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G 20: Resümee im Knast-Jargon

Welch ein Desaster! Der Premier des weißesten Landes auf dem Planeten zog in einem Englisch, das bis heute wie ein Knast-Jargon klingt, eine positive Bilanz. Das G 20-Treffen im australischen Brisbane sei ein voller Erfolg gewesen. Da implodiert der Verstand wie eine missratene Creme Brulee. Die Dimension des Erfolges war das Aufzählen von Maßnahmen, die den Mitgliedsstaaten ein prognostiziertes Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent bescheren sollen. Und, notabene, es sei endlich gelungen, systemrelevante Banken zu regulieren, sodass, so der O-Ton von Kanzlerin Merkel, diese ihrerseits nicht mehr die Gesellschaft erpressen könnten, damit ihr unseriöses spekulatives Treiben wie während der Weltfinanzkrise von 2008 mit Sparguthaben der Bürgerinnen und Bürger gedeckt werden müsse. Das ist wirklich ein phänomenaler Erfolg. Vor allem staatliche Banken, die es teilweise schlimmer getrieben haben als irgendwelche Cayman Fuzzis, sollen das jetzt nicht mehr dürfen. Das ist ein Fazit in Bezug auf die eigene Regierungsführung, das sich die Völker der freien Welt auf der Zunge zergehen lassen sollten.

Das Bild des Gipfels ist jedoch ein anderes. Am ersten Abend während des gemeinsamen Banketts saß der russische Premier alleine am Tisch. Niemand hatte sich zu ihm gesetzt. In den Medien wurde dieses Ereignis ausgekostet wie ein großer diplomatischer Sieg. Russland isoliert, wegen seiner vermeintlich Konflikt treibenden Rolle in der Ukraine. Wenn es einen Beleg für die völlige diplomatische Inkompetenz des dort versammelten Konsortiums gegeben hat, dann dieses Bild. Wie waren noch die gerade zu den Feiern zum 25jährigen Mauerfall vom ehemaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow zitierten Worte Willy Brandts gewesen? Wer nicht schießen will, muß reden! Ja, die Antwort wurde gegeben. Denn wer in einer solchen Situation nicht reden will, der hat wohl vor zu schießen.

Oder anders herum. Putin hat in einem Interview mit dem deutschen Fernsehen am Rande des Gipfels den Sachverhalt aus seiner Sicht geschildert. Die Regierung der Ukraine setze momentan Streitkräfte inklusive Luftwaffe gegen die Rebellen in der Ost-Ukraine ein. Er, so Putin, sei dagegen, dass eine Regierung vor Russlands Haustür die Streitkräfte gegen Bevölkerungsgruppen einsetze, die sich gegen einen Konfrontationskurs mit Russland wehrten. Ob das so ist, kann von hier aus schwer beurteilt werden. Was jedoch verblüfft, ist die Schweigsamkeit der Medien über das, was in der Ost-Ukraine vor sich geht. Waren noch vor kurzem jeden Tag brennend heiße Berichte aus jedem Kartoffelkeller von den medialen Frontschweinen zu sehen gewesen, so ist seit dem Beginn der Offensive seitens der Regierungstruppen Totenstille. Das kann heißen, dass die Medien des freien Westens dort nicht hin dürfen. Das wäre sehr verdächtig. Oder sie dürfen und sie möchten nicht das berichten. Das wäre beschämend und würde den Eindruck bestärken, dass sie ihren Job als demokratisches Kontrollorgan nicht mehr machen, sondern Partei ergreifen für eine aggressiv operierende Seite. Das wäre nicht nur ihr Bankrott, sondern auch eine Bestätigung für Putins Anklage.

Für alle, die es noch nicht bemerkt haben sollten. Der Kalte Krieg ist längst zurück. Die Schwarz-Weiß-Malerei anlässlich bestimmter Kontroversen in der internationalen Diplomatie ist der beste Beweis dafür. Gegensätzliche Interessen sind der Treibstoff internationaler Entwicklung. Die Kunst, in Konstellationen brisanter Interessenlage nach Wegen der Lösung zu suchen, die sich jenseits der militärischen Logik bewegen, nennt sich Diplomatie. Der Krieg, so Clausewitz, ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Den Korridor dorthin beschreibt die gescheiterte Diplomatie.

