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Egal, wie lange du lebst…

Egal wie lange du lebst, so sagen die weisen Javaner, es ist nur ein kurzer Augenblick. Diese tiefe Reflexion setzt einiges voraus und sie ist das Ergebnis eines Weltbildes, in dem der Mensch als Individuum eine Rolle spielt, aber nicht die entscheidende. Der Maßstab dieser Art der Betrachtung ist eher kosmisch und wenn es einen Philosophen in Europa gab, der sich an diese Tragweite herangewagt hat, dann war es der viel verschmähte Friedrich Nietzsche. Er schöpfte einiges aus der Tiefe des Orients und sein Zarathustra schaffte es gar, zu einem Bestseller bei der Jugend seiner Zeit zu werden. Da zerfiel das Weltbild der obrigkeitlichen, göttlichen Ordnung, weil die Vernunft ohne Mitleid mit den etablierten Institutionen und Begriffen kein Stein auf dem anderen ließ.

In Zeiten des Zerfalls also erlaubte sich die intellektuelle Jugend des Abendlandes einen Blick in den Abgrund sowohl des Eurozentrismus als auch des aufkommenden Egozentrismus. Die Auflösung der alten Ordnung setzte für einen Augenblick die Demut als mögliche Instanz existenzieller Betrachtungen frei. Das war wohltuend und unheimlich zugleich und letztendlich hielt es keiner aus. Nietzsche selbst nicht, der floh in den Wahn, um als semantischer Kadaver noch missbraucht zu werden und die Jugend, die nach neuen Wegen suchte, landete im satten Bürgertum oder technokratischen Kommunismus. Das waren bittere Stunden für Europa, weil die letzte epistemologische Chance vor einer grausigen Zerstörungswelle nicht genutzt werden konnte.

Seitdem sind viele Jahre vergangen und, so die Historiker, einige Epochen durch das menschliche Bewusstsein gewandert. Hinterlassen haben diese Epochen aber keine Reflexion, die der historischen Chance, in der Nietzsche seine Zweifel formulierte, gleichkäme. Ein Faktor, den Nietzsche ausblendete wie einen bösen Geist, war die Schuld. Unsere Geschichtsbücher sind voll von diesem Schund, der wie billiger Fusel auf die Sinne der Vernunft wirkt, er trübt den Blick und erzeugt Übelkeit. Die Frage der Schuld ist essenziell geblieben, schlimmer noch, sie ist zu einem wesentlichen Faktor in der Betrachtung der Geschichte geworden.

Oskar Maria Graf, das bayrische Enfant terrible, das Épater-le-bourgeois der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, machte sich bekanntlich früh auf, um das Land der Nietzsche-Fledderer zu verlassen. Über Wien und Brno trieb es ihn nach New York, von wo er nie zurückkehrte. E hatte den I. Weltkrieg und die Münchner Räterepublik hautnah erlebt und den Niedergang der Gesellschaft in den zwanziger Jahren, die angeblich so golden waren. Nach über einem Vierteljahrhundert im New Yorker Exil setzte er sich an seinen Schreibtisch in der Hillside Avenue im Norden Manhattans und schrieb seine Lehren aus dem ganzen Debakel nieder in einem Essay, der seinerseits lange warten musste, bevor er veröffentlicht wurde. Der Moralist als Wurzel der Diktatur hieß die Schrift, und allein ihr Titel lässt keine Zweifel mehr zu. Er konnte das, weil er den Zarathustra begriffen hatte.

Und nun treibt die hiesige Gesellschaft ein Impuls, der Politik nur noch auf die Moral reduziert und die nächsten desaströsen Entwicklungen ins Visier nimmt. Die Chance einer Rückbesinnung, die ausgeht von dem einzig akzeptablen Punkt, nämlich der Nichtigkeit der menschlichen Existenz im kosmischen Strom, diese Chance scheint gering zu sein im Zeitalter der pathologischen Selbstüberschätzung und der moralinsauren Weltbetrachtung. Egal, wie lange du lebst, es ist nur ein kurzer Augenblick! Matur nuwun!

