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Es lebe die Spontaneität!

Dass wir in Zeiten leben, in denen der Intellekt immer weniger beansprucht würde, ist eine boshafte Übertreibung derer, deren Bildungsstandards nicht mehr die maßgeblichen sind. Geändert, was die Beanspruchung einer Instanz wie Verstand oder Vernunft betrifft, geändert hat sich dennoch vieles. Wer agiert lediglich unbedacht? Wohl wirklich wenige, wenn wir die juvenile Unbefangenheit einmal aus dem Spiel nehmen. Ob etwas vernünftig ist, diese Frage ist zu Recht beklagenswerter Weise sehr aus dem Fokus geraten. Ob etwas allerdings dem Kodex, dem herrschenden Regelwerk, entspricht, das ist die dominierende Größe, die alles beherrscht.

Und wiederum böse Zungen behaupten, dass die an Bibelfestigkeit gleichende Verpflichtung auf den Kodex des politisch Korrekten zum Beispiel die spontane Kreativität, die bekanntlich die Revolte an sich auslöset, keine Chance mehr hat, unser Leben zu bereichern und zu verändern. Die anderen Kodizes, die mit den Regeln der eigenen Organisation oder der Verrechtlichung des gesamten Lebens zu tun haben, und die ohne Maschinerien wie die überall aufpoppenden Compliance-Systeme den Handlungsspielraum des Individuums einschränken, geben der Spontaneität den Rest.

Es gab Zeiten, in denen Spontaneismus als eine politische Bewegung galt, die sich damals ihrerseits von den Regelwerken des dogmatischen Marxismus befreien wollte. Die so genannten Spontis zeichneten sich dadurch aus, dass sie sich Aktionen ausdachten, die in der Lage waren, auf humorvolle Weise die Logik der Herrschenden zu karikieren oder zu konterkarieren. Als sie in Heidelberg zu einer Demonstration mit dreißigtausend Teilnehmern auf die kleinen Straßen gingen, um gegen das damals angewendete Berufsverbot in öffentlichen Dienst zu protestieren und das Städtchen in der Aktion nahezu ertrank, skandierten sie „Wir sind eine kleine, radikale Minderheit“. Später, als der Humor verschwand, hatte die Bewegung, die sich spontan nannte, keine Relevanz mehr.

In unserer Welt der Kodizes ist der politische Spontaneismus genauso verschwunden wie die Spontaneität. Letztere steht regelrecht auf dem Index all derer, die an der ständigen Ausdehnung der Kodizes arbeiten. Für die politische Willensbildung wie den politischen Diskurs bedeutet diese Entwicklung jedoch Gefahr im Verzug. Wenn es nicht mehr erlaubt ist, die Gravität von Akteuren und Institutionen mittels des Humors und der unerwarteten Handlung zur Disposition zu stellen, dann befinden wir uns bereits im Vorraum der Inquisition.

Im Gegensatz zu denen, die ihre brüchige Bedeutsamkeit gefährdet sehen und alles dafür tun, den Prozess der möglichen Demontage zu verhindern, hat das Volk in seinem kollektiven Bewusstsein eine sehr ausgeprägte Ahnung von den Verheerungen, die inquisitorische Verhältnisse anrichten können. Deshalb sind viele so genannte unbescholtene Bürgerinnen und Bürger so wild geworden. Weil sie die Fragen, die sie haben, mit dem Verweis ihrer mangelnden Auffassungsgabe nicht beantwortet bekommen und weil man ihnen den Weg zur spontanen Aktion mit der moralischen Keule verwehrt. Was dann noch kommt, ist destruktive Verbitterung.

So ist es nicht nur leicht, sondern auch folgerichtig, der spontanen Aktion, ja auch im anarchistischen, jede Ideologie ablehnenden Sinne, mächtig das Wort zu reden. Die sauertöpfischen Mienen der politischen Klasse, oben an die Mutter der Nation, färben ab auf das Erleben von Politik. Es wird Zeit, sich selbst und den tragenden Säulen der Misanthropie die Narrenkappe aufzusetzen. Es lebe die Spontaneität!

