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Von vollgepinkelten Ladenkassen und veganen Weihnachtsmärkten

Angesichts des Ausmaßes der heutigen, zeitgenössischen Inszenierung des Massenkonsums unter der Chiffre „Weihnachten“ stellt sich die Frage, wie sensibel diejenigen, die sich mit der Rolle des Fetischcharakters der Ware, der Entfremdung und des Wandels des Menschen vom Subjekt und Objekt befasst haben, anlässlich ihrer damalig tatsächlich vorgefundenen Verhältnisse gewesen sein müssen. Alles, was diese kritischen Geister schrieben, klingt wie eine dezente Vorahnung dessen, was der Kapitalismus an Fetischisierung bis heute zustande gebracht hat und wie weit die Sinnentleerung überhaupt fortschreiten kann, ohne dass eine anarchische Revolte, die aus dem bloßen Überdruss entstünde, dem infernalischen Treiben ein blutiges, rauchendes Ende setzen würde. 

Kurz gesagt und erklärt, lag ihrer Theorie die Annahme zugrunde, dass die Ware einen Doppelcharakter habe, der durch einen Gebrauchs- wie eine Tauschwert definiert sei. In ihrer Überhöhung komme es vor, dass der Gebrauchswert im Tauschwert bestehe. Die einfache Reflexion, welche Güter man für welche Bedürfnisse braucht, würde zunehmend überstrahlt von der Überlegung, welche nützliche Dimension ihr Tauschwert einnehme. Zudem sei die Überhöhung der Ware an sich dadurch möglich, dass der Weg ihrer Entstehung aus der Wahrnehmung verschwinde und die Eigenschaften, die die Waren auszeichneten, diesen genuin zugeschrieben würden und nicht von Menschen gemacht, was zu ihrer ideellen Überhöhung beitrüge.

Was so theoretisch klingt und so manche wieder abschrecken mag, ist allerdings der Schlüssel zu dem Wahnsinn, den wir in unserem Kulturkreis in diesen Tagen erleben. Es weihnachtet sehr, wir sind einem immer wieder eingestellten und aktualisierten Superlativ von nichtssagenden, immer gleichen Slogans des Konsums ausgesetzt, die dokumentieren, wie abseitig oder auch leer die Zentren unserer Existenz geworden sind. Wer die einfache Frage stellt, was denn der Anlass dieser Cash-Flow-Orgie sei, kann sicher sein, sich bereits auf dem besten Weg der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu befinden. Und wer die Chuzpe besitzt, tatsächlich darüber zu räsonieren, wer tatsächlich was brauchen könnte, gilt als fantasielose Kreatur.

Ja, auch dieser Überdruss ist nicht neu. Aber er wiederholt und steigert sich in einer Zeit, in der zu Recht von der Endlichkeit und den Grenzen des Planeten geredet wird und in der es sicherlich ein Zeichen von Verantwortung ist, über den Einsatz von Ressourcen genauso nachzudenken wie über die tatsächlich existierenden Bedürfnisse der Menschen. Letzteres hört sich nahezu artig an, kratzt aber systemisch am Wesen des Kapitalismus. Denn wer von denen, die das Privileg der Mittel haben, nur das kaufte, was er oder sie braucht, der pinkelt der Wachstumsideologie des Kapitalismus in die Ladenkasse. Und wer dann noch über die Notwendigkeit der Produktion bestimmter Güter und deren Verteilung nach tatsächlichem Bedarf nachdenkt, der schleicht bereits durch den Hof der Inquisition.

Nichts, aber auch gar nichts zeigt die Notwendigkeit eines Kurswechsels deutlicher als der in Marketingstrategien und kollektive Ritualisierung eingebettete Hirnriss des Weihnachtskonsums. Die essenziellen Fragen von Produktion, Verteilung und Konsum können an jeder Ware, die versilbert wird, prächtig diskutiert werden und liefern ein beredtes Beispiel dafür, was schief läuft im System der permanent klingelnden Kassen und der berühmten unsichtbaren Hand, die angeblich alles regelt. Wenn Weihnachten noch eine Erlösung bieten kann, dann ist es die von der Illusion, sich friedlich davon schleichen zu können. Denn das Regulativ für die zu stellenden Fragen ist der Besitz, und der hat bekanntlich Klauen und Zähne. An dieser Tatsache ändern vegane Weihnachtsmärkte nichts, aber auch gar nichts.

