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Im Orkan der Meldungen

Das, was als großer Befreiungsakt gefeiert wurde, der unbegrenzte Zugang zu Informationen und die grenzenlose Möglichkeit, für ein größeres Publikum Informationen zu generieren, hat sich aus der Sicht vieler Akteure als ein heilloses Chaos entpuppt. Es ist ein Streit entbrannt über den Wahrheitsgehalt von Informationen. Das ist natürlich so neu nicht. Das Problem ist eher, dass es alle mitbekommen. Und immer mehr finden sich durchaus kritische und gebildete Zeitgenossen, die sich überfordert fühlen. Überfordert, weil sie zwar verschiedene Versionen eines Ereignisses nachlesen können, aber dann doch nicht die Zeit und die Zugänge haben, um zu recherchieren, welche Version der historischen Faktizität entsprechen. Es ist nicht einmal eine Ironie, dass aus Regierungskreisen die Formulierung der postfaktischen Realität in die Welt gesetzt wurde. Denn ihre Version vieler Geschichten ist genauso kontrovers wie alle anderen. Und dass nur sie im Besitz der vollumfänglichen Wahrheit ist, na ja, welche Regierung hat so etwas ohne zu erröten zuletzt behauptet?

Das beschriebene Fiasko, in welchem sich viele Menschen befinden, führt im Moment zu einer Hysterisierung jeglichen Diskurses. Und allein dieses Faktum ist brandgefährlich. Die Fragmente dessen, was als Wahrheit gelten möchte, aber allzu oft als plumpe Falschmeldung durch die Sphären bläst, bleiben irgendwo hängen im Unterbewusstsein und sie verhindern eine Ordnung. Die Ordnung im Kopf jedoch ist eine wichtige Voraussetzung, um Entscheidungen zu treffen. In dem existierenden Chaos hört man immer wieder den gut gemeinten Rat, alle müssten sich auf die Werte besinnen, die sie vereinten. Aber, so die Gegenfrage, was kann ich mit meinen Werten anfangen, wenn ich nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist?

Das Problem, das sich sehr schnell herauskristallisiert hat, ist die Kontaminierung aller Seiten mit dem Infekt der bewusst lancierten Falschmeldung. Dadurch haben sich viele, die Informationen generieren, unglaubwürdig gemacht. Wer sich unglaubwürdig gemacht hat, dem glaubt man auch nicht, wenn er zufälligerweise einmal die Wahrheit verbreitet. Das ist das Feld, auf dem geackert werden muss, um eine Entwicklung aufzuhalten, die, hysterisch wie sie ist, tatsächlich zu einer Erosion all dessen führen wird, was vielen lieb und teuer ist. Im Orkan der globalen Unordnung ist das Grundgesetz ein großes Pfund, das nicht mit einem zwinkernden Auge denjenigen als Spieleinsatz über den Tisch geschoben werden kann, die gar nichts mehr damit im Sinn haben.

Vieles, was in der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenproduktion heraus geht, stinkt gewaltig zum Himmel. Da sitzen Lobbyisten amerikanischer Falken auf den Chefredakteursposten und nahezu stumpfsinnige Apologeten der politischen Korrektheit in den Moderatorensesseln und langweilen ein informationsbedürftiges Publikum mit ihrer Welterklärung. Wer die politische Kontrolle dieses Staatsmonopols jetzt nicht nutzt, um den Journalismus zu garantieren, der als vierte Gewalt der Republik definiert ist, der darf sich nicht wundern, wenn er mit den Zielen derer, die eine Falschmeldung nach der anderen produzieren identifiziert wird. It´s Show Time! Es geht um Krieg und Frieden!

Noch, noch sind die vielen hirnverbrannten Träumer einer Renaissance des Faschismus das kleinere Problem. Sie zu bagatellisieren ist falsch. Sie ohne Bezug zu dem ideologischen Großangriff auf die Bevölkerung durch staatlich organisierten Journalismus zu sehen, ist allerdings ein kognitives Vergehen, das vielen die Existenz kosten wird.

