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Der Putsch in Brasilien

 

Eines der dynamischsten Länder des letzten Jahrzehnts erlebt momentan dramatische Tage. Brasilien, die erste Chiffre in den BRIC-Staaten, scheint aus seiner Reform- und Gestaltungsphase in eine Sackgasse eingemündet zu sein, die dunkle Schatten voraus wirft. Lula da Silva, der große Gewerkschafter, der vor 15 Jahren mit seiner Präsidentschaft so viele Hoffnungen wecken konnte, der der Welt zeigte, wie man Staatsgeschäfte nach beabsichtigter Wirkung steuern konnte, zerschlug die vielen Konsortien der Lobbys, die vom Elend anderer lebten. Als er nach zwei Amtsperioden nicht mehr kandidieren konnte, hinterließ er der ehemaligen Guerillera Dilma Rousseff zwar eine solide Parlamentsmehrheit und Stützen im Staatsapparat, aber auch Lula war einem Phänomen erlegen, dass die Linken dieser Welt immer wieder trifft: Sie sind zu milde mit denen, die sie vertrieben haben und räumen ihnen Chancen ein, die sie selbst von diesen niemals erhalten hätten. Es ist das Stigma, das aus dem Wunsch, besser zu sein als die Bösen resultiert.

Und genau diese Schichten, die Brasilien an der Entwicklung zu einem modernen Staat gehindert hatten, genau diese Schichten hatten sich, als Lula da Silva an Rousseff übergab, längst wieder formiert und im Senat schon Position bezogen. Es sind die Großgrundbesitzer, die Aktionäre und die Besitzer der Minen, die sich dort versammelt haben und die vom ersten Tag an Rankünegedanken gegen die Modernisierer hegten. Nun, nach insgesamt 15 Jahren, haben sie mit einem Manöver, das als schlechter Scherz in die Geschichtsbücher eingehen wird, eine demokratisch gewählte Präsidentin mit einer gekauften parlamentarischen Mehrheit des Amtes enthoben.

Die Kräfte der untätigen Reichen, die nun in Brasilien an der Macht sind, haben der sozialistischen Präsidentin genau das vorgeworfen, was sie selbst begangen haben. Der Begriff, den Dilma Rousseff selbst verwendete, nämlich dass es sich um einen Putsch handele, trifft ziemlich genau die Umstände. Rousseff wurde bezichtigt, Kredite anhand von Tricks vergeben und den Staat um Steuern betrogen zu haben. Beides hat die Präsidentin in stundenlangen Ausführungen eindrucksvoll widerlegt. Sie konnte dokumentieren, dass derartige Manöver in einer öffentlich arbeitenden Demokratie nicht möglich sind. Dennoch stimmte die Mehrheit gegen sie, mit dem einen Motiv, dass viele Täter kennen. Diejenigen, die Rousseff des Amtes enthoben, sind genau diejenigen, die auf den Anklagelisten für bevorstehende Korruptionsverfahren standen. Da schrien die Diebe Haltet den Dieb! Es war ein Putsch!

Und es war ein Putsch, der sich nicht als eine Verwerfung bestimmter Fraktionen im Parlament abtun lässt. Ohne Wahlen, d.h. ohne demokratische Legitimation haben die Amtsentheber um den neuen Präsidenten Michel Temer verkündet, nun einen Kurs des drastischen Sparens fahren und rigoros vor allem bei den Sozialausgaben kürzen zu wollen.

Es ist ein Kurs, der aus dem zerfledderten Regiebuch des Wirtschaftsliberalismus stammt und kurz und bündig bedeutet, dass alles, was eine stärkere Partizipation der Besitzlosen am gesellschaftlichen Leben befördern könnte, dem Rotstift zum Opfer fällt und stattdessen die Besteuerung des organisierten Müßiggangs ein Ende haben soll. In einer dynamischen Gesellschaft wie der Brasiliens bedeutet dieses Klassenkampf und den Kampf um die Macht. Die Absetzung von Dilma Rousseff läutet weit unruhigere Jahre in Brasilien ein, als diejenigen, die hinter ihm liegen. Die Demokratie hat eine Niederlage erlitten. Der Putsch wird nicht ohne Folgen bleiben.

