Schlagwort-Archive: Chicago

Blues aus zwei Welten

Buddy Guy. Born To Play Guitar

Er ist einer der letzten Saurier des Blues. Unten, in Louisiana, wo er sich selbst beibrachte, Gitarre zu spielen, machte er das auf die ersten Hits von John Lee Hooker. Dann, mit 21 Jahren war er soweit, vielen seiner Brüder nach Chicago zu folgen, um es dort mit dem Blues zu versuchen. Früh spielte er mit Größen wie Willie Dixon, später dann, mit 28 traf er auf Muddy Waters, mit dem er viele Jahre tingelte. Alle Genannten sind nicht nur in der Hall of Fame, sondern auch längst tot. Nur Buddy Guy wandelt noch auf diesem Planeten, immer noch in Chicago und er betreibt mit seinen 79 Jahren nach wie vor den Blues Club Legends und steht dort das eine oder andere mal auf der Bühne.

Dass Buddy Guy zu einer andren Welt gehörte, wurde vor einigen Jahren einem Millionenpublikum bewusst, als er zu einem einzigen Song von den Rolling Stones bei deren Konzert im New Yorker Beacon Theatre auf die Bühne geholt wurde. Es handelte sich um das Muddy Waters Stück The Reefer, die Stones begannen zu spielen, Mick Jagger sang die erste Strophe und dann passierte es: Buddy Guy tauchte aus dem Off auf und spielte zunächst nur einen Ton. Der hatte aber die Macht über das ganze Theater ergriffen und Keith Richards spie seine Zigarette auf die Bühne wie ein ertappter Schüler, der vom Großmeister persönlich beim Dilettieren gestraft wurde.

Nun, passend zu seinem 79. Geburtstag, präsentiert sich Buddy Guy mit einer neuen CD, die dem Titel Born To Play Guitar. Die CD umfasst insgesamt 14 Titel, die unter anderem zusammen mit Billy Gibbons, Kim Wilson, Joss Stone und Van Morrison angenommen wurden, übrigens einer Rezeptur, die bei vielen alternden Blues-Stars nicht unüblich ist und einigen von ihnen wieder auf die Beine geholfen hat. Das wäre bei dem vorliegenden Material nicht nötig gewesen, denn die Stücke, die von Buddy Guy allein vorgetragen werden, zählen mit Abstand zu den bemerkenswertesten.

Es sind dieses Born To Play Guitar, der Titelsong, sowie Backup Mama. In beiden Stücken sind die essenziellen Phrasierungen des Electric Blues ebenso zu hören wie die schöne, nach wie vor kräftige Erzählstimme Buddy Guys. Dass Guy und Van Morrison im Duett Flesh & Bone eine Hommage an den soeben verstorbenen B.B. King zum besten geben gehört neben den unterschiedlichen Stilisierungen in den einzelnen Stücken zu einem weiteren Höhepunkt. Das letzte Stück auf der CD, Muddy Come Back, hat allerdings alles, was erforderlich ist, um die menschliche Seele zerrinnen zu lassen.

Da erinnert sich Buddy Guy an die Zeit mit Muddy Waters, als sie in dessen Cadillac in Chicago um die Blöcke gecruised sind, im Handschuhfach eine Tüte und eine Flasche Whiskey im Sack, wie sie auf der Bühne standen und dem Blues das Leben eingehaucht haben. Das ist Wehmut und Nähe zugleich, das ist Sehnsucht und Freude. Wenn Blues eine Form hat, dann hier, und wenn Blues etwas bewirkt, dann mit diesem Song. Da steht jemand auf der Schwelle, der die eine Welt kennt wie seine Westentasche und die andere bereits erahnt und in beiden dieser Welten herrscht der Blues. Grandios!

