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Zur Psychopathologie Geheimer Dienste

Es wurde schon viel darüber geschrieben und sinniert. Und trotzdem ist es unerschöpflich. Jenseits der Frage, welche Vorteile geheimdienstliche Tätigkeit den Staaten bringt und welche Spiele die Geheimen Dienste miteinander spielen, das Gezurre und Bluffen mit Information und gezielter Desinformation, die Lancierung von Nachrichten und die Transponierung von waschechten Gerüchten in den Echtmodus, um die Verwirrung zu komplettieren. Das alles ist so lange amüsant, wie man selbst nicht darunter zu leiden hat, denn dieses Spiel ist böse und nicht selten existenziell, weil es sich jenseits der Rechtsbarkeit abspielt.

Eine zweite Dimension des diskreten Service ist die psychische Konstitution der dort Agierenden. Wir in Deutschland haben in unserer jüngeren Geschichte ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Anschauungsmaterial geschaffen. Von der Geheimdiplomatie des Kaiserreichs, die auch nicht so ohne war und am Ausbruch des I. Weltkrieges ein gerüttelt Maß an Verantwortung trug über die Nazi-Bespitzelungssysteme gegen das Volk einerseits und andere Staaten andererseits, die der Chiffre GESTAPO zu weltweiter, trauriger Resonanz verhalf, über die Staatssicherheit der DDR, deren Unwesen die heute zugänglichen Archive zu einer wahren Geisterbahnfahrt machen bis hin zu aktuellen Affären, die die Verwicklungen bundesdeutscher Nachrichtendienste beim kriminellen Treiben faschistischer Killerkommandos zu Zeiten der deutschen Vereinigungsdemokratie ans Tageslicht bringen.

Was sind das für Menschen, so die immer wieder zu Recht auftauchende Frage, die sich damit befassen, andere bei ihrem Leben im Strom ihrer profanen Realität zu observieren? Jenseits der zu erwartenden Staatsgeheimnisse, die den geringsten Teil des Aufwandes ausmachen und die die Übung vielleicht aus einem bestimmten Kalkül heraus wert sind, ist es die psychische Disposition, die interessiert. Was sind das für Menschen, die hinsichtlich der Beobachtung des Intimen, zu dem das Private eines Menschen gehört, keine natürliche Hemmung mehr haben? Was passiert in einem Menschen, der anderen dabei zusieht, wie sie sich abends zuhause ein Glas Wein einschenken, wie sie sich mit ihren Partnern streiten oder zärtlich zueinander sind, wie sie die Katze streicheln oder sich das Essen zubereiten?

Der Voyeurismus in seiner harmlosen Form ist der Lustgewinn an der Beobachtung, wobei das Heimliche den Reiz ausmacht. Die Heimlichkeit baut jene Spannung auf, die mangels eines natürlichen Zugangs und einer Zuneigung, die durch Vertrauen entsteht, nicht zustande kommt. Daher ist es wohl kein Lapsus der Volkssprache, sondern ein hervorragendes Indiz für die Beobachtungsgabe gemeiner Bürgerinnen und Bürger, dass ihnen in der Beschreibung des Voyeurs der deutsche Begriff des Spanners in den Sinn gekommen ist. Tatsächlich baut die geheime Beobachtung des Intimen Anderer die Spannung auf, die durch eine natürliche Interaktion nicht mehr zustande kommt. Dass die Grenze zwischen einer eventuell tolerierbaren Stimulanz und der psychopathologischen Deformation fließend ist, dokumentieren die Archive der Geheimen Dienste.

Wir haben es, wenn man den Gedanken bereit ist weiter zu spinnen, bei der personellen Aufstellung der Geheimen Dienste in starkem Maße mit Persönlichkeiten zu tun, die durchaus Züge zu psychopathologischen Verhaltensweisen aufbringen. Das ist alarmierend. Denn psychopathologisches Verhalten bewegt sich zumeist jenseits der rationalen Kontrolle, auch im eigenen Ego. Ein politisches System, das auf eine Semantik der Aufklärung verweist und dem Begriffe wie Ratio, Transparenz und Öffentlichkeit wichtige Werte sind, dürfte zu seiner eigenen Sicherung den pathologischen Trieb nicht ins Anforderungsprofil derer schreiben, die das Gemeinwesen schützen sollen.

