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Das Vakuum

Nach langen Perioden relativer Stabilität kommt es unweigerlich: das Vakuum. Obwohl, beim Rückblick auf die letzten 16 Jahre von relativer Stabilität zu sprechen erscheint dann doch als das Votum eines Irrsinnigen. Stabil war da wenig, Krisen viele, Euro, Weltfinanz, Ukraine, durch Krieg ausgelöste Migration, Revival des Kalten Krieges, die Hinwendung der USA auf den Pazifik, der Brexit, Griechenland, Covid-19, und so weiter und so weiter. Das Volatile einer einzigen Regierungsverantwortung anzuhängen, wäre zu eindimensional, denn wir wissen, dass alles sehr komplex und miteinander verwoben ist. 

Und dennoch sollte der Blick nicht abschweifen von diesem Land, so wie es gemanagt wurde und wie seine Befindlichkeit war und ist. Denn irgendwo, trotz der wilden Abfolge von einer Krise zur anderen, gab es so etwas wie ein inneres Lot, das die Gewissheit vermittelte, dass wir hier, in diesem relativ kleinen Land im Herzen Europas, schon wüssten, wohin der Hase läuft, und dass wir hier nicht nur zu den Meistern der Fertigung, des Fußballs und der Kenntnis gehörten, wie das alles zusammenhängt und dass wir aufgrund dessen ermächtigt waren und sind, dem Rest der Welt Ratschläge zu erteilen, wie mit den stürmischen, von großen Herausforderungen gekennzeichneten Zeiten umzugehen sei.

Was nicht passte zu dieser inneren, politischen wie mentalen Stabilität, das war die Praxis, die an den Tag gelegt wurde. Neue Wege wurden kaum beschritten, Innovation, die befreite, blieb aus und die Initiative, die Mutter aller notwendigen Veränderung, die fand nicht hier, im Zentrum der Erkenntnis, sondern ganz woanders statt. Das wurde lange nicht wahrgenommen. Man machte weiter, wie bisher. Und irgendwann, als es zu spät erschien, kam das böse Erwachen. Da berichteten diejenigen Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt reisten, dass sich woanders viel getan hatte und Dinge, über die hierzulande seit ewigen Zeiten geredet und wie in einem Katechismus-Streit gerungen wurde, längst Realität geworden waren und zur täglichen Lebenspraxis gehörten, während hier eine starre, bürokratische Gründlichkeit herrschte, die nichts anderes ist als der Ausdruck panischer Furcht vor der Übernahme von Verantwortung für die Risiken, die jede Veränderung mit sich bringt.

Wenn eine Diskussion um eine derartige Sichtweise aufkommt, dann kommen oft die These entkräften sollende Argumente, dass wir doch über kluge Köpfe und ausgezeichnete Techniken verfügten und das alles nicht so schlimm sein kann wie befürchtet. Ja, das stimmt. Aber das Problem sind weder die Köpfe noch die Technologie, das Problem ist eine Mentalität, die aus dem Monolithikum ewiger großer Koalitionen und unkritischer Selbstbeweihräucherung erwachsen ist. Da gab es keinen politischen Streit mehr, der es in sich hatte, da musste nie jemand den Hut nehmen, der Verfehlungen aufzuweisen hatte, da wurde nichts mehr riskiert und immer der Weg des geringsten Widerstandes gewählt. 

Der Tiefschlaf, den dieses Land hinter sich hat und in den es gesungen wurde mit dem Lied der ewigen Überlegenheit und des eigenen Weltmeisterlichen endet nicht nur mit einem bösen Erwachen hinsichtlich der Versäumnisse. Er endet auch mit der Feststellung, dass das, was nach einer Periode relativer Stabilität immer da ist, jetzt aber nicht erspäht wird. Nämlich mit dem Vorhandensein einer Hoffnung und Dynamik, die sich auf die notwendigen, großen Veränderungen bezieht. Das bezieht sich auf Programme wie auf politische Köpfe. Wir reiben uns die Augen und blicken und stellen fest: Das einzige, was trotz hitziger Debatten, die nichts bewegen und sich in Symbolik verlieren, was bleibt, ist ein Vakuum.