Eine Ikone, die den Namen verdient

Freddy Cole. Singing the Blues

Es kann alles so einfach sein. Wenn das Können da ist und die emotionale Voraussetzung. Ein wesentlich jüngerer, nämlich Jimi Hendrix, brachte den Blues einmal sehr folgerichtig auf den Punkt: It´s easy to play, but hard to feel. Einer derer, die schon lange in den Geschichtsbüchern des Genres stehen, aber noch längst nicht abgedankt haben, ist Freddy Cole. Geboren 1931 in der Blues-Metropole Chicago, trat er schon im Alter von sechs Jahren auf. Der Pianist und Sänger, nebenbei der Bruder von Nat King Cole, ging seitdem seinen Weg. Er blieb über die Jahrzehnte dem Blues treu. Seine Stationen können Folianten füllen, begonnen hatte er mit Earl Bostic und Groover Washington. Bis heute steht er aus der Bühne und gilt als die reifste Stimme des zeitgenössischen Blues in den USA.

Da liegt es nicht unbedingt fern, dass der nunmehr 83-Jährige Musiker mit einer neuen CD seinem Genre eine Referenz erweist. Unter dem alles sagenden Titel Singing the Blues liegen neue Aufnahmen vor, die ein Stadium der Reife dokumentieren, das seinesgleichen sucht. Ein Mann, der derartig in der Tradition des Genres steht, vergisst natürlich seine Wurzeln nicht. Folglich wird das Album eröffnet mit einem Muddy Water Blues, einer Hommage an denjenigen, der nahezu paradigmatisch aus dem Mississippi-Delta den Weg nach Chicago suchte, um in der nördlichen Industriemetropole seine Marken zu setzen, die bis heute wirken. Das auf diesem Titel Dargebotene ist alles andere als eine romantische Verklärung, sondern eine viel sagende Referenz an den atemlosen Rhythmus des Industriezeitalters, wodurch der Blues als eine Blaupause für den Jazz gesichtet wird.

This Time I´m Gone For Good dagegen konserviert die emotionalen Botschaften dieser immer noch agilen Gattung. Freddy Cole singt das Programm des Gehens, um überleben zu können mit seiner samtweichen sonoren Stimme, die die Unausweichlichkeit dieser Botschaft wie ein Mantra unterlegt. Another Way to Feel wiederum könnte auch in den allen Hotelbars dieser Welt ertönen, einerseits wegen seiner Unverbindlichkeit, teils aber auch als eine intonierte Sehnsucht all derer, die entwurzelt um den Globus rasen. Goin´Down Slow, eine der Hymnen des Blues überhaupt, erfährt durch Coles Interpretation den Status der Altersweisheit, All We Need is a Place, ein Blues im Herzschlagrhythmus, greift das Thema der ungewollten Mobilität wieder auf und macht thematisch deutlich, wie viele der Standards des Blues durchaus in unsere heutigen realen Lebenswelten hineinreichen. Singing the Blues, der Titelsong, zeigt die Raffinesse, mit der der erstklassige Arrangeur Freddy Cole an seine Stücke geht. Das gegen die vokale Melodielinie arbeitende Saxophon verleiht dem Stück einen deutlichen Zugang zum Jazz, nicht wegen der Instrumentierung, sondern wegen der assoziativen Korrespondenz zum Gesang.

Singing the Blues ist mit seinen insgesamt 11 Titeln von seiner Qualität her eine Rarität. Zusammen mit dem Tenor-Saxophonisten Harry Allen, dem Bassisten Elias Bailey und dem Schlagzeuger Curtis Boyd ist es Freddy Cole gelungen, mit der Leichtigkeit des Seins viele bekannte Weisen so zu inszenieren, dass das Altbekannte jeglichen Staub verliert und genau die Aspekte freilegt, die nach wie vor große Aktualität genießen. Musikalisch ist es zudem ein einzigartiger Genuss. Freddy Cole ist eine Ikone, die den Namen verdient.

