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Grande Peur

Selbst der Schock wirkt bereits ritualisiert. Vieles von dem, was gestern nach den Anschlägen in Brüssel in den Äther geschickt wurde, glich dem nach den Attacken auf Charlie Hebdo oder denen in Paris im letzten November. Die offiziellen Erklärungen glichen sich, die Sondersendungen in den Fernseh- und Rundfunkanstalten glichen sich und die Inhalte der Kommentare glichen sich. Dadurch, dass sich die Reaktionen auf den selbst erlebten Terror wiederholen, ändert sich nichts. Und vieles von dem, das als Standhaftigkeit oder Stärke reklamiert wurde, war durch die Wiederholung bereits demontiert. Wirksamer, weil einfach glaubwürdiger waren eher die sanften Töne, die darauf hinwiesen, die eigene Würde nicht antasten zu lassen. Das wirkte anders als die Phrasen von fester Entschlossenheit und feigen Anschlägen, von Menschenverachtung und der Schärfe des Gesetzes. So etwas wirkt wie das Pfeifen im Walde, weil es eine Angst überdecken soll, die aus Ratlosigkeit entspringt.

Wenn es nach versengtem Menschenfleisch riecht, sind kalte Fakten nicht selten die beste Salbe. Die Staaten der EU, vor allem in Zentraleuropa, sollten sich endlich bewusst werden, dass Phänomene, die aus ihrem Blick eher an die Peripherie gehörten, jetzt im eigenen Zentrum angekommen sind. Der Terror ist jetzt auch hier angekommen, noch lange nicht und längst nicht in dem Ausmaß wie in Israel, über dessen Wehrhaftigkeit in der Vergangenheit so manch verklausulierter Antisemitismus hat reüssieren können, aber immerhin. Die Reaktion der befragten Menschen, die zufällig in den Risikobereichen davon betroffen waren, war allerdings nicht die, dass sie von einer neuen Realität sprachen, sondern von dem Wunsch, dass das endlich aufhöre. Doch so, wie es aussieht, wird es wahrscheinlich nicht kommen.

Und viele, die den sphärischen Formulierungen misstrauen, dass wir nicht bereit sind, uns unsere Freiheit von den bösen Terroristen rauben zu lassen, werden guten Glaubens in die Falle laufen und den Spieß einfach umdrehen und davon reden, dass der „Westen“ selbst die Schuld dafür trage, dass es diesen Terrorismus gibt. Das stimmt aber nur zum Teil, so wie die gegenteilige Behauptung auch nur eine Teilwahrheit ist.

Richtig ist, dass London, Paris und Brüssel und die dortigen Morde und Zerstörungen durch Terrorismus zu einem traurigen Phänomen gehören, das in Beirut, Tel Aviv oder Bagdad bereits zu einer Tagesroutine gehört. Und richtig ist auch, dass es auf der einen Seite bedient wird von Barbaren, die sich auf arabische Identitäten berufen. Aber ebenso richtig ist es, dass Mord und Terror auch verbreitet werden von Kriegern, die mit westlichen Identitäten hausieren gehen, von Freiheit und Wohlstand reden und klinisch sauber mit der Drohnentechnologie Mord, Angst und Schrecken verbreiten.

Das Interessante und Hoffnungsvolle, das sich bei einer Analyse der blutigen terroristischen Choreographie zwischen Brabant und Babylon ergibt, ist die Identität der Opfer. Ihre Identität ist nicht in Hautfarbe, Sprache oder Religion zu finden, sondern in der einfachen Tatsache, dass es sich um die Zivilbevölkerung handelt. Aus der militärtheoretischen Erkenntnis, dass die Epoche der asynchronen Kriegsführung lange angebrochen ist, wurde im Westen eine Synchronisierung des Asynchronen. Um den Attackierenden noch Paroli bieten zu können, hat man sich ihnen angepasst und metzelt jetzt genauso asynchron gegen die dortige Zivilbevölkerung. So liegt der Schluss eigentlich ziemlich nahe, dass sich die Opfer solidarisieren müssen, um die Täter zu isolieren.