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Imperiale Absurditäten und dekadente Lebensstränge

William Boyd. Waiting For Sunrise

Seit Jahren gilt William Boyd als einer der packenden Erzähler aus der englischsprachigen Welt. Vor allem mit Romanen wie Restless, Any Human Heart und Ordinary Thunderstorms stürmte er die Charts. Boyds Stil und seine Sujets heben sich wohltuend ab von dem ganzen Trash des Mainstreams, bei dem man sich oft die Frage stellt, inwieweit die Nennung des Autorennamens überhaupt noch eine Rolle spielt. Dennoch gehört Boyd nicht zu den Geheimtipps einer esoterischen Lesegemeinschaft, deren Qualitätsmerkmal leider zu oft in dem Paradoxon besteht, dass etwas schwer lesbar sein muss, um Qualität zu garantieren. Mit seinem neuesten Roman „Waiting For Sunrise“ ist William Boyd aufgrund des ausgewählten Sujets über die Lesbarkeit hinaus noch ein weiterer Qualitätszuwachs gelungen.

Die Handlung des Romans beginnt 1913 am Vorabend des I. Weltkrieges in Wien. Lysander Rief, ein junger englischer Schauspieler mit einer österreichischen Mutter, hält sich in Wien auf, um mittels einer psychoanalytischen Therapie ein Leiden kurieren zu lassen, das auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückzuführen ist. Mit dieser Konstellation beginnt eine Erzählung, die es an kulturellen und politischen Botschaften in sich hat. Lysander Rief entdeckt eine neue Welt, die die Trächtigkeit des alten Europas spürbar werden lässt. Die bereits Gefangene Leserschaft erhält Hinweise über den aufkeimenden Methodenstreit innerhalb des psychoanalytischen Lagers, über die Rolle der Kunst und des Kunstbetriebes mit seinem Freiheitsdrang und seiner Libertinage am Vorabend der europäischen Selbstzerstörung, über die inneren Werte des alten Militärs, über die Bigotterie und lustbetonte Schattenwelt sowie über den klandestin wuchernden Dschungel der europäischen Geheimdiplomatie.

Lysander Rief schlittert in sein eigenes Abenteuer ohne sonderliches eigenes Zutun hinein, er avanciert vom staunenden Zuschauer, das genutzte Werkzeug bis hin zum handelnden Subjekt. Das Psychogramm des Protagonisten ist glaubhaft, weil Rief für seine jeweilige Naivität hohe Preise bezahlt, er aber andererseits in der Lage ist, aus seinen Kalamitäten zu lernen. Insofern handelt es sich bei Boyds Hauptperson in diesem Roman um ein lernendes Objekt inmitten einer einstürzenden Welt. Die anderen Figuren wirken in diesem Panoptikum wie die Charaktermasken der verschiedenen, sich errichtenden Strömungen eines apokalyptischen Sogs. Hettie Bull, die lustvolle, ruchlose Maitresse des Kunstbetriebs, Munro und Fyfe-Miller, mediokre Geheimdienstbeamte, die allerdings das Handwerk der Misstrauensbildung perfekt beherrschen, der homophile Onkel Hamo, der das alte koloniale Großbritannien mit seinen Werten und Loyalitäten ebenso überzeugend repräsentiert wie seine Mutter, Lady Faulkner in zweiter Ehe, die tragisch für die Beobachtung steht, wie das imperiale Säbelrasseln die feminine Ordnung des alten Europas zerstörte.

Waiting for Sunrise ist trotz allem nicht der Thriller, als der er vermarktet wird. Er ist mehr, weil es Boyd zwar gelungen ist, eine Grundspannung zu erzeugen, die sich durch die gesamte Handlung zieht, aber dennoch eine zurückgelehnte, epische Betrachtungsweise weiter zulässt und sogar einfordert. Die kriminalistische Konstruktion ist nicht so stark, als dass der Leser mit ihr auskäme. Wer sich nicht für die ungeheuer komplexen Themen wie die Psychoanalyse, den Kunstbetrieb und die Geheimdiplomatie interessiert, sollte das Buch nicht in die Hände nehmen. Der Plot ist nicht die Enttarnung eines innerhalb der britischen Kriegsmaschinerie agierenden Verräters, sondern die Entzauberung des alten Europas hinsichtlich seiner imperialen Absurditäten und dekadenten Lebensstränge. Und es keimt die Ahnung auf, dass der ersehnte Aufgang der Sonne gewalttätiger werden sollte als ihr Untergang.