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Neue Medien braucht das Land!

Wenn ein Vorwurf im Raum steht, existieren unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Je nach dem, wer sich äußert, so die Einschränkung, über die auf jeden Fall nachgedacht werden muss, sollten sich die Beschuldigten gut überlegen, wie sie damit umgehen. Die gemachte Einschränkung beschränkt sich auf die unlautere Formulierung eines Vorwurfes, um etwas anderes zu erreichen als ein Klärung klärungsbedürftiger Verhältnisse. Haltet den Dieb!, gerufen von einem Dieb selbst, ist so ein Fall. Aber kommen wir zum Kern!

Da steht ein Vorwurf im Raum, der häufig und von unterschiedlichen Seiten mit unterschiedlicher Motivlage ausgesprochen wird. Da sollten die Beschuldigten sich gut überlegen, ob und wie sie darauf antworten. Ignorieren ist im hier beschriebenen Fall keine gut Option, da, wie gesagt, unterschiedliche Quellen, die nicht mit einem Schlag diskreditiert werden können, davon sprechen. Den Vorwurf lediglich zurückweisen ist eine ebenso dürftige Variante. Denn sie ist vom Charakter apologetisch, d.h. sie beharrt auf der eigenen Position, ohne zu argumentieren. Zumeist ist eben dieses Verhalten der Inhalt des Vorwurfs. 

Bleibt eigentlich nur noch der Versuch, durch das eigene Handeln zu überzeugen. Es hieße, so etwas wie eine Vivisektion vorzunehmen, am lebenden eigenen Beispiel zu demonstrieren, was Zweck der eigenen Bemühungen ist, welche Motive das eigene Treiben leiten und wie die einzelnen Schritte selbst verstanden werden. Auch wenn eine solche Vorgehensweise den Vorwurf nicht ausräumt, sie schüfe allerdings so etwas wie einen vertrauensvollen Boden, auf dem weitere notwendige Operationen durchgeführt werden können. Alles andere hinterlässt das, was als Metapher so treffend als zerschnittenes Tischtuch beschrieben wird.

Wenden wir uns einem praktischen Beispiel zu: Es geht um die Berichterstattung über die Ereignisse in der Welt. Es geht vor allem um die Institutionen und Medien, die in den Verfassungen der westlichen Demokratien eine besondere Rolle im Sinne der Kontrolle von Regierungsgewalt spielen sollen und die deshalb Privilegien genießen. Genau diese Organe sind es, die sich seit Jahren schwere Vorwürfe aus unterschiedlichen Lagern anhören müssen. In Deutschland taucht der, wegen der Begriffsentlehnung aus der Nazi-Sprache sehr problematischen Begriff der Lügenpresse ebenso häufig auf wie der der Gefälligkeitsmedien. 

In Frankreich, das hat nun das letzte Wochenende der Protest der Gelbwesten gezeigt, werden ebendiese Medien als Kollaborateure bezeichnet, bekanntlich die Bezeichnung aus der jüngeren Geschichte Frankreichs für die Franzosen, die mit den deutschen Besatzern gemeinsame Sache machten. Insofern ist der französische Reflex im Keim wieder einmal sympathischer, aber in der Sache geht es um einen analogen Vorwurf: die Medien machen ihren Job nicht, sondern sie sind ein Instrument der Herrschenden geworden. Sie sind das Gegenteil von dem, was sie verfassungstheoretisch sein sollen.

Reagiert wird westlich wie östlich des Rheins auf gleiche Weise. Die Kritiker werden allesamt als Populisten und Chaoten diskreditiert. Beispiele des eigenen Handelns zu liefern, um zu illustrieren, dass der Vorwurf nicht berechtigt ist, werden nahezu gar nicht geliefert. Es ist das Signal der Erhabenheit über die Kritik aus großen Teilen der Gesellschaft. Es ist die Mitteilung der Entscheidung, auf Seiten der Mächtigen bleiben zu wollen.

Ob sie nun lügen, gefällig sind oder mit dem Feind kollaborieren, die herrschenden Medien erfüllen nicht mehr den Auftrag, den sie haben. Sie liegen in den Händen von Mächtigen, die weit ab von der Öffentlichkeit agieren. Aus der Kraft der kritischen Bewegung müssen die Stimmen entwickelt werden, derer es bedarf, um die Verhältnisse zu ändern. Neue Medien braucht nicht nur ein Land!

