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Das Böse jenseits der Zivilisation

Simon Beckett. Stone Bruises

Krimis, oder als Genre voll akzeptierte Thriller, haben in der Regel, insofern sie erfolgreich sind, eine relativ stereotype Textur. Es existiert eine Haupthandlung, die mit teilweise erklärenden, teilweise verfremdenden Nebenhandlungen verwoben ist. Gute Autorinnen und Autoren beherrschen diese Dramaturgie und manchen gelingt es, durch den Wechsel der unterschiedlichen Handlungsebenen eine Spannung zu erzeugen, die wirklich die Nerven strapaziert. Zumeist spielen die unterschiedlichen Handlungen noch an unterschiedlichen Orten, Zeit und Ort wechseln ständig und alles wartet auf den finalen Plot.

Dem im englischen Sheffield lebenden Autor Simon Beckett ist mit seinem 2014 erschienen Roman Stone Bruises etwas gelungen, das von den Stereotypen der Thriller-Literatur in starkem Maße abweicht. Es existieren nur zwei Handlungsorte, der eine, der in kurzen Sequenzen zwischen geschaltet wird, spielt in der Vergangenheit und erklärt die Handlung der Gegenwart. Ohne den Plot zu verraten, geht es um einen Engländer, der aus bestimmten Gründen glaubt, die britische Insel verlassen zu müssen und in Frankreich landet. Durch einen Unfall auf dem Gelände eines abgelegenen Bauernhofes bleibt er dort hängen. Der Bauer, der mit zwei Töchtern und einem Enkel, ohne Fernseher oder Radio, dort lebt, erlaubt dem Engländer widerwillig, bis zu seiner Gesundung dort zu bleiben und sich nützlich zu machen.

Ohne die Handlung weiter skizzieren zu müssen, folgt quasi der gesamte Roman der Beschreibung der Zustände auf diesem versunkenen Gehöft, in psychologischer, in sozialer, in wirtschaftlicher und vor allem in tragischer Hinsicht. Ohne dass Geschwindigkeit oder die ständige Abfolge von Handlungsakten erforderlich wäre, gelingt es Beckett, aus der restringierten Gesellschaft eine Aufstellung tragischer Individuen zu vollziehen, die unabhängig von ihrer sympathischen oder unsympathischen Schale alle in Abgründe blicken lassen, die sich ein in der Zivilisation lebender Mensch gar nicht vorstellen will.

Die wenigen Menschen, um die es bei Stone Bruises geht, haben das Leid durch Ereignisse aus der Vergangenheit eingebrannt. Es auszulöschen oder zu verarbeiten ist ihnen nicht möglich. Dennoch oder deshalb gehen sie alle ihren Weg, egal ob er als Wendung zum Besseren begriffen wird oder nicht. Die Konsequenz, mit der die Akteure ihr Schicksal zu Ende denken, unabhängig von dem eigenen Befinden, ist das Unmenschliche. Der fehlende Glaube an etwas anderes als das sichtbare, verfehlte Schicksal erscheint dem britischen Erzähler genau als das, was zu beobachten ist. Nein, die Spannung, die ohne Einschränkung erzeugt wird, entsteht nicht aus Handlungssträngen, sondern aus Haltungsoptionen der Handelnden. Die Leserschaft hat immer die Wahl zwischen eigenen Optionen und dem, was die Figuren letztendlich an den Tag legen. Letztere enttäuschen die Leserschaft immer, weil sie die vermeintlich verhängnisvollere Option wählen.

So ist es kein Wunder, dass gegen Ende der Geschichte die konkreten Ergebnisse dessen, wie sie sich auflöst, kaum noch von Interesse sind. Was bleibt, ist ein Unbehagen und eine Nachbetrachtung, die sich um den Umgang des de-zivilisierten Menschen mit dem Schicksal dreht. Das ist eine nicht nur erstaunliche, sondern eine umso mehr erfreuliche Weite, die ein so genannter Thriller zur Reflexion bietet. Insofern hebt er sich von vielem ab, was in dem Genre regelmäßig reüssiert. Simon Beckett ist es zumindest mit diesem Buch gelungen, einen Thriller zu schreiben, der Universalthemen der menschlichen Existenz transportiert, ohne dass die Spannung und Lesbarkeit darunter litte.

