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Mohrenköpfle und Indochine, Geschichte und Dogma

Wie weit der ganze Irrsinn von vermeintlicher politischer Korrektheit gehen kann, zeigt eine Posse aus meiner Stadt. In einem Stadtteil existiert eine Konditorei mit dem Namen Mohrenköpfle. Immer wieder erreichen die Tageszeitung wie die Stadtverwaltung aufgebrachte Briefe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich auch selbst gerne als die Zivilbevölkerung bezeichnen. Einen sehr langen, im Stile eines Pamphlets verfassten Brief an den Oberbürgermeister bekam ich vor nicht allzu langer Zeit zu Gesicht. Das Werk strotzte von historischem Unwissen und endete mit der Forderung, dass dieser Name die Verherrlichung von Kolonialismus und Rassismus sei und sofort geändert werden müsse, ansonsten solle man den Laden schließen. Was sich vor allem jedoch feststellen lässt, ist die historische Ignoranz derer, die im Rausch einer geistigen Inquisition gerne die Welt auf ihren begrenzten Horizont reduzieren wollen.

Der Mohrenkopf, der als Schutzheiliger der Apotheken fungierte, stammt als Symbol von einem römischen General, seinerseits dunkelhäutigem Nordafrikaner, genauer gesagt Ägypter und Anführer der Tebaischen Legion, mit dem Namen Mauritius. Diese sollte dabei helfen, im Jahr 285 in Südgallien einen Aufstand niederzuschlagen. Als sich diese vor allem aus Christen zusammengesetzte Legion weigerte, in einem Gottesdienst vor dem Einsatz so genannten heidnischen, nämlich römischen Göttern zu huldigen, hatte das Konsequenzen. Das wurde als Aufstand interpretiert und General Mauritius geköpft. Fortan hatte er in der Christenheit einen an Mythos grenzenden Ruf. Der von den Römern geköpfte Mauritius wurde fortan der verehrte Mohrenkopf, der es bis zum Schutzpatron der Apotheken schaffte. 

Überflüssig zu sagen, dass diese Geschichte weder etwas mit dem mehr als tausend Jahre später einsetzenden Kolonialismus zu tun hat noch durch eine böse Art des Rassismus gespeist wurde. Ganz im Gegenteil, er diente den Christen als Hinweis für ihre Lehre, die sich an alle Menschen wandte, unabhängig von Nationalität, Stand und Rasse. Dass die neuen Inquisitoren daraus etwas anderes machen, ist nicht ungewöhnlich. Gespeist wird es in der Regel von gehörigem Unwissen und einer Nonchalance, die gerne auch einmal bereit ist, Existenzen zu vernichten. Inwieweit die Betreiberfamilie, in diesem Fall der Konditorei, in dieser ungehörigen Form von politischer Projektion geschädigt wird, die sich durch Qualität und harte Arbeit einen Namen gemacht hat, wird außer Acht gelassen.

Aber bleiben wir einmal bei dem Vorwurf des Kolonialismus und schauen etwas genauer hin. Nämlich genau bei dem Klientel, das sich in den Debatten der political correctness gerne bereit ist zu echauffieren, genießt ein bestimmtes Speiselokal großen Zuspruch. Es ist ein kleines, nettes Restaurant mit vietnamesischer Küche und nennt sich Inochine. Es benutzt also den Begriff des französischen Kolonialismus, um über Vietnam zu erzählen. Auch das Interieur ist im Stil der französischen Kolonialzeit in Vietnam. Komplettiert wird das Ganze mit Bildern, die an den Wänden hängen und genau diese Epoche des vietnamesischen Schicksals nostalgisch verklären. 

Betrieben wird das Lokal von jungen Vietnamesen, die sehr freundlich sind. Da das Essen zudem gut ist, wünsche ich ihnen weiterhin viel Erfolg. Warum sie sich für die koloniale Sicht auf ihr Land entschieden haben und dort keine Bilder zum Beispiel vom letzten amerikanischen Helikopter hängen, der am 1. Mai 1975 fluchtartig Saigon verlassen musste und damit das endgültige Ende des Kolonialismus symbolisierte, entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber auch ihre Sache. Auf die Idee, von ihnen zu fordern, ihr Lokal nicht mehr Indochine zu nennen oder sich neu einzurichten, käme ich nicht und Briefe des Protests an den Oberbürgermeister sind mir auch nicht bekannt. Aber an der Geschichte lässt sich sehr gut zeigen, wie weit der Irrsinn fortschreiten kann, wenn man statt der Geschichte das Dogma im Kopf hat.

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