Denzel Washington bringt es auf den Punkt

In einem momentan kursierenden kurzen Video bringt der bekannte US-amerikanische Schauspieler Denzel Washington eine der Miseren unserer Tage ohne Schnörkel auf den Punkt. Von einer Journalistin nach der momentanen politischen Situation befragt, haut er den Satz heraus: Wenn du keine Zeitung liest, bist du nicht informiert. Und wenn du eine liest, dann bist du desinformiert. Es komme, so weiter, der Presseorganen nicht mehr darauf an, ob sie die Wahrheit publizierten, sondern nur, ob sie die ersten seien, die mit einer Meldung herauskämen. Das sei das einzige, was zähle. Und es sei völlig egal, was sie damit anrichteten oder wen sie damit zerstörten.

Das ist deutlich und starker Tobak. Aber es ist auch das, was die Gemüter nicht nur hier in Europa, sondern auch in den USA erhitzt. Die Rolle der Presse ist, nicht ausschließlich, aber in starker Weise, durch diesen Sachverhalt geprägt. Die Konkurrenz in Bezug auf die Aktualität. Sie verursacht einen mit einem Hunderennen vergleichbaren Zustand, in dem es nur noch darauf ankommt, den Vorteil des Aktuellen zu erwerben. Und die ganze Meute hechelt diesem Ziel hinterher, das sich, was die Qualität der Meldung betrifft, als das entpuppt, was beim Hunderennen die Meute stimuliert: eine Attrappe, die sich beim näheren Hinschauen als nicht echt erweist.

Das Mantra des US-amerikanischen Journalistik-Professors Dean Mott, bei dem eine ganze Generation auch der europäischen Nachkriegsjournalisten ihr Handwerk gelernt haben, das Check, Re-Check und Double-Check, es gehört der Vergangenheit an. Man könnte leicht darüber hinweg gehen, wenn es nicht eine derartige Dimension angenommen hätte, als dass dieser Zustand nicht mitverantwortlich wäre für eine immer mehr um sich greifende gesellschaftliche Krise.

Die Reaktion auf diesen Zustand ist vielfältig. Sie erstreckt sich einerseits auf die Bemühungen des kritisch lesen wollenden Publikums, den Unwahrheitsgehalt vieler Meldungen zu enthüllen und diesen tatsächlichen Falschmeldungen die Wahrheit entgegen setzen zu wollen. Diese Bemühungen finden zumeist im Internet statt. Andererseits führt die sinkende Seriosität zu dem, was allgemein mit der populistischen Chiffre der „Lügenpresse“ bezeichnet wird. Jene, die sich dieser Deutung anschließen, verfügen zumeist nicht über die erforderlichen Fähigkeiten, selbst zu recherchieren und sich ein Bild zu machen. Stattdessen folgen sie denen, die sich den Unmut über diese Misere zunutze machen und streifen dabei ihr Gefühl für den Wahrheitsgehalt von Meldungen völlig ab und folgen in einer als Rebellion verstandenen Gefühlsregung den Falschmeldungen entgegengesetzten völlig haltlosen Behauptungen, die propagandistischer nicht sein könnten.

Bei aller Ablehnung der beschriebenen irrationalen Reaktion ist dennoch anzumerken, dass die Wurzel dieses Irrationalismus in der qualitativen Entgleitung des etablierten Journalismus zu suchen ist. Nun, als Reaktion mancher Politiker, die sich dessen entweder nicht bewusst sind oder die schlechte Qualität des herrschenden Journalismus bewusst in Kauf nehmen, solange dieser ihre eigene Politik in einem guten Licht erscheinen lässt, deuten sich mit der ausgerufenen Jagd auf die so genannten Fake News die Einführung von zensorischen Maßnahmen an. Diese werden sich, das ist bereits ersichtlich, nicht auf die propagandistischen Reaktionen beschränken, sondern auch gegen jene richten, die sich um gesicherte Fakten bemühen, die den verbreiteten offiziellen Versionen widersprechen.