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Die Olympiade und die Propaganda

Alle vier Jahre hallen irgendwo im Äther die bedeutungsvollen Worte, dass sich die Jugend der Welt träfe, um sich in fairem Wettkampf zu messen. So schön die olympische Idee auch sein mag, so verlogen ist sie im Kontext mit den Veranstaltungen, die sich in der Neuzeit Olympiaden nennen. Sie sind, um es gleich einmal auf einen provokativen Punkt zu bringen, ein Showroom der jeweiligen Leistungsfähigkeit: in puncto Mensch als Produktionsfaktor, in puncto maschinell-wissenschaftlichen Equipments und in puncto Organisationskompetenz des Standortes. Auch das ist sehr interessant, nur sollte man eine andere Perspektive wählen, um auch das genießen zu können.

Es waren die Deutschen, die zu den drei obigen Faktoren noch etwas anderes hinzufügten, das heute ebenso nicht mehr weg zu denken ist, nämlich die Propaganda. Heute nennt man das Marketing und Kommunikation, vom Wesen und der Qualität allerdings bleibt es Propaganda. Die olympischen Spiele von 1936 in Berlin waren für die Nationalsozialisten die Gelegenheit, sich der Welt als ein modernes, junges und begeisterungsfähiges Land zu präsentieren, während die Folterkeller und Gefängnisse bereits prall gefüllt waren mit Oppositionellen jeder Couleur und der rassistische Wahn schon große Teile der Intelligenz nahezu in den Irrsinn getrieben hatte. Dennoch drangen frohe Botschaften aus Berlin in die damals freie Welt und das Debakel der späteren Appeasement-Politik gegenüber Hitler wäre ohne Olympiade sicherlich weniger wahrscheinlich gewesen.

Neben den Registern, die heute, im Jetzt, von den jeweiligen Ländern gezogen werden, um das Land international gut darzustellen, existiert auch eine mediale Rezeption im Rest der Welt. Die Gretchenfrage lautet in diesem Kontext: Welche propagandistischen Fragmente nimmt man bereitwillig auf und wo konzipiert man eine Gegenpropaganda und verrät damit seine eigene, teils desolat totalitäre Position? Die jüngere olympische Geschichte ist reich an Beispielen und das, was sich hier in Deutschland, im Land der Blaupause olympischer Propaganda so abspielte und abspielt, ist schon ein wonniges Programm, nämlich oberflächlich, reaktionär und von Ressentiments getränkt.

Australien war so ein Fall, wo alle Hemmungen fielen, als man das Land als ein Eldorado für Freigeister und Individualisten darstellte, und die lieben Aussies als possierliche Zeitgenossen ohne mit einer Silbe zu erwähnen, dass es sich dort um die weißeste Gesellschaft auf unserem Planeten handelt, mit einer repressiven Politik gegenüber Minderheiten und einem Herrschaftszynismus ohnegleichen. Griechenland wurde zelebriert als ein Coming Home der olympischen Idee, ohne bis heute ein Wort darüber zu verlieren, dass die damit verbundene Verschuldung des Landes den Grundstein für die heutige Schuldknechtschaft gelegt hat. Die USA sind natürlich immer eine Projektionsfläche für die eigenen Vorurteile und die Bewunderung durch das Mittelmaß, China war das typisch Totalitäre, das wir, natürlich, hier ja gar nicht kennen. Großbritannien war großartig bis zum Tränensturz, obwohl sehr klar war, dass das Land sich durch sein Einschwören auf den Finanzkapitalmarkt und den Abschied vom Proletariat bereits auf ein russisches Roulette vorbereitet hat.

Und nun Russland selbst, das bei der Eröffnungsfeier eine ähnlich narrative Dramaturgie bezüglich der eigenen Geschichte gewählt hat wie vor zwei Jahren London, Russland entpuppt sich natürlich als die dämonische, kolossal rückständige Gesellschaft, die es immer war. Natürlich kann man kritisieren, alle Länder, denn alle haben Probleme und Fehler, und Russland ist ein besonders schwerer Fall, aber es wird dennoch Propaganda, wenn die eigene Glaubwürdigkeit der Strapaze des Vergleichs nicht standhält. Russland als Vielvölkerstaat zu kritisieren, mit einer Diversität, zu der hier nicht einmal die Phantasie ausreicht, wenn selbst 100.000 Immigranten aus Bulgarien zum mentalen Supergau führen, ist lächerlich.