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Die Zeit der Sensenmänner

Im Zeichen der Demoskopie stehen sie derweilen hoch im Kurs. Sie gelten als die, die ungeachtet des Zeitgeistes den Mut besitzen, unbequeme Wahrheiten zu sagen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie mahnen die eiserne Faust an, wo gestalterische Phantasie angebracht wäre. Sie schreien nach Ordnung, wo Flexibilität gefordert wäre und sie begünstigen Feindbilder, die keinem helfen werden. Aber das scheint alles unerheblich zu sein. Die medialen Kommunikationsorgane stilisieren sie zu Helden, dabei könnte ihre Botschaft dürftiger nicht sein. Egal, woher das Elend kommt, ordentlich den Knüppel raus, dann ist auch wieder Ruhe. Sollte das die Maxime sein, die in Deutschland wieder Mehrheiten zu gewinnen in der Lage ist, dann wäre es vergeudete Zeit, über mögliche Perspektiven für dieses Land überhaupt noch zu räsonieren.

Doch zurück zu den drei SSS. Seehofer, der reine Symbolkämpfe inszeniert, Schäuble, der die Ent-Solidarisierung Europas bis zur letzten Jacketkrone ausgefochten hat und nun auch Edi Stoiber, der im Kreise von Pommes & Pralinen seit Jahren zur Pilzkultur der Brüsseler Euro-Bürokratie gehört, die er eigentlich abschaffen sollte. Edi droht jetzt auch, und weil es so en vogue ist, fällt er in den Chor der anderen beiden, die es so lieben, Ultimaten zu stellen. Nicht, dass die Sympathien der Frau gölten, die sich seit Jahren um Entscheidungen drückt, aber die drei Schergen aus dem Süden der Republik, die verkörpern beileibe nicht die Alternative, derer es bedürfte, um aus Problemlagen Lösungskonzepte zu machen.

Jetzt, in einem Moment, in dem der Konservatismus auf einen Regimewechsel drängt, fallen die drei politisch längst desavouierten Schergen aus dem Gebüsch und klimpern auf der Tastatur der Staatsräson, um ihren Machtanspruch zu untermalen. Aber, Hand aufs Herz, wer von ihnen wäre denn in der Lage, die Macht und das Amt zu übernehmen? Sie selbst wohl kaum und alleine die Namensnennung möglicher Kandidatinnen und Kandidaten aus dem konservativen Lager verursacht Stockgeräusche in der Luftröhre. Zu sehr hat die Meisterschülerin des Pfälzer Bürgerkönigs an der Technik der Macht geleckt. Protestantisch bieder, wie sie ist, duftet das Fallbeil bei ihr nicht nach Hausmacher und Kraut, sondern bitter nach Metall. Aber spielt das eine Rolle? Weggeätzt hat sie alle, die aufgrund von Begabung oder Fleiß in Frage gekommen wären.

So bleibt die Drohung der drei Sensenmänner nichts anderes als eine wahltaktische Finte, mit der sie versuchen wollen, vor den bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt den Wellenreitern des politischen Populismus Stimmen zu entreißen. Ihr Zubiss liegt längst des nächtens, wenn es Zeit zum Meucheln wäre, im Corega-Bad. Und so bekommen sie gar nicht mehr mit, wer im Schutze der Dunkelheit die Straßen des Landes beherrscht. Sähen sie es, mit ihren starigen Blicken, so stellten sie fest, dass es nicht Syrer und Mohren sind, die dieses Land bedrohen, sondern Neid und Missgunst, Zwist und Angst und eine bleierne Hoffnungslosigkeit.

Wenn die Bussarde kreisen, so heißt es in ländlichen Gebieten, dann ist die Zeit des Sensenmannes angebrochen. Dann taucht er auf, kommt aus den wabernden Nebeln und lässt seine scharfe Sense durch die milchige Luft surren, dabei ein Grinsen aufgesetzt, das gar keines mehr ist. Denn wo der Tod herrscht, da gibt’s auch nichts zu lachen. Nur die Persiflage schafft das noch. Und diese Sensenmänner, die sich nun wieder anbieten, die gehören in diese Kategorie.

