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Von der Utopie zur Dystopie?

Beim Stöbern durch die literarischen Entwürfe dieser Tage fällt auf, dass sich die Konzepte der Dystopien dramatisch vermehren, während die Utopien nahezu vom Markt der Ideen verschwunden sind. Bis zur Jahrtausendwende war der Begriff der Dystopie, der eine dunkle Prognose auf die Zukunft beschreibt, um nicht den unscharfen Ausdruck der negativen Utopie benutzen zu müssen, nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt. Mit dem Genre selbst wächst auch seine Bekanntheit, was an sich bereits ein Indiz ist für eine Trendwende ist.

Historisch betrachtet entstehen neue Epochen jedoch mit utopischen Entwürfen. Die Menschen in Zeiten des Aufbruchs freuen sich, Zeugen einer neuen Zeit zu sein und sie betrachten die Errungenschaften, die sich in Technik und allgemeiner Lebenswelt zeigen, als eine Chance, sich und ihre Träume zu verwirklichen. Neue Epochen sind immer auch die hohe Zeit der Utopie, was nicht besser zum Ausdruck gebracht werden könnte wie der intelligente Slogan von Toyota: Nichts ist unmöglich.

Haben sich die Verhältnisse erst einmal etabliert und stellt sich heraus, dass in Gesellschaften – wie immer – manche einflussreiche Gruppen bei den rosigen Plänen nicht mitspielen, tauchen auch die ersten Dystopien auf. Plötzlich werden aus den Möglichkeiten Gefahren und die fiktionalen Entwürfe werden dramatisch. Sie ranken sich um die instrumentellen Möglichkeiten der kleinen Herrschergruppen oder die Restauration der Idee der Epoche an sich. Um das zu llustrieren, fallen Orwells „1984“ wie „Die Farm der Tiere“ ein, oder Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und H.G. Wells „Zeitmaschine“. In der Zeit der zunehmenden Dystopien fällt übrigens auf, dass diejenigen, die sich mit dem Thema befassen, unsere aktuellen Zustände als schlimmer bezeichnen wie in den genannten Werken beschrieben.

Nun, wo die Möglichkeiten der Kommunikation und der damit verbundenen Leichtigkeit, mit der Zeit und Raum verfügbar geworden zu sein scheinen, wo es möglich ist, ohne Geld zu wechseln und lange an Grenzen zu verweilen die Welt zu bereisen, wo die Sprachen aufgrund der Omnipräsenz des Englischen kaum noch zum dauerhaften Schweigen verurteilen, gerade jetzt bricht die Zeit der dauerhaften, täglich reproduzierten Dystopien an. Wie das?

Zwar existieren jene Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben, die geboren sind aus dem inneren Kreise derer, die immer auch verantwortlich sind für den Umschlag von der Utopie zur Dystopie. Aber reicht das aus, um die positiven Potenziale dieser Zeit komplett auszublenden und sich in Untergangsszenarien zu baden? Was ist passiert mit dem Menschen der Moderne, der sich noch vor knapp drei Jahrzehnten als an der Schwelle zur historischen Unendlichkeit definierte? Wie konnte es kommen, dass er, man verzeihe den Kollektivsingular, dass dieser Mensch zu einem fürchtenden und damit furchtbaren Wesen mutiert ist?

Wenn Ängste das Dasein dominieren, kann keine Utopie entstehen. Ob Ängste, wie in einer anderen Epoche von einem konservativen Anthropologen namens Arnold Gehlen formuliert, dem Wesen des Menschen deshalb entsprechen, weil er schutzlos in diese Welt geschleudert wird und durch eine schrecklich lange Sozialisation erst lebensfähig wird, sei dahingestellt. Sicher spielt das eine Rolle, die Dichte der täglich produzierten Dystopien erklärt es nicht.

Eine andere Erklärung könnte das sein, was zu glauben viele noch nicht bereit sind. Es könnte das Ergebnis eines langen, schleichenden Entmündigungsprozesses sein, der die Angst vor Neuem nahezu systematisch hervorbringt. Da hilft kein gutes Zureden, da hilft nur der eigene Versuch, um aus der düsteren Spekulation wieder herauszukommen. Einfach mal machen! Und einfach mal lachen! So fing das mit der Aufklärung auch an. 

