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Über die allmähliche Zerstörung des Verstandes beim Senden

Es existiert ein kleiner Aufsatz von Heinrich von Kleist mit dem Titel „Über die allmähliche Entstehung der Gedanken beim Reden“. Es handelt sich dabei um eines jener Fundstücke, die große Beachtung verdienen, jedoch zumeist im Abseits der großen Abhandlungen in der Versenkung bleiben. Zu entdecken ist ein Exzerpt, in der typischen Weise, in der dieser junge preußische Offizier und Schriftsteller schrieb, das sich mit den Möglichkeiten des Diskurses auseinandersetzt. Er beschreibt die Entstehung der Idee, die, wenn sie formuliert wird, der Gegenfrage standhalten muss. Er benennt die Phasen von Benennung, Beschreibung und Sinnstiftung und schafft so die Folie für das, was man einen kollektiven Erkenntnisprozess nennen kann. Aus meiner Sicht wird da, ganz unbemerkt, erkenntnistheoretisch, die große Brücke zwischen der Antike und der Aufklärung geschlagen. Heinrich von Kleist, der solche Einblicke hatte und sie in der Lage war zu Papier zu bringen, nahm sich jung das Leben. Er war gepeinigt von der Verzweiflung, die bei der Betrachtung der Kluft zwischen Realität und Möglichkeit entstand.

Hier soll nicht die Frage aufgeworfen werden, wie verzweifelt der Klassiker der deutschen Literatur geworden wäre, wenn er sich die Beschaffenheit des gesellschaftlichen Diskurses hätte mit anhören müssen, wie er heute zu erleben ist. Es wäre das Abdriften zum Kalauer. Was jedoch erlaubt sein sollte, ist die Übernahme des Maßstabes des von Kleist geschilderten Erkenntnisprozesses bei der Begutachtung dessen, was wir medial und gesellschaftlich vorfinden. Dabei sei ausdrücklich erwähnt, dass das Mediale nicht als Manko per se, sondern als Beschreibung schlechthin gelten sollte, da medienfreie Kommunikation nur noch in den Randzonen der Gesellschaft stattfindet.

Das große Muster, das Paradigma des gesellschaftlichen Diskurses, findet in der Politik und ihren Debatten und in den TV-Shows statt, die als eine Art Pädagogik der Vermittlung politischen Willens zu verstehen sind. Ihre Bezeichnung mit dem unscharfen, verkauderwelschten Namen Polit-Talkshow bezeichnet bereits die Eintrittskarte in eine Geisterbahnfahrt, bei der alles eine Rolle spielt, nur nicht die allmähliche Entstehung der Gedanken beim Reden.

Was sich abspielt, ist, im Gegensatz zu der Beschreibung in dem Gedankengang Kleists, nicht die Benennung einer Idee, ihre Beschreibung, ihre Präzisierung und die letztendliche Akzeptanz, sondern ein Prozess, der eine ganz andere Bewegungsrichtung hat. Sobald eine Idee formuliert wird, entsteht der Eindruck, dass kein kollektiver Wille existiert, diese im positiven Sinne weiterzutreiben, sondern mit ihrem Auftreten wird versucht, die Idee oder den Sprecher/die Sprecherin zu diskreditieren, den pureren Einfall zu skandalisieren und den Ansatz in der Sekunde seiner Geburt zu erdrosseln. 

Sollte die Idee dennoch eine größere Attraktion entwickeln, dann wird seitens der Gegenparts sehr schnell das Thema gewechselt und eine neue Partie eröffnet, bevor auch nur der Ansatz einer Erkenntnis auf dem anderen Feld möglich wurde. Wir alle haben diese Debatten vor Augen, und wir alle sind Zeugen dessen, was als ein kommunikativer Zerstörungsprozess bezeichnet werden könnte, der eine Befindlichkeit hinterlässt, die in gutem Sinne als Ratlosigkeit und in schärferem Sinne als Verzweiflung am eigenen Verstand bezeichnet werden muss. Aus einem frühen, an der Aufklärung orientierten Prozess der allmählichen Entstehung der Gedanken beim Reden ist so etwas geworden, das bezeichnet werden kann als die allmähliche Zerstörung des Verstandes beim Senden. Alles zurückzuführen auf die Beschaffenheit medialer Kommunikation greift sicherlich zu kurz. Die Bedingung, die gegeben sein muss, ist auch ein gemeinsamer Wille, dass die Kommunikation zu etwas führt. Das interessiert die Zerstörungsagenda nicht. Oder, wie es in der aktuellen Diskussion der Kommunikationsforschung heißt, wenn keine gemeinsame Intentionalität als Grundlage des Diskurses vorliegt, darf sich niemand wundern, wenn am Ende nur noch der gefühlte Irrsinn existiert. 

