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Der Echoraum

Metaphern und der Kontext ihres Gebrauches sind Juwelen der Erkenntnis. So richtig ins Bewusstsein kam diese Einsicht hierzulande mit dem damals bahnbrechenden Werk Theweleits, den Männerphantasien. Der hatte die deutsche Literatur von zweihundert Jahren durchwühlt und das patriarchalisch-maskuline Dominanzdenken anhand der verwendeten Metaphern dechiffriert. Seitdem gab es immer wieder Ansätze, den Gebrauch von Metaphern, die es durchaus bis hin zu Kollektivsymbolen schaffen können, wissenschaftlich zu untersuchen und auf ihren sozialen, politischen und psychologischen Gehalt zu untersuchen. Leider ist es bei Versuchen geblieben, denn der Erkenntniswert solcher Betrachtungen ist sehr groß.

Kollektivsymbole, um es noch einmal zu verdeutlichen, sind solche Metaphern, die nicht in einzelnen Werken der Literatur, sondern in der gesamten Gesellschaft benutzt werden. Das ist nur möglich, wenn sie von den unterschiedlichen Teilen einer Gesellschaft akzeptiert und tatsächlich als Bild benutzt werden. Sehr lange waren es noch Bilder aus dem Krieg (Granaten, Bomben, Haubitzen), dann folgten technisch-industrielle (Volldampf, unter Strom, Module, Schnittstellen). Die hier gewählten Begriffe sind willkürlich, aber sie illustrieren die Intention der Aussage.

In Bezug auf das Internet und die damit verbundene jüngste Entwicklung der Meinungsbildung haben sich die Fronten zwischen professionellem Journalismus und den Hobby-Bloggern dramatisch verhärtet (auch ein Kollektivsymbol aus vergangenen Zeiten), weil das Monopol der Medien durchbrochen wurde und die Ökonomie der Informationsindustrie zu dramatischen Veränderungen geführt hat. Einerseits befindet sich der professionelle Journalismus auf dem absteigenden Ast, andererseits können intelligente und schreibkundige Privatpersonen ohne nennenswerte Kosten ein großes Publikum erreichen. Das ist für die, die vom Verkauf von Informationen leben müssen, das pure Drama.

Insofern ist es kein Wunder, dass aus den Reihen des professionellen Journalismus sehr schnell eine Metapher benutzt wurde, die gut gewählt war und die es sogar schon bis zum Kollektivsymbol geschafft hat. Es ist die des Echoraumes. Was damit beschrieben werden sol,l ist die in vielen Internetforen herrschende Atmosphäre der Einigkeit. Wie bei der Schwarmintelligenz finden sich diejenigen, die eine spezielle politische, religiöse oder abenteuerliche Sicht der Dinge haben und bestätigen sich in ihrer Sicht gegenseitig. Und tatsächlich ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten und tatsächlich ist die Metapher von einem Echoraum, also das wiederholte Hören der eigenen Sätze und Meinungen, ein treffendes Bild.

Die Kritik, die sich mit der Metapher des Echoraumes verbindet, ist die, dass kein kritischer Diskurs mehr stattfindet und eine eindimensionale Meinungsproduktion den kritischen Journalismus ablöst. Eigenartiger Weise deckt sich dieser Vorwurf nur bedingt mit meinen eigenen Erfahrungen. Es ist wohl eine Teilwahrheit. Was allerdings auffällt, ist das Abgleiten des professionellen Journalismus in eben diesen kritisierten Zustand. Ursache dafür scheint die Ökonomie zu sein. Da war es die Monopolisierung beim Medienbesitz und die Revolutionierung der Produktion, die den Echoraum in die reale Lebenswelt dieses Metiers verwandelt haben. Monopole sind recht eindimensional was die Artikulation ihrer Interessen anbetrifft. Hinzu kommt der Zwang, sich auch auf die Billigproduktion des binären Zeitalters zu beziehen. So sind viele Mäuse in den elektronischen Archiven unterwegs, die unter prekären Arbeitsverhältnissen das liefern, was ihnen gesagt wird und fetten Katzen der Meinungsmache, die den Echoraum des Meinungsmonopols so richtig zum Schwingen bringen.

