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Weltpolitik: Kairos fühlt sich in Deutschland nicht zuhause!

Es ist beklemmend wie erkenntnisreich! Der Vorfall um das neue Militär- und Technologiebündnis AUKUS zwischen Australien,  dem Vereinigten Königreich und den USA hat gezeigt, welchen Charakter die NATO mittlerweile angenommen hat. Frankreich, das einen Vertag über 43 Milliarden mit Australien über die Lieferung von U-Booten hatte, war plötzlich außen vor, als die USA ein Konkurrenzangebot gemacht hatten. Es wird deutlich, dass der reklamierte gemeinsame politische Wille nur dann einen nennenswerten Stellenwert hat, wenn keine eigenen Geschäftsinteressen im Spiel sind. Das war nie anders, aber in Bezug auf die Etikettierung von Kriegsbündnissen als Wertegemeinschaften war das wieder einmal eine gute Lektion. Die Seele des imperialen, kolonialen Westens ist das Geld.

Dass nun Frankreich ausgegrenzt wurde, ist sicherlich kein Zufall. Präsident Macron war es, der angesichts der Gefahr, zu einem Bürzel der USA zu verkommen davon sprach, die NATO sei hirntot, bekommt nun die Quittung für sein garstiges Verhalten. Frankreich ist bis dato die einzige europäische Macht von Gewicht, die es gewagt hat, von eigenen, von den USA unterschiedenen Sicherheitsinteressen zu sprechen. Und Macron hatte dafür plädiert, gemeinsame Interessen der EU-Staaten mit Russland und China auszuloten und daraus eine eigene Politik abzuleiten. Man stelle sich vor, Deutschland schlösse sich einer solchen Betrachtungsweise an. Erwüchse daraus nicht ein Signal für die USA, dass man es nicht mehr nur mit blind gehorchenden Wachhunden zu tun hätte? Doch, wie es so oft in heiklen Situationen treffend heißt: Berlin schweigt! Es gibt ja genug Felder für heißes Geschrei im Bereich der praktisch folgenlosen Symbolik.

Abgesehen von dem Skandal um den australischen Vertragsbruch und die Schiebermentalität der USA verdeutlicht die Gründung von AUKUS die Aggressivität, mit der die militärische Eindämmung der aufstrebenden Macht Chinas betrieben wird. Die als zunehmende Gefahr beschriebene Aktivität Chinas besteht allerdings weder in kriegerischen Handlungen noch in völkerrechtswidriger Erpressung, worin sich die NATO unbestrittene Skills erworben hat, sondern in einer strategisch angelegten wirtschaftlichen Vorgehensweise. Auf Verträgen, die nicht durch Nötigung, kriegerische Erpressung etc. basieren wie der britische Raub Hongkongs, als neuen Imperialismus zu beschreiben, ist aus dem Munde der alten Kolonialmächte und der sie übertrumpfenden imperialistischen Macht der USA nur dann möglich, wenn die Propagandamaschine läuft wie geschmiert. Wie hieß es noch neulich im heute Journal?: Großbritannien sei die Schutzmacht der Demokratie in Hongkong! Lauter kann der Kolonialismus nicht schön gelogen und bejubelt werden.

Während in Deutschland der Moment einer neuen geostrategischen Positionierung an der Seite Frankreichs mit Zielsicherheit verschlafen wird, weil man sich in einem Wahlkampf einig ist, dass bündnispolitisch alles in bester Ordnung ist, zeigt die NATO dennoch Risse. Und, in dem die einzelnen Teile hinter dem Konfrontationskurs der USA blechern hinterherdümpeln, zeigt die Argumentation auch die abgrundtiefe Ignoranz gegenüber dem vermeintlichen Konkurrenten China. Wer glaubt, die mentale Situation dieses Landes ließe sich an der Befindlichkeit urbaner Eliten bemessen, kopiert den immer wieder gemachten Fehler der USA. Zu deren Doktrin, die sich stets als falsch erweist, gehört der Glaube, man müsse den Menschen, unabhängig von ihrem Kulturkreis wie ihrer Geschichte, nur die entsprechende Freiheit geben, und sie entschieden sich für den Kapitalismus und die damit verbundene parlamentarische Demokratie. Die Taten des Kolonialismus und das Wesen des Imperialismus sind im kollektiven Bewusstsein Chinas sehr präsent. Und dahin, da sind sich die meisten sicher, will niemand zurück. 

