Schlagwort-Archive: Jörg Fauser

Politische und diplomatische Müllabfuhr

„Auch Agenten und Spione haben nachts einen Traum“, hieß es in einem von Achim Reichel vertonten Text von Jörg Fauser. Wenn man annimmt, dass diese Aussage der Wahrheit entspricht und ihr nur deshalb ein Sensationsaroma anhaftet, weil ein Mythos existiert, den das Milieu von sich selbst errichtet hat, um dem Dreck, in dem es sich bewegt, zu entfliehen. Denn Agenten und Spione sind die Müllabfuhr gescheiterter Politik und Diplomatie. Wenn mit Ratio und zivilisiertem Verhalten nichts mehr erreicht werden kann, dann werden die halbseidenen Charaktere, die manischen Spieler und die Nachtwandler aus der Box gelassen, um zu sehen, wie die eigenen Interessen nicht doch noch durchgesetzt werden können. Messer, Mord, Verrat und Täuschung sind die Werkzeuge, derer sich die Gestalten der zwischenstaatlichen Unterwelt bedienen. Und dennoch: Auch sie sind menschliche Wesen, auch sie haben nicht immer nur niedere Motive, und – auch sie haben Träume. 

Und gerade die nicht „normalen“, d.h. durchschnittlichen Menschen, die, frei nach Chechov,  morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, abends Suppe essen und sich mit ihrem Ehepartner streiten, sind weniger interessant für die Literatur,  als die Schwerverbrecher, die Halsaufschlitzer oder eben die Spione. Oskar Maria Graf hatte das einmal sehr schön in einem Essay auf den Punkt gebracht: Niemand wollte sich je mit einem Mackie Messer im wirklichen Leben treffen, aber in der Literatur faszinieren uns Figuren wie diese. Die physische Distanz vom realen Ungeheuer macht das möglich. 

Die schlechte Nachricht: oft wissen wir gar nicht, dass die Monster unter uns weilen, weil sie sich perfekt tarnen. Typen wie der Mackie Messer aus der Dreigroschenoper gibt es tatsächlich. Zu deren Naturell gehört es aber, dass sie mit ihrer Monströsität glänzen und bewundert werden wollen. Agenten und Spione haben dieses Privileg nicht. Ihre Untaten werden zwar bekannt, aber die Autorenschaft wird nicht preisgegeben, sonst wären sie für die Weiterverwendung in ihrem Metier auf der Stelle nutzlos. Ihr Ruhm bleibt in der Anonymität, auch und gerade weil die Institutionen der Zivilisation ihrer habhaft werden und ihnen das Handwerk legen könnten. Pervers daran ist lediglich, dass die Auftraggeber für ihr Treiben gleichzeitig offiziell die besagten Institutionen repräsentieren. Ja, die Welt ist ein Sündenpfuhl!

Die getarnten Agenten werden wir nie zu Gesicht bekommen. Allerdings existiert eine Branche, für die das nicht zutrifft. Es handelt sich dabei nicht um die Mörder, Entführer oder Bombenleger, sondern um die geistigen Brandstifter. Sie kommen seriös daher, und legen wert darauf, dass ihr Ruf unbescholten ist. Das einzige, was sie zumeist erfolgreich verbergen, sind ihre Netzwerke, ihre Geldflüsse und ihre Auftraggeber. Ihr Job ist es, einer Öffentlichkeit eine Sicht der Gegebenheiten zu vermitteln, die im Sinne der Auftraggeber geformt ist. Ihre Techniken sind die Umkehrung von Ursache und Wirkung, die Lancierung von Falschmeldungen und die Erstellung von Feindbildern. Sie machen das nicht mit Sprengbomben und Handfeuerwaffen, sondern mit Worten und Bildern.  

Und wenn es auch zivilisierter erscheint als das Handwerk derer, die in den so genannten Geheimen Diensten unterwegs sind, sie gehören dazu. Warum? Weil sie bewusst die Welt auf den Kopf stellen, um die Menschen zu täuschen. Und ob sie, wenn sie nachts im Bett liegen, auch Träume haben, ist, politische gesehen, völlig unerheblich.