Über das Prinzip der Gegenseitigkeit

Manchmal, wenn die Tagesnachrichten mehrheitlich über das Scheitern von Bemühungen berichten, zwischen Parteien mit unterschiedlichen Interessen zu einem Kompromiss zu kommen, ist es sinnvoll, sich über das Konstrukt eines Konsenses, der zu einem praktischen Handeln führen soll, Gedanken zu machen. Der Zeitpunkt ist in vielerlei Hinsicht wieder einmal gekommen. Voraussetzung für alles, was weiter führt, ist eine gelungene Kommunikation. In einem Zeitalter, dass sich selbst unter anderem als das der Kommunikation und seiner Techniken definiert, ist es erheblich, die Grundlagen noch einmal zu beleuchten. 

Da ist die Allerweltsweisheit, dass Kommunikation nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten sich daran halten, im Prozess der Kommunikation selbst ein Verhalten an den Tag zu legen, dass ihnen selbst als eine wesentliche Voraussetzung gilt. In Variation des Kategorischen Imperativs heißt das, sich selbst nur so zu verhalten, wie man es selbst von den anderen Interakteuren erwartet. Das bedeutet, die anderen wahr zu nehmen, sie anzuhören und ihnen zu unterstellen, dass sie selbst mit dem Interesse eines Gelingens zu dem Unterfangen angetreten sind. Denn selbst möchte man nicht mit der Anschuldigung konfrontiert werden, etwas anderes im Schilde zu führen und in „Wahrheit“ mit einer zweiten Agenda unterwegs zu sein, die beinhaltet, die anderen Teilnehmer hinters Licht zu führen. Diese Voraussetzung kann jedoch nur dann erfüllt werden, wenn allen unterstellt werden kann, dass sie das Ziel der Kommunikation, nämlich eine Verständigung zu erreichen, als ihr eigenes anerkennen. In der modernen Kommunikationsforschung heißt das, es existiert eine gemeinsame Intentionalität. Ist diese nicht gegeben, dann ist das Scheitern programmiert.

Bei Betrachtung der großen Enttäuschungen, die gegenwärtig allgemein kommuniziert werden, ist genau diese gemeinsame Intentionalität nicht gegeben. Der Versuch der Kommunikation, die in einem praktischen Lösungsmodell für Interessenkonflikte eine Perspektive finden soll, entsteht jedoch nicht aus einem intrinsischen Interesse der Konfliktlösung, sondern aus einem vor der Öffentlichkeit bestehenden Legitimationszwang. Es existiert ein Druck, der den Akteueren signalisiert, dass mit Verwerfungen zu rechnen ist, wenn sie sich nicht mühen, zu einer durch Vernunft geprägten Lösung zu kommen. Das wiederum korrespondiert nicht mit der eigenen Agenda. Sie besteht in den auffälligsten und mächtigsten Fällen in dem Ziel, die andere Seite zu bezwingen.Das Scheitern ist so sicher wie die Nutzlosigkeit der Übung.

Dei beiden großen Konflikte, die in diesen Tagen die Öffentlichkeit bewegen, der Konflikt in der und um die Ukraine wie das Desaster um die griechische Ökonomie, sind von einem Mangel an gemeinsamer Intentionalität geprägt. In der Ukraine geht es um geostrategische Dominanz, in Griechenland um den Schutz einer mächtigen Gruppe der Krisenverursachung selbst. Die Akteure, die durch den Legitimationsdruck von außen mobilisiert sind, bekunden, an einer fairen Kommunikation interessiert zu sein, aber sie weichen nicht ab von ihrer Agenda. Die daraus resultierenden Handlungen enden folglich so, wie sie begonnen haben: Sie manifestieren die gegenseitigen Anschuldigungen, ganz andere Ziele zu haben als die vorgegebenen und sie offenbaren die ständige Verletzung der Regeln eines zielgerichteten Kommunikationsprozesses selbst.

Da schlösse sich die Frage an, welche politische Dimension es hätte, wenn das ganze ideologische Beiwerk von der eigenen Überlegenheit von Werten und Menschenrechten den harten Zielen, die damit verbunden sind, wiche. Wenn offen bekannt würde, dass es um Landgewinn, um Schürfungsrechte, um Märkte, um Bankenschutz und um nackte Dominanz ginge. Es stellte sich die Frage, welche Mehrheiten dann zustande kämen. Ob sie anders aussähen, steht dahin, aber es wäre den Versuch wert und es beendete das unwürdige Spiel einer trügerischen Bereitschaft, sich in den Sphären der Vernunft zu bewegen.