Konturen der Dekadenz

Zukunftspotenziale von Gesellschaften zu identifizieren ist eine Herausforderung. Neben so genannten objektiven Fakten, wie z.B. die demographischen Tendenzen, das Vorhandensein natürlicher und artifizieller Ressourcen, der Stand der physischen und elektronischen Infrastruktur, das Bildungsniveau, die Gesundheit, der Zivilisationsgrad und die mit allem verbundene Prognostik existiert noch eine andere Seite der Medaille. Dort stehen Dinge, die gerne als weiche Faktoren beschrieben werden. Darunter versteht man zum Beispiel die Kollektivsymbolik, die Qualität der sozialen Beziehungen, das Vorhandensein von Zielen, die in die Zukunft weisen, ein Konsens über das nationale Selbstverständnis, verknüpft mit mehrheitlich getragenen Identifikationsmustern und vor allem ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Rahmenbedingungen für die Gestaltung der Zukunft.

Betrachtet man unsere Republik unter diesen Gesichtspunkten, dann stechen bestimmte Dinge direkt ins Auge. Demographisch dominiert die geriatrische Tendenz, die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen hält sich in engen Grenzen, die artifiziellen Ressourcen, Wissen und Know-how, sind durch Investitionsdefizite im Hochschulbereich sehr gefährdet. Die physische Infrastruktur, vom Schienennetz bis zu den Straßen, von Bahnhöfen bis zu Radnetzen, sind in einem zunehmend desolaten Zustand und die elektronische Infrastruktur ist im Vergleich zu vielen angelsächsischen Ländern, den asiatischen Tigerstaaten, dem Baltikum oder Spanien auf einem Stand, der dort mindestens zehn Jahre zurückliegt. Das Bildungsniveau ist von den durch die OECD ermittelten PISA-Werten der ersten Runde nicht merklich besser geworden und die akademischen Eliten gehören mangels Möglichkeiten im eigenen Land prozentual zur größten Emigrantengruppe. Um den allgemeinen Gesundheitszustand ist es ebenso nicht gut bestellt, auffallend da ist der Trend von mehrheitlich physiologischen hin zu psychosomatischen Erkrankungen. Letztendlich ist der Zivilisationsgrad, der einmal erreicht war, erheblich gefährdet durch soziale Entpflichtungstendenzen der sozialen Eliten.

Bei der Betrachtung der weichen Faktoren fallen verschiedene Dinge gleichfalls relativ schnell auf. Die Kollektivsymbolik ist nach den großen Wellen der digitalen Kommunikation einer Vorstellungswelt gewichen, die dominiert wird von Bildern aus der Blütezeit einer Landwirtschaft und Forstwirtschaft des 19. Jahrhunderts mit Attributen wie nachhaltig, biologisch und erneuerbar, während die großen politischen Bezugsfelder abgedeckt werden aus dem Reservoir der politischen Korrektheit. Die Qualität der sozialen Beziehungen kann gekennzeichnet werden durch eine erneute Beschleunigung der Individualisierung und markante Entsolidarisierungstendenzen.

Ziele, die in die Zukunft weisen sind eher rar, ein Konsens kommt eigentlich nur zustande in Fragen der Verständigung darüber, was man nicht möchte. So ist es nur folgerichtig, dass positive kollektive Identifikationsmuster ebenso fehlen wie eine Vorstellung darüber, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um Zukunft gestalten zu können. Wer dazu keinen Willen aufweist, vermisst allerdings auch nichts. Vielleicht ist die hilfreichste Illustration dieses Zustandes, wenn man die großen politischen Skandale und Friktionen anschaut. Da gibt es eher einen Konsens über den nicht enden wollenden und sollenden Ausbau des Konsumentenschutzes vermittels einer stetig wachsenden Bürokratie, und nicht, die Anmerkung sei erlaubt, vermittels Bildung und der Befähigung von Bürgerinnen und Bürgern, selbst vernünftige Entscheidungen zu treffen. Während auf der anderen Seite eine veritable Mehrheit gegen den Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur deutlich zu vernehmen ist.

Alle Versuche, die eher dürftige Ausgangsposition für zukünftige Gestaltungsprozesse beim Namen zu nennen, enden sehr schnell in einer hysterischen Anklage derer, die sich darum bemühen. Das erleichtert allerdings die Suche nach einer Überschrift für den Gesamtzustand, der immer zweifelsfreier als ein hohes Stadium der Dekadenz beschrieben werden kann.