Letzteres ist genau die Reaktion, die den größten Schaden anrichtet. Sie trägt dazu bei, die Gesellschaft weiter zu spalten und Verwerfungen zu produzieren. Die Alternative wäre eine eine nach Qualität strebende Presse. Die ist furchtbar unbequem, aber sie wäre in der Lage, das Abdriften großer Teile der Bevölkerung in die Einflusssphäre von Rattenfängern zu verhindern. Und Personen des öffentlichen Lebens, wie Denzel Washington eine ist, die darauf hinwiesen, scheint es hier nicht zu geben. Weiterlesen

Die vierte Gewalt

Die Kritik an der Berichterstattung in Deutschland hat die Dimension angenommen, derer es bedarf, um eine Reaktion in Form einer breiten Diskussion unvermeidlich zu machen. Das ist gut so. Wäre es nach den Protagonisten der vierten Gewalt gegangen, so hätten sie sich nicht der Diskussion gestellt. Denn eines ist klar und kann sogar als ehernes Gesetz gelten: Wer ein Monopol innehat, wird irgendwann faul und träge. Und der verfassungsrechtlich konstruierte Widersinn, einem Kontrolleur der öffentlichen Dinge selbst nicht die systemimmanente Kontrolle, aber die Konkurrenz zu nehmen, ist nicht aufgegangen. Das Monopol der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten hat zu einer gesellschaftlichen Krise geführt, die sich um Rolle und Funktion der vierten Gewalt dreht.

Ursache hierfür ist der sehr gut dokumentierbare Sachverhalt, dass sich das Gros der hier versammelten Anbieter seinerseits hinter den Positionen der Bundesregierung versammelt und deren Meinung zum Faktischen erhebt. Der Kritik gegen diese Positionen wird zumeist mit Verdächtigung und Ausgrenzung begegnet und insofern ist der Vorwurf, die vierte Gewalt sei keine vierte Gewalt mehr und näher an dem Konstrukt der Propaganda nicht aus der Luft gegriffen. Dennoch tut es keiner Diskussion gut, immer in die Kiste mit den historischen Schubladen zu greifen. Lügenpresse ist da genauso irreführend wie der von anderer Seite gern geführte Begriff der Verschwörungstheorien. Um es deutlich zu sagen, im immer schwerer werdenden Diskurs um die Grundlagen der Demokratie gehen Vertreter der Bundesregierung mit genauso vielen Verschwörungstheorien hausieren wie die AfD. Auf dem Boden bleiben wäre für alle, die es ernst meinen, eine gute Weisung.

Und es täte wie immer gut, sich an die konkreten Sachverhalte und die Berichterstattung darüber zu halten. Alles andere führt zu den Wirkungsfeldern von Feindbildern, die längst aufgebaut sind und fleißig auf gewaltsame Konflikte hinarbeiten. Dass daran die offiziellen Organe der vierten Gewalt mitarbeiten, ist der Skandal. Noch heute Morgen wurde im Tone der Empörung darüber berichtet, dass in Aleppo sowohl die Strom-,  als auch die Wasserversorgung endgültig versagen und die Bevölkerung unsäglich darunter wie unter den Bombardements darunter leiden. Verantwortlich dafür wird das „Regime“ Assads gemacht. Was verschwiegen wird, sind die gezielten Bombardements auf Wasser- wie E-Werke von Aleppo vor gut einem Jahr durch die USA und deren Alliierte, die die Stadt als finalen Austragungsort für den Kampf gegen Assad und dessen Position in der Pipeline-Politik auserkoren hatten.

Und gestern noch wurde die Argumentation der russischen Seite angegriffen, die an der Grenze zu den baltischen Staaten stationierten Raketen seien eine Reaktion auf die durch die NATO an der russischen Grenze aufgestellten Raketensysteme. Fällt den Vertretern der vierten Gewalt eigentlich noch auf, dass Russland auf seinem eigenen Territorium auch militärisch machen kann, was es will? Wer bedroht hier eigentlich wen? Sind diese Fragen gar nicht mehr präsent?

So, wie es aussieht, wird das Debakel weiter gehen. Die Vertreter der sich mehr und mehr monopolisierenden Politik sehen nicht die Ursache für den vielen Unmut in ihrer eigenen Handlungsweise, sondern in den Formen der Vertretung des Unmutes. Und die attackierten Vertreter der vierten Gewalt sehen nicht ihr eigenes Versagen in Bezug auf eine ausgewogene Berichterstattung als das Problem, sondern sie prangern die ungebildeten, verblödeten Massen an, die zudem die sozialen Netzwerke fluten. Dass eine Diskussion um die Rolle der vierten Gewalt entbrannt ist, kann als ein gutes Zeichen gewertet werden. Die Protagonisten treten allerdings nicht so auf, als hätten sie gelernt. Sie wollen es auch nicht.