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Politische Relativitätstheorie

Über den Jemen wissen wir nahezu nichts aus den hiesig dominanten Medien. Da wurde eher von der drohenden, größten menschlichen Katastrophe aller Zeiten im syrischen Idlib schwadroniert, die dann allerdings doch nicht eintrat, weil es auch Einigungsprozesse gibt, bei denen der „Westen“ nicht beteiligt ist. Als Zyniker könnte man fragen, ob das positive Ergebnis nicht deshalb zustande kam. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass den Lamenteuren hierzulande es um das Schicksal von IS-Kämpfern ging. Aber im Jemen, da lassen Tausende ihr Leben, und die Nachrichtenticker bleiben im Cool-Modus.

Und nun der Fall Khashoggi! Das Schicksal des dem saudischen Regime gegenüber kritischen Journalisten ist bedauernswert. Einen Menschen wegen seiner Meinung zu ermorden, das geht nicht, und doch wurde uns gezeigt, wie leicht es ist. Dass andere, auch westliche Geheimdienste ähnlich wie der saudische unterwegs sind, lässt sich nur vermuten, meistens bekommen wir Nachrichten darüber, wie derb und brutal die Russen zulangen und die Spekulation über CIA und MI5 leitet sich aus Hollywoodproduktionen ab, die, fragte man die Agenten, allesamt ihre Storys aus der Luft greifen.

Politik ist auch die Art und Weise, wie etwas kommuniziert wird. Der Kommunikationsmodus verrät vieles über die tatsächlichen Motive, die Werte und die Interessen. Und der Fall Khashoggi zeigt, wie tief der nahezu komplette Überbau dieser Gesellschaft gefallen ist. Während der massenhafte, von saudischer Seite und deutschen Waffen mitbetriebene Völkermord im Jemen nahezu keine Erwähnung findet, während die ehedem bekannte Unterstützung von Al Qaida und dem IS aus Saudi Arabien tabuisiert wird, muss nun ein einziger Leichnam herhalten, um eine Welle der Empörung auszulösen, die in heißen Telefonaten der Weltprotagonisten ausartet und den saudischen Prinzen Salman, den größten Kriegstreiber im Nahen Osten, dazu veranlasst, die von ihm selbst gedungenen Mörder ganz empört vor ein Gericht zu stellen. Da beweist sich, wie hoch die Werte, auf die sich die Unterhändler der Waffenlieferungen an alle möglichen Dunkelmänner berufen, tatsächlich auf der Börsenwand firmieren.

Der Fall Khashoggi illustriert die im politischen Lager des Westens grassierende Verwahrlosung, und sie hat auch ein System. Es besteht aus einer komplett falsch verstandenen Relativitätstheorie. Aber in Zeiten des Glaubwürdigkeitsverfalles ist auch dieses sekundär. Während ein Einzelschicksal zum Kulminationspunkt einer bedeutungslosen Symbolpolitik hochstilisiert wird, werden quantitativ wie qualitativ bedeutende Ereignisse aus dem Blickfeld genommen. Das ist von den Relationen unangemessen und grenzte an eine pathologisch zu kategorisierende Wahrnehmungsstörung, verbürge sich nicht dahinter das bewusste System einer gezielten Verschleierung.

Das ist es, was uns der Fall Khashoggi lehrt. Es geht nicht um die Empörung über einen abscheulichen Mord. Es geht um die Ablenkung von Kriegen und Kriegsvorbereitungen und um die Verschleierung eigener Mitschuld im Sinne sehr materieller Unterstützung eines Mörderregimes.

„Wir sind die Guten“, das ist der Slogan einer Elite, die sich komplett vom Rest der Bevölkerung abgeschottet hat und nicht einmal mehr ahnt, was in der Köpfen derer, die derartig unwürdige Schauspiele beobachten, vor sich geht. Entfremdung, nennt man so etwas, und das, was sich überall in unseren Wertezonen an Erosion zu beobachten ist, ist auf dieses Phänomen zurückzuführen. Bleibt nur eine Folgerung: Game over!

