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Die Stunde der kalten Strategen

Es kam, was kommen musste. In einer Welt, die sich aus Emotion und Leidenschaft speist, deren Fortbestand aber von der Entwicklung der Zahlen abhängt, wird selbst aus einem Slogan „Echte Liebe“ nichts anderes als ein Wechsel auf die Zukunft. Er funktioniert nur, wenn sich die Rendite einstellt. Nüchtern betrachtet ging es darum: Der Fußballtrainer Jürgen Klopp hat Dortmund sehr viel zu verdanken. Er ist dort zu einer Persönlichkeit gereift und man hat ihn machen lassen. Letztendlich erwarb er im Areal der Roten Erde sogar den Weitblick für den zu wählenden Zeitpunkt einer selbst bestimmten Trennung. Das sollte er nicht vergessen. Dortmund hat ihn zu dem gemacht, was er ist. Natürlich hat er mitgemacht, aber ohne die mächtige Tradition, den Kult um den Verein und die ruhrgebietsspezifische Verlässlichkeit dieses Vereins wäre e nie das geworden, was er heute ist. Fast sollte man ihm zurufen, Mensch Klopp, verneige dich vor dem BVB!

Als er kam, 2008, war der BVB ein schwächelnder Riese ohne große Perspektive. Die goldene Zeit, die dann anbrach, hatte zweierlei Ursachen. Zum einen die durch Joachim Watzke erfolgreich voran getriebene Professionalisierung des Managements und die Revolutionierung des gespielten Fußballs durch Jürgen Klopp. Das, was Klopp in Dortmund vollbrachte, fand vor großer Kulisse statt, Watzkes Part spielte dahinter. Der Erfolg beider hing voneinander ab. 

Jürgen Klopp war von der Idee besessen, die relativ statischen Spielsysteme aufzulösen und durch ein flexibles, schnelles Umschaltspiel zu zerschmettern. Das ist ihm mit einem hoch begabten, juvenilen und von ihm zu einem Leistungsfanatismus angetriebenen Haufen von Spielern famos gelungen. Teilweise wirkten die Akteure wie Meteore, die sich verbrannten, um die Fußballwelt zu erleuchten. So etwas kann ein Jahr gut gehen, vielleicht auch zwei, aber länger? Jeder Tag, den es länger brauchte, um eine Implosion der Mannschaft hervorzurufen, ist ein Beleg für die magische Motivation des Trainers. Und nicht erwähnt sind dabei der ewig präsente und gedemütigte bajuwarische Monopolist und seine alt bewährte Strategie der gezielten Abwerbung von Leistungsträgern. Eine Mannschaft, in der jeder Spieler über Monate und Jahre bei jedem Spiel 140 Prozent gehen muss, um die Faszination auszulösen, an die man sich so gerne gewöhnt, eine solche Mannschaft ist irgendwann müde und ausgelaugt. Physisch wie psychisch.

Daraus gelernt haben ebenfalls die Münchner. Allerdings ohne die Fehler des Kreators zu wiederholen: Schnelles Umschaltspiel ja, aber nicht bedingungslos und nein, nicht nur mit einer Garnitur, sondern mit nahezu dreien. Wer schon Fußball wie das Eishockey spielen will, der braucht auch die gleichen Bedingungen. Das hat man in Dortmund nicht gesehen und wenn ja, hatte man nicht die Möglichkeiten. Das nimmt ihnen dort aber nicht den Lorbeer, den es verdient. Aber, auch das wissen wir, letztendlich kommt Lorbeer in die Suppe, und nicht auf das Haupt, wie Heinrich Böll es einmal so schön formulierte.  

Bei der Bilanz fällt auf, dass es nahezu nur Gewinner gibt: Borussia Dortmund als der Verein, der den deutschen Fußball, vielleicht zum zweiten Mal nach dem Jahrhundertsturm Emmerich, Held und Libuda, revolutionierte, Jürgen Klopp, der über diese Adresse und diese Leistung zu einem Trainer von Weltformat reüssierte und der FC Bayern als ewig glänzender Kopist. Der andere, leise Revolutionär Watzke, wusste mehr, als er zeigte und es ist auch zu vermuten, dass er einen klugen Plan in der Tasche hat. Im Pott herrscht immer große Emotion, was die kalten Strategen aus dem Rampenlicht nimmt. Es ist aber eine Täuschung.