Echoraum hat es zum Kollektivsymbol geschafft und die, die den Begriff als solches kreiert haben, sitzen mitten drin.

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Psychopathologie als Kollektivsymbolik

Claire Danes, Damian Lewis. Homeland, Season 1

Dass sich die Welt nach dem 11. September 2001 geändert hat, wird immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln festgestellt. Wie sie sich verändert hat, hängt zumeist von der jeweilig gewählten Perspektive ab. Sicher scheint zu sein, dass sich ein vermeintlich politischer Konflikt, der zwischen dem christlich-kapitalistischen Westen und dem merkantil-islamischen Osten entstanden ist noch andere, schwerwiegende Symptome zu verkraften hat als sie in Kategorien der Geostrategie, der Ökonomie oder der Außenpolitik zu begegnen wären. Dabei handelt es sich um Dimensionen der Psychopathologie, die verursacht wurden durch allseitige kriegerische und terroristische Akte, die zu Verletzungen, Traumatisierungen und Schockerlebnissen geführt haben.

Ausgerechnet einer TV-Filmserie, diesmal von FOX und nicht aus dem Hause HBO, bleibt es vorbehalten, das Thema der psychischen Implikationen dieses Kultur- und Interessenaufpralls zu thematisieren. Kein Wunder, dass die Vorlage einer israelischen Serie entlehnt wurde, weil dort das Thema weit länger zum Alltag gehört als in Washington oder Berlin. Die erste Staffel von Homeland setzt auf eine einfache Regieanweisung: US-Marine gerät bei einem Einsatz im Irak in Gefangenschaft und landet bei Al Quaida. Nach acht Jahren wird er wie ein Wunder befreit und kehrt in die Heimat zurück. Natürlich wird er zum Politikum und natürlich liegen der CIA Hinweise vor, dass ein US-Soldat umgedreht worden sein soll. Das alles ist ein schlichtes und nicht besonders aufregendes Konstrukt.

Wie allerdings sowohl das Regiebuch als auch Damian Lewis als Nicholas Brody und Claire Danes als Carrie Mathison ihre Rollen ausfüllen, das ist eine neue Dimension der subkutanen Dramatik. Hier die strebsame und durch eine bipolare Störung forcierte CIA-Agentin, dort der durch Folter- und Verlusterlebnisse traumatisierte Soldat, der in ein Karussell der Loyalitäten geraten ist. In dem gesamten Konsortium der Akteure ist es ausgerechnet die Manisch-Depressive, die der Interpretationswahrheit der verworrenen Ereignisse am nächsten kommt und ihr Pendant, der Held, lässt menschliche Qualitäten wie Loyalität und Treue ebensowenig missen wie die kaltblütige innere Logik der Zerstörung. Beide Pole ziehen sich an und stoßen sich ab, aber sie sind die einzigen, die das gesamte Spiel zu durchschauen scheinen. Um sie herum erleben sie eine Welt, in der die Vertreter von Recht und Gesetz sich nur noch durch den Rechtsbruch zu helfen wissen und kalte Revanchisten aus Trauer zu Verzweiflungstätern werden.

In den Folgen der ersten Staffel wirkt nichts holzschnittartig und kein Klischee ist so schal, als dass es abstieße. Das Bezwingende ist die Raffinesse, mit der es gelingt, das scheinbar Absurde als folgerichtig in die Welt zu bringen. Dadurch kommt es zu einer Signatur für den Zustand der Protagonisten in diesem Konflikt: Jede Seite hat humane wie machtpolitische Argumente, um das Fortschreiten der Destruktion zu rechtfertigen. Dass die Akteure dabei unzweifelhaft und unwiederbringlich vor die Hunde gehen, ist unumgänglich. Fast könnte man sagen, um in der psychopathologischen Metaphorik zu bleiben, in dieser bipolaren Welt ist die Störung zum Normalzustand geworden, und diejenigen, die sich der Störung als Konsens der Konflikteure widersetzen, haben sich selbst auf die Liste der zu Zerstörenden gesetzt. Das einzige, das bei Homeland versöhnt, ist die Gewissheit, dass die Designer der Serie das Absurde durchschaut haben. Aber das ist der richtige Genuss im falschen!