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Vom Absolutismus der Transparenz

James Ponsoldt. The Circle

Wie zu erwarten, hat es nach der Veröffentlichung von Dave Eggers Roman The Circle im Jahr 2013 nicht allzu lange gedauert, bis ein daraus entstandener Film in die Kinos kommt. Schon die Rezeption des Buches war sehr aufgeregt und selten konnte man beobachten, wie polarisierend das Thema war. Es ging und geht in dem Film um ein fiktives Unternehmen, The Circle, das im Grunde genommen die Geschäftsideen von Google, Facebook, Amazon etc. vereint. Der Regisseur James Ponsoldt hat daraus einen sehr spannenden Streifen gemacht, der nicht ohne Wirkung auf das Publikum bleibt. Das hat aber damit zu tun, dass die vom Autor Dave Eggers herausgearbeitete Logik der digitalen Industrie im Mittelpunkt bleibt und abgearbeitet wird an einer jungen Mitarbeiterin und ihrer ganz normalen Familie.

Ohne die Geschichte des Filmes erzählen zu wollen, die junge Mitarbeiterin kommt durch die Empfehlung einer Freundin und eine gute Vorstellungsperformance in das Unternehmen. Sie lernt mit Erstaunen dessen Komplexität und universalistischen Anspruch kennen. Weil sie so natürlich wirkt und in in idealer Weise das Mädchen von Nebenan darstellt, wird sie von den Konzernbossen als Marketingprinzessin bei den Versuchen eingesetzt, den Absolutheitsanspruch des Unternehmens zu protegieren. Es geht, so The Circle, um die Verknüpfung aller Daten, um die Fehlbarkeit der Welt zu bekämpfen und die wahre Demokratie zu erreichen. Das geht von allen gesundheitsrelevanten Daten bis hin zur absoluten Wahlpflicht und endet in einem Versuch der Protagonistin, bei dem sie für die ganze Welt sichtbar bleibt, weil sie 24 Stunden mit einer Live-Kamera ausgestattet ist.

Die Atmosphäre, in der das alles stattfindet vermittelt genau das Gefühl, das bei der Lektüre von Huxleys Schöne Neue Welt entsteht. Schon die Rezensionen des Romanes sprachen oft von einer Dystopie, einer negativen Utopie oder einem Schreckensbild für die Zukunft. Und tatsächlich gelingt es dem Film, die wunderbar moderne, von Luxus und Technologie geprägte Fassade aufzubrechen und sehr deutlich zu erzählen, worum es geht. Es geht um das große Geld, das zu gewinnen ist mit einer immer weiteren Monopolisierung der technischen Möglichkeiten, wie sie heute bei den bereits genannten aktiennotierten Giganten vorhanden sind. Es geht um immer größeren Einfluss auf Gesellschaft und Politik, bis hin zur Ersetzung der Politik durch die Compliance-Ordnung der alles beherrschenden Firma. Und es geht um die totale Transparenz des Individuums, dessen Einstellungen, dessen Verhalten, dessen Kaufverhalten, dessen Bewegungsablauf, aber auch dessen Denken, dessen Fühlen und dessen Zweifel.

The Circle argumentiert in einer gar nicht so neuartigen Weise, sondern so, wie wir das alle aus der digitalen Branche kennen: mit der technischen Möglichkeit, alles zu verbessern und mit der Utopie, bei totaler Kontrolle alles Negative verhindern zu können. Keine Unfälle mehr, weil man über den Zustand aller Verkehrsteilnehmer bestens informiert ist und natürlich auch keine Opposition und keinen Widerstand mehr, weil alle Dialoge erfasst sind. Der Plot des Films setzt sich mit dem Gültigkeitsbereich der totalen Transparenz auseinander.

Die Substanz, um die es in dem Film geht und die er tatsächlich erfassbar macht, ist die Ethik des Individuums. Sie wird das Opfer der Vision von der totalen Kontrolle. Der innere Dialog, der Zweifel, die Skepsis, ihrerseits Grundformen der Autonomie des Individuums, werden durch die Idee von der totalen Transparenz vernichtet. Das hält kein Mensch aus! Absolut sehenswert!