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Notwendigkeiten unbequemer Interventionen

Wer kennt sie nicht, die Situation? Irgend etwas entwickelt sich in dem eigenen Lebensumfeld, das nicht so in die Vorstellung passt, wie es laufen sollte. Zunächst sind es Kleinigkeiten, die eine leichte Irritation auslösen. Wir beobachten das Verstörende und denken, dass es sich vielleicht um etwas handelt, das sich vielleicht wieder einrenken wird. Irgend ein Verhalten von Personen, die im eigenen Soziogramm von Bedeutung sind. Erst irritiert es, dann verstört es und wenn es sich nicht mit einer wie auch immer menschlichen Laune erklären lässt, wird es ein Dauerzustand. Es ist festzustellen, dass es sich nicht um einen durch den immer wieder angeführten Zufall erklären lässt. Die Route, die bestimmte Akteure einschlagen, weicht von den von uns als Konsens unterstellten Vorstellungen ab und stabilisiert sich. Das soziale Feld ist gestört. Will man selbst als Subjekt und nicht als Objekt in der Interaktion weiter existieren, ist der Zeitpunkt gekommen zu handeln.

Selbstverständlich, so muss festgestellt werden, bieten sich noch andere Optionen. Eine, die leider allzu oft gewählt wird, ist die der inneren Abwehr, d.h. man ist zwar irritiert und unzufrieden, aber man nimmt es um des viel zitierten lieben Friedens willen hin. In der Regel wird der Konflikt, denn um einen solchen handelt es sich, unbewusst und non-verbal bearbeitet, aber es führt zu nichts. Im Grunde genommen geht es mittlerweile um einen Machtkampf, der als solcher nicht bezeichnet wird. Die Akteurinnen und Akteure, die ihr Verhalten geändert haben, hatten auch keine Gelegenheit, ihre Motive zu erklären. Es entstehen Dissonanzen, die sich nicht mehr anhand eines rationalen Dialogs klären lassen. Um es deutlich auszudrücken: Die Karre steckt so richtig im Dreck.

Die Ursachen für die beschriebene Option, die im Grunde genommen keine ist, liegen häufig in der wachsenden Unfähigkeit der Handelnden, in Konflikte zu gehen. Das hat nicht selten etwas mit dem vermeintlichen Konsens des friedlichen Miteinanders zu tun. Wer aufbegehrt und aus seiner Sicht Missstände anprangert, gilt nicht selten als Unruhestifter, der verantwortlich ist für soziale Verwerfungen. Diese Wirkung liegt an einer Ideologie, die auch als Zeitgeist bezeichnet werden kann, der immer den Konsens sucht, um Konflikte zu vermeiden, die zwar da sind, aber gar nicht gelöst werden sollen.

Ein Aspekt, der in diesem Kontext ausgeblendet wird, ist der mangelnde Respekt, der immer mitschwingt, wenn Missstände zugetüncht werden sollen. Immer wieder ist festzustellen, dass große Verwunderung gezeigt wird, wenn die These formuliert wird, dass man gegenüber jenen, deren Verhaltensänderungen die Irritation auslösen, keinen Respekt zeigt, wenn man sie nicht darauf anspricht. Genau das aber ist der Fall, weil durch das Schweigen bei gleichzeitiger Herausbildung einer eigenen Abwehrhaltung die Personen, um die es geht, keine Chance erhalten, um sich zu erklären. Letzteres allerdings hat jeder verdient.

Letztendlich geht es aber auch um den Respekt vor sich selbst. Wer Veränderungen hinnimmt, die ihm nicht passen, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, sich selbst zu erklären, der verzichtet selbst auf das verbriefte Recht, seine eigene Position zu artikulieren. Das Schema, das den Konflikt aufgrund einer vermeintlichen Konsensbildung ausblendet, ist das eigentliche Initial für kontinuierliche soziale Dissonanz. Die Grundidee der Demokratie sieht daher den Streit nicht nur als ein individuelles, sondern auch als ein institutionelles Recht an, das selbstverständlich unter Regeln stattfinden muss, die dem Grundgedanken der Würde des Menschen Rechnung tragen. Letztere wird im aktuellen privaten, im wirtschaftlichen und im politischen Kontext mit Füßen getreten. Möglich ist das nur, weil die Individuen in ihrem eigenen, von ihnen beeinflussbaren Umfeld davon kaum noch Gebrauch machen. Es ist an der Zeit, die unbequeme Intervention wieder zu üben. Jeden Tag.