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Erneute Wahlen, erneute Diagnosen

Es stehen einmal wieder Wahlen an. In Nordrhein-Westfalen. Dort leben 18 Millionen Menschen und 13 Millionen Wahlberechtigte, also mehr als in Portugal oder in den Niederlanden. Insofern ist es keine Petitesse, die dort zum Ausdruck kommen wird. Nicht, dass jede Wahl das Potenzial hätte, die Welt zu verändern. Aber jede Wahl bringt vieles zum Ausdruck. Es geht um die Bindung an das System der parlamentarischen Demokratie und an die in ihr operierenden Parteien an sich, was sich in der Wahlbeteiligung ausdrückt. Es geht um die Politik und deren Themen vor Ort und es geht natürlich auch um eine bundesrepublikanische Perspektive, denn im September sind Bundestagswahlen. Die demoskopischen Institute sagen ein Kopf an Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU voraus, wobei die Präzision derartiger Prognosen in der letzten Zeit bezweifelt werden muss. Zu sehr haben sich diese Institute diskreditiert, weil sie bestimmte Ergebnisse publizierten, die weniger mit der Realität und mehr mit taktischen Manövern gemein hatten, die noch bestimmte Bewegungen der Wählerinnen und Wähler intendierten.

Die Befindlichkeit im Lande entspricht in vielen Fällen nicht der Dramatik unserer Zeit. Gerade in den letzten Wochen ereignete sich vieles, das besorgen sollte. Einerseits ist das Festhalten an dem wirtschaftspolitischen Kurs geradezu gesellschaftlicher Konsens, weil er mit der Sympathie für ein solides privatwirtschaftliches Verhalten korrespondiert. Viele Deutsche lassen sich von Überschüssen und einer schwarzen Null bezaubern und sehen nicht deren Verwerfungen in internationalem Kontext. Die deutsche schwarze Null ist nur im Zusammenhang mit der Austeritätspolitik im Süden Europas zu begreifen, hinter der sich die Tendenz einer europäischen Verwerfung verbirgt, die von dem gefeierten neuen französischen Präsidenten Macron noch befeuert werden könnte. Das Verhängnis seiner Wahl ist vielen noch nicht bewusst. Mit seinem wirtschaftsliberalistischen Kurs könnte er der Wegbereiter werden für den Front National, den er – im Moment – verhindert hat. Und die deutschen Überschüsse nicht in Investitionen in das Gesamtprojekt Europa zu verwenden, kann das Ende bewirken.

Auch die Perpetuierung der katastrophalen Fehler in Syrien, die begründet sind durch das us-amerikanische Muster des Regime Change stehen nicht sonderlich zur Debatte. Und die Flüchtlingsheere, die durch die temporäre Unterstützung von Terroristen und Freischärlern zustande gekommen sind, werden nicht in diesem Zusammenhang gesehen.

Der mentale Isolationismus wurde wieder einmal dokumentiert in der völlig hysterischen und überhitzten Debatte um den Sänger Xavier Naidoo. Der hatte die Regierung als Volkszertreter beschrieben und die eine oder andere Verschwörungsfloskel in einem Lied untergebracht. Anstatt dort dem Mantra der künstlerischen Freiheit zu folgen, geriet die Republik in Rage und wir wurden Zeugen von einem Vorgehen, wie es wohl dem entspricht, was sich viele unter der Scharia vorstellen. Man könnte es auch inquisitorisch nennen, es sind die zwei Seiten einer Medaille. Eine Regierung und eine Gesellschaft, die das nicht aushält, aber gleichzeitig der Faschisierung der Türkei mit dem Aufruf zur Mäßigung begegnet, scheint die Balance verloren zu haben.

Da steht eine mehr als verwegene Textanalyse eines Popsongs dem Schicksal von Millionen Menschen gegenüber und die Dringlichkeit der semantischen Interpretation erscheint wichtiger zu sein als eine praktische Politik, die gegen die Massenverelendung und Massenunterdrückung steht und konkrete Hilfe leistet. Die Wahlen werden wieder Symptome zutage fördern, die der weiteren Diagnose helfen.