Alles knorke?

Bei denen, die sich im Metier der Arbeit auskennen, gilt ein geflügeltes Wort: „Wer arbeitet, macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht öfters Fehler. Und wer keine Fehler macht, ist ein fauler Sack.“ Es handelt sich um eine einfache Wahrheit, die vielen, die sich lediglich mit der Frage beschäftigen, dass sie selbst keine Fehler begehen, sich in ihrem Sinn nicht erschließt. Wer unter Arbeit versteht, keine Fehler machen zu wollen oder Fehler zu vermeiden sucht, hat den Stoffwechsel der Gestaltung nicht begriffen. Leider hat man den Eindruck, dass sich genau diese Version einer Vorstellung von Arbeit flächendeckend breit gemacht hat.

Ursprung für diesen Fehlschluss ist die schon mehrfach angesprochene Schimäre von der eigenen Unfehlbarkeit und dem Wonnebad in der eigenen Überlegenheit. Wer sich ständig in der Vorstellung badet, das Beste zu sein, was unter der Sonne existiert, darf sich nicht wundern, wenn einiges schief läuft. Denn es ist existenziell unmöglich, keine Fehler zu machen. Wer das kognitiv ausschließt, kann es sich und den anderen, die das eigene Treiben beobachten, nicht zugestehen, dass einem doch Fehler unterlaufen.

Die logische Konsequenz ist die verzweifelte Suche nach Erklärungen, wenn das reklamierte erstklassige Handeln sich als gar nicht so exzellent erweist. Dann, soviel ist sicher, müssen es immer andere gewesen sein, die dafür verantwortlich zeichnen. Wenn noch hinzu kommt, dass die Stimmen, die normalerweise dazu da sind, das Handeln kritisch zu beäugen, nicht mehr da sind, wird es heikel. In den politischen Systemen der westlichen Demokratien kommt diese Aufgabe der Opposition zu. Große Koalitionen, die gedacht sind als eine Notlösung im Regierungsalltag, bergen diese Tendenzen in sich. So ist es kein Wunder, dass ein Land, in dem diese Sonderform der Regierungsbildung zum Standard geworden ist, genau in diese Falle läuft. Große Koalitionen minimieren die kritische Masse der regulierenden Opposition und führen zu einem Erlahmen des politischen Diskurses. 

Dass sich in einer solchen Situation Stimmen erheben, die außerhalb des parlamentarischen Gefüges entstehen und auch noch Attraktivität gewinnen, weil keine nennenswerte politische Opposition vorhanden ist, liegt auf der Hand. Und wenn dann die Großkoalitionäre die Strategie entwickeln, jede Form der Opposition auszugrenzen und zu diskreditieren, ist die Folge eine vehemente Abwendung einer sich stetig vergrößernden Masse von den normativ und selbst gefühlt alternativlos Regierenden, ist es eine logische Konsequenz. 

Sieht man sich die Berichterstattung von auch als kritischem Faktor gedachten, aber zu Hofberichterstattern degenerierten Organen an, so ist das Debakel perfekt. Denn während der Dekaden dauernden Großen Koalitionen wurden natürlich Fehler gemacht, die aus der Eigenwahrnehmung gar keine sein konnten, und sie stießen und stoßen auf. Da ist es nicht damit getan, die Wenigen, denen das auffällt und die tatsächlich Viele sind, als Ursache für die Malaise darzustellen. Schön gedacht, aber so funktioniert es nicht.

Bei jeder Panne, bei jeder Fehlkalkulation, bei jeder Entgleisung werden nur noch Sündenböcke, Irregleitete, Missverstehende oder Scharlatane gesucht, denen man das eigene Versagen anlasten kann. Das sind dann, bleiben wir nüchtern bei der Betrachtung des Metiers der Arbeit, die Zeiten, in denen man sich in einer Organisation Gedanken darüber machen muss, ob es nicht besser ist, sich von den tatsächlich Verblendeten zu trennen. Denn wer Fehler macht, und dieses leugnet, indem er mit dem Finger auf andere zeigt, der ist schlecht für das Klima. In jeder, auch in komplexer Hinsicht.