Kollektivsymbolik

Die Verwendung von Bildern im Sprachgebrauch einer Gesellschaft spricht Bände. In den einschlägigen Wissenschaften benutzt man für dieses Phänomen den Begriff der Kollektivsymbolik. Es lohnt sich, die verschiedenen Phasen der Moderne aufgrund der in der Sprache verwendeten Bilder zu rekonstruieren, denn man ist ohne großen Aufwand dazu in der Lage, aufgrund der kollektivsymbolischen Verwendungen Rückschlüsse auf den technologischen Zustand und die politischen Verhältnisse der Gesellschaft zu ziehen.

In der Literatur des wilhelminischen Kaiserreiches wie der beiden Weltkriege fallen die vielen Bilder aus der Welt des Militärs und des Krieges auf, ob da von einer Bombenstimmung gesprochen wird, von Blindgängern oder Strandhaubitzen. Analog trifft man es in Bezug auf die Industrialisierung und Mobilität, wo der Sprachgebrauch von Eisenbahnen, Lokomotiven, Dampf und Stahl bevölkert wurde. Und anders geht es uns heute nicht, wo viel die Rede ist von Kommunikationskanälen, Schnittstellen und energetischen Verpuffungen. Anhand der Metaphorik kann man bisweilen sehr deutlich machen, in welcher gesellschaftlichen und technologischen Periode ein Individuum aufgewachsen ist und ob es ihm gelungen ist, das ganze Leben lang zu lernen und gegen die Halbwertzeiten des technischen Wissens anzukämpfen.

Auch die Politik und der Zeitgeist haben der Kollektivsymbolik ihren Stempel aufgedrückt. So verwendete das aufkommende Bürgertum mit der Mongolfière ein nahezu futuristisches Vehikel der Freiheit, der Industrialismus zog mit dem Dampf und der durch sie beschriebenen Maschine zu Felde, die russische Revolution fuhr mit der Lokomotive durch die Weltgeschichte, der Faschismus bevorzugte das archaische Ritual und der Nachkriegskapitalismus wurde nicht selten mit einem schnellen Automobil verglichen. Der politische Wille suchte sich immer ein Kollektivsymbol, mit dem er sich verständlich machen konnte.

Und nun, nachdem wir gelernt haben, uns in Schnittstellen, Festplatten, Formatierungen und Datenautobahnen verständlich zu machen, taucht ein Begriff auf, der nicht in unsere Zeit passt. Der aus der Forstwirtschaft stammende Begriff der Nachhaltigkeit, mit dem das Denken in großen, an den Baumwuchs gebundenen Entwicklungszyklen ausgedrückt werden soll, infiltriert das Ensemble der hochtechnologischen Kollektivsymbole. Mit dem Begriff der Nachhaltigkeit wird zumindest sprachlich die technologische Entwicklung konterkariert und politisch eine Rückkehr zum bäurisch-zyklischen Denken gefordert.

Angesichts so mancher hochtechnologischer Entwicklung, die neben dem intendierten Ergebnis manch ungewollte, destruktive Wirkung nach sich zog, ist eine Rückbesinnung auf natürliche Entwicklungszyklen sicherlich ein zumindest in seiner pädagogischen Dimension ernst zu nehmender Rat. Der inflationäre und an unzähligen Stellen absurde Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs deutet jedoch daraufhin, dass das Kollektivsymbol eine zivilreligiöse, archaische Intention beinhaltet. Die Komplexität unserer Existenz verlangt jedoch eine differenzierte Analyse der verschiedenen Komponenten, und eine strategisch auf die Forstwirtschaft zurückzuführende Betrachtung birgt dann doch wohl eine gehörige Portion Fundamentalismus in sich.