Schlagwort-Archive: Islamisierung

Kein Märchen aus 1001 Nacht

Das große Projekt, mit dem die türkische AKP vor 15 Jahren begonnen hatte, war eine Form der Modernisierung, die den Versuch unternahm, den traditionellen, agraisch-provinziellen Teil der Bevölkerung nicht abzuhängen, sondern mitzunehmen. Das ursprüngliche Programm kann als sehr durchdacht und intelligent bezeichnet werden. Zunächst wurden die Wildwüchse der Ökonomie, die zumeist auf Korruption zurückzuführen waren, sehr konsequent bekämpft. Gleichzeitig wurde eine gewisse Rechtssicherheit hergestellt. Und nicht zuletzt wurden die Banken dahin gehend saniert, dass die spekulativ operierenden Protagonisten schlicht liquidiert wurden. Argumentiert wurde bei allen Maßnahmen mit dem Islam und seinen Werten, was vor allem bei den nicht-metropolitanen Bevölkerungsteilen auf sehr positive Resonanz stieß.

Die Folge war eine sehr positive wirtschaftliche Entwicklung und ein beachtlicher Modernisierungsschub. Womit die Ideologen nicht gerechnet hatten, das waren die mit der Modernisierung einhergehenden Subkulturen von Kreativen und libertär Lebenden, die nicht in das konservative Szenario passten. Vor allem in Istanbul und Izmir trafen zusehends zwei Welten aufeinander, die sich nicht nur schwer miteinander taten, sondern sich auch zu einem großen Teil ausschlossen. Der globalisierte Freigeist gegen den gottesfürchtigen Muslim, das wollte nicht zusammen passen und führte zu einer Abwendung der AKP-Führung von gerade dem Erfolgsrezept, das sie an die politische Macht gebracht und dort gehalten hatte.

Das, was sich vor allem auch vor dem Hintergrund internationaler Konflikte und Krisen, wie dem arabischen Frühling und dem syrischen Krieg, abspielte, war eine zusehends größer werdende Aggressivität der Türkei. Es handelte sich dabei um das Kalkül, äußere Feinde in den Fokus zu nehmen, um über innere Konflikte hinwegzutäuschen. Und genau diese inneren Konflikte vergrößern und vermehren sich mit jedem Tag, an dem die politische Führung in der Türkei ihren zunehmend radikaleren Weg zur Islamisierung weiter verfolgt.

Eingeläutet wurde der Weg der substanziellen Veränderung der Türkei von einem säkularen Verfassungsstaat hin zu einer islamischen Republik mit der Frontalattacke gegen die Unabhängigkeit der Justiz. Frei nach der Bauernweisheit Wer am Trog steht, der steckt auch seinen Rüssel herein, hatten sich bis hin zum Staatspräsidenten und dessen Sohn prominente Repräsentanten der politischen Führung nun auch der Glücksdroge Korruption verschrieben. Die das ahnden wollende Justiz wurde kurzerhand mit einem Putsch zerschlagen, die betreffenden Staatsanwälte in Gefängnisse geworfen und durch loyale Lakaien ersetzt. Es folgte die durch regelmäßigen Terror vollzogene Liquidierung der kritischen Teile der Presse. Die Mittel waren wieder Terror und Willkür. Genauso wie bei der Bombardierung ganzer kurdischer Städte im eigenen Land.

Darauf folgte, begünstigt durch den vor allem von Deutschland betriebenen Flüchtlingsdeal, eine Offensive gegen die Presseberichterstattung in allen europäischen Ländern, sofern sie türkeikritisch berichtete. Die Angriffe erfolgen täglich. Zeitgleich zu diesem Szenario fordert nun der Parlamentspräsident Kahraman die Liquidierung der säkularen Verfassung der Türkei und deren Ersetzung durch eine islamische.

Die Absurdität, die sich auftut, ist die Bestätigung der falschen Politik zu einem falschen Zeitpunkt. Genau an dem Punkt, an dem die europäischen Staaten der türkischen Führung hätten signalisieren müssen, dass sie dabei ist, den Rubikon zu überschreiten, wurde sie mit Lob bedacht, um sich die Flüchtlingsfrage vom Hals zu schaffen. Das Problem liegt zum einen in der EU, die ihre Handlungsfähigkeit nicht ohne Zutun Deutschlands verloren hat und zum anderen in der Talfahrt der Türkei, die nicht mehr aufzuhalten ist. Man begreife jede Impertinenz, die von türkischer Seite momentan begangen wird, als das Wissen um den eigenen Niedergang. An die Märchen aus 1001 einer Nacht glaubt man nur in deren Gesichtskreis, woanders nicht.