Und Kairos, der antike Gott, der die Gelegenheit bekanntlich beim Schopfe zu greifen verstand, fühlt sich – wieder einmal – in Deutschland nicht zuhause.

Gott Kairos und der Völkermord

Die Frage, ob es einen günstigen Zeitpunkt gibt, hängt von dem ab, worum es geht. Die griechische Mythologie brachte den Gott Kairos für diese Frage ins Spiel, der leicht lädiert, mit halbem Schopf durch die Sphäre gleitet, um daran ergriffen zu werden. Das Spiel mit dem rechten Augenblick ist vor allem im Spiel selbst bis zur Perfektion getrieben, allerdings mit einer Illusionsdichte, die kaum zu überbieten ist. Im so genannten wahren Leben ist der richtige Augenblick eine Frage von Intuition, Erfahrung und manchmal sogar nur von Glück.

Was im Leben eines Individuums so gesehen werden kann, ist im Leben eines Volkes oder einer Nation schon schwieriger. Denn trotz aller Erfahrungen und trotz eines großen Verlustes der Unmittelbarkeit sind Nationen nicht klüger als das einzelne Individuum. Hinzu kommt, dass Nationen für ihre Verfehlungen viel länger zahlen müssen als einzelne Individuen. Das kollektive Gedächtnis der Völker hat einen anderen Bezugsrahmen als der fliegengleiche Horizont eines einzelnen menschlichen Wesens.

Kairos, dieser unfrisierte Hallodri, wandert zwar auch durch die Gemächer der großen Geschichte, allerdings immer nur in der Jetzt-Zeit. Im Hier und Heute kann es passieren, dass eine Nation, vertreten durch Regierungen oder einzelne Staatsmänner oder Staatsfrauen eine Gelegenheit beim Schopfe packt, die andere vielleicht würden vorbeiziehen lassen. Die deutsche Einheit ist so ein Beispiel, das gut illustriert, wie die Hand nach Kairos Schopf griff und ihn festhielt.

Was den flüchtigen Gott aber noch nie geschert hat sind die Gelegenheiten, an denen Nationen sich ihres eigenen historischen Handelns besannen. Das interessiert den Kairos nicht, denn das liegt weit hinter ihm, da ist er längst nicht mehr zuhause. Ob und wie sich die Franzosen oder die Russen ihrer Revolutionen erinnern, ob und wie die Amerikaner über die Besiedelung des Kontinents nachdenken, ob und wie die Deutschen über den Holocaust oder die Türken über ihre Vergehen gegen das Volk der Armenier nachdenken, das interessiert Gott Kairos herzlich wenig.

Insofern ist es unsinnig, über den richtigen Zeitpunkt einer Aufarbeitung von Geschichte zu reflektieren. Aus der Geschichte, aus ihrer Geschichte lernen sollten alle Nationen. Wann sie mit bestimmten Lernprozessen beginnen, hängt immer von ihnen selbst und von jenen ab, die mit ihnen in Interaktion standen. Zu sagen, es gäbe dafür günstige und weniger günstige Zeitpunkte, das hänge von der jeweiligen diplomatischen Konstellation ab, muss eine Irritation hervorrufen, weil diese Behauptung eine These in sich trägt, die von einer eigenen Lernunwilligkeit zeugt.

Diese Lernunwilligkeit wird  hier und heute getragen von einem Nützlichkeitsdenken, das perverser eigentlich nicht sein kann. Weil die Türkei momentan dafür sorgt, dass viele Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nicht nach Zentraleuropa kommen, soll der Völkermord des osmanischen Reiches an den Armeniern vor einhundert Jahren in Deutschland nicht öffentlich thematisiert werden dürfen. Eine solche Denkweise unterstellt, eine nationale Reflexion über den Tatbestand des Völkermordes unterläge der Wahl eines günstigen Zeitpunktes. Das ist schräg und aus dem Munde eines Deutschen ungeheuerlich. Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterliegen in ihrer Ahndung keinen Opportunitätsprinzipien.

Diejenigen, die jetzt hinsichtlich der im Bundestag verhandelten Armenien-Resolution einer Art des Appeasements bezichtigt werden, werden weit unter der eigenen Gefahr gehandelt. Es ist kein Appeasement, über den richtigen Zeitpunkt zur Thematisierung von Völkermord zu reflektieren. Es ist ein Grad an politischer Perversion, der als Wurzel dessen bezeichnet werden kann, was eigentlich beklagt werden soll.