Die Welt liegt im Detail

Zwei Beispiele der jüngsten Tage sind in hervorragender Weise dazu geeignet, sich mit der Berichterstattung durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie der Massenrezeption im Internet zu beschäftigen. Beide Fälle sind durch Audio-Beiträge auf diesem Blog illustriert und insofern nachvollziehbar. Und in beiden Fällen geht es darum, wie es meines Wissens vor vielen, vielen Jahren Hans Werner Richter einmal in einem kleinen Büchlein nannte, wie eine Meinung in einem Kopf entsteht. Der erste Fall ist die erste offizielle Pressekonferenz von Donald Trump in Washington und im zweiten Fall die moralische Entrüstung Meryl Streeps über Donald Trump anlässlich der Verleihung der Golden Globes. Beide Beispiele dokumentieren den Umgang mit Information und den Grad von Inszenierung, um bestimmte Wirkungen zu erzielen.

Im Falle der Pressekonferenz waren es im öffentlich-rechtlichen einmal wieder alle, aber ganz besonders das heute journal, dass sich diese Pressekonferenz vornahm und aus einer einstündigen Veranstaltung 90 Sekunden herauspickte, um Donald Trump als einen cholerischen, unberechenbaren und ungesitteten Zeitgenossen darzustellen. Es ging in dieser Sequenz darum, dass Trump den Vertreter von CNN nicht zu Wort kommen ließ und ihn als Produzenten von Falschmeldungen bezeichnete. Das wäre dann skandalös, wenn begründeter Verdacht gegen Trump vorläge und er dadurch die Wahrheitsfindung behindern wollte. Es wird nur dann kurios, wenn man bedenkt, dass Trump eben auf dieser Pressekonferenz in aller Ruhe und Besonnenheit auf den Verdacht einging, gegen ihn könnten kompromittierende Bilder aus Moskauer Hotels vorliegen, mit denen er von russischer Seite erpressbar sei. Trump selbst schildert jedoch in dem Interview, dass ihm die Gefahr der Observierung z.B. in Russland immer bewusst gewesen sei und er sogar für alle Vertreter seiner Unternehmen Guidelines herausgebracht habe, in denen das thematisiert und ausdrücklich ein vorbildhaftes Verhalten gefordert sei. In diesem Kontext ist der Vorwurf an den Vertreter von CNN, Produzent von Falschmeldungen zu sein, nicht mehr ganz so abstrus, sondern eher nachvollziehbar. Alle anderen Aussagen der Pressekonferenz wurden ausgeblendet und nicht darüber berichtet, obwohl daraus einige Klarheit über die politische Agenda hätte entstehen können. Das ZDF begnügte sich damit, Stimmung zu machen. Hetze statt Journalismus, in wessen Auftrag und Interesse?

Meryl Streep hingegen flogen die Herzen im Netz zu, weil sie bei ihrer Dankesrede für die Verleihung eines Golden Globes den Tränen nahe darüber berichtete, dass es ihr das Herz gebrochen habe, wie Donald Trump sich über einen Behinderten lustig gemacht habe. In einem Format unter dem Titel The Rebel wird die Angelegenheit jedoch aufgeschlüsselt. Zum einen hatte Donald Trump tatsächlich einen Journalisten attackiert, der eine verkrüppelte Hand aufweist, aber ansonsten ein durch keinerlei Einschränkungen gehandikapter Mensch ist. Die Reaktion, auf die sich Streep bezog, ein etwas irres sich Schütteln, um den Sinn zu erfassen, lässt sich jedoch in sehr vielen unterschiedlichen Beiträgen Trumps ausmachen und wird einem interaktiven Habitus zugeschrieben, der unter New Yorkern derzeit nicht untypisch ist. Meryl Streep, übrigens während des Wahlkampfes aktiv für Hillary Clinton unterwegs, hat sich als Schauspielerin auch in diesem Falle bewährt. Sie hat dokumentarische Fragmente so inszeniert, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Rapper AnOmaly, der ihre Bigotterie nach diesem Auftritt scharf aufs Korn nahm, hatte übrigens in den folgenden Stunden sieben Millionen Klicks.

Wie diese beiden Beispiele zeigen: Die Welt liegt im Detail. Und unabhängig von einem Statement über Donald Trump ist es notwendig, sich aktiv dem Kampf gegen die neuen Mystiker anzuschließen. Dass sie Unheil anrichten, ist auf jeden Fall erwiesen.