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Never underestimate the Fat Guys!

Bei allem Zweifel, wie wir die Zeiten, in denen wir leben, bewerten sollen, in einem sind sie eine ungenannte Bereicherung. Wer will, kann viel lernen. Das war nicht immer so. Die Zugänge zu einem prallen Leben voller Widersprüche waren lange durch hohe Mauern versperrt. Heute durchdringt jede schwergewichtige Entdeckung und jede Sottise gleichermaßen den Äther.

In den vergangenen Tagen war wieder so eine Gelegenheit, als es um die Frage ging, ob die die bürgerliche, gesetzmäßig definierte und verankerte Ehe auch für gleichgeschlechtlich oder wie auch immer orientierte Menschen gilt. Für die direkt von dem bisherigen Ausschluss von dieser Institution Betroffenen ging es um das Ende einer lange gefühlten wie erlittenen Diskriminierung. Für viele nicht betroffene Beobachter ging es, je nach Sichtweise, um den Untergang des Abendlandes oder um die Justierung des Rechts entsprechend der veränderten Lebensweisen einer sich rapide entwickelnden Gesellschaft. Neben dem Recht auf Adoption geht es aber auch um Eheverträge, Gütertrennung und Pensionsansprüche. Böse Zungen behaupten, es ging dabei auch um die Verbürgerlichung einer Alternative. Und folgt man dieser Sichtweise, dann ist alles, was aus der Andersartigkeit ableitbar war, nun im heiligen Hafen der bürgerlichen Familie angekommen. Oder wiederum anders gefragt, ist ein Ende von Diskriminierung nur durch eine Assimilierung an die Steuererklärung zu erwirken?

Wiederum grandios war die Wendigkeit, mit der die Kanzlerin eine für sie brisante Situation gemeistert hat. Genau taxierend, dass sie da im Lande einer exklusiven Symbolpolitik eine Maschine auf sich zukommen sah, bei der sie nicht wußte, was sie noch alles mitreißen würde, wenn sie erst Tempo aufnahm, nahm sie das Thema, das bereits Wucht hatte, einfach aus dem Wahlkampf, indem sie es zu einer Gewissensentscheidung erklärte und somit für die Koalition abstimmungsfähig machte und ehe eine größere Diskussion noch einmal hätte aufflammen können, war die Sache abgestimmt und raus aus dem Arsenal der brennbaren Stoffe.

Und by the way, Cherie Merkel war noch wendiger. Sie ließ die Abstimmung zu, obwohl sie wusste, dass der Mehrheitsstandpunkt ihrer Partei eine Schlappe erleiden würde, stimmte aber gegen die Vorlage, um sich emotional in das Lager der Entrüsteten und Besiegten zu begeben und sich mit ihnen emotional zu solidarisieren. Das war die großartigste Referenz an ihren politischen Ziehvater, der in Speyer auf seine Beisetzung wartet. Besser hätte es der Dicke nicht machen können. Never underestimate the fat guys!

Und noch etwas. Bei allem Respekt vor der Angelegenheit, die unter dem Schlagwort „Ehe für alle“ zur Debatte stand. Die Frage hatte einen Stellenwert, der mit der maslow´schen Bedürfnispyramide nicht zu erklären ist. Ob Krieg oder Frieden, in Syrien, der Ukraine und damit auch hier, oder ob der von den USA lancierte Gaskrieg, genauer der Krieg um Gaslieferungsrechte mit Russland und damit auch hier, oder der von Sadi Arabien lancierte Gaskrireg, der Krieg um den Zugriff auf die Ressource Gas, oder die Pauperisierung Südeuropas durch Schäubles Austeritätspolitik und dem damit verbundenen Risiko einer Auflösung der EU, nichts von dem scheint in dem an Fahrt aufnehmenden Wahlkampf eine emotional gleichwertige Rolle zu spielen. Schlimmer noch, es findet nicht statt.

Und damit wäre dann wohl zumindest die spekulative Frage erlaubt: Wie ist es um ein Gemeinwesen bestellt, dass sich über Symbole so heftig zu streiten versteht, aber die existenziellen Bedrohungen gar nicht wahrnimmt?