Die Welt ist nicht gerecht

Eigentlich ist es skurril. Nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist kein Rausch, sondern ein Kater eingetreten. Anstatt dass die Akteure, die direkt beteiligt waren, hierzulande euphorisiert in ihren Fußballalltag gingen, hingen sie herum, als seien sie zurück im zivilen Leben nach einer langen Geiselhaft. Selbst die Reservisten von der Bank kamen mit Formkrisen zurück, die kaum jemand erklären konnte. Einmal abgesehen davon, dass das Ganze eine ungeheure physische Tortur war, über die wenig berichtet wurde, psychisch hätte nach dem Erfolg der Erfolge ein Hype folgen müssen, der ausblieb, wofür die Auftritte der Nationalmannschaft den besten Beleg geben.

Und nicht nur die Akteure, auch das Publikum trottet samstäglich eher desinteressiert in Stadien oder Sky-Kneipen, um sich das anzusehen, was alle wissen. Es hat sich nämlich nichts geändert durch den Titel. Alles ist beim Alten geblieben. Der FC Bayern dominiert die Liga wie immer und alles, was er veranstaltet, ist Weltklasse und der Rest ist Provinz. Dass das so bleibt, dafür sorgen die gegenwärtig auf freiem Fuß befindlichen Vorstandsmitglieder. Wie immer schon sind sie dabei, dem momentan einzigen Rivalen einen weiteren Schlag zu versetzen, von dem sich dieser nicht mehr so einfach erholen wird. Nach der während des Champions-League-Wettbewerbs stinkigen Abwerbung von Götze folgte Lewandowski. Nun steht laut Rummenigge noch Reus auf dem Zettel. Kein Grund zur Aufregung. So handeln Monopolisten. Der Staatsclub aus München, fest am dortigen Prozess der Balkanisierung beteiligt, ist eher ein Fall für das Bundeskartellamt. Aber dort ist man auf die Idee nicht gekommen.

Dass Jürgen Klopp mit Hinweis auf die jüngsten Manöver aus München ins Mikrophon sprach, er glaube an Gerechtigkeit im Leben, und auch böse Taten würden irgendwann geahndet, ehrt ihn als Pädagogen, erweckt allerdings auch etwas Mitleid. Angesichts der Monopolisierung des deutschen Fußballs und der Berichterstattung über ihn so etwas von sich zu geben, klingt schon eher nach Defätismus. Letzterer ist bekanntlich schlimmer als feindliche Kanonen. In diesem Fall ist Kampf besser als Räsonnement. Wollen wir hoffen, dass der BVB in München zeigt, was Moral ist. Taktisch sind sie besser, aber das Personal wurde zu schnell abgeworben. Und wer kann es Spielern verübeln, denen viel Geld, Erfolg und ein Sitz im Alpenvorland geboten wird, wenn sie Gelsenkirchen-Buer oder Dortmund-Wickede verlassen?

Apropos Berichterstattung. Nicht alles wird erzählt, da hält man sich an Nachrichtensprerren, zumindest wenn es um den FC Tegernsee geht. Dass der Gomez so klanglos gehen musste und der Schweinsteiger nie mehr spielt, wenn der Gomez in der Nationalmannschaft aufgestellt ist und umgekehrt hat Gründe, aber das ist Privatsache. Stimmt. Nur, dass bei anderen, die woanders spielen, darauf gepfiffen wird.

Und natürlich Schalkes neuer Trainer Di Matteo. Seitdem er als Coach des Londoner Clubs Chelsea den Bayern das Endspiel Dahoam versalzen hat, gilt er als Beton-Philosoph. Mit einer klugen Defensiv-Taktik und einem gravierenden taktischen Fehler seines damaligen Pendants Jupp Heynckes war es ihm gelungen, den Bayern den Titel im eigenen Stadion zu nehmen. Und kaum ist er in Schalke angekommen, da wird die Spielweise der Schalker als Anti-Fußball auf der ganzen Linie bezeichnet, während noch zwei Wochen vorher das desolate Abwehrverhalten beklagt wurde. Da wird noch manches kommen, so sehr die Verherrlichung auf der einen Seite zelebriert wird, so sehr wird die Diskriminierung gezogen, sobald der Glanz des Alleinherrschers gefährdet gesehen wird. Die Welt ist nicht gerecht. Deshalb ist das jetzt alles so langweilig. Monopole killen die Konkurrenz und produzieren Eiszeiten. Bis die rum sind, sind die Vorräte aufgebraucht.

