mehr haben? Was passiert in einem Menschen, der anderen dabei zusieht, wie sie sich abends zuhause ein Glas Wein einschenken, wie sie sich mit ihren Partnern streiten oder zärtlich zueinander sind, wie sie die Katze streicheln oder sich das Essen zubereiten?

Der Voyeurismus in seiner harmlosen Form ist der Lustgewinn an der Beobachtung, wobei das Heimliche den Reiz ausmacht. Die Heimlichkeit baut jene Spannung auf, die mangels eines natürlichen Zugangs und einer Zuneigung, die durch Vertrauen entsteht, nicht zustande kommt. Daher ist es wohl kein Lapsus der Volkssprache, sondern ein hervorragendes Indiz für die Beobachtungsgabe gemeiner Bürgerinnen und Bürger, dass ihnen in der Beschreibung des Voyeurs der deutsche Begriff des Spanners in den Sinn gekommen ist. Tatsächlich baut die geheime Beobachtung des Intimen Anderer die Spannung auf, die durch eine natürliche Interaktion nicht mehr zustande kommt. Dass die Grenze zwischen einer eventuell tolerierbaren Stimulanz und der psychopathologischen Deformation fließend ist, dokumentieren die Archive der Geheimen Dienste.

Wir haben es, wenn man den Gedanken bereit ist weiter zu spinnen, bei der personellen Aufstellung der Geheimen Dienste in starkem Maße mit Persönlichkeiten zu tun, die durchaus Züge zu psychopathologischen Verhaltensweisen aufbringen. Das ist alarmierend. Denn psychopathologisches Verhalten bewegt sich zumeist jenseits der rationalen Kontrolle, auch im eigenen Ego. Ein politisches System, das auf eine Semantik der Aufklärung verweist und dem Begriffe wie Ratio, Transparenz und Öffentlichkeit wichtige Werte sind, dürfte zu seiner eigenen Sicherung den pathologischen Trieb nicht ins Anforderungsprofil derer schreiben, die das Gemeinwesen schützen sollen.