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An der Oberfläche geknabbert

Burhan Qurbani. Wir sind jung. Wir sind stark

Der kluge Carl Weissner, die markante Stimme des deutschen Undergrounds, gestand einmal, dass der Verriss eines Werkes ihm gar nicht läge. Es müsse schon sehr viel geschehen, ehe er sich zu so etwas aufraffe, weil er wisse, wie sehr es einem unter die Haut ginge, wenn man selbst Gegenstand eines solchen Verrisses sei. Nicht nur deshalb geht es mir ähnlich. Ich habe immer das Gefühl, dass ein solches Vorgehen immer etwas mit Anmaßung zu tun hat. Und dennoch, manchmal gibt es Situationen, die erfordern, dass eine konsequente Position eingenommen wird, auch gegen ein Werk und damit seinen Schöpfer.

Diesmal geht es gegen einen Film. Er lief im ZDF und war als Drama angekündigt. „Wir sind jung. Wir sind stark“ war der Titel, unter dem der Film angekündigt wurde und er behandelte die rassistischen Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen im August 1992. Er stammt von dem deutsch-afghanischen Regisseur Burhan Qurbani.

Ich hätte mir das alles ersparen können, wenn ich meinem Instinkt gefolgt wäre und die Anmoderation des Films durch Klaus Kleber, die zeitgenössische Kollektivmetapher für die Verdunkelung, mit dem Satz, dass die Kollegen, die damals dabei gewesen seien, ihm berichtet hätten, dass der Film der damaligen Realität sehr nahe käme als Warnung genommen hätte. Von der bloßen Faktenlage muss man nicht dabei gewesen zu sein, um das zu bestätigen. Die Krawalle und ihre innere Motorik nach 25 Jahren noch so darzustellen erfordert allerdings ein Maß an Ignoranz, das erstaunlich ist.

Zu den Fakten: In Rostock Lichtenhagen, einem sozialen Brennpunkt, in dem Arbeitslosigkeit und alle Formen der daraus folgenden sozialen Tristesse herrschen, werden Anfang der neunziger Jahre große Gruppen von Asylbewerbern in leerstehenden Plattenbauten untergebracht. Die Situation eskaliert, als Sinti und Roma dazukommen, die durch ihr Verhalten die bisherige „Ordnung“ stören. Plötzlich bricht der Damm und es entladen sich rassistische Emotionen, die in die Geschichte eingegangen sind.

Der Film zeigt den Ablauf, einerseits aus Sicht der sozialdemokratischen Akteure der Stadtverwaltung, deren Politik sich in einer Taktiererei zwischen ihr, der Landes- sowie der Bundesregierung um Zuständigkeiten erschöpft. Zentrum jedoch ist einer Gruppe von Jugendlichen, die herumstreunt und sich mental auf den vermeintlich großen Kampf vorbereitet. Die Zusammensatzung der Gruppe ist insofern interessant, als dass sich in ihr Vertreter der gehobenen Mittelschicht wie des Proletariats oder das, was im Rostock jener Tage davon geblieben ist, zusammenfinden. In der Gruppe wird gesoffen und gevögelt, und irgendwann werfen ihre Mitglieder Molotow-Cocktails und brandschatzen das berühmte Sonnenblumenhaus.

Das alles ist sicherlich richtig, nur, die heftige Kritik richtet sich gegen die Unterlassung an Erkenntnis, 25 Jahre nach den Ereignissen. Es hätte interessiert, warum und aus welchen Erwägungen gerade Rostock Lichtenhagen für die Unterbringung von Asylanten ausgewählt wurde, es hätte interessiert, warum und auf wessen Veranlassung, in der Nacht der Eskalation, plötzlich die Polizei abgezogen wurde, damit gebrandschatzt werden konnte. Und es hätte interessiert, was sozial, politisch und kulturell bei den Jugendlichen passiert war. Sie hatten den Untergang der DDR erlebt, den Untergang ihrer Stadt mit der Abwicklung des Hafens und der Werften und sie hatten alle ihre Hoffnungen begraben müssen.

Die Ereignisse in Lichtenhagen hätten ein Schlüssel für das werden können, wenn heute, wie es regelmäßig in Deutschland geschieht und nicht so interessiert wie Ereignisse im amerikanischen Charlottesville, Asylbewerberunterkünfte abgefackelt werden. Sich bei einer Darstellung der Geschehnisse damals diesen Erkenntnissen zu verschließen ist ein schweres Versäumnis. Zu erklären ist es, weil der freie Westen für viele eine herbe Enttäuschung war, die so stark wirkte, dass alle Dämme rissen.