Unfaire Theatralik und mediale Hooligans

Vor allem aus den Lagern der Betroffenen war zu vernehmen, dass sie jegliches Interesse für das Spiel um den dritten Platz verloren hatten. Bei den Brasilianern war klar, dass sie sich in nur vier Tagen nach der Implosion und der Demontage durch die Deutschen nicht würden erholen können. Insofern fürchteten sie ein weiteres Debakel. Die Niederländer und vor allem ihr Trainer begründeten die Unlust mit der Arroganz, auf einen Kinderpokal hätten sie keine Lust. Die Voraussetzungen waren also alles andere als gut und das Spiel stand nicht in dem Zeichen früherer Spiele dieser Kategorie, wo die Spieler dem Publikum noch einmal richtig etwas geboten hatten.

Das Spiel selbst hatte es dann aber doch sehr schnell zu einem Superlativ gebracht. Es war das absolut mieseste, was bei dieser WM geboten wurde. Schon nach zwei Minuten entschied ein während der gesamten Spielzeit überforderter Schiedsrichter fälschlicherweise auf Elfmeter für die Niederlande. Geraten werden muss nicht: Der trotz seiner spielerischen Fähigkeiten theatralischste und damit unsportlichste Akteur der WM Arjen Robben fiel einmal wieder wie eine vom Blattschuss ereilte Ballettfigur weit in den Strafraum. Da der Akteur jedoch beim FC Bayern spielt, wird er von der hiesigen Journaille für diese degoutanten Auftritte immer noch mit Wohlwollen bedacht. Zehn Minuten später dann erzielten die Niederlande ein zweites irreguläres Tor, diesmal aus einer Abseitsposition, und damit war die Messe gelesen. Über den Rest der Spielzeit mühte sich das brasilianische Team, spielte diverse Chancen heraus, hatte jedoch keinen Erfolg. In der Nachspielzeit, in die van Gaal noch einmal den Torwart wechselte, gelang den Niederländern dann das 3:0. Brasilien steht wohl vor einem Neuanfang, die Niederländer ebenfalls, denn mit den taktischen Eskapaden ihres egomanischen Trainers reüssierten sie nicht nur nicht gegen Costa Rica und Argentinien, sondern machten auch eine Reise in die Vergangenheit des deutschen Fußballs seiner einfallslosesten Couleur.

Bemerkt oder erwähnt wurden diese Dinge seitens des fachkundigen Personals der Öffentlich-Rechtlichen nicht. Auch wenn es im Zuge des Erfolges der deutschen Mannschaft vielleicht nicht so kritisch gesehen wird, so ist die dort von den Spielkommentatoren dargebotene Qualität indiskutabel gewesen. Sicherlich eine der Schattenseiten dieser WM. Was sich zum Beispiel der gestrige Kommentator für das ZDF während des Spiels an Unkenntnis, versteckten und offenen Ressentiments, dümmlicher Arroganz und Sottisen bis hin zur Volksverhetzung geleistet hat, ist mindestens genauso geeignet, das Interesse am Fußball zu erwürgen wie die Korruption in der FIFA oder nationalistische Hooligans. Die Toleranz gegenüber diesen Sprachrohren der Selbstüberschätzung ist gänzlich unangebracht.

Und dabei sind wir schon bei einem ersten, vielleicht gar nicht so schönen Ausblick: Sollte die deutsche Mannschaft heute ihren Auftritt in Brasilien, der durchaus auch Schattenseiten hatte, mit einem Titel krönen, was ihr und den Aficionados auf der Welt von Herzen gegönnt sei, dann wird auch gleichzeitig die kritische Reflexion hinsichtlich der nationalen Politik noch mehr ausgeschaltet werden als bisher. Dann sind die, die an der einen oder anderen Aktion zu Recht zweifeln, sehr schnell als Brunnenvergifter diskriminiert. In Sachen Diskriminierung sind die öffentlich-rechtlichen Medien der Bundesrepublik Deutschland zu wahren Weltmeistern avanciert. In den Stunden der Vorfreude, während des Spiels und vielleicht auch danach sei darum gebeten, egal, wie es ausgeht, den Dunkelmännern und Dunkelfrauen des demagogischen Gewerbes auf die giftigen Münder zu schauen und sich zu Wort zu melden. Der Fußball ist es nicht wert, auch von diesen medialen Hooligans missbraucht zu werden.