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Last Exit Brexit

In der Literatur ist ein Schild mit dem Hinweis Last Exit in der Regel der Verweis auf eine gefährliche Situation. Vor allem in New York, denn wer da eine Abfahrt sogar verpasst, der kann im wahren Sinne des Wortes in Teufels Küche landen. Da geht es darum, dass das Verpassen einer Abfahrt bedeuten kann, in unbekanntes und lebensgefährliches soziales Gefilde zu kommen und dort mit Sicherheit untergehen zu können. In Tom Wolfes Roman Jahrmarkt der Eitelkeiten wird dies nicht nur deutlich, sondern zur Metapher schlechthin. Wer sich in der Welt Metropole verfährt, der ist auf Todeskurs. Und dort, wo momentan auch von einem Exit gesprochen wird, in Großbritannien, ist die Begrifflichkeit des Todeskurses nicht nur nicht deplaziert, sondern sie beschreibt eine mittlerweile alte, längst bekannte Weise der insularen Politik.

Großbritannien ist das Beispiel für einen suizidalen Kurs der eigenen Politik schlechthin. Das Gift, dass sich das Land seit nunmehr 35 Jahren kontinuierlich auf den Frühstückstisch legt, heißt Neoliberalismus und hat eine ähnliche Langzeitwirkung wie Opium. Vielleicht ist es auch das, was die Ironie der Geschichte genannt wird, dass nun das Kapitel im finalen Akt des Untergangs des einstigen Empires schreibt. Ausgerechnet jene Macht, die ihre asiatische Dominanz mit dem militärisch abgesicherten Opiumhandel nach China über große Zeiträume untermauerte, liegt jetzt da wie auf einer schäbigen Matte in einer hoffnungslosen Opiumhöhle und halluziniert ausgezehrt einem vermeintlich erlösenden Ende entgegen.

Der Neoliberalismus, genauer gesagt seine Inthronisationsmegäre Margaret Thatcher und alle die folgten, inklusive der verhängnisvolle Tony Blair, veranstalteten einen langen, kontinuierlichen Akt der Dekonstruktion. Das Mutterland des Kapitalismus, von dem aus durch Wertschöpfung der Welthandel revolutioniert wurde, bekam die glimmende Pfeife gefüllt mit der euphorisierenden Droge, die suggeriert, dass sich Wohlstand erreichen lässt ohne Leistung und Anstrengung, zumindest der jeweils eigenen. Systematisch wurde die Gesellschaft entstaatlicht und alles privatisiert, was sich versilbern ließ. Die Wertschöpfung wurde schlichtweg liquidiert, es begann mit den Gruben und Stahlhütten, es folgte alles, wozu es eines Proletariats bedurfte. Heute lungern ca. vier Millionen Proletarier in Englands Ghettos oder in fremden Fußballstadien herum, die niemand mehr braucht.

Stattdessen wurde das Heil gesucht in der Börse. Folglich wurde aus London das, was Gerhard Zwerenz einmal so treffend mit der Formulierung Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond beschrieben hat. In die City of London kann man tagsüber noch zu Besuch, wohnen kann da kaum noch ein Brite, weil es schlichtweg nicht mehr bezahlbar ist und manche Makler scherzen bereits, die Nuller auf dem Preisschild seien noch nie ihre Sorge gewesen. Ganze Straßenzüge werden bewohnt von den Börsenterroristen dieser Welt, die weitaus mehr Schaden anrichten als die armen Seelen, die mit veralteten Knarren ihr Teufelswerk untermauern.

Und nun, da Großbritannien auf der Matte liegt, taucht am Horizont der Verwüstung die Schimäre vom Brexit auf, die suggeriert, die Schwäche des Landes resultiere aus der Anbindung an einen Markt, der bestimmte Standards verlange. Die Antwort wäre zwar eine andere, denn wer keine Werte mehr schafft, der darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann, wenn das Familiensilber verhökert ist, mit leeren Händen auf dem Markt erscheint. Die Perspektive, die sich hinter dem Brexit für das Land zeichnen lässt, ist denn auch wirklich nur noch im finalen Opiumrausch zu ertragen. Ein Land voller Gewalt, ein Land ohne Zukunft, ein in den Atlantik vorgeschobener, öder Posten der USA.

