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Von der Kunst und dem Begriff der Freiheit

Wenn die Kunst Freiheit genießt, ist sie in der Lage, die Zukunft zu antizipieren, die Vergangenheit von einer völlig anderer Warte darzustellen und die Gegenwart zu einem großen Fragezeichen zu gestalten. Nichts braucht mehr die Luft der Freiheit als eine Kunst, die inspiriert. Wird sie zu einer Beschwörung bestehender Verhältnisse oder ein Duplikat des herrschenden Zeitgeists, verkommt sie zum Dekor und mit der Inspiration ist es dahin.

Die großen, schöpferischen Epochen der Kunst waren immer mit Visionen verbunden. Zuweilen wendete sie sich nur gegen bestehende Verhältnisse, die den Grad der Unerträglichkeit erreicht hatten, aber aus ihnen erwuchs in der Regel eine Vorstellung von dem, was da zu kommen hatte. Um bei Hegel zu bleiben, alles, was vernünftig ist, hatte zu sein. Das Vor-Denken eines neuen Zustandes jedoch ist nur denen vorbehalten, denen die Freiheit gewährt wird, dieses zu tun oder die sich dafür entscheiden, sich die Freiheit zu nehmen, koste es, was es wolle.

Wenn eine Gesellschaft den Konnex von Kunst und Freiheit nicht mehr im Blick hat, ist das keine lässliche Unkonzentriertheit, sondern ein Symptom. Ein Symptom für das Bestreben, das momentan für richtig gehaltene Weltbild gegen jeden Angriff durch die Fantasie zu schützen, oder, anders ausgedrückt, nur noch das zuzulassen, was die bestehenden Verhältnisse und deren Denkweise bestätigt. Das Ergebnis ist die Bedrohung der Freiheit der Kunst durch staatliche Exekutive, durch die Regenmacher der Moralwächter und durch die Angst, die um sich greift. Stillstand ist der beste Zustand, den man noch kennt. 

Ist dieser Zustand erst einmal erreicht, dann kennt die Pervertierung dessen, was als das Refugium menschlicher Kreativität und Entfaltung zu gelten hat, keine Grenzen und am Ende steht  eine Werkstatt für das Profane. Da wird der letzte, handwerklich miserable und intellektuell fragwürdige Schund zu großer Kunst hochstilisiert und alles, was dem herrschenden Gedankengut nicht an den Lippen hängt, der zudem noch kommerzialisierten Inquisition zum Fraß vorgeworfen. 

Gesellschaften, deren Kunst geknebelt ist, haben eines gemein: sie sind weit von der Freiheit entfernt. Dieses gilt ebenfalls für die Wissenschaften, die mehr und mehr von Systemen auf dem Weg in die Autokratie von einer Stelle der freien Forschung zu Auftragsagenturen degenerieren. Beides, die Knebelung der Kunst wie die Instrumentalisierung der Wissenschaften, sind ein Symptom für den Weg, den das politische System wie die es gebrauchenden Eliten eingeschlagen haben.

So lange, wie möglich, wird versucht, den Schein von Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren. Das gelingt vor allem bei denen, die nicht wissen, was Freiheit ist. Die Zahl derer ist gewachsen, weil die Kämpfe um sie zumindest in unserem Teil der Welt kaum noch vorkommen. Denn der Begriff der Freiheit ist nur zu verstehen für diejenigen, die in dem Kampf um sie stehen. Unbeteiligtes Zuschauen vermittelt keine Vorstellung von dem Gut, das dahinter steckt. Und wer sich darunter nicht vorstellen kann, hat auch keine Ideen, wozu er sie benutzte, wenn er sie besäße. 

Und diejenigen, die mit den Produkten von freier Kunst und unabhängiger Wissenschaft in ihren Glossen und Kolumnen so rigoros ins Gericht gehen, dokumentieren in der Regel mit jeder Zeile, dass sie nicht einmal ihr eigenes Handwerk beherrschen. Das Ergebnis ist Leere, Ödnis und keine Vorstellung von einer wie auch immer gearteten Zukunft. Wesen ohne Zukunft sterben. Wieso sollten Gesellschaften davon ausgenommen sein?