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Der Absturz des Individualismus

Die pädagogischen Konzepte ganzer Kulturkreise offenbaren die jeweilige Einstellung zum Leben. In den heroischen Zeiten der Nationalstaaten war bzw. gehört die Orientierung des zu erziehenden Nachwuchses auf den Schutz und den Erhalt des Gemeinwesens. Da wird der Staat, um den es geht, als zentraler Wert vermittelt und das Glück des Individuums mit dem Großen und Ganzen als Identität gesehen. Beim Blick aus unserer, d.h. der zentraleuropäischen und dort besonders der deutschen Perspektive gilt diese Auffassung als längst überholt und veraltet, obwohl die zentralen Mächte dieser Welt noch so funktionieren. Nicht nur China und Russland, sondern auch die USA sind so konzipiert. In China ist es der Sozialismus, in Russland das Mütterchen Russland und in den USA die amerikanische Verfassung, auf die sich die Intention der kollektiven Pädagogik ausrichten. Es geht um die Identität von Individuum und Nation.

Wie die Lebenswelten und Realitäten in diesen Ländern aussehen, ist eine andere Sache. Aber die Bemühungen, über die Erziehungsinstitutionen einen Sinn zu vermitteln, der sich aus einem Heroismus speist, ist bemerkenswert. Denn in der Tat hört sich das, was als deutsches Erziehungsideal in diesem Kontext andeutet als etwas ganz andres an. Ob es besser ist, sei dahingestellt. Erstaunlich und bei der Geschichte dieses Landes alles andere als selbstverständlich ist nämlich der Umstand, dass die persönliche, individuelle Befindlichkeit und Entwicklung den höchsten Stellenwert einnimmt. Selbst im benachbarten Frankreich, wo die Revolution für die individuelle Freiheit die gewaltigsten Feste feierte, existieren noch Verweise auf die Grande Nation, der die Jugend des Landes verpflichtet ist. Insofern scheint die Bundesrepublik Deutschland das synthetisch reine Produkt des Post-Heroismus zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen, es geht um die großen Tendenzen, nicht um Nuancen. Selbst bei der Beschreibung des Individuums, in den gedachten großen pädagogischen Konzepten, existieren je nach Kulturkreis Unterschiede. Während noch in der Verfassung (!) der USA nicht nur von dem Recht, sondern von der Pflicht des Individuums auf der Jagd nach dem Glück die Rede ist, ist in Deutschland nur von Rechten die Rede. Rechte wiederum werden in Anspruch genommen oder auch nicht. Die Paradoxie, auf man im Falle Deutschlands stößt, ist einerseits die überproportionale Existenz des Individuums gegenüber dem Gemeinwesen und andererseits ein Vakuum, weil die individuelle Sphäre gar nicht in dem außergewöhnlichen Maße in Anspruch genommen wird. Ursache mag ein langer, aus Trägheit akzeptierter Prozess der systematischen Entmündigung sein. Statt des Kraft strotzenden Individuums steht dort eine Bürokratie, die beansprucht, als Agentur des Individuums das Glück für alle an Land zu ziehen.

Der Individualismus hierzulande scheint zu einer bloßen Phrase verkommen, weil die Akteure dazu fehlen. Grundlage eines agierenden Individuums sind Können und Erfolg, denn der Erfolg ist die Mutter der Motivation, die ihrerseits den Prozess der wachsenden Befähigung auslöst. Die Pädagogik dieses Landes ist jedoch weder auf die Tat des Einzelnen noch auf dessen Erfolg ausgerichtet, sondern sie entstammt nahezu komplett aus Ansätzen der therapeutischen Behandlung. Alles, was als pathologisches Resultat der Entmündigung zu erwarten ist, säumt die Alleen der pädagogischen Weisheit. Es sind Forderungen nach Zu- Und Hinwendung, nach Wertschätzung und Achtsamkeit, die allesamt im therapeutischen Rahmen ihren Sinn haben, aber für das Individuum, um nicht zu sagen das historische Subjekt zu wenig, viel zu wenig hermachen, um erfolgreich zu sein.