Die Bohème ist keine Gehaltsklasse

Jörg Fauser. Marlon Brando. Der versilberte Rebell. Eine Biographie

Jörg Fauser brauchte mal wieder Geld. So ließ er sich bereits 1977 darauf ein, eine eher brav geschriebene Biographie über James Dean ins Deutsche zu übersetzen. Der bis heute einzigartige Übersetzer des amerikanischen Underground, der in Mannheim lebende Carl Weissner, hatte zwecks Überlastung den Verlag auf seinen Freund Fauser aufmerksam gemacht. Dieser willigte ein und lieferte mit seiner Übersetzung eine literarische Dimension, die aus der eher langweiligen Vorlage einen Fetzer machte. Der Verlag hakte nach und bat Fauser, selbst eine Biographie über Marlon Brando zu schreiben. Der war widerborstig und willigte nach zähem Ringen irgendwann ein. In seinem Tagebuch steht am 16.1.1978: Brando angefangen. Und am 27.3.1978: Brando abgeschlossen. Nach eingehender Recherche schrieb Fauser dieses bis dahin für das Genre unglaubliche Werk in zwei Monaten herunter.

Fausers Arbeit hat journalistischen Charakter. Der Autor folgte Brando mit zielsicherem Gespür aus der amerikanischen Provinz, sprich dem Nest Libertyville nach New York, wo er sich durchschlägt. Versuche eines jungen Rebellen, der sich in der Metropole durchzusetzen versucht, bringen ihn irgendwann in Bohèmekreise, wo man ihm schauspielerische Qualitäten attestiert. Zunächst geht er mit Tennessee Williams Endstation Sehnsucht auf die Bühne und bricht alle Rekorde und die Herzen der aufbegehrenden jungen amerikanischen Generation. Es ist sein Gestus, der imponiert, das Coole, das Nonchalante, das unausgesprochene Desinteresse an den großen, gesetzten Diskursen um die amerikanische Gesellschaft dieser Tage. Brando schert sich nicht drum. Er wechselt von der Bühne zum Film und holt sich mit einem Achselzucken ein Millionenpublikum.

Was folgt, ist bekannt. Welterfolge mit Endstation Sehnsucht, Die Faust im Nacken. Der Rebell kommt nach Hollywood und nicht die Filmindustrie vereinnahmt ihn, sondern er sie. Brando diktiert, streicht astronomische Gagen ein, verschwendet sie gleichgültig und spielt das Spiel nicht mit. Entzieht sich immer wieder erfolgreich der vermarktenden Öffentlichkeit, dreht Filme, die gigantische Flops werden, von der Historienschnulze bis zum Western. Kauft ein Atoll in der Südsee und kämpft für die Umwelt, engagiert sich für die Indianer und brüskiert. Die sechziger Jahre finden ohne ihn oder mit Pleiten statt, er verhöhnt den Historienschmu mit der Meuterei auf der Bounty. Und dann, als die öffentliche Wahrnehmung ihn abgeschrieben hat, taucht er wieder auf und wirft mit Der Pate und Der letzte Tango in Paris dem verdutzten Publikum zwei Welterfolge hin. Zur Verleihung seines zweiten Oscars, diesmal für den Paten, schickt er eine junge Indianerin, die ihn für ihn ablehnt. Brando kehrt danach zurück in seine von der Öffentlichkeit abgeschirmte Welt, genauso cool, genauso nonchalant und genauso an der Kulturindustrie desinteressiert.

Fauser gelingt es, Marlon Brando als da darzustellen, was die normierte Öffentlichkeit nie verstanden hat: Den Rebellen, der sich versilbert, ohne sich kaufen zu lassen. Einen wahren Bohèmien, dessen Wesen es ist, die Bourgeoisie zu verhöhnen ohne selbst ein bürgerliches Leben je zu führen. Die heutigen Versuche, die Bohème als eine einkommensstarke, kreative Kaste zu beschreiben, haben die Rebellion aus dem Auge verloren. Brando ist der Beweis, dass die Bohème von der Rebellion nicht zu trennen ist. Und Fauser war der, der das wusste. In einer biographischen Notiz wenige Monate vor seinem Tod schrieb Jörg Fauser zur eigenen Person: „Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig.“ Zwei, die sich verstanden, hatten sich in dieser Biographie gefunden.