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ARD zwischen Hanna und Ismail

Der Bild war es gelungen, durch einen illegalen Livestream die Nachfrage nach einer Dokumentation dramatisch zu erhöhen, die der WDR in Auftrag gegeben hatte und die letztendlich den Titel trug: Gibt es einen neuen Antisemitismus? Die ARD wollte das Werk zunächst nämlich nicht freigeben, da es aus ihrer Sicht dramatische journalistische Mängel hatte. Nun strahlte sie es doch aus, mit zahlreichen Verweisen auf journalistische Mängel und korrigierendes Hintergrundmaterial. Ich will hier nicht auf die Personen eingehen, die nach der Ausstrahlung diskutierten und die sehr verunglückte Situation.

Ich hatte mir die Dokumentation angesehen und war über die sehr den israelischen Standpunkt referierenden Stimmen ebenso erstaunt wie über die kritischen Einblicke in den von der HAMAS dominierten Gaza-Streifen. Das war ich deshalb, weil ich es aus den öffentlich-rechtlichen Medien nicht gewohnt bin. Ich war erstaunt, aber nicht empört, weil ich die unglaubliche Blauäugigkeit gegenüber arabischen Quellen für absurd halte. Durcheinandergebracht hat mich die Dokumentation allerdings nicht. Das hängt damit zusammen, dass ich seit vielen Jahren versuche, mir die Perspektive aller Beteiligten zu erschließen. Dabei bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Leidtragenden in diesem Konflikt Palästinenser wie Israelis, Juden wie Muslime sind. Als Schachfiguren und Geiseln einer Politik des Hegemoniestrebens in der Region haben sie beide verloren, wenn sie sich nicht näher kommen. Gegenwärtig hat der Konflikt den Status einer Tragödie.

Doch, und diese Kritik an der Dokumentation ist aus meiner Sicht sehr berechtigt, die Frage war, ob es einen neuen Antisemitismus gibt. Und zwar in Deutschland und Europa. Die Dokumentation ging immer mal wieder auf die Frage ein, in dem sie Demonstrationen und Kundgebungen in Berlin oder Paris zeigte, in der antisemitische Parolen gerufen wurden. Und erst am Schluss wurde am Beispiel Frankreichs bzw. besonders Paris deutlich, wie dramatisch die Lage bereits ist. Dass Juden, nicht einzelne, sondern massenweise, auswandern, weil sie sich in Frankreich durch die täglichen antisemitischen Übergriffe nicht mehr sicher fühlen und Frankreich nicht mehr ihr Land ist. Eine Entwicklung, die auch in anderen Metropolen stattfindet, wie in Berlin und Amsterdam, aber dort noch nicht die furchtbaren französischen Ausmaße angenommen hat.

Diese Tendenzen sind bekannt und mit einem wachen Auge können sie leider oft und immer öfter beobachtet werden. Da entdecken manche Zeitgenossen plötzlich, dass Bayern München von Juden gegründet wurde und Ajax Amsterdam schon immer ein Juden-Club war. Da werden Eltern gefragt, warum sie ihre Kinder ausgerechnet Miriam oder Daniel genannt haben. Da werden Menschen, die die Kippa tragen, als Judenschweine beschimpft oder gar verprügelt. Das ist unerträglich und es ist unerträglich, wie sich die öffentlich-rechtlichen Medien seit langer Zeit sträuben, darüber zu berichten.

Reden wir nicht über die unsägliche Vergangenheit, das wurde oft gemacht und hat nicht dazu geführt, dass die Situation, wie sie heute ist, hat verhindert werden können. Reden wir über die Zukunft und stellen eine ganz einfache Frage: Kann eine wie immer geartete politische Bewegung, die für die vermeintliche Befreiung kämpft, das mit einem rassistischen, xenophobischen oder diskriminierenden Programm? Die Antwort ist Nein.

War die Position, die die ARD in dieser Angelegenheit eingenommen hat, schon schwach, so wirkte ihre revanchistische Meldung heute Morgen allerdings einer Ahndung würdig. Da kam ein Bericht auf tagesschau.de über die Diskriminierung am Mietmarkt. Der Titel: Hanna kriegt die Wohnung, Ismail nicht. Stellen wir die Frage, ob es einen neuen Antisemitismus gibt, noch einmal?