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Radio Pjöngjang

Ausgerechnet Klaus Kleber, der Jurist, der sich zu einem durchaus respektablen Journalisten gemausert hat und den wir alle aus dem Heute Journal kennen, ausgerechnet Klaus Kleber verglich die Tagesthemen der ARD mit den Nachrichtensendungen Nordkoreas, in denen mit kalter Miene vom Blatt abgelesen werde. In seiner eigenen Sendung, in der er selbst erscheint wie das letzte Relikt aus einer Ära, als man noch eine Vorstellung vom Gehalt einer Nachrichtensendung hatte, dominiert nicht die Regie aus Pjöngjang, sondern die aus Bollywood. Was die Moderatorinnen in diesen Format an den Tag legen, ist lauer Zeitgeist, eine Mischung aus lapidarer Sprache und anti-autoritärem Trotz und weit entfernt von dem, was es zu reklamieren sucht.

Unerwarteter und erstaunlicher Weise waren die Kommentare derer, die Klebers Auslassungen in spiegel online gelesen hatten, durchweg kritisch. Sie teilten nicht die Auffassung, dass eine Nachrichtensendung locker und unterhaltsam sein müsse, um als qualitativ wertvoll bezeichnet werden zu können. Nahezu einhellig dokumentierte die Leserschaft ihren Willen zu Konzentration und Seriosität. Das beruhigt, ist aber wohl eher ein Zufallsergebnis.

Der scheinbar an Unterhaltungskriterien entwickelte Diskurs kaschiert allerdings eine sehr verbreitete und seit längerer Zeit ebenfalls in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durchaus etablierte Form der Meinungsbildung und gezielten Manipulation. Vor allem die Kolleginnen von Herrn Kleber sind für alle, die eine Nachrichtensendung anschalten, um Nachrichten zu erhalten, ein ständiges Ärgernis. Wie Modelle aus der anti-autoritären Kinderladenbewegung werfen sie ihr infantiles Politikverständnis mit einem rotzigen Ton und sprachlich restringiert in die längst ausgeschlagene Waagschale, um ihre persönliche Meinung zu einem Maßstab für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu machen. Dabei ist das Politikverständnis bemitleidenswert eng gefasst, der sprachliche Duktus allenfalls ausreichend für eine Casting-Show und der Emotionsexhibitionismus eher ein Fall für das Dschungel Camp oder Big Brother.

Die Entwicklung des Heute Journals korrespondiert mit dem vermeintlichen nachlassenden Vermögen der Zielgruppen, aus einer kalten Information, die als ein Faktum für sich steht und die aus einem bestimmten Kontext zu deuten ist, sich eine eigene Meinung zu bilden. Es ist nicht nur seltsam, dass es immer noch viele Menschen gibt, die diese Art und Weise des Informationserwerbs bevorzugen, sondern auch in der Lage sind, den manipulativen Charakter der immer mehr um sich greifenden Nachrichtendeformation zu entlarven.

Das Problem liegt also nur zum Teil an den massiv betriebenen und auf allen Kanälen forcierten Entmündigungsversuchen, sondern in der Unfähigkeit, eine wirksame Opposition zu organisieren. Das Phänomen, das sich nolens volens hinter dem Vergleich mit Pjöngjang verbirgt, ist der Zusammenhang von Unterdrückung und Bevormundung und dem Maß notwendiger Gewalt. Während Regimes wie das in Nordkorea noch mit einer sehr eindimensionalen Vorstellung von Steuerung und Bevormundung agieren und notfalls mit dem Einsatz von Uniformierten daher kommen müssen, sind unter hiesigen Verhältnissen die bunt gekleideten und nett anzusehenden Mickey Mäuse aus dem Heute Journal in der Lage, zersetzende Herrschaftsideologie unters Volk zu bringen. Dort, wo sich Menschen organisiert gegen die modernen Raubzüge gegen den Humanismus zur Wehr setzen, rügen sie mit Liebesentzug und dort, wo die Illusion einer nie zu realisierenden Versöhnung gepflegt wird, reagieren sie mit einem verheißungsvollen Augenaufschlag. Und sie suggerieren schelmisch den bedingungslosen Individualismus als das höchste Gut. Das ist die schöne neue Welt, oder, wenn man so will, das moderne Radio Pjöngjang.