Konversion im Konjunktiv

Michel Houllebecq. Unterwerfung

Die Koinzidenz schlug, im wahrsten Sinne des Wortes, ein wie eine Maschinengewehrsalve. Michel Houllebecq, der französische Schriftsteller, der dafür bekannt ist, dass er wie kaum ein anderer mit dem Mittel des Schocks arbeitet, stellte seinen neuen Roman Unterwerfung just an dem Tag den Medien vor, als die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo regelrecht von islamistischen Terroristen hingerichtet wurde. Das, was nun den Hype dieses Romans ausmacht, war von Houllebecq nicht intendiert. Denn im Gegensatz zu seinen sonstigen Büchern hat er gerade in diesem mehr mit einer verhaltenen, eher de-eskalierenden Erzählweise etwas geschildert, was als die Übernahme der politischen Macht durch eine gemäßigte, sehr durchdacht und besonnen vorgehende und von europäischen Verhaltensmustern geprägte islamische Strömung schildert.

Der Roman spielt im Jahr 2022 und bewegt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen ist es die Geschichte eines Hochschullehrers, der als Ich-Erzähler die nahezu typischen und desolaten Zustände eines vereinsamten, individualisierten und skeptisch nach Perspektiven suchenden Intellektuellen illustriert. Die Hochschulkarriere stagniert, der Protagonist, seinerseits Literaturwissenschaftler und Spezialist in Sachen Huysmann, einem eher vergessenen Literaten, der anfangs des 20. Jahrhunderts bereits verstarb und dessen Werk sich um Individualität und Wahrheitsfindung drehte, bis hin zur späten Konversion zum Katholizismus, konterkariert seine eigene Karriere durch Disziplinlosigkeit und hedonistische Eskapaden.

Vor diesem Hintergrund werden Wahlen geschildert, die schließlich in einer parlamentarischen Mehrheit für eine gemäßigte islamische Muslimbruderschaft enden. Das Frankreich des Jahres 2022 ist kulturell tief gespalten. Houllebecqs nahezu geniale Analyse der Verhältnisse unterstellt nicht einen wild gewordenen, sondern einen sehr kalkulierenden politischen Islam, der sich, ohne dass es ausgesprochen würde, des Revolutionsbesteck vieler süd- und mittelamerikanischer Befreiungsbewegungen bedient. Wenn du die Macht willst, dann brauchst du die Lehrer, die Polizei und die Medien, hieß es da. Und genau nach diesem Schema unterwandern die Muslimbrüder diese Institutionen und stellen somit die Weichen für ihre eigenen politischen Mehrheiten. Das ist exzellent inszeniert und verblüfft alle, die mit der Auflistung stereotyper Klischees gerechnet hatten.

Die Beschreibung der politischen Entwicklung ist ein Gedankenspiel ohne Ressentiment. Ganz im Gegenteil, die Überlegungen zu einer europäischen Kultur, die sich im Post-Heroismus, Individualismus und Hedonismus aufgerieben hat, tragen selbstkritische Züge, die dem Räsonnement Glaubwürdigkeit verleihen. Und das Portfolio der aufstrebenden politischen Macht, die sich einem aggressiven Block des Neo-Nationalismus gegenüber sieht, besticht in vielerlei Hinsicht durch ihren am Gemeinwohl orientierten Kollektivismus. Auch sie verfügt über die Gerissenheit, derer es bedarf, um die Macht zu erlangen und zu erhalten, aber sie bedient sich nicht des Terrors.

Der Erzähler bleibt insofern dem Prinzip Houllebecqs treu, als dass er bei der Rolle des Enfant terribles bleibt. Der individualisierte Freak ist es, der dem archaischen Frauenbild der Muslimbruderschaft gar etwas abgewinnen kann, weil er die Unterwerfung als Stimulans sexistischer Phantasien zu akzeptieren bereit ist. Das ist nicht Schwarz-Weiß, es ist die Koinzidenz unterschiedlicher kultureller Befindlichkeiten, die zu der Möglichkeit eines Zivilisationstransfers führt, der weit entfernt ist von allen Horrorszenarien der politischen Propaganda. Die Vertreter der aufstrebenden Macht wirken eher gelassen, weil sie sich im Aufwind der Geschichte sehen. Daraus erwächst eine Toleranz, die auf die individualisierte Kultur destabilisierend wirkt.