Neue Inquisitoren

Was geschieht, wenn ein einigermaßen aufgeklärter Mensch mit einer Meinung konfrontiert wird, die er selbst nicht teilt? Zunächst versucht er, die Kernaussage zu identifizieren. Dann rekonstruiert er den Gedankengang, der zu dieser Aussage geführt hat. Und wenn er – oder natürlich in allen Fällen sie – verstanden hat, wie diese Meinung gemeint und wie sie entstanden ist, dann formuliert der aufgeklärte Mensch eine Replik. Die Replik bezieht sich auf Genese und Struktur der zu kritisierenden Meinung und versucht, sie im Kern zu widerlegen oder auf Brüche in ihrer Genese zu verweisen. Sollte aus dieser Replik eine Interaktion entstehen, dann ist ein interessanter Diskurs zu erwarten. Voraussetzung für eine solche Interaktion ist allerdings, dass es sich bei beiden Seiten um aufgeklärte Menschen handelt.

Ist die eine Seite dagegen nicht aufgeklärt, sondern eher emotional, apologetisch oder dogmatisch, dann wird die eigene Position wiederholt. Und ist aus dem eigenen Gedankengang an Substanz nicht mehr herauszuholen als die bloße Wiederholung, dann gesellt sich sehr schnell noch die Verunglimpfung des Gegenübers hinzu. Derlei Gesprächsentwicklung entgleitet dann sehr schnell in eine destruktive Atmosphäre. Es geht nicht mehr um eine konsensfähige, nachvollziehbare Position, sondern um Rechthaberei auf der einen Seite und die Diskriminierung auf der anderen.

Bei Betrachtung der Art und Weise, wie gegenwärtig sowohl die Politik wie die offiziellen Medien mit Kritik an den von ihnen vertretenen Positionen umgehen, dann wird sehr schnell deutlich, dass wir uns in keinem Diskurs mehr befinden, bei dem es um richtige, oder auch gute Positionen ginge, sondern um Rechthaberei und Diskriminierung. Die Beispiele dafür liefern leider nicht diejenigen, die die Handelnden kritisieren, sondern die Kritisierten selber. Diejenigen, die den Kurs der Regierung in der Ukraine kritisierten und tatsächlich viele gute Argumente anführten, wurden schlicht zu Russland- oder Putin-Verstehern erklärt, und schon erschien es überflüssig, sich noch mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen. Analog verhielt und verhält es sich mit der Kritik an der Europapolitik der Regierung, die viele Felder des gutgründigen Dissenses mit sich brachte, angefangen bei der Bankenrettung, weiter gehend über die bürokratische Zentralisierung und endend bei den Erweiterungsmaßnahmen ohne politische Qualitätssicherung. Alle, die sich damit ernsthaft auseinandersetzten, waren sehr schnell als Europa-Hasser identifiziert, mit deren Argumenten sich niemand mehr ernsthaft auseinandersetzen musste.

Das Herausstehlen aus einer Kontroverse, in der es jeweils um vieles geht, hat sicherlich etwas zu tun mit der Einführung inquisitorischer Denkweisen. Dieses Phänomen entstand nicht über Nacht, sondern es reifte in den Kreisen, die Politik nicht als das Spiel unterschiedlicher Interessen begriff, sondern sie als eine Konkurrenz moralischer Kategorien umdeutete. Mit dem Kanon dessen, was allgemein als political correctness bezeichnet werden kann, wurde ein moderner Hexenhammer etabliert, der es ermöglichte, sich nicht mehr mit den Inhalten von Kritik auseinandersetzen zu müssen, sondern der bei der Form ihrer Äußerung bereits stehen bleiben und Todesurteile aussprechen konnte. Insofern befindet sich die den gesellschaftlichen Diskurs führende Klasse rhetorisch wie bewusstseinsmäßig in einem Stadium mittelalterlicher Inquisition.

Der logische Schluss kann nur lauten, alle Hebel in Bewegung setzen zu müssen, um aufklärerischem Denken neue Foren zu geben und dem zeitgenössischen Obskurantismus Paroli bieten zu können. Das ist ein langer Weg, der viele Frustrationen mit sich bringen wird. Aber, das haben historische Vorlagen bereits an Erkenntnis geliefert, nach dem Dunkel kommt das Licht.