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Gesellschaftliche Kohäsion

Die Frage, was die Welt zusammenhält ist vom Abstraktionsgrad vielleicht etwas anspruchsvoller. Jedoch wesentlich wichtiger, vor der kosmischen Dimension, scheint in vielen Gesellschaften, selbst in unterschiedlichen Zivilisationen, die Suche nach einer Antwort für das mentale Auseinanderdriften der Gesellschaften selbst zu sein. Was hält letztendlich Gesellschaften zusammen, was macht sie aus, die viel zitierte, aber kaum noch vernehmbare Kohäsion?

Die Symptome, die den Zerfall bezeugen, sind schnell aufgezählt. Da ist vor allem die Individualisierung, die zu dem geführt hat, was sich zynisch anhört und historisch auch wohl so etwas ist, das Post-Heroische. Warum, so die kritische Nachfrage, ist wird eigentlich etwas als Heroisch bezeichnet, das die Loyalität des Individuums zur Gemeinschaft beschreibt? Wie suizidal ist da bereits die Eigendynamik der Individualisierung, dass die existenzielle Komponente des Menschen, ein soziales Wesen zu sein, als eine Kuriosität aus dem Militärmuseum betrachtet wird? Und da ist die Kompensation des Sozialen durch den Konsumismus, der die Gestaltungskraft zerstört und die positiven Energien, die dem Erfolg durch Leistung zugrunde liegen, systematisch zerstört. Der Individualismus berauscht sich in einer strukturellen Passivität, die nichts zu erzeugen mag als Frustration.

Das Einzige, was noch zu funktionieren vermag, das sind die Schuldzuweisungen an die Gesellschaft. Genau das Gebilde, das von niemandem mehr bedient wird, diese ausgehöhlte Entität vergangener Zeiten, soll plötzlich die Ursachen geschaffen haben für die vielen Frustrationen und all die Zerstörung, die in den wenigen wachen Momenten noch wahrgenommen wird. Es ist ein klägliches Bild, das die von den ebenfalls im Zynismus versunkenen Soziologen als Hedonisten Bezeichneten abgeben. Sie scheren sich nicht um die Sache der Öffentlichkeit, das Gemeinwesen, aber sie bezichtigen das Gemeinwesen der systematischen Verschlechterung ihrer eigenen Lebensbedingungen.

Es sticht ins Auge, dass gesellschaftliche Kohäsion in diesem Spiel einen schlechten Stand haben muss. Und da der Stand schlecht ist, herrschen Erosion und zentrifugale Kräfte. Und dieser Prozess wiederum wird von den Protagonisten des Individualismus dem Gemeinwesen zugeschrieben. In der Logik nennt man so etwas eine Tautologie. Vom politischen Standpunkt her ist es einfach ein bereits großes Maß an Verkommenheit. Denn Politik ist immer die Dimension des Diskurses um das Gemeinwesen. Und bleibt sie bei dieser originären Verpflichtung, dann dürfte sie nur sprechen über die Dekadenz, die der egomanische, gefräßige Individualismus hervorgebracht hat.

Und jetzt befinden wir uns an dem Punkt, der wahrscheinlich das Wesentliche dieser Frage beschreibt: Wie kann ein Metier, das aus dem Diskurs um das Gemeinwesen geboren wurde, zu einer Branche werden, in der es legitim ist, nur noch das Partikulare zu vertreten? Es ist ein Zustand, der selbst in den beschleunigten Zerfallsphasen des römischen Imperiums nicht festzustellen war. Persönliche Bereicherung schon, aber die Res Publica, die Sache der Gemeinschaft, war die absolute Bezugsgröße einer jeden Argumentation im Senat. Wer dieses Paradigma in Frage gestellt hätte, dem hätte das Spartakistenschicksal an der Via Appia gewunken. Heute hingegen sind es Rechte des Individuums, die über dem Gemeinwohl stehen oder gar Sachzwänge.

Mit dem Einzug des Sachzwangs hat sich das politische Gemeinwesen auf jenen Tiefpunkt zubewegt, von dem aus nichts Positives hinsichtlich der Initiation von Gesellschaften mehr beschrieben werden kann. Es ergibt keinen Sinn, sich über mangelnde gesellschaftliche Kohäsion zu beklagen, wenn alle Voraussetzungen für gesellschaftlich sinnvolles und sinnstiftendes Handeln bereits ausgeräumt sind.