Die Welt ist nicht gerecht

Eigentlich ist es skurril. Nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist kein Rausch, sondern ein Kater eingetreten. Anstatt dass die Akteure, die direkt beteiligt waren, hierzulande euphorisiert in ihren Fußballalltag gingen, hingen sie herum, als seien sie zurück im zivilen Leben nach einer langen Geiselhaft. Selbst die Reservisten von der Bank kamen mit Formkrisen zurück, die kaum jemand erklären konnte. Einmal abgesehen davon, dass das Ganze eine ungeheure physische Tortur war, über die wenig berichtet wurde, psychisch hätte nach dem Erfolg der Erfolge ein Hype folgen müssen, der ausblieb, wofür die Auftritte der Nationalmannschaft den besten Beleg geben.

Und nicht nur die Akteure, auch das Publikum trottet samstäglich eher desinteressiert in Stadien oder Sky-Kneipen, um sich das anzusehen, was alle wissen. Es hat sich nämlich nichts geändert durch den Titel. Alles ist beim Alten geblieben. Der FC Bayern dominiert die Liga wie immer und alles, was er veranstaltet, ist Weltklasse und der Rest ist Provinz. Dass das so bleibt, dafür sorgen die gegenwärtig auf freiem Fuß befindlichen Vorstandsmitglieder. Wie immer schon sind sie dabei, dem momentan einzigen Rivalen einen weiteren Schlag zu versetzen, von dem sich dieser nicht mehr so einfach erholen wird. Nach der während des Champions-League-Wettbewerbs stinkigen Abwerbung von Götze folgte Lewandowski. Nun steht laut Rummenigge noch Reus auf dem Zettel. Kein Grund zur Aufregung. So handeln Monopolisten. Der Staatsclub aus München, fest am dortigen Prozess der Balkanisierung beteiligt, ist eher ein Fall für das Bundeskartellamt. Aber dort ist man auf die Idee nicht gekommen.

Dass Jürgen Klopp mit Hinweis auf die jüngsten Manöver aus München ins Mikrophon sprach, er glaube an Gerechtigkeit im Leben, und auch böse Taten würden irgendwann geahndet, ehrt ihn als Pädagogen, erweckt allerdings auch etwas Mitleid. Angesichts der Monopolisierung des deutschen Fußballs und der Berichterstattung über ihn so etwas von sich zu geben, klingt schon eher nach Defätismus. Letzterer ist bekanntlich schlimmer als feindliche Kanonen. In diesem Fall ist Kampf besser als Räsonnement. Wollen wir hoffen, dass der BVB in München zeigt, was Moral ist. Taktisch sind sie besser, aber das Personal wurde zu schnell abgeworben. Und wer kann es Spielern verübeln, denen viel Geld, Erfolg und ein Sitz im Alpenvorland geboten wird, wenn sie Gelsenkirchen-Buer oder Dortmund-Wickede verlassen?

Apropos Berichterstattung. Nicht alles wird erzählt, da hält man sich an Nachrichtensprerren, zumindest wenn es um den FC Tegernsee geht. Dass der Gomez so klanglos gehen musste und der Schweinsteiger nie mehr spielt, wenn der Gomez in der Nationalmannschaft aufgestellt ist und umgekehrt hat Gründe, aber das ist Privatsache. Stimmt. Nur, dass bei anderen, die woanders spielen, darauf gepfiffen wird.

Und natürlich Schalkes neuer Trainer Di Matteo. Seitdem er als Coach des Londoner Clubs Chelsea den Bayern das Endspiel Dahoam versalzen hat, gilt er als Beton-Philosoph. Mit einer klugen Defensiv-Taktik und einem gravierenden taktischen Fehler seines damaligen Pendants Jupp Heynckes war es ihm gelungen, den Bayern den Titel im eigenen Stadion zu nehmen. Und kaum ist er in Schalke angekommen, da wird die Spielweise der Schalker als Anti-Fußball auf der ganzen Linie bezeichnet, während noch zwei Wochen vorher das desolate Abwehrverhalten beklagt wurde. Da wird noch manches kommen, so sehr die Verherrlichung auf der einen Seite zelebriert wird, so sehr wird die Diskriminierung gezogen, sobald der Glanz des Alleinherrschers gefährdet gesehen wird. Die Welt ist nicht gerecht. Deshalb ist das jetzt alles so langweilig. Monopole killen die Konkurrenz und produzieren Eiszeiten. Bis die rum sind, sind die Vorräte aufgebraucht.