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Virtue Signalling, Slacktivism und Social Proof

Mit der Etablierung der Political Correctness zu einem geltenden Code für den gesellschaftlichen Diskurs haben sich bestimmte Verhaltensmuster etabliert, die den Stillstand garantieren. Es hat eine Verschiebung gegeben vom Für-sich zum An-sich. Es geht um die Frage, ob ein Zustand oder eine Position an sich bereits als gut und richtig gilt und die Mutation hin zu einem Für-sich, d.h. die Interessen aktiv vertretenden Momentum wird. Die These: die sich hinter der Political Correctness verbergenden Verhaltensmuster zementieren die gesellschaftliche Untätigkeit. Das hört sich vielleicht sonderlich an, kann jedoch bei der Betrachtung dessen, was sich als Massenverhaltensmuster bereits etabliert hat, gut illustriert werden.

Das Phänomen ist seit langem bekannt und wegen seines standardisierten Charakters genügend untersucht. Ein erster Begriff, der in diesem Kontext zunehmend auftaucht und der sich mit einer systemischen Konstante der PC beschäftigt, ist der des Virtue Signalling. Was heißt das? Er beschreibt das Phänomen, dass eine bestimmte Haltung, Position oder Auffassung als die politisch und moralisch richtige identifiziert wird und es wichtig wird, diese Haltung bekannt zu geben. Es geht um massenhafte Selbstbestätigung, die sich auf eine Auffassung bezieht. Wenn jemand Kinderarbeit, Rassendiskriminierung oder Umweltverschmutzung schlecht findet und dieses zum Ausdruck bringt, dann gehört er oder sie zu einer mächtigen Gruppe, die diese Meinung teilt. Das kulturell Neue und Phänomenale dabei ist der Umstand, dass es den Beteiligten in vielen Fällen ausreicht, sich dazu zu bekennen.

Damit käme der Begriff des Slacktivism ins Spiel. Von der Wortschöpfung setzt er sich aus Slacker, Faulenzer und Aktivismus zusammen. Er beschreibt die praktische Folgenlosigkeit des Virtue Signalling. Es reicht aus, sich zu einer Haltung zu bekennen, ohne sich tatsächlich für die Lösung des Problems aktiv engagieren zu müssen. In den sozialen Medien sind das die Hashtag-Communities, die vielen Likes und Buttons, die den Interagierenden suggerieren, sie seien tatsächlich aktiv. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Oder glaubt tatsächlich jemand, mit einem „Je suis Charlie“ gegen die Ursachen des Terrorismus und seine Bekämpfung etwas geleistet zu haben? Oder durch neue Wortschöpfungen für Menschengruppen, die als diskriminiert gelten, tatsächlich die Ursachen der Diskriminierung zu beseitigen? 

Was jedoch die große Gemeinde der sich gegenseitig Selbstversichernden vor der Erkenntnis bewahrt, gesellschaftlich gar nichts zu verändern und in der Blase einer virtuellen Bewegung zu wabern, ist wiederum das Phänomen der Social Proof. Wird das bloße Bekenntnis zu einer Position gegeben, dann ergibt sich daraus ein mächtiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, das niemand der Beteiligten missen möchte.

Social Proof verfügt jedoch auch über eine Kehrseite, die beschreibt, wie mit denen umgegangen wird, die sich dem Kollektivdruck des Bekenntnisses nicht gleich beugen oder die ihrerseits mit dem kollektiven Phlegma gegenüber den notwendigen Aktivitäten, um etwas zu verändern und zu gestalten, nicht zufrieden geben. Diesen kritischen Gestalten wird durch kollektives Bashing der Garaus gemacht. Die gesellschaftliche Ausgrenzung ist ihnen sicher. Es reicht nicht, dass sie nicht dazu gehören. Ganz im Gegenteil, sie werden stattdessen der Vertretung von Positionen  bezichtigt, die sie gar nicht teilen. Ruckzuck stehen Rassisten und Nazis vor uns, die das Ergebnis einer sektiererischeren Logik sind, die die Gesellschaft zunehmend infiziert hat.

Wer mehr darüber wissen will, lese:

Daniel Ullrich, Sarah Diefenbach, Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört

 

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