Der Albino, der mit Muddy Waters tingelte

John Dawson Winter III wurde 1944 in Beaumont, Texas, geboren. Der als Albino zur Welt gekommene Mann sollte mit seinem Leben dazu beitragen, die Rassenvorurteile in den Vereinigten Staaten mit seiner eigenen Persönlichkeit zu durchbrechen. Weißer als der unter dem Namen Johnny Winter bekannt gewordene Bluesmusiker kann ein Mensch nicht sein. Und obwohl seine Eltern Plantagenbesitzer waren und Beaumont als ein Zentrum von Rassenauseinandersetzungen unrühmliche Bekanntheit genoss, zog es den Heranwachsenden bereits früh in die Clubs der Schwarzen in seiner Heimatstadt, wo er nach eigenen Aussagen nie ein Ressentiment verspürte, ganz im Gegenteil, man nahm ihn mit offenen Armen auf. Nach kurzen Umwegen entdeckte er die Gitarre für sich und er entwickelte entlang des Electric Blues mit dem vorwärtstreibenden texanischen Drive eine Spielweise, die ihm in seinen besten Jahren den Beinamen Guitar Slinger einbrachte. Er war in den angesagten Clubs in Dallas und der 6. Straße in Austin längst angesagt, als er sich nach Chicago wagte, wo er allerdings nicht reüssierte.

1977 jedoch gelang ihm der Durchbruch, als er zusammen mit seinem Idol Muddy Waters das Album Hard Again produzierte und aufnahm, dem weitere Platten wie Tourneen folgten. In Woodstock hatte er schon auf der Bühne gestanden, aber Muddy Waters war der Schlüssel zu einer folgenden atemberaubenden Karriere. 1979 verzauberte er in einer Nacht des Rockpalasts nicht nur das Publikum, sondern machte sich auf einen Schlag in ganz Europa bekannt. Mit Covern von Jumping Jack Flash, Good Morning Little School Girl und Suzie Q. versetzte er dem ermüdenden Rock einen fulminanten Tritt. Wer Johnny Winter in diesen Jahren bei einem seiner Auftritte erlebte, der bekommt heute noch Herzrasen, wenn er daran denkt. Johnny Winter, immer wieder nervlich durch seinen Albinismus angeschlagen, steuerte mit harten Drogen und Alkohol gegen die drohende Erschöpfung, was ihn gesundheitlich ruinierte.

Als es um den Electric Blues stiller wurde, wurde es auch um den Guitar Slinger still. Er blieb seinem Genre, über das er sich definierte, treu. Immer wieder musste er sich in Sanatorien begeben, er kehrte aber immer wieder auf die Bühnen, die kleiner und unbedeutender wurden, zurück. In den letzten Jahren betrat er mit einem Stock die Bretter, spielte nur noch im Sitzen und seine einst raue, wie Wüstenwind heulende Stimme war schwach geworden. Das Feeling des Blues brachte er aber herüber, genau wie seine betörenden Riffs, die die Gravitationskräfte außer Kraft setzten.

Es sind nicht die großen Hits, die ihn bekannt gemacht haben, die diesen außergewöhnlichen Musiker erklären, sondern ein alter Bluesstandard, den B.B. King bereits bemerkenswert gespielt hatte. Be Careful With A Fool war die Selbsterklärung dieses schmächtigen, filigranen Energiespenders, der in diesen Song sein eigenes, von brüchiger Gesundheit und nervösen Rückschlägen geprägtes Leben webte. Es ist ein fulminantes Stück Musikgeschichte eines Albinos, der es als der wohl weißeste seines Genres in die Hall of Fame des Blues geschafft hatte. Be Careful With A Fool versetzt bis heute in einen kathartischen Zustand, was selten gelingt. Johnny Winter war wieder auf Tour. Er liebte das europäische Publikum, weil es, wie er es einmal formulierte, den ganzen Schwachsinn von Schwarz und Weiß nicht im Kopf hatte. Johnny Winter starb am 16. Juli in einem Nest bei Zürich. Er wurde gerade 70 Jahre alt. Er hat sehr schnell gelebt, was seine Musik bezeugt.