Von chinesischen Katzen und kapitalistischen Mäusen

Böse Zungen behaupten, die unsichtbare Hand des Marktes ordne gerade wieder alles, was aus den Fugen geraten sei. Denn der freie Markt ist ja bekanntlich der beste Ordnungshüter. Angebot und Nachfrage, um präzise zu sein, sind nach Adam Smith das unbestechlichste Kriterium für die Entwicklung von Leistungen und Produkten. Künstlich erzeugte Begehrlichkeiten wirken nicht so lange und da, wo ein Bedürfnis herrscht und kein Angebot vorliegt, scheint irgendetwas aus dem Ruder gelaufen zu sein. Auch das gibt es. Und die ordo-liberale Theorie von der ordnenden Hand des Marktes gehört zu den ewigen Schimären kapitalistischer Mystifikation, die selbst so dezidiert nie von Adam Smith vertreten wurde.

Nun aber dennoch: Mit dem gegenwärtigen Schlingern einer gesteuerten Marktwirtschaft wie der chinesischen sind sehr viele puristisch angelegte kapitalistische Unternehmen in eine Gefahrenzone geraten. Sie haben nämlich das gemacht, was die Stärke des Kapitalismus ausmacht, sie haben dort Geschäfte gemacht, wo sie gemacht werden konnten, unabhängig von Kultur oder Weltanschauung derer, mit denen sie in die geschäftliche Interaktion treten. Die kapitalistischen Katzen haben chinesische Mäuse gefressen. Und die chinesischen Katzen kapitalistische Mäuse und so ideologisch den Satz verwendet, der die spätsozialistische Funktionsweise der späten Comecon-Ökonomien beschrieb: Wenn jeder jedem was klaut, kommt keinem was weg.

Und jetzt, wo der große, von allen Gierigen als unendlich gepriesene Markt schwächelt, genau jetzt beginnt in den traditionellen Hochzentren des Finanzkapitals ein Gejammer über die Wachstumsbeschwerden einer Ökonomie, die so gar nicht nach der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus funktioniert. In China, hinter der Mauer, da herrschen andere Gesetze. Ob sie dem Betrachter aus dem Westen schmecken oder nicht, das interessiert die Chinesen keinen Deut. Sie denken in anderen Dimensionen und auch ganzheitlicher, da haben sie den jungen Zivilisationen einiges voraus. Und sie denken auch nicht in Kategorien von Einzelschicksalen, weil es dort keine bürgerliche Revolution gab, in deren Theater die Selbstfindung und Läuterung des Individuums eine zentrale Rolle spielte. In China, bei der Planung, wird als kleinster Einheit in kollektiven Generationen gedacht. Ob da das individuelle Glück oder Wohlergehen leidet, wen stör es?

Umso gespenstischer ist das Bangen der westlichen Zivilisationen um den chinesischen Markt. Der Blickwinkel, aus dem gebangt wird, entstammt dem Interesse des bürgerlichen Individuums, das nicht wie in seinem Anfangsstadium nach Freiheit und Glück, sondern nach Coupon und Rendite strebt. Beglückend da die Tatsache, dass die Entscheidungen, die in China angesichts der Krise getroffen werden müssen, sich nicht am Wohle der zitternden Spät-Individuen der bürgerlichen Gesellschaft orientieren werden, sondern an den Interessen zukünftiger Generation, alle Fehlannahmen natürlich inbegriffen.

Insofern wird gerade ein Stück aufgeführt an den Börsen, das wissentlich so noch nie dagewesen ist. Die Spekulanten des kapitalistischen Westens bangen um die Solvenz des kommunistischen Ostens. Ganze Volkswirtschaften des Westens sind in die im Osten getätigten Investitions- und Spekulationsprogramme derartig involviert, dass sie zu kollabieren drohen, wenn die Kommunistische Partei Chinas nicht gegensteuert. Das ist tatsächlich großes Kino. Die Suprematie des freien Marktes, seine ordnende Hand und alles, was ansonsten an geistigem Zinnober in die Lehrbücher der abendländischen Volkswirtschaftslehre Eingang gefunden hat, entpuppt sich als Mystifikation. Nicht, dass das chinesische System, welches im Augenblick seines Schwächelns die eigene Macht über den Kapitalismus unter Beweis stellt, zu mehr Freiheit und Glück führen würde! Auch das ist eine Illusion. Aber es wird deutlich, wie abgenutzt die eigenen Erklärungsmuster geworden sind.