Im Orkan des Subjektivismus

Egal in welchem Kontext, egal unter welchem Begriff. Es fällt auf, dass in unserer Gesellschaft eine große Verschiebung der Aufmerksamkeit stattgefunden hat. Und zwar von der auf eine sachliche Welt, in der keinerlei menschliche Regung ihren Platz hat hin zu einem Orkan des Subjektivismus. Vorbei sind die Tage, als sich die Individuen noch schämten, von ihrer eigenen Betroffenheit und den eigenen Interessen zu reden. Die Welt erschien als ein Ensemble der sachlichen Gegebenheiten. Nichts an menschlicher Regung erreichte den Rang, als dass es sich einen Platz unter den so genannten objektiven Erfordernissen hätte einen Platz erobern können. Die „Sache“, auch ein typischer deutscher Euphemismus von rechts bis links, war so ungemein wichtig, im Gegensatz zu den schnöden und profanen subjektiven Interessen, die historisch doch immer begrenzt waren.

Natürlich war die Welt, die angeblich so nach objektiven Gesetzmäßigkeiten wie nach einem Weltwillen vonstatten ging, auch nichts anderes als die materialisierten Interessen einiger Individuen. Aber gerade ihr Spezialinteresse mache sie so delikat, dass es peinlich gewesen wäre, sie als berechtigte Interessen zu formulieren. Deshalb, und nur deshalb wurde der Mehrheit eingetrichtert, ihr eigenes Befinden sei eher peinlich, man täte  so etwas nicht, man spräche nicht über den eigenen Bedarf. Und die Mehrheit besaß die Demut, sich einem solchen Diktum zuzuordnen. Ganz im Gegenteil zu denen, die hinter dem Paravent die Privilegien in sich hineinstopften, die die gegenständliche, objektive Welt für sie übrig gelassen hatte. 

Heute sieht das alles anders aus, aber ob es anders ist, ist noch zu klären. Heute erscheint die Welt als ein groß angelegtes Konsortium von auf die Spitze getriebenen Subjektivismen. Jeder Ansatz, von einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Gesetzgebung oder Gemeininteressen zu reden, wird in einem Wolfsgeheul der Befindlichkeiten zum Reißen preisgegeben. Es könne nicht sein, nach so viel Unterdrückung im Namen weniger Nutznießer so dreist sein zu wollen, jedem noch so kleinen Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht nachkommen zu dürfen. Der Geist dieser Individualisierung entstammt auf der einen Seite der Entlarvung der alten Denkweise eines allgemeinen Interesses als Schimäre der Profiteure. Auf der anderen Seite steht das Recht auf Selbstverwirklichung heute auf der moralischen Rangskala tatsächlich höher als die Notwendigkeit des Gemeinwohls. 

Die Sprachrohre, derer sich der Subjektivismus bedient, erwecken den Eindruck einer ungeheuren Kakophonie. Es scheint, als ertränke die Welt in einem babylonischen Tonteppich und als sei eine Unterscheidung der vielen unterschiedlichen Bedürfnisse kaum noch zu vollziehen. Die Komplexität des Subjektivismus erzeugt sogar eine wachsende Menge an Zeitgenossen, die das alles gar nicht mehr aushalten und die nach klaren, monokausalen Verhältnissen schreien. Ihnen sei zur Warnung und zum Troste gesagt: Die Objektivierung der Welt stand auch immer nur im Interesse einer Minderheit. Dagegen aufzustehen, ist ein gutes Recht und es geht nur durch die Inthronisierung des Subjektes. Das Subjekt selbst sollte aber zu der Einsicht gelangen, dass das gesamte Ensemble der Subjekte schon so etwas ausmacht wie einen objektiven Rahmen. Allerdings ein Rahmen aus nicht gezählten Subjekten. 

Der Anschein eines freien Marktes der subjektiven Befindlichkeiten sollte wiederum nicht darüber hinwegtäuschen, dass es starke Interessen gibt, die nicht hinter dieser Vielstimmigkeit zurück stehen. Sie zu identifizieren, ist lebenswichtig. Gerade im Interesse einer großen, objektiven Gemeinde, deren Sinnstiftung aus der Summe verträglicher Interessen besteht.