Schlagwort-Archive: Existenzialismus

Die Flaschenpost des Albert Camus

Nichts eignet sich besser für eine Hommage als ein runder Geburtstag. Je länger das Ableben eines Schriftstellers, Philosophen, Künstlers zurück liegt, desto größer die Spielräume, die sich einer neuen Interpretation öffnen. Zumeist sind die Klischees ja schon alle bedient. Goethes Zahnschmerzen und heimliche Lieben wurden genauso ausgeleuchtet wie Balzacs Kaffeekonsum oder Gertrude Steins homoerotische Allianzen, Picassos Ausnutzung junger Frauen genauso wie Hemingways Sauftouren. Irgend etwas lässt sich immer finden, um die Kunst oder das durchdachte und wohl gewählte Wort derer, um die es bei einem Jubiläum geht, ein wenig in die seichten Gewässer der Kolportage zu ziehen, um von der Dürftigkeit dessen abzulenken, was übrig geblieben ist als das Gelernte von dem, was diese wachen Geister uns zumeist hinterlassen haben.

Nun, ganz aktuell, zum 100. Geburtstag des so früh verstorbenen Albert Camus, werden wir wieder überhäuft von Hommagen, die sich auf die Evidenz beziehen. Ja, Camus wurde in Algerien geboren, kam aus einfachen Verhältnissen, wurde Existenzialist, brach mit Sartre und verstarb viel zu früh bei einem Autounfall. Der Roman, mit dem er groß wurde, hieß Die Pest und sein philosophisch-politisches Hauptwerk war Der Mensch in der Revolte. Letzteres führte zum Bruch mit Sartre, der nicht verstand, dass Camus die Entwicklung der Sowjetunion so kategorisch kritisierte. In der einen oder anderen Rezension taucht in diesem Zusammenhang noch der Hinweis auf, dass gerade in dieser Konsequenz in Bezug auf die rote Repression der wohl bis heute bei Camus unterschätzte Anarchismus stecke. Wenn Konsequenz bei der Ablehnung von Repression so ein Alleinstellungsmerkmal ist, sollte das verstören. Und ob das Anarchismus ist, sei dahingestellt.

Was etwas untergeht, und das ist kein Zufall, sind die nahezu kongenialen Kernsätze der beiden Denker. Hatte Sartre in seinem Hauptwerk, Das Sein und das Nichts, in elaborierter Form darauf hingewiesen, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, so hatte Camus, aufbauend auf dieser Erkenntnis, die er nie in Zweifel zog, die dennoch immer existierende Unvollkommenheit des Menschen als Grundlage für die Überlegung zu einem politischen System genommen. Denn kein Mensch, so Camus, wäre je so vollkommen, als dass er nicht den Versuchungen der absoluten Macht erläge. Gerade diese beiden Sätze jedoch bedingen einander, wollten wir uns heute mit so etwas wie einer Philosophie der Befreiung wieder beschäftigen. Aber genau das ist bei den Hommagen von der Stange wohl nicht beabsichtigt, würfe es doch ein sehr kritisches Licht auf die Intellektuellen in den Zentren der Welt in denen Sartre und Camus lebten.

Wer sich heute mit einem Text wie Der Mensch in der Revolte beschäftigt, der wird hart auf die Frage der Intellektuellen gestoßen. Welche Rolle haben sie gespielt, in den sechzig Jahren nach Camus Tod? Haben sie ihre Gesellschaften davor bewahrt, den Gedanken an die existenzielle Pflicht des Individuums völlig in den Müllcontainer zu werfen, haben sie dagegen gearbeitet, als die Welt neu aufgeteilt wurde in eine internationale Arbeitsteilung, die den Profit anonymisiert und die Würdelosigkeit derer, die sich verausgaben, internationalisiert hat? Das alles wären sehr unbequeme, weil berechtigte Fragen, derer man sich lieber verweigert in einer Welt, die in therapeutischen Ansätzen versinkt und die die Notwendigkeit einer eigenen, aktiven Rolle in der Revolte lieber reduzieren möchte auf die Geschichte von französischen Intellektuellen, die in Cafés herumsitzen und chiq über die Welt räsonieren. Letzteres ist ein Selbstbild derer, die sich anmaßen, heute über den Menschen in der Revolte zu schreiben. Camus hat nie so gelebt.