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Geschichten aus dem Endstadium

Wir leben in brillanten Zeiten. Zumindest für Karikaturisten und Satiriker. Das Problem, für das wir selbst verantwortlich sind, ist die eigene Wahrnehmung. Wir glauben tatsächlich, dass das, was wir täglich sehen und erleben, identisch ist mit dem, was landläufig als die Realität bezeichnet wird. Das ist der Trugschluss unserer Tage. Denn das, was wir sehen, ist noch lange nicht das, was tatsächlich ist. Wäre dem wirklich so, so befänden wir uns bereits längst in der lodernden Hölle.

Ausgerechnet der türkische Staat ist es, seinerseits eine der neuesten Versionen der Presse-Inquisition, der dem ölgetränkten Königreich der Saudis nun vorwirft, die Freiheit der Presse zu gefährden. Es geht um den spurlos verschwundenen arabischen Journalisten Khashoggi, der von türkischem Boden aus Kritisches über seine saudische Heimat schrieb.

Die Saudis ihrerseits wiederum gingen ganz gemütlich mit dem Vorwurf um. Mit rauer Wüstenstimme schufen sie ein für den Westen in seiner Unbefangenheit neues Narrativ. Demnach hatten sie eine kleine Folterdelegation in das Reich Onkel Osmans geschickt, um dem Querulanten, den man von der Straße weg ins Räuberhauptquartier der eigenen Botschaft entführt hatte, ein paar Fragen zu seinem lästerlichen Treiben zu stellen.

In der offen geäußerten Version der Saudis sei das Verhör aber leider ein bisschen schief und aus dem Ruder gelaufen, und der Redakteur mit dem Namen des weltweit größten und berüchtigten Waffenhändlers hauchte plötzlich das Leben aus. Weitererzählt wird die schauerliche Schmonzette dann vom türkischen Geheimdienst, der seinerseits davon ausgeht, dass die Überreste des schief gegangenen Interviews mit einer Heimwerkersäge zerkleinert und in kleinen Portionen aus der Botschaft heraus entsorgt worden seien. Das Rätsel, das bleibe, sei der Verbleib der schwarzen Fracht.

Präsident Putin wiederum, der Schauplatz hat sich nun geändert, Präsident Putin, der Kühle aus dem Reich des Nordens, wurde nun dabei ertappt, dass er sich hat gehen lassen. Und zwar in der Wortwahl gegenüber einem ehemaligen russischen Spion, der die Seiten gewechselt hatte. Der hieß Skripal und erfreute nun mit seinem Wissen den britischen Geheimdienst. Dieser konnte das Plappermaul zwar nicht schützen, denn mitten auf dem Territorium seines neuen Exils wurde er vorübergehendes Opfer eines Giftgasanschlages, vermeintlich begangen von ihrerseits russischen Agenten.

Letztere, die man dafür hielt, wurden in Russland aber als harmlose Fitnesstrainer identifiziert, die aus privater Initiative nach Südengland gereist waren, um die Lage auf dem Freizeitsportmarkt auszutarieren. Dass beide einmal Offiziere der russischen Armee waren, hat damit wenig zu tun. Was jedoch hängen bleibt, ist Putins Äußerung über Skripal. Es handele sich, so der mächtigste Mann Russlands, um einen Drecksack, der sein Land verraten habe.

Bliebe noch ein kleines Licht aus dem eigenen Land. Da wieherte ein Mann des Volkes von der bayrischen Wahlkampfbühne die Gefahr ins Land, wer aus Schwarzafrika einreise sei wahrscheinlich mit HIV positiv infiziert. Daher wolle er genau wissen, was los sei, wenn so ein Neger ihn auf der Straße anküsse.

Es empfiehlt sich, schleunigst damit zu beginnen, die Symptome der intellektuellen Erosion, unter der wir alle aus welchen Gründen auch immer zu leiden beginnen, in einem Journal zu dokumentieren. Solle es jemals Nachkommen welcher Form auch immer geben, die unsere Sprache werden entschlüsseln können, sie würden es nie glauben, was wir uns im Endstadium erzählt haben.