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Tragödien aus kosmischer Sicht

Irving D. Yalom. Und Nietzsche weinte

Wohl dem, der in der Lage ist, komplexe theoretische Zusammenhänge in Erzählungen verständlich zu machen. Eine Fähigkeit, die zumeist deutschen Wissenschaftlern abgeht, ganz im Gegenteil, es gab Zeiten, in denen diese sogar im Ansehen stiegen, je esoterischer ihre Ausdrucksweise war. Anders in den USA, sie galten schon immer als die Vereinfacher, nicht selten dieses allerdings aus deutscher Sicht wiederum mit einem Stigma behaftet. Dass es auch anders geht, und zwar mit einer narrativen Qualität, die ihresgleichen sucht, hat Irvin D. Yalom vor allem mit seinem Roman Und Nietzsche weinte bewiesen. Der 1931 in Washington D.C. als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geborene Yalom gilt heute als eine der Größen der USA als Weiterentwickler der Psychoanalyse zu einer adaptierbaren Form der Psychotherapie. Das hat er in zahlreichen Werken, die rein fachlich angelegt sind, unterlegt. Das Schöne an seinem Lebenswerk ist, dass er auch Romane schrieb, die nicht nur brillant erzählt sind, sondern auch die Leserschaft den Theorien näher bringt, die dort thematisiert werden.

Und Nietzsche weinte ist ein kurioses Buch, das tatsächliche Figuren der Zeitgeschichte, die sich teilweise nie trafen, in einen gemeinsamen Handlungsrahmen setzt und sie interagieren lässt. Vom Konstrukt her ist das alles sehr gut nachvollziehbar und so entwickelt sich eine Geschichte, die sich vor allem um den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und den jüdischen Wiener Arzt und Pionier dialogischer therapeutischer Ansätze Josef Breuer dreht. Durch verzwickte und kuriose Umstände herbeigeführt, lassen sich die beiden auf einen teuflischen Pakt ein, der darin besteht, dass sich beide gegenseitig therapieren wollen.

Wenn es eine Referenz an die jüdische Fähigkeit gibt, Geschichte, leidvolle, tragische Geschichte zu reflektieren, ohne dass es an die große Glocke gehängt würde, dann ist es dieses Buch. Das, was Yalom hier veranstaltet, ist in gutem Sinne revolutionär. Nicht nur, dass es ihm gelingt, den vor allem durch unglaubliche Nachlassschmuddeleien und Schändungserlaubnisse Richtung Nazis in Deutschland ramponierten Nietzsche zu reinstallieren als einen grandiosen radikalen Denker, sondern auch der Verweis auf die Nützlichkeit nietzscheanischer Betrachtung im Hinblick auf die Verkraftbarkeit des jüdischen Schicksals. In dialogischen Settings kommt die ganze Radikalität des kränkelnden, zweifelnden, vereinsamten deutschen Philosophen ebenso zum Tragen wie die üppige, bürgerliche, bildungsvolle, nonchalante und doch moralisch strenge Lebensweise der Wiener Juden des Fin de Siecle. Breuer lehrt Nietzsche, dass es der Freundschaft bedarf, um das eigene Leben zu heilen, und Nietzsche lehrt Breuer, dass es vor allem der konsequente Weg zu sich selbst ist, der der schwerste auf dem Weg zur Besserung sein wird.

Nietzsche heilt Breuer, der unter großen Selbstzweifeln leidet, obwohl er alles erreicht hat mit der Erzählung, dass sich das Leben immer wieder wiederhole und jede Entscheidung, die die falsche war und aus mangelndem Mut getroffen wurde, daher immer wiederkehrt. Daraus entwächst die Radikalität, die Nietzsche zumindest in seinen Werken gegen sich lebte. Nicht umsonst arbeitete er in dem Jahr der Handlung, 1882, an seinem Buch Also sprach Zarathustra, einem Werk, dass übrigens die damalige deutsche Jugend in eine anti-autoritäre Aufbruchstimmung versetzte. Breuer selbst wiederum vermag in der grandiosen Erzählung Nietzsche nicht zu heilen, aber zu rühren, zumindest ein Ansatz kathartischer Läuterung. Am Schluss steht der Satz Nietzsches, dass selbst die großen Tragödien der Menschheit aus kosmischer Ferne winzig erscheinen. Er geht einem durch Mark und Bein!

