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Transatlantische Tränen auf lächelndem Gesicht

Branford Marsalis, Joey Calderazzo; Songs Of Mirth And Melancholy

Das Größte, was ein Musiker erreichen kann, zumal in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit und Vermarktung, ist die Unabhängigkeit. Manche, vor allem im Jazz, führen notgedrungen eine Doppelexistenz, indem sie einerseits das machen, wozu sie sich bestimmt fühlen und andererseits sich dort verdingen, wo sie das nötige Kleingeld verdienen, um den Kühlschrank voll zu bekommen. Branford Marsalis gehört zu den wenigen zeitgenössischen Jazzmusikern, die sich ihre Unabhängigkeit im Laufe der Jahre konsequent erkämpft haben und diese auch nutzen. Sein neues Album mit dem Titel Songs of Mirth and Melancholy, welches er zusammen mit dem Pianisten aus seinem Quartett, Joey Calderazzo, aufgenommen hat, ist eine Revue durch die kompositorische Architektur des Jazz.

Es ist kein Wunder, dass Marsalis, der schon mal seinem Fahrer auf dem Weg zur Bank die Anweisung gibt, solange um den Block zu fahren, bis das Wagnerstück im Radio zuende ist, sich in den Duetten nicht nur an der amerikanischen Tradition, sondern auch an Motiven aus der europäischen Klassik orientiert. Auch wenn Marsalis und Calderazzo gegenwärtig eher provozierend von den gleichbleibend läppischen zwölf Tönen sprechen, die von den Sex Pistols bis Brahms maximal zur Verfügung stünden, wird beim Hören sehr deutlich, was die beiden zumindest momentan interessiert.

Mit One Way wird ein Reigen eröffnet, der alles andere als nur eine Richtung beinhaltet, aber nicht umsonst in seiner musikalischen Gestaltungsweise an die Heimat Marsalis, Big Easy, New Orleans, erinnert und einen eindeutigen Hinweis auf die eigene Tradition gibt. Schon bei Valse Kendall und Face on the Barroom Floor wird jedoch deutlich, wie sehr die Bindungen in das Alte Europa sind. Umso erstaunlicher ist die Reverenz an Brahms Die Trauernde, die Bezüge aufdeckt, die bei einem Musiker afroamerikanischer Provenienz nicht so evident sind. In diesem Punkt steht Branford Marsalis in der spirituellen Tradition eines Charles Mingus, der sich von Bach lieber inspirieren ließ als von seinen Zeitgenossen. Und mit Bri’s Dance leisten sich die beiden noch etwas, was hierzulande fast einer Blasphemie gleicht: sie greifen das Thema der deutschen Nationalhymne auf, um sie gleich so zu ergreifen, dass plötzlich das Trauma, unter dem die Deutschen leiden, wie weggeblasen ist.

Die insgesamt neun Stücke sind etwas für reflexive Stunden, in denen unabhängiges Denken und eine Offenheit für das Ungewohnte vorherrschen. Eingefahrene, egal auf welchen Bahnen, werden an den Kompositionen und Interpretationen dieses freigeistigen Duos keine Freude haben, denn die Stücke bestätigen nichts Feststehendes. Wer, so könnte man hinzufügen, nicht den Willen mitbringt, die zeitgenössische Musik auch einmal anders herum zu denken, der wird sich auch nicht daran erfreuen können, dass hier zwei Ausnahmemusiker am Werk sind, die, selbst nicht einmal mit einer Hand des Pianisten eine Rhythmussektion simulieren müssen, um ein Zeitmaß für ihre Ausführungen zu finden. Marsalis ist ein Saxophonist, dessen Ansatz die Ehrfurcht des Übenden hervorruft, der nichts dem Zufall überlässt und dennoch das Kunststück fertig bringt, experimentell zu bleiben. Calderazzo ist das kongeniale Pendant, er führt die Linien immer wieder zusammen, die beide im Übermut zerreißen.