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Die Rückkehr der Heroinen

Die Unterteilung der Welt in heroische und post-heroische Gesellschaften hat in Bezug auf die Entschlüsselung der psychosozialen Befindlichkeiten von Gesellschaften und ihrer kulturellen Disposition sehr viel Licht ins Dunkle gebracht. Die im Westen eingeführte Terminologie schuf eine neue Betrachtungsweise: Demnach ist das Wesen heroischer Gesellschaften, dass ihre einzelnen Glieder es als erforderlich erachten, durch das eigene Verhalten dem Zweck und Wert des Ganzen zu dienen, während die post-heroische Variante dieses ablehnt und nach dem individuellen Benefit für den Einzelnen fragt.

Böse Zungen auf der einen Seite deuten die post-heroische Attitüde als eine typische Dekadenzerscheinung und übersteigerten Egoismus. Die bösen Zungen der anderen Seite halten die prägende Haltung heroischer Gesellschaften für eine antiquierte Geste der Unterwürfigkeit unter Autoritäten wie Gott und Vaterland. Wie dem auch sei: bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass tatsächlich diese Unterscheidung gemacht werden kann. Dazu existieren Umfragen und dazu existieren unzählige Dokumente politischen Handelns und der damit verbundenen Legitimation von Politik.

Machen Sie sich den Spaß und lassen einige Länder Revue passieren und ordnen sie sie ein! Sind sie als heroisch oder post-heroisch zu identifizieren?

Einfach ist die Aufgabe sicherlich nicht, weil sich viele Länder in einer Phase gewaltiger Transformation befinden und da ein „Sowohl“ und ein „Als auch“ beobachtbar ist. Von den großen Entwicklungslinien ist jedoch festzustellen, dass die Länder des so genannten freien oder kapitalistischen Westens eindeutig die Phase des Post-Heroismus erreicht haben, während alle neu aufstrebenden Nationen mit der Ausnahme Japans mit dem Begriff des Heroismus am besten zu deuten sind.

Ob es Gesetz oder Zufall ist, dass ausgerechnet in den post-heroischen Gesellschaften die Emanzipation der Frauen fortschreitet, sei dahingestellt. Dass jedoch gerade in diesen Gesellschaften, die sich mehr auf Ratio, Selbstbestimmung und Feminismus berufen, nun ein Trend zu beobachten ist, der den – zunächst noch? – individuellen Heroismus wieder salonfähig macht, ist bemerkenswert.

In nahezu Lichtgeschwindigkeit hat sich in den letzten Monaten eine Kette moderner Heroinen in den medialen Orkus gedrängt. Tatsächlich fallen die besagten Frauen durch ihr Engagement, ihren Mut und ihr Charisma auf. Und tatsächlich eignen sie sich, um Menschenmassen zu emotionalisieren und vielleicht dazu zu bewegen, sich selbst zu engagieren.

Das ist bei Greta Thunberg und der Bewegung Fridays For Future so, das ist im Falle der deutschen Kapitänin Carola Rackete und der Seenotrettung so und das ist bei der amerikanischen Fußballspielerin Megan Rapinoe und dem Aufbegehren diskriminierter Minderheiten so. Und es sind nicht irgendwelche Allerweltthemen, die da in den Fokus kommen: Da geht es um das Weltklima und die Zerstörung der Natur durch das globale Wirtschaften, da geht es um die durch Kriege und Kolonisierung entstandene Migration vieler Menschen und die Abschottungspolitik der mit verursachenden Länder und da geht es um eine  basis-demokratische und anti-diskriminatorische und anti-imperiale Politik gegen die Machthaber der Noch-Weltmacht Nummer Eins.

Bei aller formulierten Geringschätzung gegenüber den Heroinen, die immer sofort von überall hervorgebracht wird: Programmatisch bietet kaum eine Partei mehr! Dass die genannten Heroinen von vielen Seiten dieses Maß an Sympathie ernten, liegt nicht nur an der persönlichen Ausstrahlung und dem damit verbundenen Charme, sondern auch daran, dass sie es sind, die die essenziellen Themen der Zukunft aufgreifen. Und, um nicht der euphorischen Trance zu erliegen: die Merkels, Kramp-Karrenbauers, von der Leyens und Lagardes treiben zeitgleich ihr Unwesen, aber sie etablieren sich eben auch nicht als Heroinen.

