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Große Gefühle, für die Ewigkeit bestimmt

Stan Getz Plays Bossa Nova

Der 1927 als Stanley Gayetzsky in Philadelphia geborene Sohn jüdischer Einwanderer sollte unter dem amerikanisierten Namen Stan Getz zu einem der erfolgreichsten Jazz-Saxophonisten seiner Zeit werden. Obwohl sein Leben einer Achterbahnfahrt gleichen sollte, das immer wieder negativ geprägt war durch Eskapaden und Ausfälle aufgrund seiner Heroinsucht und seines späteren exzessiven Alkoholismus, versagte er auf der Bühne nie. Musikalisch begann er als ein vehementer Verfechter des Bebop, bevor er sich immer weiter zum Cool Jazz entwickelte. Seine größten Erfolge erzielte er jedoch in seiner Latin-Phase. Dazu gehörten betörende Annäherungen an Samba und Bossa Nova. Mit der Einspielung des Titels Desafinado erlangte er eine langanhaltende Weltpräsenz. Getz, der zwischenzeitlich auch in Kopenhagen lebte und immer wieder die Clubszene in Paris aufmischte, hatte eine Affinität zu den musikalischen Entwicklungen vor allem in Brasilien.

Stan Getz Plays Bossa Nova ist nicht nur ein wunderbares Zeitdokument. Die Aufnahmen bestechen durch einfühlsame Arrangements und eine erstaunliche Tonqualität. Die insgesamt 18 Stücke entstanden zusammen mit dem Who Is Who des lateinamerikanischen Jazz mit Künstlern wie Luiz Bonfá, Antonio Carlos Jobim, Paulo Fereira, Edison Machado sowie Joao und Astrud Gilberto. Jede Einspielung für sich dokumentiert, welche großartige Konstellation da zusammengekommen war. Girl von Ipanema, Menina Moca, Só Danco Samba oder Sambalero weisen darauf hin, mit welcher Empathie es dem Nordamerikaner Getz gelang, die schlurfenden südamerikanischen Rhythmen zu untermalen, ohne ihnen die Dominanz zu nehmen. O Grande Amor ist eine bewegende Hymne an die einigende Diktion verschiedener Musikstile bei der Interpretation des universalen Themas. Besonders hier wird deutlich, wie sehr der Ton des Tenoristen alles hielt. Getz, dem böse zeitgenössische Stimmen nachsagten, er spiele nicht mit den gebräuchlichen Schilfblättern, sondern mit Türstoppern, gelang es eine Stabilität und Klarheit zu erzeugen, die eine ungeheure Kraft voraussetzten (für die Aficionados: Er spielte unlackierte Ricos der Stärke 5!!!).

Samba Triste und Corcovado untermauern noch einmal die ungeheure Kraft dezent artikulierter Melancholie und Manha De Carnaval ist eine einzigartige Inszenierung mit einem großen Bläsersatz und einer verblüffenden Regie, die Jim Hall mit der Gitarre gelingt. Alles, was sich dort so leicht und geläufig anhört, ist große Kunst, die Symbiose des portugiesischen Fados, der sich an den brasilianischen Stränden in die tropische Leichtigkeit gespült hat mit der technischen Brisanz des nordamerikanischen Big-Band-Jazz. Stan Getz bewegt sich wie immer mit einer Leichtigkeit über diesen Konstruktionen, die bis heute nicht erreicht ist. Und Samba De Uma Nota Só, live eingespielt, dokumentiert noch einmal, worum es dem großen Kommunikator zwischen den Kulturen ging: Die Fusion verschiedener Musiktraditionen mit dem amerikanischen Jazz.

Die vorliegenden Aufnahmen zeigen mehr als alle anderen Produktionen dieses erfolgreichen Tenorsaxophonisten, worin sein großes Verdienst lag. Stan Getz gelang es, die multikulturellen Traditionen, die den amerikanischen Jazz ausmachen, tatsächlich so zu vertonen, dass das Wesen des Genres nicht aufgegeben wurde, obwohl die es beeinflussenden Gene freigelegt wurden. Es sind kongeniale Arrangements musikalischer Brillanz, deren Zweck es ist, das Motiv voll zum Ausdruck zu bringen. Große Gefühle, die, auch wenn alle Anfang der sechziger Jahre irgendwo in New York City eingespielt, auf vielen Kontinenten für die Ewigkeit bestimmt sind.