Von der Utopie zur Bedrohung

Für eine Organisation, in der immerhin 28 Staaten als Mitglieder fungieren, bei deren Gründung in erster Linie politische Ziele genannt wurden, könnte die Lage nicht spannender sein. Die große Lehre, die aus den beiden verheerenden Kriegen allein des 20. Jahrhunderts auf europäischen Boden gezogen werden sollte, war ein friedliches Miteinander der europäischen Völker in einer Welt, in der sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Das alte Kernland, aus dem die EU entstehen sollte, das waren zunächst die Handelskulturen Belgien, Holland und Luxembourg und dann die beiden Großmachtantipoden Frankreich und Deutschland. Der Weg zu dem Ziel einer politischen Einheit sollte über die wirtschaftliche Kooperation führen. Das schöne an Wirtschaftstheorien scheint zu sein, dass sie regelmäßig bei der Erklärung politischer Zusammenhänge versagen. Denn, so damals die Devise nach einer gängigen dieser Theorien, wo man Geschäfte macht, da wird man sich schon einig, oder, wo man Handel treibt, da greift man nicht zur Waffe.

Die politische Utopie, die sich hinter der EU verbirgt, ist so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa, in denen die Nationalstaaten zwar noch souverän sind, aber die gemeinsame Gesetzgebung die essenziellen Belange aller betrifft und von einer starken Exekutive flankiert wird. Das heißt, ins Reine gesprochen, mehr Macht für Brüssel. Letzteres hat immer einen faden Geschmack, solange die demokratische Kontrolle wie die demokratische Legitimation derer, die dort unterwegs sind, jeweils so schwach ist. Und ob das die einzelnen Staaten auch so wollen, danach wurden ihre Bewohnerinnen und Bewohner noch nie gefragt.

Das Dilemma, in dem sich diese EU befindet, besteht gleich aus mehreren Faktoren, die momentan alle in beeindruckender Weise wirken. Weder sind die in Brüssel versammelten Protagonisten die besten, die man sich in Europa vorstellen kann, noch hat es auch nur ein Staat vermocht, die politische Botschaft seiner Bevölkerung zu verdeutlichen. Die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der EU war vor allem in den letzten Jahren seit der Finanzkrise im Jahre 2008 eine weitere, radikale Umverteilung des Reichtums und die Sanierung besonders betroffener Staaten kommt einer Ent-Nationalisierung gleich, d.h. politische Entscheidungsprozesse wie politische Handlungen werden in immer mehr europäischen Ländern zunehmend schwerer. Derzeit erscheint Europa eher als ein Käfig, in dem die Raubtiere dicker und das lebende Futter dürftiger wird.

In der Art und Weise, wie über die Ursachen der Flucht nach Europa reflektiert wird, verdeutlicht sich, dass es weder eine kollektive Vorstellung davon gibt, wie in einer derartigen Situation vorgegangen werden soll, noch wagt bis dato innerhalb der Organisation jemand, die eigene, destabilisierende Politik gegenüber anderen Staaten als Ursache zu benennen. Das ist schwierig, weil die Destabilisierung auch im Binnenland vollzogen wird. Die Massenflucht spanischer junger Menschen nach Norden wird nicht als solche bezeichnet, aber sie wird gleich von mehreren Industrie- und Handelskammern organisiert. Für Spaniens Zukunft ist der Massenexodus ein fataler Schlag, für den hungrigen Magen eines deutschen Arbeitsmarktes hingegen ein Segen. Und den Spaniern folgen Portugiesen und Griechen, und sie treffen nicht auf Zäune, aber vom Wesen ist es der Zusammenhang zwischen der Zerstörung politischer Systeme und die daraus resultierenden Unerträglichkeit des Seins. Und solange diese schlichte Erkenntnis nicht kommuniziert wird, solange wird die EU immer mehr Menschen als das erscheinen, was sie gegenwärtig ist. Und das ist keine kollektiv akzeptierte Utopie mehr, sondern eine Gefahr, der sich niemand gerne freiwillig aussetzt.