Eine Referenz an das Minutiöse

Jan Knopf. Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie

Jeder Autor, egal in welchem Metier, ist gut beraten, sich Gedanken darüber zu machen, wen er ansprechen will oder für wen er schreibt. Das ist in Grundsatz, den diejenigen, die das Schreiben zu ihrer Profession gemacht haben, beherrschen sollten. Die nächste Frage, die sich Autorinnen und Autoren stellt, ist die nach dem Medium oder Genre, das man wählt, um eine bestimmte Zielgruppe am besten ansprechen zu können und gleichzeitig die eigenen Botschaften in die bestmögliche Passform zu bringen. Stellt man sich die Frage, zu was eine Biografie geeignet ist, dann spricht vieles für die Information über tatsächlich Persönliches, aber, je nach der Figur, um die es geht, auch über Erklärungshintergründe für Worte, Taten und Handlungsmuster der zu betrachtenden Person.

Jan Knopf, Jahrgang 1944, Literaturwissenschaftler und bis heute Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht an der Universität Karlsruhe, kann ohne großen Widerspruch als der wohl profundeste Kenner von Brechts Leben und Werk bezeichnet werden. Seit den frühen 1970iger Jahren forscht und publiziert er zu dem Thema. In diesem Zeitraum hat Jan Knopf Material gesammelt, zu vielen Aspekten publiziert und mit Jahrbüchern die Interessenten an dem wohl bedeutendsten Dramaturgen des 20. Jahrhunderts mit wertvollen Informationen versorgt. Im Jahr 2012 erschien dann die Biographie Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Brecht, dessen Bedeutung mit dem Untergang der DDR und der Auflösung der bipolaren Weltordnung zurückgegangen zu sein schien, wurde in unserem neuen Jahrtausend von vielen jungen Leuten neu entdeckt und für viele Kennerinnen und Kenner des Metiers wieder interessanter. Demzufolge wählte der Hanser Verlag auch einen Slogan, der Knopfs Buch als die erste Biographie Brechts nach dem Zusammenbruch der DDR pries.

Es stellt sich die Frage, was wir, um die Ikone selbst zu zitieren, die Nachgeborenen, denn für ein Interesse haben, nicht die furiosen, exzentrischen, regelverkehrten, revolutionären und jonglierenden Texte des Bertolt Brecht selbst, sondern ein Buch über ihn zu lesen? Angesichts der Geschichte, die zwischen seinem Ableben und dem heutigen Universalfinanzkapitalismus liegt, wären es vielleicht Deutungshilfen, die uns erklären, wieso der kleine Mann aus der schwäbisch-bayrischen Provinz intellektuell so ermächtigt war, seine Diskurse um die soziale Existenz der Gattung in der Moderne so weit zu werfen, dass die in ihnen thematisierten Fragen eher an Brisanz gewinnen als dass sie abnähmen? Und, das ist ein Verdienst Knopfs, der dezidiert in der Biographie auf Brechts Vorstellung von Barbarei und Zivilisation, die diametral der gewohnten Rezeption von Stadt und Land verläuft, warum Brechts Auslassungen über das Dickicht der Städte bei einer Verstädterung der Weltgesellschaft eine Deutungshoheit reklamieren, die noch Jahrzehnte andauern kann?

Stattdessen liefert das Buch einen minutiösen Lebenslauf, der natürlich in der Kindheit beginnt und mit dem Ableben endet, der alles aufreiht wie bei der Buchführung, der keine dramaturgischen Kniffe und keine Polarisierungen kennt. Fragen zur Wirkung wie zur metaphorischen Potenz werden nicht gestellt, stattdessen werden wir Zeugen, wie der so kompetente Autor sich herablässt, auf Diskussionen einzugehen, ob Brechts Kleidung teurer Designerproletkult war oder billiges Zeug von der Stange. Das interessiert vielleicht die Archivare, die in der banalen Vollständigkeit den Eros entdecken, das wird aber nicht der Würdigung des größten Fragestellers der Moderne gerecht.