Die Sintflut

Friedrich Nietzsche war es, der auf die Frage, ob der Mensch in der Lage sei, die Natur zu vernichten, das Bild mit dem Ochsen lieferte. Eben wie ein solch starkes Tier die lästigen Insekten im Sommer, ebenso werde die Natur die Menschen von sich abschütteln, wenn es ihr zuviel werde. Aber natürlich musste der Philosoph, der nichts mit dem Gott des Abendlandes am Hut hatte, so reden. Dennoch finden sich in seinem Werk Hinweise, die eine Art historischen Determinismus durchaus vermuten lassen. Bestimmte Ereignisse in unserer Geschichte haben einen antizipierenden Charakter. Das Maß und die ganze Dimension der frühen Botschaft wird allerdings erst später, aus der historischen Betrachtung deutlich.

In diesem Licht erscheint die gegenwärtige Sintflut, die sich anschickt, die Mitte Europas und seine Protagonisten zu ertränken wie die Ratten, als ein derartig antizipierendes Ereignis, das vor allem Einstellung und Verhalten der dortigen Bewohner auf recht unkonventionelle Weise in Rechnung stellt. Und bei genauem Hinsehen verwundert doch gar nicht, dass die Mächte der Natur nun zuschlagen, um dem ganzen Elend ein Ende zu bereiten.

Wie sollte es denn für das Nicht-Humane-Sein noch zu ertragen sein, dass alle Energie, die dem Menschen in diesen Breitengraden zur Verfügung steht, verbraucht würde zur Austragung von Scheindebatten und zur Zelebrierung einer praktisch folgenlosen Symbolpolitik? Alles Gewese und Kommunizieren führt zu keinen Lösungen, es geht immer nur um partikulare Interessen und nicht um etwas, was die Römer noch als Res Publica, die Sache der Öffentlichkeit, bezeichneten. Wie die Raffgeier sitzen die einzelnen Lobbygruppen an ihren Zähltischen und führen Buch über den Ertrag. Und es ist nicht nur ein Verhalten, das man bequemerweise den Politikern vorwerfen darf. Das Ausmaß an Verwahrlosung scheint in jedes Zimmer.

Das, was als das Kommunikationszeitalter bezeichnet wird, hat in der Mitte Europas seine eigene Grundlage verloren. Der Kommunikationsforscher Micheal Tomasello, der am Max-Planck-Institut in Leipzig, jener Stadt, aus der Nietzsche kam, über die Ursprünge der menschlichen Kommunikation forschte, kam zu dem Ergebnis, dass die primordiale Voraussetzung gelungener Kommunikation eine gemeinsame Intentionalität sei. Das ist so lapidar wie selbstverständlich. Im Fazit trifft es aber den Nagel auf den Kopf: Die hierzulande allzuoft beklagte fehl geschlagene Kommunikation scheitert zumeist an einer nicht vorhandenen gemeinsamen Absicht.

Und während es kübelweise weiter schüttet und im wahren Sinne des Wortes Mitbürger in den Fluten ertrinken, scheint die Lektion immer noch nicht begriffen worden zu sein. Schon taumeln wieder irgendwelche, dahergelaufene Profilneurotiker vor die laufenden Kameras und faseln etwas von schlechten Katastrophenplänen, von einer defizitären Ausrüstung des Katastrophenschutzes und notwendigen Frühwarnsystemen für extreme Niederschläge im Sommer. Und wieder sind unter den Zeugen dieser delirierenden Aussagen viele mächtig davon beeindruckt und werden bei der nächsten Wahl, die ja nicht mehr lange auf sich warten lässt, diesen verwirrten armen Seelen ihre Stimme geben.

So genommen bleibt der Kreislauf einer nicht mehr zutreffenden Wahrnehmung stabil und das ganze Geschmeiß, das sich jetzt von der Sintflut temporär bedroht fühlt, wird so weiter machen wie bisher. Es werden noch die Welterklärer auftauchen, die es auch schon immer gewusst haben, wohin die ungezügelte Lebenslust führt, und die Misanthropen, die schon immer wussten, dass das alles sowieso nichts werden kann. Stimmen, die eine Vorstellung von einem guten Leben nach der Flut haben, sind bis jetzt nicht zu hören. Und sollten sie laut werden, wird man sie schnell zum Schweigen bringen. Wäre ja noch schöner! Und wer nicht lernen will, muss sterben. Das war schon immer so. Und vielleicht ist es auch gut so!