Tote in Amerika

Erst die Ereignisse von Ferguson, nun der Fall Eric Garner in New York. Die deutsche Öffentlichkeit wird unterrichtet von Vorkommnissen in den USA, die nach Rassismus riechen. Die Berichterstattung ist nicht zufällig. Da es sich bei den USA tatsächlich um ein Land handelt, in dem Rassismus und Diskriminierung auf der Tagesordnung stehen, lässt es sich nach einem gut etablierten Schema vortrefflich aufregen. Dass bei beiden Fällen Untersuchungen stattgefunden haben und Gremien einer unabhängigen Justiz Entscheidungen getroffen haben, stört da nur. Die Nation des Westens mit den größten nationalen, ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschieden macht aus hiesiger Sicht einen schlechten Job. Es geht schließlich darum, Vorurteile zu bestätigen. Und, das ist das eigentlich Ärgerliche daran, die eigenen Lebensumstände dabei aus den Augen zu verlieren.

Ein Journal über die Vorfälle hierzulande ist Besorgnis erregend genug. Hier gewaltsame Demonstrationen gegen ein geplantes Asylbewerberheim, dort eine totgeschlagene Immigrantin, und woanders Rekrutierungen für den vermeintlich Heiligen Krieg. Religiös gerechtfertigte Morde, Zwangshochzeiten, Fremdenhass, No-Go-Äras für Ausländer in ganzen Bundesländern und ein Prozess, bei dem über Jahre Einwanderer abgeknallt wurden wie tollwütige Hunde. Ein Prozess, der irgendwie nicht vom Fleck kommt, bei dem immer wieder der Verdacht hochkommt, dass Staatsbeamte da beteiligt waren, verdeckt versteht sich, um Schlimmeres zu verhindern. Das Journal ist so dick wie das Telefonbuch von Berlin. Mindestens. Aber die wenigen Beispiele reichen.

Und dann das andere Bild, welches dem Dümmsten zeigen sollte, dass die Welt ein wenig komplizierter ist als ein einziges Feindbild. Nämlich die internationale Umfrage, die zutage fördert, dass Deutschland ein freundliches Land ist, auch Fremden gegenüber. Und das Testat derer, die auch nur mit einem Rucksack hierher kamen, vor vierzig, dreißig oder zwanzig Jahren und die heute strahlend erzählen, dass sie hier ihr Ding gemacht haben und machen konnten. Werden sie befragt, dann entpuppen sich gerade die Erfolgreichen der Einwanderung als die Gralshüter der vermeintlichen deutschen Werte. In keinem Land, so die Rückmeldung, wird die Leistung so objektiv betrachtet, egal von wem sie erbracht wird, wie hier.

Wir, hier in unserem eigenen Land, müssen uns zurecht finden mit den widersprüchlichen Meldungen. Wer allerdings der Wahrheit eine Chance gibt, tut sich damit gar nicht so schwer. Dichte und Vielfalt haben es an sich, dass sie viele Teilwahrheiten in sich bergen, die sich zuweilen sogar widersprechen. Und diejenigen, die die Welt verbessern wollen, sollten sich immer darin erinnern, dass die eigene Fehlbarkeit der größte Feind und das größte Geschenk zugleich ist. Ein Feind, wenn geglaubt wird, man sei selbst unfehlbar und die anderen dabei verletzt. Das größte Geschenk, wenn aus der eigenen Fehlbarkeit eine Toleranz gegenüber allen erwächst, die guten Willens sind. Wer Fehler macht, sich zu ihnen bekennt und darüber spricht, hat das Portal zum Lernen aufgestoßen. Und wer nicht lernen will, der wird sich darauf beschränken, zu belehren.

Wer frei von Fehlern ist, der ist ein fauler Hund. Denn nur wer sich nicht bewegt, ist davor gefeit. Insofern ist das, was berechtigt oder nicht, hier aus dem ganz anderen Amerika als Stoff für moralische Empörung in die Wohnzimmer rauscht, eine willkommene Ablenkung von dem, was hier noch alles zu leisten ist. Wenn auch nicht die Duldsamkeit gegenüber den Anderen gepflegt wird, kritisch gegenüber uns selbst, das sollten wir schon sein.