Der Strömung die Stirn bieten

Man sagt den Deutschen nach, sie seien konfliktscheu geworden. Bei der Betrachtung der Felder, auf denen es tatsächlich beobachtbar ist, auf denen der Kommunikation, könnte der Eindruck gewonnen werden. Die Zeiten, in denen Tacheles geredet wurde, scheinen lange vorbei zu sein. Vor allem die heutigen Politiker kommen einem vor wie Weichspüler, vergleicht man sie mit Urgesteinen wie Herbert Wehner, Franz Josef Strauß oder Helmut Schmidt. In deren Debatten flogen noch richtig die Funken und Journalisten, die aus Dummheit dazwischen gerieten, zitterten die Hände.

Es ist evident, dass diese Zeiten nicht mehr den unseren entsprechen. Und es liegt nahe, dass sehr schnell mit dem Hinweis argumentiert wird, das sei gut so und eine Folge der Zivilisierung der Gesellschaft durch den wachsenden Einfluss der Frauen. Das mag stimmen, denn tatsächlich haben sich die Verkehrsformen geändert. Ebenso evident sollte allerdings für jeden denkenden Menschen sein, dass durch einen Gender-Shift in der öffentlichen Kommunikation nicht die Konflikte aus der Welt sein können.

Doch, bei allem Wohlwollen, wo sind sie hin, die Konflikte? Die offene Konfrontation hat Vorteile, die auf der Hand liegen. Der Dissens wird benannt und offen, um nicht das heutige magische Wort der Transparenz zu bemühen, wird darüber gestritten, welche Argumente die besseren sind oder wo man eben nicht zusammenkommt. Das hat den Charme der Klarheit, aber es erfordert eine bestimmte emotionale Beschaffenheit der Interakteure. Sie müssen fähig sein, den Gegenwind eines Diskurses auszuhalten. Wer das nicht kann, geht unter im Disput.

Letzteres ist mit dem phantasmagorischen Idyll, welches durch die dominierenden politischen Strömungen seit den achtziger Jahren geschaffen wurde, dessen Paradigmen Frieden, Ökologie und Vielfalt geschaffen wurde, verdrängt worden. Nicht, dass die Treiber dieser Politik Weichspüler wären, das sind knallharte Jungs und Mädels, die sich schon morgens beim Aufstehen eine Linie Macht auf dem Spiegel der Eitelkeit reinziehen. Nein, aber deren Klientel hat sich das Idyll durch Weltfremdheit und einen katastrophalen Akt der Entmündigung erkauft. Sie sind degeneriert zu Objekten, die aufgrund der eigenen Diskursunfähigkeit ihr Mandat als gestaltende Subjekte abgetreten haben.

Die Akteure, die den öffentlichen Diskurs bestimmen, sind Ideologinnen und Ideologen der Seichtigkeit. Aus einem Geschwurmel von Friedensduselei, Naturverbundenheit, Gendergerechtigkeit und göttlicher Vielfalt leiten sie eine Rhetorik der knallharten Ausgrenzung ab, die den Entmündigten in aller Schärfe vorführt, was ihnen blüht, wenn sie sich vom Tugendpfad des Universalkonsenses abwenden und die Sünde begehen, selbst zu denken.

Gleich Inquisitoren kommen sie daher, und sobald gar eine Autorin oder ein Autor ein Buch verfasst, in dem der Mainstream als herrschaftliches Mittel der Unterdrückung entlarvt wird, starten sie multimedial einen Folterfeldzug, der sich nicht einmal zufrieden gibt, wenn die jeweils bürgerliche Existenz vernichtet ist. Es herrscht Krieg in diesem Land. Krieg gegen den eigenen Willen. Krieg gegen die eigene Sprache. Krieg gegen den eigenen Verstand. Was als Rebellion gegen die autoritären Väter begann, die sich aus den imperialistischen Feldzügen des organisierten Größenwahns gerettet hatten, endet hier und heute mit einer der perfidesten Formen der psychologischen Diktatur. Da ist nichts links, da ist nichts frei, da ist nichts tolerant. Jedem sei geraten, die Probe aufs Exempel zu machen und der Strömung die Stirn zu bieten. Die Reaktion des ach so demokratischen Mainstreams wird das beste Dokument seines autoritären Charakters sein. Doch wer die Angst einmal überwunden hat, der wird sich nie mehr fürchten. Es ist den Versuch wert.