Die Herrschaft der totalitären Logik

Das Wesen des Diskurses ist die Gegenseitigkeit. Sein Ziel ist es, zu einem Ergebnis zu kommen, das die Beteiligten weiterbringt. Es setzt voraus, dass die verschiedenen Akteure davon ausgehen, dass alle, die sich beteiligen, eine Existenzberechtigung haben, auch wenn sie Interessen haben, die nicht mit allen kongruent sind. Der Diskurs setzt Respekt voraus. Respekt heißt, dass man nicht einer Meinung sein muss, aber die Motive und die Handlungslogik der Anderen zu verstehen sucht. Das klingt alles sehr banal, ist es aber in der Praxis nie. Die Voraussetzung, um in einer Gemengelage unterschiedlicher Interessen bestehen zu können, ist der Wille und die Fähigkeit, nicht nur die Anderen zu verstehen, sondern das eigene Denken und Tun für eine kritische Reflexion freizugeben. Wenn dieses nicht geschieht, kommt kein Diskurs zustande. Ein gelungener Diskurs wiederum ist das Resultat einer gemeinsamen Intentionalität. Alle Beteiligten müssen der Auffassung sein, dass sich die Investition in den Diskurs lohnt.

Bei der Betrachtung dessen, was oft als Diskurs deklariert wird, aber meistens nicht gelingt, fällt auf, dass keine Klarheit über das Ziel eines solchen besteht. Meistens gehen die Akteure davon aus, sich durchsetzen zu können und ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Dann muss das Unterfangen scheitern. Die Klage, die zumeist folgt, ist die über mangelnde Transparenz. Ja und Nein. Die Transparenz fehlt, wenn das Ziel nicht klar ist. Die einzelnen Argumente transparent zu machen hingegen ist trivial. Der Ruf nach absoluter Transparenz hingegen ist das Symptom für kolossales Misstrauen. Die beste Voraussetzung für einen gescheiterten Diskurs.

Eine Variante, die den Diskurs generell desavouiert, sind Eingangserklärungen, die verdeutlichen, dass eine oder mehrere Parteien von vorne herein diejenigen sind, die nach Ethik und Moral handeln, während den anderen Beteiligten unterstellt wird, sie seien rückständig, intolerant, nicht diskursfähig oder sonst irgendetwas. Das ist enthüllend für die, die glauben, sie seien überlegen. Sie haben den Respekt verloren und damit die Voraussetzung für einen gelungenen Diskurs.

Die Formen der politischen Argumentation, mit denen die Öffentlichkeit hierzulande konfrontiert ist und die fälschlicherweise als Diskurs ausgegeben wird, tragen alle den Keim einer totalitären Logik, die aus einem Subjektivismus resultiert, der es in sich hat. Ob es sich um Themen wie die Weltökologie, politische Autonomie, Geschlechteremanzipation, Demokratie oder Krieg und Frieden handelt, immer treten die Protagonisten so auf, als hätten sie die Weisheit mit dem berühmten Schaumlöffel gefressen und als wären alle anderen Völker und Kulturen Versatzstücke einer ahistorischen Primatenversammlung, die das einzig Wahre nicht begriffen. Das ist düster, autoritär und totalitär zugleich und es dokumentiert, dass noch etwas anderes fehlt als Empathie, analytische Fähigkeiten und ein Grundverständnis von Diplomatie.

Neben der notwendigen gemeinsamen Intentionalität setzen Diskurse bei allen Beteiligten nämlich noch eine Eigenschaft voraus, die, wie Heisenberg es so treffend formulierte, primordial, d.h. von erster Ordnung ist. Es handelt sich um Demut. Nur wenn jeder Einzelne sich darüber bewusst ist, dass er oder sie selbst sich in einem bestimmten Stadium der Erkenntnis und Entwicklung befindet und dass Irren nicht nur menschlich ist, sondern auch alle Menschen und Gesellschaften trifft, weil es notwendiger Bestandteil des Lernens ist, fällt der irrwitzige Glaube in sich zusammen, man selbst sei die Instanz, ohne die der Lauf der Geschichte stocke. Dieses einzusehen, fällt in Zeiten des psychopathologischen Massenphänomens der narzisstischen Verblendung nicht mehr leicht. Es herrscht die totalitäre Logik. Sie wiederum garantiert die Sezession vom gestalteten Verlauf der Geschichte.