Virtuelle Kriegsräte und kulturelle Identitäten

Im globalen Sturm, der über die Gesellschaften zieht, trifft es die Gemeinwesen der unterschiedlichen Kulturen nicht gleichermaßen. Wir Europäer neigen dazu, uns die Welt nach unserem Bilde zu denken. Die unterschiedlichen Kulturen und aus ihr erwachsenen Zivilisationen haben sich nicht nach einem identischen Muster herausgebildet. Gerade daraus resultieren auch die Missverständnisse im Umgang miteinander. Jeder zivilisatorische Kontext verleitet zu einem Denken, das diesem entspringt. Viele Gesellschaften und die staatliche Organisationen, die sich aus ihnen ableiten, sind nicht vergleichbar mit den Ursprüngen der bürgerlichen Organisation, wie wir sie auch nur in Teilen Europas vorfinden.

Die Varietät gesellschaftlicher und staatlicher Organisation ist enorm und keine könnte für sich beanspruchen, die Blaupause für einen einzigen Gesellschaftsentwurf darzustellen. Monarchien, Bauern- und Soldatenstaaten, Theokratien, Nomadengesellschaften mit der ihr eigenen Entscheidungsstruktur, Siedlergesellschaften und Vielvölkerföderationen, formale Demokratien sowie urbane Bürgergesellschaften bilden nicht nur ein numerisch breites Spektrum, sondern jede der genannten Staatsformen verfügt über große Areale auf der Weltkarte. Ein Modell, das reklamiert, für alle zu sprechen oder den Rest der Welt nach der eigenen Art beglücken zu wollen, hat bereits den Grundstein für kommende Konflikte gelegt. Die Idee Jean-Jacques Rousseaus einer weltverbindenden Völkerverständigung, die den Vereinten Nationen zugrunde liegt, beinhaltet nicht das Mandat der Intervention in die Gesellschaftsmodelle anderer.

Von Globalisierung wurde bis dato immer dann gesprochen, wenn ein System die wirtschaftliche, politische, militärische und kulturelle Macht besaß, sich die Welt nach seinem Bilde unterzuordnen. Die Epoche Alexanders des Großen markierte diese Situation ebenso wie das Römische Reich, das Britische Imperium oder der amerikanische Imperialismus, flankiert von der Besonderheit des sowjetischen. Dessen sollten sich alle bewusst sein, die die Globalisierung an sich bereits als positive Zeiterscheinung zu würdigen suchen. 

Die Besonderheit der Globalisierung unserer Tage besteht vor allem in der Entstaatlichung und Denationalisierung der Hegemonie. Die Dominanz über die Weltgesellschaft ist vom Personal her international und von seinem kulturellen Hintergrund verschieden. Sie wird gewährleistet über das Geld, die Simultanität seiner Verfügbarkeit und die Steuerung eines virtuellen Kriegsrates namens Börse. Der geographische Sitz dieser hegemonialen Kommandobrücken ist nicht unbedingt gebunden an die Länder, in denen sie liegen. Zerstörerische Maßnahmen, die die Us-amerikanische Gesellschaft betreffen, können durchaus in der New Yorker Wall Street veranlasst werden so wie die strukturelle Zerstörung der englischen Ökonomie von der Londoner Börse aus betrieben wurde. Billionäre, Milliardäre und ihre Konsortien operieren nicht mehr mit den Identitäten, die in den meisten realen Gesellschaften den politischen Diskurs bestimmen. Längst sind die Staaten zu den Gejagten geworden, die in dem Dilemma stecken, das Gemeinwesen, für das sie stehen, verteidigen zu müssen und gleichzeitig den Tribut zu zahlen, den Unterlegene zu entrichten haben.

Die Verhältnisse, die die momentane Phase der Globalisierung geschaffen hat, strafen die literarischen Schreckensvisionen eines George Orwell oder H.G. Wells als romantische Schmonzetten. Dennoch sind sie längst nicht so stabil, wie sie manche Alltagsdepression erscheinen lassen. Die eingangs beschriebene Weltgemeinschaft verfügt trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Gestaltung über Identitäten, die gewaltige Kräfte entfesseln können, wenn sie sich nur mobilisieren lassen. Was sind Algorithmen gegen das historische Bewusstsein der Chinesen, das städtische Selbstbewusstsein des europäischen Bürgertums, die amerikanische Rechtsvorstellung auf persönliches Glück, die arabische Vorstellung von blühendem Handel oder den Freiheitsbegriff der Nomaden? Die Einheit dieser mächtigen Kräfte gelingt nur über den Weg des gegenseitigen Respekts. Das Gefühl der eigenen moralischen oder wie auch immer gearteten Überlegenheit und der prekäre Gestus der Besserwisserei spielt nur den globalen Destruktionskräften in die Hände.