Die Substanz vitaler Literatur

Jörg Fauser. Rohstoff

Mit 38 Jahren hatte er begonnen, den Roman zu schreiben. Quasi zu seinem vierzigsten Geburtstag 1984 erschien Rohstoff, drei Jahre vor seinem unerwarteten, mysteriösen und viel zu frühen Tod. Jörg Fauser war zum Zeitpunkt der Erstauflage ein Autor in der damaligen Bundesrepublik, der es geschafft hatte, aus dem Nichts und ohne protegiert worden zu sein, sich einen Namen in der Literaturszene zu machen. Sein Roman Der Schneemann war bereits ein Erfolg, mit dem Gedichtband Trotzki, Goethe und das Glück hatte er der Lyrik des Undergrounds in Deutschland einen bleibenden Impuls gegeben. Mit Rohstoff griff er mit sicherer Hand in die eigene Asservatenkammer. Fauser enthüllte der Öffentlichkeit die Mechanismen seiner eigenen Produktion.

Die Handlung des Rohstoff beginnt in Istanbul, genauer gesagt dem Stadtteil Tophane, wo der Protagonist Harry Gelb zusammen mit einem schwäbischen Maler in einer Dachkammer haust und beide ihrer Sucht nachgehen. Istanbul als Mekka der Junkies der sechziger Jahre wird beschrieben als ein Panoptikum der Suchenden, die auf ihrem Weg in die Freiheit auf den Pfad der chemischen Träume gelandet waren. Ob Opium oder Heroin, der Stoff hatte sie reduziert auf den Rhythmus der Sucht. Brutal und bedrückend wird das Existenzielle der Junkies freigelegt und es bleibt nichts von dem platonischen Traum der Erfüllung. Harry Gelb beginnt, die Reduktion seiner selbst in einfachen Wachsheften zu verbalisieren und bemerkt beim Schreiben, dass dieses selbst das Eigentliche ist, nach dem er sucht. Das Schreiben wird der Weg zur Emanzipation, doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Harry Gelbs Stationen sind eine Kommune in Berlin, eine Mansarde in Göttingen, erneute Zwischenstationen in Istanbul und Amsterdam, bis er sich auf Frankfurt einpendelt, woher er, wie der Autor selbst, auch kommt. Dort beteiligt er sich bei einer Hausbesetzung, schlägt in der besetzten Westend-Villa zusammen mit Kommunisten, Anarchisten und Rockern sein Zelt auf, ist zeitweilig liiert mit einer Französin aus dem Bildungsbürgertum, befreundet mit einem griechischen Regisseur, arbeitet als Wachmann für eine Security-Firma, arbeitet als Packer auf dem Frankfurter Flughafen, klappert unzählige Verlage mit einem fehlerhaften Typoskript seines ersten Romans, des Stamboul Blues ab, säuft mit Rockern und Wahnsinnigen herum, lässt alle Bindungen an eine bürgerliche Existenz sausen, kommt vom Stoff los, um sich in den Alkohol zu retten und erlebt den Abstieg der so genannten Gegenkultur.

Das Fixum, der rettende Schirm im freien Fall bleibt die Gewissheit, dass das Schreiben das Medium seiner Existenz ist und sein wird. Rohstoff ist ein erschütterndes Bekenntnis zur Literatur, das sich nicht deckt mit den Konstitutionsprinzipien einer bürgerlichen Bildung und Ästhetik. Sie kommt von unten, von der Straße und der Erkenntnis, dass das Unten das Normale, das Leben Bestimmende ist und sein wird. Jörg Fauser würde in der kommenden Woche 65 Jahre alt. Er ist seit 22 Jahren tot und wurde nicht nur deshalb zum Mythos. Seine Bücher bleiben vital und lassen das Blut gerinnen, weil sie aus der Substanz, dem Rohstoff gewoben sind, der das Leben dominiert.