So kann sich die These sehen lassen, dass die Rückkehr der Heroinen auch in die post-heroischen Gesellschaften durchaus ein Fortschritt darstellt. Sie, die positiven Heldinnen, lassen der Einsicht in bestimmte Zusammenhänge das Konzept des praktischen Handelns folgen. Ein erfrischender Weg aus den phlegmatischen Zonen der politischen Dekadenz.

Der Absturz des Individualismus

Die pädagogischen Konzepte ganzer Kulturkreise offenbaren die jeweilige Einstellung zum Leben. In den heroischen Zeiten der Nationalstaaten war bzw. gehört die Orientierung des zu erziehenden Nachwuchses auf den Schutz und den Erhalt des Gemeinwesens. Da wird der Staat, um den es geht, als zentraler Wert vermittelt und das Glück des Individuums mit dem Großen und Ganzen als Identität gesehen. Beim Blick aus unserer, d.h. der zentraleuropäischen und dort besonders der deutschen Perspektive gilt diese Auffassung als längst überholt und veraltet, obwohl die zentralen Mächte dieser Welt noch so funktionieren. Nicht nur China und Russland, sondern auch die USA sind so konzipiert. In China ist es der Sozialismus, in Russland das Mütterchen Russland und in den USA die amerikanische Verfassung, auf die sich die Intention der kollektiven Pädagogik ausrichten. Es geht um die Identität von Individuum und Nation.

Wie die Lebenswelten und Realitäten in diesen Ländern aussehen, ist eine andere Sache. Aber die Bemühungen, über die Erziehungsinstitutionen einen Sinn zu vermitteln, der sich aus einem Heroismus speist, ist bemerkenswert. Denn in der Tat hört sich das, was als deutsches Erziehungsideal in diesem Kontext andeutet als etwas ganz andres an. Ob es besser ist, sei dahingestellt. Erstaunlich und bei der Geschichte dieses Landes alles andere als selbstverständlich ist nämlich der Umstand, dass die persönliche, individuelle Befindlichkeit und Entwicklung den höchsten Stellenwert einnimmt. Selbst im benachbarten Frankreich, wo die Revolution für die individuelle Freiheit die gewaltigsten Feste feierte, existieren noch Verweise auf die Grande Nation, der die Jugend des Landes verpflichtet ist. Insofern scheint die Bundesrepublik Deutschland das synthetisch reine Produkt des Post-Heroismus zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen, es geht um die großen Tendenzen, nicht um Nuancen. Selbst bei der Beschreibung des Individuums, in den gedachten großen pädagogischen Konzepten, existieren je nach Kulturkreis Unterschiede. Während noch in der Verfassung (!) der USA nicht nur von dem Recht, sondern von der Pflicht des Individuums auf der Jagd nach dem Glück die Rede ist, ist in Deutschland nur von Rechten die Rede. Rechte wiederum werden in Anspruch genommen oder auch nicht. Die Paradoxie, auf man im Falle Deutschlands stößt, ist einerseits die überproportionale Existenz des Individuums gegenüber dem Gemeinwesen und andererseits ein Vakuum, weil die individuelle Sphäre gar nicht in dem außergewöhnlichen Maße in Anspruch genommen wird. Ursache mag ein langer, aus Trägheit akzeptierter Prozess der systematischen Entmündigung sein. Statt des Kraft strotzenden Individuums steht dort eine Bürokratie, die beansprucht, als Agentur des Individuums das Glück für alle an Land zu ziehen.

Der Individualismus hierzulande scheint zu einer bloßen Phrase verkommen, weil die Akteure dazu fehlen. Grundlage eines agierenden Individuums sind Können und Erfolg, denn der Erfolg ist die Mutter der Motivation, die ihrerseits den Prozess der wachsenden Befähigung auslöst. Die Pädagogik dieses Landes ist jedoch weder auf die Tat des Einzelnen noch auf dessen Erfolg ausgerichtet, sondern sie entstammt nahezu komplett aus Ansätzen der therapeutischen Behandlung. Alles, was als pathologisches Resultat der Entmündigung zu erwarten ist, säumt die Alleen der pädagogischen Weisheit. Es sind Forderungen nach Zu- Und Hinwendung, nach Wertschätzung und Achtsamkeit, die allesamt im therapeutischen Rahmen ihren Sinn haben, aber für das Individuum, um nicht zu sagen das historische Subjekt zu wenig, viel zu wenig hermachen, um erfolgreich zu sein.