Advertisements

Die Teleologie der Individuation

Müßig und alt sind die Diskussionen, die sich um die deterministische Variante des wahren Daseins mühen. Der Verweis auf die Rahmenbedingungen der Existenz zu ihrer ausschließlichen Erklärung entschuldigen das Subjekt, für das eigene Dasein verantwortlich zu sein. Sie formen das Subjekt zum Objekt um. Die exklusive Fokussierung auf das Individuum neigt dazu, die Bedingungen, unter denen menschliches Handeln wirkt, zu bagatellisieren. Die Anwendung dieses Deutungsmusters führt in der Regel zu einer zynischen Atmosphäre, die der Suche nach Erklärung nicht gerecht wird.

Bei kritischer Betrachtung der tatsächlichen Individuation menschlicher Existenz in Post-Moderne und Kommunikationszeitalter fällt auf, dass eine Gegenbewegung gegen den aufklärerischen Gedanken, der die Verantwortung des Individuums in einem virulenten Gemeinwesen in den Mittelpunkt stellt, kompromittierende Akzente gesetzt hat. Die Frage nach der individuellen Verantwortung spielt keine relevante Rolle mehr, zumindest nicht in Stadien des Selbstreflexion des Individuums.

Fragestellungen, die sich mit diesem für das Gemeinwesen wie für das Individuum gefährlichen Missstand beschäftigen, können kaum noch anders als unter Deckung erörtert werden. Die Thematisierung in einer omnipräsenten Öffentlichkeit führt zu Ausgrenzung und Verdächtigung nach den erprobten Mechanismen der politischen Marginalisierung essentieller Kritik. Die kritische Überprüfung des eigenen Ichs wird zu einer systemischen Bedrohung der entmündigten Gemeinschaft.

Die beabsichtigte Wirkung einer Individuation in Gemeinschaft kann wie folgt beschrieben werden: Das Individuum will dem Ziel näher kommen, den unabdingbaren Maximen des Lebens in Gemeinschaft im eigenen Wirken zu entsprechen. Es muss danach trachten, Gesten der Demut und der partiären Passivität zu internalisieren. Das Zuhören darf nicht als Qual empfunden werden, der Respekt gegenüber dem Gegenüber muss als Axiom begriffen werden und das Voraussetzen einer gemeinsamen Intentionalität darf nicht dem Zweifel unterliegen.

Indem sich Gemeinschaften etablieren, die unabhängig von den gesellschaftlichen Gravitationskräften existieren, bieten sie dem Individuum die Möglichkeit, die Maxime „Du musst dein Leben ändern“ zu erproben. Sie ermöglichen einen Diskurs mit hoher Fehlertoleranz, eine der Lebenslinien lernender Organisationen, und die damit verbundene Perspektive neuer Horizonte. Das Individuum kann sich erproben im Respekt von heterogenen Auffassungen, in dem es lernt, die redlichen Motive anderer Meinungen zu beobachten, ohne auf die eigene empfundene Mission zu verzichten.

Das erfordert Disziplin im Sinne von Selbstkontrolle, die Domestizierung von Affekten und die Formung der Tugend der Geduld. Der Diskurs als Modell der eigenen Verfeinerung und Verbesserung transferiert die Einsicht, dass eine vitale Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmos existiert, die sich als interdependent entlarvt. Nur wenn das Individuum begreift, dass die Funktions- und Sinnzusammenhänge der komplexen Existenz Analogien zu den eigenen Mustern im individuellen Dasein aufweisen, wird es ihm gelingen, die Arbeit an sich anzugehen.

In der Phase, in der das Erlernen zentral ist, muss das Weitergeben noch warten. Es geht darum, die Rauheit der eigenen Oberfläche zu erfühlen, die Sensibiliät für das bei anderen Anstößige zu entwickeln und damit zu beginnen, an den Irritationen des eigenen Ichs zu arbeiten, ohne das Charakteristische, welches zur Aufnahme in den Kreis der exklusiven Gemeinschaft geführt hat, preiszugeben. Das an sich arbeiten, um im Diskurs mit Gleichgesinnten gedeihlich zu bestehen, ist die Voraussetzung für die Entwicklung der Gemeinschaft. Es aktiviert die archaische Frage, wie der Prozess des Menschen als sozialem Wesen zu gestalten ist. Das Wort geht der Tat voraus, beurteilt wird die menschliche Existenz nach ihren Taten. Die Existenz selbst ist etwas zu Leistendes.