Der Schluß, in dem es um die Entscheidung des Protagonisten für die freiwillige Unterwerfung geht, bleibt konsequent im Konjunktiv. Eine ungeheure erzählerische Stärke, die Houllebecq in diesem Kontext das Testat beschert, ein Schriftsteller zu sein, der die unterschiedlichen Ebenen des gesellschaftlichen Seins brillant verweben kann und der Leserschaft einen Horizont der Reflexion beschert, der selten ist.

Rachid al-Ghannouchi

Jetzt, nachdem Tunesiens Ministerpräsident Hamadi Jebali das Handtuch geworfen hat, wird deutlich, wer innerhalb der Ennahda-Partei das Sagen hat. Nach dem offenen politischen Mord an dem Oppositionspolitiker Chokri Belaid, der sich für die strikte Trennung von Religion und Staat ausgesprochen hatte und als die deutlichste Stimme des Laizismus in Tunesien galt, hatte Jebali versucht zu de-eskalieren. Indem er sich dafür aussprach, die Interimsregierung sofort von Politikern zu säubern und dafür partei-unabhängige Technokraten einzusetzen, hatte er das Signal aussenden wollen, dass der Mord und die damit verbundene Polarisierung im Land niemandem politisch nutzen sollte. Es war ein letzter Versuch, verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Ministerpräsident Jebali, selbst prominentes Mitglied der islamischen Ennahda-Partei, konnte sich nicht durchsetzen. Der islamistische Flügel um den Vorsitzenden Rachid al-Ghannouchi schlug die Geste zur Versöhnung aus und hielt an der Macht fest. Damit ist klar, dass in Tunesien die offenen Machtkämpfe die nächste Zeit bestimmen werden. Rachid al-Ghannouchi wird dabei eine Hauptrolle spielen.

Der Mitbegründer der Ennahda-Bewegung, den die Oppositionellen im Land als den Drahtzieher der Ermordung Chokri Belaids ansehen, weist eine Biographie auf, wie sie für die aktuelle Nomenklatura im islamistischen Weltgefüge nicht typischer sein könnte. Rachid al-Ghannouchi wurde 1941 in einer tunesischen Kleinstadt als Sohn eines Imams geboren. Prägend für ihn war der Widerstand gegen die französische Kolonialpolitik. Als er nach Tunis geht, um zu studieren, lernt er den immensen Unterschied zwischen Stadt und Land sowie zwischen islamisch-traditioneller und westlich-mondäner Lebensweise kennen. Da er das eine kennt und verinnerlicht hat und das andere schätzen lernt, gerät er früh in eine Identitätskrise. Später, als er Gelegenheit erhält, Europa zu bereisen, erlebt er die aus seiner Sicht Sitten- und Gottlosigkeit in den europäischen Metropolen als einen Schock, von dem er sich nicht mehr erholen soll.

Bereits 1981 gründet er das Mouvement de la Tendance Islamique (MIT), seinerseits Vorläufer der heutigen Ennahda. Noch während der Herrschaft Bourguibas wird Ghannouchi inhaftiert und zum Tode verurteilt. Nach der Ablösung Bourguibas durch Ben Ali wird das Urteil wieder aufgehoben. Dennoch werden die Aktivitäten der Ennahda während der Präsidentschaft Ben Alis nicht gerne gesehen und verfolgt, was der Bewegung bei den ersten freien Wahlen nach dessen Sturz 2010 einen entscheidenden Bonus aus Sicht der Wählerinnen und Wähler gibt: Sie gilt als nicht korrupt und pragmatisch.

Nun, nachdem unter Führung der Ennahda immer noch keine Verfassung vorliegt und sogar der politisch kalkulierte Mord Einzug in Tunesiens Politik genommen hat, stellt sich die Frage, inwieweit Rachid al-Ghannouchi nicht nur der Protagonist der weiteren Geschehnisse wird, sondern auch, da er die Polarisierung des Landes wie kein anderer verkörpert, er derjenige sein wird, der den Scheideweg des Landes zwischen radikalem Islamismus und einer weltlichen, post-kolonialen Demokratie ausmacht. Vom internen Kräfteverhältnis wäre letzteres wahrscheinlich, aufgrund der systemischen Internationalisierung der Arabellion droht die massive Gefahr des ersteren. Je schneller der Name Ghannouchi aus den Schlagzeilen verschwindet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Tunesien noch einen eigenen, souveränen Weg in die Zukunft findet. Je länger die Weltöffentlichkeit jedoch den Namen Rachid al-Ghannouchi vernehmen muss, desto gewaltgetriebener, anti-zivilisatorischer und desaströser wird der Weg sein, den Tunesien gehen wird.