Vom Heroismus zur moralistischen Diktatur

Nein, es geht nicht um die Verteidigung des Ministers der Verteidigung. Der hat seinen Rücktritt erklärt und damit eine Konsequenz aus den Kampagnen gezogen, die gegen ihn gefahren wurden. Und er hat durch seine eigene Lebens- wie Amtsführung dazu beigetragen, dass Opposition gegen ihn aufkommen musste. Von der skrupellosen Art und Weise des Medieneinsatzes, in dem ganz bewusst mit Volksempfinden und Starletauftritten der Ehefrau gespielt wurde, bis zu Amtshandlungen, die ihm ein großes Boulevardblatt nahe gelegt hatte und schließlich dem Vorwurf, in einem wissenschaftlichen Verfahren bewusst getäuscht zu haben. Berechtigte Vorwürfe gab es genug, um diesen Minister zu kritisieren. Wie jeder Mensch muss auch er damit klar kommen, wie selbst verursachte Probleme auf das eigene Leben zurück schlagen.

Viel interessanter ist jedoch die Frage, was in der Massenpsychologie der posttraumatischen Heroengesellschaft Deutschland in diesem Fall zu illustrieren wäre. In der positiven Reaktion auf den adeligen Minister zu Guttenberg fiel auf, dass große Teile der Bevölkerung, obwohl nicht einer monarchistischen Nostalgie verdächtig, gerade in der Unabhängigkeit dieses Ministers von den existenziellen Nöten des Bürgertums einen unschätzbaren Vorteil sahen. Auf der Folie gerade unzähliger Erfahrungen der persönlichen Bereicherung im Großen wie im Kleinen allzu vieler Politiker attestierte man dem Abkömmling altbayrischen Adels eine große, unabhängige Geste, die dem privaten Überfluss entsprang. Zudem brachte der Mann Jugendlichkeit und eine Versiertheit auf den Bedeutungsparketten mit sich, gegen die viele Parvenüs des Politgenres wie Bauerstenze wirkten.

Wer solche Wirkungen erzielt, dem ist der Neid gewiss. Hinzu kam, dass zu Guttenberg die größte Reform der Bundeswehr seit ihrem Bestehen vor sich hatte, was Macht- und Ressourcenkämpfe großen Ausmaßes nach sich zieht und dem Initiator einer solchen Reform Feindschaft bis ans Ende aller Tage garantiert.

So fielen sie wie die Hyänen über ihn her, als er seine ersten Fehler machte. Nach bewährter Manier seit der Inquisition wurde eine Prozessdramaturgie gewählt, die martialischer nicht hätte sein können und die vor allem moralisch ausgelegte Kritik der lautesten Schreier und Diffamierer legte nicht selten die alte Weisheit nahe, dass moralische Empörung zumeist eine Art Eifersucht im Heiligenschein darstellt. Wenn Politiker, die in ihrer eigenen Amtszeit als Minister mit dem Dienstjet zu Muttis Geburtstag nach Spanien geflogen sind, nun mit dem Indexfinger brüllend auf den Angeklagten zeigten, so legten sie mehr Zeugnis ab über sich als über den in die Enge Geratenen.

Es scheint ein Fluch zu liegen über den Seelen dieses Landes. Er rührt aus den Zeiten des großen Diktators und den in seinem Namen begangenen Verbrechen. Seit der großen Niederlage, die dem großen Wort der Weltherrschaft folgte, herrscht das große Trauma. Und alles, was als Erfolg allzu rein erscheint, muss in einer massenpsychotischen Übereilung vernichtet werden. Die Moral, derer man sich bei diesen radikalen Vernichtungszügen befleißigt, die stammt jedoch aus den Anfängen der Zeit, derer man sich erwehren will. Nur ist es kaum jemandem bewusst.