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Das digitale Babel

Es existiert eine Verbindung zwischen dem, was gedanklich im Kopf herumgeistert und dessen Materialisierung in sprachlicher Form. Das ist nicht immer die große Klarheit, wie es vielleicht die bekannten Zitate suggerieren. Am Anfang war das Wort, so heißt es in der Urschrift des christlichen Abendlandes. Und selbst in einem der modernen Derivate, dem Satz der Aufklärung, dass das Wort der Tat vorausgeht, wird das Gleiche bestätigt. Der Gedanke manifestiert sich im Wort und das Wort determiniert die Aktion. Und, soweit das alles im Zustand und von der Qualität her in großer Klarheit geschieht, handelt es sich um ein gelungenes, großartiges Konstrukt.

Wenn allerdings nicht ganz klar ist, worum es geht, dann gestaltet sich der Prozess schon schwieriger. Denn dann fällt es bereits schwer, die richtigen Worte für das Diffuse zu finden. Und den Gedanken als solches als diffus zu bezeichnen, verbietet in der Regel das eigene Gesicht. Doch wenn die Logikkette bestehen bleibt, dann äußert sich das gedanklich Diffuse, Abstruse, Unbestimmte auch sprachlich in einem bedenklichen Zustand. Die Rettung wird dann zumeist darin gesehen, durch hohe Abstraktion das Ansehen zu waren.

Vor allem in den Kreisen, in denen Bildung noch einen gewissen Status genießt, sonnt sich die Abstraktion in hohem Ansehen. Wer von tendenzieller Longitudinale statt von einem roten Faden redet, der ist sich des Applauses aus bestimmten Kreisen gewiss. Wer jedoch auf diejenigen trifft, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Abstraktion zu entschlüsseln und auf ihren operativen Gehalt zu reduzieren, dem gelingt es, das Absurde des der Abstraktion zugrundeliegenden Gedankens zu entschlüsseln.

Es sind zwei Phänomene, die technisch eng beieinanderliegen, die jedoch unterschiedlich zu behandeln sind. Einmal handelt es sich um den dumpfen Gedanken, aus dem trotz der sprachlich formulierten Abstraktion nicht mehr herauszuholen ist. Und ein anderes Mal handelt es sich um eine böse Absicht, die durch hohe Abstraktion kaschiert werden soll. Letzteres soll hier nicht relevant sein, obwohl es sich ebenso um ein Massenphänomen handelt.

Die Meta-Ebene ist ein willkommener Tummelplatz für allerlei Unausgegorenes. Das Tragische dort ist, dass nur in seltenen Fällen dort die auftreten, die willens und in der Lage sind, die schönen Formulierungen zu entzaubern und den trivialen Gehalt auf den Punkt zu bringen. Zumeist handelt es sich um geschlossene Kreise, die sich nicht einmal mehr verbal darüber verständigen müssen, dass sie besser nicht thematisieren, wie die Konkretisierung ihrer Abstraktionen aussehen müssten. Wer diesen Konsens durchbricht, gilt als Störenfried.

Die Quintessenz aus diesem Schattenspiel des menschlichen Bewusstseins ist die Aufforderung, sich an der gedanklichen Klarheit zu üben, um die richtige, konkrete sprachliche Form zu finden. Wer weiß, was er denkt und will, und in der Lage ist, zu sagen, was er denkt, der wird auch verstanden. Die absurde Inflation des Nicht-Verstanden-Werdens ausgerechnet im Zeitalter der Kommunikation, in der Zeit und Raum kommunikativ quasi außer Kraft gesetzt sind, basiert nicht auf technischen Defiziten, sondern auf gedanklichen Kompetenzen.

Das Schicksal der digitalen Revolution wird nicht allein durch die Verfügbarkeit von Seltenen Erden, Superrechnern und Infrastrukturen entschieden, sondern auch durch die Fähigkeit der menschlichen Wesen, die eigenen Gedankengänge zu ordnen und zu formulieren. Wer will schon ein digitales Babel?